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12. Ausgabe, 8. Dezember 2004

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Kein Geburtenboom im Berliner Szene-Bezirk
Der Kinderreichtum am Prenzlauer Berg ist leider nur ein Journalisten-Märchen

Bericht mit zwei Grafiken

2. Die Lebenserwartung steigt und steigt
Werden die Deutschen bald 100 Jahre alt?

Bericht mit vier Grafiken

3. Die konservative Revolution schreitet voran
US-Präsident George W. Bush propagiert nach seinem Wahlsieg vermehrt Keuschheit statt Sexualaufklärung für Jugendliche

Bericht mit Grafik

 
     
 

1. Kein Geburtenboom im Berliner Szene-Bezirk
Der Kinderreichtum am Prenzlauer Berg ist leider nur ein Journalisten-Märchen

"Babyboom vom Kollwitzplatz", "Enklave der Fruchtbarkeit", "Internationales Lob für kinderfreundlichen Prenzlauer Berg". Diese und ähnliche Schlagzeilen deutscher Medien lassen vermuten, dass sich der Berliner Szene-Bezirk vom bundesweiten Trend zu immer niedrigeren Kinderzahlen abgekoppelt hat. Schon gilt der Prenzlauer Berg als Vorbildregion für eine neue, moderne Familienpolitik und hat bereits den europäischen Städtebaupreis für kinderfreundliche Stadterneuerung erhalten.

Prenzlauer Frauen bekämen im Durchschnitt 2,1 Kinder, schreibt eine große Sonntagszeitung, und ein Finanzblatt meint, mitten in Berlin die fruchtbarste Region Europas ausgemacht zu haben. Denn ein Wert von 2,1 überträfe selbst Island und Irland, die kinderreichsten Länder des Kontinents. Auch ein jüngst erschienenes Buch über den demografischen Wandel widmet der "Ostberliner Fruchtbarkeitsenklave" ein ganzes Kapitel.

Doch ein Blick auf die Statistik zeigt, dass der Prenzlauer Berg zu den kinderärmsten Zonen Berlins, ja der ganzen Republik gehört. Im Jahre 2003 kamen am Prenzlauer Berg je 1.000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren gerade mal 35 Kinder zur Welt. Im Berliner Bezirk Neukölln, in dem viele Ausländer wohnen, waren es 47. Sogar ganz Berlin hat mehr Nachwuchs als der Prenzlauer Berg - nämlich 39 Kinder je 1.000 Frauen dieser Alterklasse. Zum Vergleich: Im westniedersächsischen Cloppenburg, den deutschlandweit kinderreichsten Landkreis waren es 48. Von rekordverdächtigem Kindersegen kann also kaum die Rede sein.

Wie aber kommt dann das Gerücht vom Babyboom am Prenzlauer Berg in die Welt?

Vermutlich beruht es auf der Einzelbeobachtung eines Journalisten, der sich über die vergleichsweise vielen jungen Familien mit Kinderwagen gewundert hat. Aber diese Beobachtung führt offensichtlich auf die falsche Fährte. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren vermehrt jüngere Menschen an den Prenzlauer Berg gezogen. 21 Prozent der gesamten Bevölkerung des Bezirkes sind Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren - doppelt so viele wie in der Kinderhochburg Cloppenburg. Und diese jungen Frauen im besten Familiengründungsalter bekommen natürlich auch Kinder - am Prenzlauer Berg allerdings im Mittel nur etwa eins.

Mit anderen Worten: Was nach Babyboom aussieht, sind in Wirklichkeit nur viele junge Menschen, die ihrerseits aber vergleichsweise wenige Kinder kriegen. So kommt es, dass der Anteil der Kinder im Alter bis zu einem Jahr an der Gesamtbevölkerung am Prenzlauer Berg etwa gleich groß ist wie in Cloppenburg. Dafür sind am Prenzlauer Berg aber doppelt so viele Mütter notwendig. Würde man die heutigen Prenzlauer Kinderzahlen fortschreiben, würde der Bezirk langfristig mit jeder Generation um rund die Hälfte schrumpfen. Das ist nicht gerade ein Zukunftsmodell.

Deswegen ist es auch unwahrscheinlich, dass die relativ vielen Kinderwagen in dem Berliner Stadtteil eine Vorbildfunktion für junge Menschen haben, die noch kinderlos sind. Der Nachahmungseffekt scheint weniger auf dem Berliner Kiez als in Westniedersachsen zu greifen. Denn dort liegt nicht nur der Kreis Cloppenburg mit einer durchschnittlichen Kinderzahl je Frau von 1,9 an der Spitze der deutschen Kinderstatistik: In der Nachbarschaft finden sich die sechs kinderreichsten Kreise der Republik.

Die Bevölkerungspyramide des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg unterscheidet sich deutlich von jener des niedersächsischen Landkreises Cloppenburg, der kinderreichsten Region in Deutschland. Klar erkennbar ist der Überhang der 25- bis 35-Jährigen am Prenzlauer Berg, die Folge des Zuzugs junger Menschen in den Jahren nach der Wende. Die Frauen unter ihnen bekommen auch Kinder, aber je Frau weit weniger als in Cloppenburg. Während im Niedersächsischen die heutige Kindergeneration in etwa jene ihrer Eltern ersetzt, werden das die Kinder am Prenzlauer Berg bestenfalls zur Hälfte erreichen.

Quellen:
Statistisches Landesamt Berlin
Niedersächsiches Landesamt für Statistik

Hinweis: Seit der Bezirksreform in Berlin vor drei Jahren sind gesonderte Angaben für Prenzlauer Berg nicht mehr möglich. Die Geburtenrate für den Bezirksteil Prenzlauer Berg würde aus diesem Gründ über das Einwohnerregister des Statistischen Landesamt ermittelt.

Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung


   
 

   

2. Die Lebenserwartung steigt und steigt
Werden die Deutschen bald 100 Jahre alt?

Im Jahr 2050 werden die Deutschen sieben Jahre länger leben als heutzutage. Dies jedenfalls glauben die Wissenschaftler des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Sie rechnen damit, dass die Lebenserwartung weiter steigt, von heute 75,4 auf dann 81,1 Jahre für Männer und von 81,2 auf 86,6 Jahre für Frauen. Der Alterungsexperte James Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock, hält es sogar für möglich, dass die Deutschen im Jahr 2050 eine mittlere Lebenserwartung von 90 Jahren haben werden. Das entspräche einem weiteren Zugewinn von zweieinhalb Lebensjahren pro Jahrzehnt. Unter diesen Bedingungen könnten die Menschen in den Industrienationen im Jahr 2150 durchschnittlich 125 Jahre alt werden, meint Vaupel, einige von ihnen sogar 150. Damit würde sich ein Trend fortsetzen, der schon über hundert Jahre anhält: Seit 1900 ist die Lebenserwartung in Deutschland um über 30 Jahre gestiegen.

Für die Prognosen spricht, dass der Zugewinn an Lebensjahren vor allem durch ein gesünderes Dasein, durch bessere medizinische Versorgung und durch humanere, weniger körperlich verschleißende Arbeit zustande gekommen ist. In all diesen Bereichen sind weitere Verbesserungen zu erwarten.

Allerdings gibt es das höhere Lebensalter nicht umsonst. So nehmen etwa die Ausgaben für die medizinische Versorgung mit steigendem Alter zu. Personen unter 15 Jahren verursachen jährliche Gesundheitskosten in Höhe von rund 1.000 Euro. Zwischen dem 65. und dem 85. Lebensjahr fallen bereits etwa 6.000 Euro an und jenseits der 85 Jahre sind es über 12.000 Euro. Doch den Krankenversicherern machen weniger die mit dem Jahren steigenden Kosten Sorgen, sondern der stetig wachsende Prozentsatz älterer Menschen in der Gesellschaft. Seit dem Jahr 1990 ist der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland von 15 auf mittlerweile 18 Prozent angestiegen. Vor allem aufgrund der niedrigen Kinderzahlen wird der relative Anteil älterer Menschen weiter zunehmen - auf vermutlich 30 Prozent im Jahr 2050. Die Folge wären drastisch steigende Gesundheitskosten - selbst wenn die Versorgung kosteneffizienter würde.

Welchen Einfluss eine bessere medizinische Versorgung auf die Lebenserwartung hat, zeigt die Entwicklung in beiden Teilen Deutschlands seit der Wende. Bis zum Fall der Mauer wurden die Männer im Westen im Mittel 3,3 und die Frauen 2,7 Jahre älter als jene im Osten - vor allem aufgrund einer besseren medizinischen Betreuung. Keine 15 Jahre später sind die Ost-West-Unterschiede bei den Frauen praktisch verschwunden, bei den Männern haben sie sich auf anderthalb Jahre mehr als halbiert.

Vor allem eine vernünftige Ernährung und ausreichend Bewegung könnten das Leben schon heute verlängern, ohne dabei große Kosten zu verursachen. Aus Studien an Tieren ist bekannt, dass der Lebensstil einen enormen Effekt auf die Lebenserwartung hat. So werden Mäuse, die auf eine kalorienarme Diät gesetzt sind, bis zu 40 Prozent älter als ihre Artgenossen, die fressen, was sie wollen. Fruchtfliegen, die im Kühlschrank gehalten werden, können sechsmal so alt werden wie jene in freier Natur. Katzen und Hunde leben länger, wenn man sie kastriert.

Die Frage ist, ob Menschen solche lebensverlängernden Maßnahmen für wünschenswert halten. Es seien weniger die biologischen, sondern die praktischen Faktoren, die unser Leben begrenzen, meint deshalb der amerikanische Altersforscher Jay Olshansky von der University of Illinois. Eine weitere Verlängerung der Lebenszeit könnte deshalb weniger an biologische als vielmehr an finanzielle Grenzen stoßen. Denn nicht alles, was zukünftig medizinisch möglich ist, wird für alle Betroffenen auch zur Verfügung stehen. Die meisten billigen Methoden, länger zu leben, etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder auf die Ernährung zu achten, würden ohnehin ignoriert, sagt Olshansky: "Technisch ist alles möglich. Aber in Wirklichkeit werden die Menschen einfach nur fetter".



Quellen:
http://www.demogr.mpg.de/
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2004/krankheitskosten_2002i.pdf
Discover, Vol.24 Nr. 11, November 2003

Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

 

   
 

   

3. Die konservative Revolution schreitet voran
US-Präsident George W. Bush propagiert nach seinem Wahlsieg vermehrt Keuschheit statt Sexualaufklärung für Jugendliche

Der Wahlsieg von George W. Bush bedeutet einen weiteren Schub für die wertkonservative Politik - auch im Bereich Gesundheit, Familie und Jugend. Wie bereits im Wahlprogramm der Republikaner angekündigt, setzt die US-Regierung in der zweiten Amtsperiode von Bush junior auf sexuelle Abstinenz statt Aufklärung im Schulunterricht. Das Ausmaß der "konservativen Revolution" wird sich auch an der künftigen Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofes zeigen. Kritiker befürchten, dass die Berufung von konservativen Richterkandidaten eine Revision des 1973 getroffenen Urteils über das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zur Folge haben könnte.

Schon vor seiner Wiederwahl hatte Präsident Bush angekündigt, die Mittel für sogenannte Enthaltsamkeits-Programme zu verdoppeln. Er hat mehrfach betont, dass sexuelle Abstinenz der einzig sichere Weg sei, Geschlechtskrankheiten wie Aids vorzubeugen. Nach Angaben der Regierung wurden die Ausgaben für Enthaltsamkeits-Programme seit 2001 mehr als verdreifacht. Für seine zweite Amtsperiode kündigt Bush nun eine neue Abstinenz-Initiative an. Neben einer Fortführung der Schulprogramme, die Enthaltsamkeit bis zur Ehe propagieren und die selbst eine Diskussion über Kondome und Verhütungsmittel unterbinden, soll es neue, modellhafte Lehrinhalte geben, um Jugendliche zur Keuschheit zu motivieren. Außerdem stellt der Präsident eine Revision aller bestehenden staatlichen Programme für Jugendliche in Aussicht, die sich mit der Vermeidung von Teenager-Schwangerschaften, Familienplanung und der Verhütung von sexuell übertragbaren Krankheiten und Aids beschäftigen. Ziel sei es, Jugendlichen einheitliche Botschaften zur Gesundheit zu vermitteln. Mit Margaret Spelling hat Bush am 17. November eine Erziehungsministerin in sein Kabinett berufen, die seine Politik der Enthaltsamkeit in den Schulen fortsetzen will.

Allerdings sind diese Projekte seit Jahren umstritten: "Es gibt keine ernst zunehmende Studie, die belegt, dass diese Programme einen langfristigen günstigen Einfluss auf das Sexualverhalten junger Menschen haben", sagt William Smith, Vizepräsident des amerikanischen Sexuality Information and Education Council. Seit 1998 habe die Regierung fast 620 Millionen Dollar in Abstinenz-Progamme gesteckt. Für ein Drittel der amerikanischen Schüler ist der zuvor übliche Sexualkunde-Unterricht bereits zugunsten einer "Abstinence only"-Lehre gestrichen. Informationen über Verhütungsmittel dürfen diese Programme nicht enthalten - es sei denn, es geht dabei um deren Versagerquoten. Dennoch kommt es in den USA deutlich häufiger zu ungewollten Schwangerschaften und zu HIV-Infektionen unter Teenagern als in Industrienationen wie Deutschland, in denen Aufklärungsunterricht obligatorisch ist. 15- bis 19-jährige Amerikanerinnen werden fast zehnmal so häufig schwanger wie Gleichaltrige in der Schweiz oder in den Niederlanden.

Auch öffentliche inszenierte Bekenntnisse, bei denen Teenager einen Keuschheits-Eid ablegen, haben sich eher als kontraproduktiv erwiesen. Studien zufolge verhüten diese Jugendlichen, wenn sie entgegen ihren Schwüren dennoch sexuell aktiv werden, um 30 Prozent seltener als ihre Altergenossen, die keinen Eid abgelegt haben. Wie wenig Erfolg diese Programme haben, zeigt sich auch daran, dass beide Gruppen von Jugendlichen die gleichen Infektionsraten für sexuell übertragbare Krankheiten aufweisen.

Auch an der "Mexico City Policy" wird Präsident Bush in seiner zweiten Amtsperiode festhalten. Dieses Gesetz, das bereits in der Ära Reagan galt, verbietet es, mit amerikanischen Steuergeldern internationale Organisationen zu unterstützen, die Abtreibungen durchführen oder auch nur Frauen zum Thema Schwangerschaftsabbruch beraten. Vielen dieser Organisationen, die versuchen, durch Aufklärung und Angebote zur Familienplanung die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren, wird damit die Arbeit erschwert, zum Teil sogar unmöglich gemacht. Da die USA der wichtigste internationale Geldgeber im reproduktiven Gesundheitsbereich ist, hat die "Mexico City Policy" einen enormen Einfluss auf diese Entwicklungsprogramme, die gerade in den ärmsten Ländern mit den höchsten Geburtenraten von großer Bedeutung sind.

Der Ausgang der US-Wahlen könnte aber auch Auswirkungen auf die Rechte amerikanischer Frauen haben. Weil Präsident Bush als erklärter Abtreibungsgegner gilt, dürfte die Berufung neuer Mitglieder für den Obersten Gerichtshof eine Debatte um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch entzünden.

"Die Politik von Präsident Bush in Sachen Familienplanung und Gesundheit zeigt den massiven Einfluss der fundamentalistischen Christlichen Rechten in den USA", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Bereits Anfang September hat das Institut die Studie "Das Ende der Aufklärung" vorgelegt, die den Auswirkungen der amerikanischen Keuschheitsprogramme auf den Grund geht und den Einfluss religiöser Gruppierungen auf Familienplanungsprogramme in den Entwicklungsländen analysiert.

Zur Studie "Das Ende der Aufklärung - der internationale Widerstand gegen das Recht auf Aufklärung"

Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

 

   
 

 

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