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14. Ausgabe, 6. April 2005

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Das Reich der Mitte vor der Vergreisung
Die demografische Entwicklung stellt die chinesische Ein-Kind-Politik auf den Prüfstand

Bericht mit drei Grafiken

2. Schwüre helfen nicht
Abstinenz-Unterricht gefährdet amerikanische Jugendliche

Bericht mit Grafik

3. In eigener Sache
Neue Adresse des Berlin-Instituts

Neue Adresse

 
     
 

1. Das Reich der Mitte vor der Vergreisung
Die demografische Entwicklung stellt die chinesische Ein-Kind-Politik auf den Prüfstand

Seit Ende der 1970er Jahre gilt in China die streng durchgesetzte Ein-Kind-Politik. Sie war die Antwort auf ein bedrohliches Bevölkerungswachstum, das China vor enorme Versorgungs- und Entwicklungsprobleme gestellt hätte. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die rigorose und extrem unpopuläre Bevölkerungspolitik, die erst im Januar 2002 in Gesetzesform gegossen wurde, in den kommenden Jahren modifiziert werden könnte. Der Grund dafür liegt in der demografischen Entwicklung, die genau durch diese Politik hervorgerufen wurde. Denn China altert weit schneller und drastischer als etwa Deutschland.

Offiziellen Angaben zufolge sind derzeit zehn Prozent der chinesischen Bevölkerung, also 132 Millionen Menschen, älter als 65 Jahre alt. Aber schon in 15 Jahren wird China nach Angaben der Vereinten Nationen ein Viertel der weltweiten Altersbevölkerung stellen. Wie diese Menschen versorgt werden sollen, ist bislang unklar. Denn während früher die soziale Sicherung im Alter über Familien und Staatsbetriebe aufgefangen wurde, können Staatsbetriebe diese Aufgabe nicht mehr erfüllen, wenn die letzten geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre ins Rentenalter eintreten. Diese Betriebe existieren dann nicht mehr. Und die Ein-Kind-Generation wird die finanzielle Bürde der vielen Rentner nicht alleine schultern können. Die demografische Entwicklung bedroht somit nicht nur die Wirtschaft des Landes, sondern auch den sozialen Frieden.

Durch die demografische Entwicklung werden auch die Arbeitskosten steigen. Derzeit ist das Verhältnis wirtschaftlich Abhängiger (Rentner und Kinder) zur erwerbstätigen Bevölkerung in China denkbar günstig. Es herrscht ein Arbeitskräfte-Überangebot, wodurch Löhne trotz steigenden Lebensstandards niedrig bleiben und internationale Produktion im großen Maßstab ins Land gelockt wird. Dieser demografische Bonus wird in den nächsten 15 Jahren aufgebraucht sein, wenn die letzten geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsprozess ausscheiden und nur noch die Ein-Kind-Jahrgänge in der Erwerbstätigkeit bleiben. Dann werden Billiglohnländer wie Indien oder Bangladesch zu einer bedrohlichen Konkurrenz für China erwachsen.

Verschärft wird das Problem durch die Präferenz chinesischer Eltern für Söhne. Durch selektive Abtreibung weiblicher Feten hat sich das Verhältnis von Männern zu Frauen nach der letzten Bevölkerungszählung in China vom Jahr 2000 auf 119 zu 100 verschoben. Normal wäre ein Verhältnis von 105 zu 100. In der Generation der Unter-Fünf-Jährigen fehlen bereits 20 Prozent Mädchen. Erst kürzliche hat die chinesische Regierung deshalb beschlossen, geschlechtsbedingte Abtreibungen unter strenge Strafen zu stellen. Der Mangel an Frauen ist schon heute für viele junge Männer ein soziales Problem. Und er wird die weitere Bevölkerungsentwicklung nachhaltig beeinflussen. Denn wo mangels Frauen weniger Familien gegründet werden können, werden auch weniger Kinder geboren.

Die chinesische Regierung hat bereits im März letzten Jahres eine demografische Expertengruppe eingesetzt, die Ratschläge für eine Anpassung der aktuellen Bevölkerungspolitik erarbeiten soll. Offenbar tendiert ein Großteil der Experten dazu, eine allmähliche Aufweichung der Ein-Kind-Politik zu empfehlen. Die Regierung fürchtet aber, dass die Lockerung der staatlichen Kontrolle das eigentliche demografische Ziel gefährdet, die chinesische Bevölkerungszahl langfristig zu stabilisieren.

Dennoch ist zu erwarten, dass sich die chinesische Familienpolitik mehr und mehr vom Zwang verabschiedet. So dürfen bereits heute Eltern, die beide als Einzelkind aufgewachsen sind, selbst mehr als ein Kind bekommen. Die zig Millionen Wanderarbeiter, die in der Regel an ihrem Arbeitsort ungemeldet bleiben, entziehen sich ohnehin der staatlichen Aufsicht und Statistik. Und da die Geburt eines ungenehmigten Kindes, soweit erfasst, heute meist nur noch mit Geldstrafen geahndet wird, kann die wohlhabende neue Mittel- und Oberschicht Chinas ebenfalls relativ frei über die Anzahl ihrer Kinder entscheiden.

Kaum ein Land der Welt entwickelt sich in so kurzer Zeit von einem demografischen Entwicklungsland zu einer stark überalterten Nation wie die Volksrepublik China.

Die dunkel gefärbten Jahrgänge geben jenen Teil der Bevölkerung an (Jugendliche und Rentner), der normalerweise von den Erwerbstätigen unterstützt wird.

1950 wurden in China noch rund sechs Kinder je Frau geboren. Diese Situation dauerte bis in die 1970er Jahre an. Die danach verordnete Ein-Kind-Politik führte zu sinkenden Kinderzahlen. Dennoch wächst die Bevölkerung Chinas vorerst weiter, denn die letzten geburtenstarken Jahrgänge bekommen ihrerseits noch Nachwuchs.
Deutschland hatte 1950 längst Abschied vom starken Bevölkerungswachstum genommen. Deutlich erkennbar sind die Einschnitte der beiden Weltkriege.

2000 war die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in China auf 1,7 Kinder gesunken. Dieser Wert bedeutet, dass eine Bevölkerung langfristig schrumpft, da zum Erhalt des Bestandes 2,1 Kinder notwendig wären. Trotzdem hat sich die Bevölkerung Chinas innerhalb von 50 Jahren mehr als verdoppelt, von rund 550 Millionen im Jahr 1950 bis auf fast 1,3 Milliarden im Jahr 2000. Zu versorgen hatten die Chinesen weitaus mehr Jugendliche als über 65-Jährige.
Zur gleichen Zeit standen in Deutschland relativ viele Erwerbstätige wenigen Jugendlichen aber einer stetig steigenden Zahl an Pensionären gegenüber. Trotz niedriger Kinderzahlen schrumpft die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2000 noch nicht: Weil die Menschen immer älter werden und vermehrt Zuwanderer ins Land kommen.

2050 wird China eine der am stärksten überalterten Nationen der Welt sein. Das Schrumpfen hat bereits begonnen, allerdings liegt die Bevölkerungszahl immer noch deutlich über dem Wert des Jahres 2000. Deutschland hat schon über längere Zeit Einwohner verloren. Und das, obwohl die UN-Bevölkerungsprognose von einer deutlich steigenden Fertilität in Deutschland ausgeht - von 1,4 Kindern je Frau heute auf 1,9 im Jahr 2050. Für eine erhöhte Kinderfreundlichkeit gibt es bislang allerdings keine Anzeichen. Die UN-Demografen sehen für China für 2050 ebenfalls 1,9 Kinder je Frau voraus.

Quellen:
China to punish abortion of females Asia Times Online, 8.2.2005
http://www.atimes.com/atimes/China/GB08Ad02.html


Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung



   
 


2. Schwüre helfen nicht
Abstinenz-Unterricht gefährdet amerikanische Jugendliche

Seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten George W. Bush setzt die amerikanische Regierung verstärkt auf so genannte Abstinenz-only-Programme anstelle von Sexualkunde-Unterricht. Diese Programme propagieren sexuelle Enthaltung unter Jugendlichen als einzig sicheren Weg, um Teenager-Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten, darunter Aids, zu vermeiden. Unter anderem geloben jungen Menschen auf öffentlichen Veranstaltungen unter Eid, dass sie auf sexuelle Kontakte bis zu einer Ehe verzichten.

Nun stellt sich heraus, dass gerade diese Art der Erziehung zur Enthaltsamkeit nicht die gewünschten Erfolge erzielt, sondern eher das Gegenteil bewirkt, meint Hannah Brückner von der amerikanischen Yale-Universität. Laut einer Studie, die Brückner mit Kollegen der Columbia-Universität durchgeführt hat, und die im Fachblatt "Journal of Adolescent Health" erschienen ist, lassen sich 88 Prozent der Jugendlichen trotz Schwur auf Sexualkontakte ein. Sie benutzen bei Erstkontakten aber deutlich weniger häufig Kondome als junge Menschen, die eine Sexualaufklärung genossen haben. Die Nicht-Aufgeklärten laufen damit Gefahr, sich häufiger mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Und sie gehen aus Unwissenheit seltener zum Arzt, lassen sich nicht behandeln und werden damit zu potentiellen Infektionsquellen für andere.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Jugendliche, die einen Keuschheitsschwur abgelegt haben, sich eher auf riskante Sexualpraktiken wie Oral- und Analverkehr einlassen, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Weil sie bei diesen Praktiken allerdings ohnehin selten Kondome anwenden, führen die Abstinenz-Programme fast zwangsläufig zu höheren Infektionsraten mit sexuell übertragbaren Krankheiten.

Die American Psychological Association (APA) hat in diesem Zusammenhang festgestellt, dass es Jugendlichen in den USA häufig an Möglichkeiten und Wissen fehlt, sich gegen unerwünschte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten zu schützen. Dieses Defizit lässt sich laut APA nur durch umfassende Aufklärungsprogramme beheben.

Die Abstinenz-Lehre der Bush-Regierung bleibt nicht auf die USA beschränkt. Über den amerikanischen Entwicklungsdienst USAID wird das Konzept auch in andere Teile der Welt exportiert - vor allem im Kampf gegen Aids. "Da sich die Abstinenz-Programme aber schon bei US-Teeangern als unwirksam erweisen, ist zu befürchten, dass sie die Ausbreitung von Aids in Ländern der Dritten Welt eher fördern als eindämmen", meint Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Das Institut hat die Auswirkungen der amerikanischen Entwicklungspolitik in der Studie "Das Ende der Aufklärung - der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung" untersucht.

Die Raten von Teenager-Schwangerschaften in den Vereinigten Staaten unterscheiden sich regional recht stark. Am höchsten sind sie in den südlichen Bundesstaaten - insbesondere in Texas. Der Grund für die hohe Zahl von Schwangerschaften unter Jugendlichen liegt unter anderem in dem großen Anteil von Einwanderern aus Lateinamerika. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse und eines unterdurchschnittlichen Bildungsstandes sind sie schwer für Aufklärungsprogramme erreichbar. Texas setzt im Unterricht vor allem auf "Abstinence-Only"-Programme anstelle von Aufklärung. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei unter 20 Schwangerschaften je 1.000 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren.

Zur Studie "Das Ende der Aufklärung - der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung"

Studie "Das Ende der Aufklärung - der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung" bestellen


Quellen:
http://www.apa.org/releases/sexed_resolution.pdf
Journal of Adolescent Health, 36 (March 18, 2005), pp. 271-278

Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung

   
 


3. In eigener Sache
Neue Adresse des Berlin-Instituts

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10627 Berlin

 

   
 

 

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