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16. Ausgabe, 7. September 2005

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Land ohne Daten
Plädoyer für eine Volkszählung

Bericht


 
     
 

1. Land ohne Daten
Plädoyer für eine Volkszählung

Angenommen, Sie interessierten sich für die Anbaumengen von Topfchrysanthemen bei deutschen Zierpflanzenproduzenten, oder für den Bestand an Gänsen, Enten und Truthühnern in landwirtschaftlichen Betrieben - kein Problem. Das statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland liefert Auskunft in hoher Präzision.

Wer allerdings wissen möchte, wo in der Republik welche Migranten leben, welchen Krankenstand sie haben, wie es in den Kommunen um die Betreuung der unter Dreijährigen bestellt ist oder wie viele Personen kinderlos bleiben, muss lange suchen und wird wenig finden.

All dies wären wichtige Zahlen. Etwa um zu ermitteln, wo es Defizite bei der Integration gibt, ob es bestimmte Gruppen von Zuwanderern leichter haben, bei uns Fuß zu fassen als andere, wo es Nachholbedarf bei der medizinischen Betreuung von Migranten gibt oder ob sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch die Versorgung von Kinderkrippen verbessern lässt.

Ganz offensichtlich hat Deutschland Probleme, sich der demografischen Realität zu stellen: Seit einem Drittel Jahrhundert weisen die Geburtenziffern auf eine Überalterung der Gesellschaft hin. Seither sind wir de facto ein Zuwanderungsland, haben uns aber kaum um die Eingliederung der Migranten gekümmert. Bis in die jüngere Vergangenheit hat jede Bundesregierung bedenkliche Entwicklungen ausgeblendet und sich den anstehenden Aufgaben regelrecht verweigert. Eine nüchtere Diskussion der demografischen Entwicklung war über Jahrzehnte nicht möglich. Dies gründet auf der finsteren Vergangenheit, denn seit dem Nationalsozialismus hat die Bevölkerungswissenschaft und die - statistik mit dem Ruch des Rassenwahns zu kämpfen. Aber nicht nur die Politik hat sich verweigert, auch die Bürger wollten nichts von der Wirklichkeit wissen: Sie haben eine in den 1980ern geplante Volkszählung, deren Ergebnisse ihnen hätten die Augen öffnen können, aus Angst vor einem Überwachungsstaat verhindert. Die Folgen des Scheuklappendenkens liegen heute auf dem Tisch.

Zum Beispiel bei der Zuwanderung. Niemand kann leugnen, dass viele der in Deutschland lebenden Migranten unzureichend integriert sind: Ausländer sind doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie die Deutschen. In der Schule schneiden die Kinder von Ausländern deutlich schlechter ab. An Gymnasien sind sie nicht einmal halb so oft vertreten, wie es ihrem Bevölkerungsanteil nach zu erwarten wäre. Dafür brechen sie die Schule wesentlich häufiger ganz ohne Abschluss ab als deutsche Kinder.

Aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn Zahlen existieren nur für ausländische Staatsangehörige. Von ihnen lebten nach Angaben des statistischen Bundesamtes am 31. Dezember 2004 rund 7,3 Millionen in Deutschland. Die Zahl der Eingebürgerten, also von Zuwanderern und deren Kindern, die mittlerweile einen deutschen Pass besitzen, liegt bei zusätzlichen sieben Millionen. Dabei handelt es sich um Aussiedler, um "deutsche Staatsangehörige und deutsche Volkszugehörige, die nach Abschluss der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen ihre angestammte Heimat in den Staaten Ost- und Südeuropas aufgegeben und ihren neuen Wohnsitz im Geltungsbereich des Grundgesetzes begründet haben". Oder um eingebürgerte Ausländer sowie um Kinder von Ausländern, die nach dem 1. Januar 2000 geboren wurden und von denen wenigstens ein Elternteil mindestens acht Jahre rechtmäßig in Deutschland lebt. Insgesamt hat damit jeder fünfte Einwohner Deutschlands einen "Migrationshintergrund".

Weil davon sieben Millionen deutsche Staatsbürger sind, lässt sich aus der Statistik nicht ablesen, ob es einen Zusammenhang zwischen Herkunft und guter oder schlechter Integration gibt. Es bleibt im Dunkeln, welchen Berufen diese Menschen nachgehen, welchen Bildungsstand sie haben oder ob sie arbeitslos sind. Anders gefragt: Sie sind eingebürgert und halten einen deutschen Pass in Händen - aber haben sie damit alle Integrationsprobleme hinter sich gelassen?

Dass dies selten der Fall ist, wissen die meisten der betroffenen Kommunen: Auch Zuwanderer mit deutschem Pass sprechen häufig schlecht deutsch, haben kaum adäquaten Zugang zum Bildungsangebot und bleiben gesellschaftlich oft isoliert. Aber selbst wenn die Kommunen diese Missstände beseitigen und sich in ihrer Planung langfristig auf Sprachkurse und besondere Betreuung für Zuwandererkinder einstellen wollten, fehlt ihnen dafür die Datenbasis. Entsprechend schwierig ist es, Integrationsdefizite wissenschaftlich zu untersuchen und konkrete, effiziente Programme aufzulegen, um die Eingliederung der Migranten zu verbessern. Nur indirekt - und dann meist zu spät - wird etwa über die Kriminalstatistik klar, dass dort, wo bestimmte Gruppen mit schlechter Bildung und unter hoher Arbeitslosigkeit zusammenleben, Problemzonen entstanden sind.

Für andere Staaten sind Daten, die in Deutschland nicht erhoben werden, selbstverständlich. Etwa für die Niederlande: Dort ist, über die Online-Datenbank des "Centraal Bureau voor de Statistik", auf Niederländisch und Englisch die Bevölkerungszusammensetzung bis hinunter auf Gemeindeebene abrufbar. Unsere Nachbarn unterscheiden dabei nach Einheimischen (den "Autochthonen"), nach Bürgern ausländischer Herkunft mit niederländischem Pass (den "Allochthonen") und nach Passausländern. Das Ganze ist auf dem neusten Stand, die Daten sind höchstens ein paar Monate alt. Möglich ist das, weil in Holland (anders als in Deutschland) alle Meldebehörden untereinander und mit den Sozialversicherungen, den Bildungsstätten, den Arbeitsagenturen und anderen Einrichtungen vernetzt sind. Alle verfügen über die gleiche Datenbasis, was eine Menge Bürokratie spart und Fehler vermeidet. Wer unabgemeldet ins Ausland verzieht, wird spätestens am Jahresende aus dem Register gestrichen. Auf Basis der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2001 lassen sich so demografische Daten kontinuierlich und mit hoher Zuverlässigkeit fortschreiben. Jeder Bürger kann einsehen, was die Behörden an Statistiken über die Bevölkerung gesammelt haben und niemand würde behaupten, die Niederlande seien ein Überwachungsstaat. Die Daten sind anonymisiert und geben lediglich eine Vorstellung von der Bevölkerungszusammensetzung, nicht aber von Individuen.

Auch die USA, das Mutterland der Zuwanderung, haben wenig Bedenken gegen differenzierte Register. Alle Bewohner werden unterteilt nach Herkunftsland, Migrationshintergrund und ethnischer Herkunft. Mittels regelmäßiger Volkszählungen lässt sich die große Zahl der illegalen Einwanderer abschätzen. Das Land stellt sich dann regelmäßig der Realität und macht die Illegalen im Rahmen einer Amnestie ganz pragmatisch zu Amerikanern. Es vermerkt aber über Generationen deren Migrationshintergrund, so dass sich mögliche Probleme und Defizite bei der Integration zumindest analysieren lassen.
Das US Census Bureau veröffentlicht sämtliche Daten aktuell auf der Homepage www.census.gov in jeder denkbaren Form und zu allen möglichen Themen: Von der Schulbildung bis zum Einkommens- und Berufsstand der Bevölkerung, von der Zimmerzahl der Häuser bis zur Art, wie diese beheizt werden.


Das deutsche System, durch den Föderalismus auf 15 Unterbehörden mit unterschiedlichem Wirkungsgrad aufgespalten, braucht wesentlich länger, um weniger Daten zu veröffentlichen: Die Gemeinden leiten ihre Rohdaten an die statistischen Landesämter weiter, diese bereiten sie auf, übermitteln sie an das statistische Bundesamt in Wiesbaden, welches dann, wenn das letzte Bundesland geliefert hat, eine Gesamtrechnung anstellt und diese publiziert. Alles erfolgt mit höchster Akribie, trotzdem schleichen sich fundamentale Fehler ein. Denn in Deutschland kann jeder, der sich nicht bei den Behörden abgemeldet hat, zu einer Karteileiche werden: Wer etwa als Ausländer in seine Heimat oder als Einheimischer ins Ausland zieht (das sind etwa 600.000 Menschen im Jahr) und dies nicht offiziell kundtut, wird weiter in der Statistik geführt, auch wenn er womöglich längst verstorben ist. So kommt es, dass immer mehr Ausländer ein biblisches Alter erreichen, irgendwann hundert und mehr Jahre alt werden, nur weil sie keiner abgemeldet hat.

Zusätzlich entstehen in den Melderegistern immer wieder Doubletten und Tripletten, weil ein Beamter beim Eintippen von polnischen oder türkischen Namen ein "C" mit einem "Z" oder einem "K" verwechselt. So tauchen in der Statistik Menschen auf, die gar nicht existieren - und sich natürlich auch nie wieder abmelden. Im Rahmen einer Registerbereinigung musste die deutsche Ausländerstatistik deshalb jüngst um rund 600.000 Personen nach unten korrigiert werden - immerhin eine Differenz von 8,4 Prozent. Der Abgleich selbst gilt allerdings ebenfalls als fehlerhaft, weil die kommunalen Ausländerbehörden lediglich überprüfen sollten, ob eine bestimmte Zahl von Ausländern in ihren Bereichen gemeldet ist, und nicht, wer unter den entsprechenden Adressen wirklich wohnt, wer wohin verzogen ist und so weiter. Nicht gemeldete Personen existieren bei dieser Registrierung nicht. Kein Wunder, dass einige Ausländerbehörden trotz Anmahnung überhaupt keine Daten geliefert haben.

Selbst das statistische Bundesamt scheint dem Zahlenwust zu misstrauen: Es veröffentlicht sowohl die Zahl von 6,7 Millionen Ausländern aus dem Ausländerzentralregister als auch die von 7,3 Millionen aus der Bevölkerungsfortschreibung. Um die Verwirrung zu glätten, hat das Bundesamt eigens eine "Sprachregelung zur neuen Ausländerzahl 2004" veröffentlicht. Diese kann allerdings auch nicht erklären, ob nun die eine, die andere oder eine dritte Zahl Gültigkeit hat. Denn auch die Bevölkerungsfortschreibung, die auf dem Zensus von 1987 fußt, entfernt sich über die Jahre immer weiter von der Realität. Wie groß diese Fehler sein können hat sich gerade bei der letzten Volkszählung im Jahr 1987 gezeigt. Damals lag die Ziffer der gezählten Ausländer um fast 600.000 unter der zuvor berechneten. Dafür gab es plötzlich eine Million mehr Erwerbstätige und eine Million weniger Wohnungen in Deutschland. Weil die Einwohnerzahlen einzelner Bundesländer ebenfalls stark angepasst werden mussten, galt es damals den kommunalen und den Länderfinanzausgleich um fast zwei Milliarden Mark zu korrigieren.

Auch in anderen Bereichen mangelt es an wichtigen Zahlen: Zum Beispiel ist nicht bekannt, wie viele Kindergärten- und Krippenplätze derzeit deutschlandweit verfügbar sind. Gerade die Betreuung der unter Dreijährigen gilt aber als wichtigste Voraussetzung für die geforderte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Obwohl dieses Thema derzeit hitzig diskutiert wird, stammen die jüngsten Zahlen noch aus dem Jahr 2002, lange bevor die Diskussion überhaupt begonnen hat. Eine bundesweite Auswertung ist nur alle vier Jahre vorgesehen.

Auch wie viele Kinderlose es in Deutschland gibt, lässt sich nicht verlässlich ermitteln. Standesämter melden zwar die Zahl der Geburten, aber ob es sich dabei um ein erstes, zweites oder drittes Kind handelt, wird nur notiert, wenn die Mutter verheiratet ist. Ob eine Ledige Kinder hat, darf aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht erfasst werden. Die seltsame Erhebungspraxis führt dazu, dass beispielsweise eine verheiratete Frau, die drei Kinder hat, sich anschließend scheiden lässt und ein viertes Kind bekommt, in der Statistik nicht als Mutter von vier Kindern gezählt wird. Registriert wird einzig das Ereignis einer Geburt.

Auch der Mikrozensus, eine jährliche Stichprobenerhebung von einem Prozent der Bevölkerung, die eigentlich den Arbeitsmarkt analysieren soll und oft als Hilfsmittel für die nicht durchgeführte Volkszählung herangezogen wird, hilft nicht weiter. Denn dabei wird nur nach der Zahl der im jeweiligen Haushalt lebenden Kinder gefragt. Das Gesetz - ein deutsches Unikum - verbietet die Frage nach der tatsächlichen Zahl der Kinder einer Mutter, weil dabei in Gegenwart eines möglicherweise nicht eingeweihten Partners die Existenz früherer Kinder aus anderen Beziehungen ins Gespräch kommen könnte. Aufgrund dieses Gesetzes gehen alle Frauen als kinderlos in die Statistik ein, deren erwachsene Kinder schon das Haus verlassen haben. Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hält deshalb die immer wieder zitierte Kinderlosigkeitsquote von 40 Prozent bei Akademikerinnen für übertrieben. Zumindest ist sie nicht zu belegen.

Noch schwieriger zu ermitteln ist, wie viele Kinder die Zuwanderer haben. Laut Bericht der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration stammt inzwischen ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland aus einem Haushalt mit Migrationshintergrund. Dies kann freilich nur eine grobe Schätzung sein. Denn für eingebürgerte Zuwanderer lässt sich überhaupt keine Zahl ermitteln, weil sie ja als Deutsche gezählt werden. Und wenn eine ledige Frau aus Nigeria nach Deutschland übersiedelt, drei eigene Kinder mitbringt, in Deutschland einen Ausländer heiratet und ein viertes Kind bekommt, dann registriert das Standesamt sie als ausländische Erstgebärende. Sie hat offiziell ein Kind, obwohl vier ihrer Kinder zur Schule gehen wollen, die Sprache lernen sollen und integriert werden müssen.

Entsprechend der deutschen Rechenmethodik wird die Kinderzahl je ausländischer Frau im Familienbericht Baden-Württemberg (in anderen Bundesländern ist die Lage ähnlich) mittlerweile als deutlich geringer angegeben als die der Alteingesessenen, obwohl es in Wirklichkeit umgekehrt ist. Auf dem Papier ist das sogar halb korrekt, denn in der Statistik erhält seit dem Jahr 2000 ein großer Teil der von Ausländerinnen geborenen Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft. Diese Kinder werden aber seltsamerweise der Fertilität (die sich nur auf die Mutter beziehen kann) der Deutschen zugeschlagen.

Zwangsläufig entsteht bei der Schönfärberei der Eindruck, Integrationsdefizite sollten durch konfuse und nicht existierende Daten einfach unter den Tisch gekehrt werden. Vor allem hilft die Verschleierung nicht, Vorurteile und Ängste der Bürger gegenüber Zuwanderung auf eine neutrale Basis zu stellen und anstehende Probleme nüchtern zu diskutierten.

Abhilfe könnte nur eine Volkszählung schaffen. Nur sie liefert eine neue Basis für einen abschließenden jährlichen Registerabgleich. Sie wäre notwendig, um den Planungsbehörden jene Daten an die Hand zu geben, die für die Schul- und Gesundheitsversorgung, für eine bessere Integration oder auch nur für die Berechnung der Pflegeversicherungsbeiträge notwendig sind. Und um der Wissenschaft die Grundlage für eine genaue Analyse der demografischen Probleme und für das Erarbeiten von Lösungsvorschlägen zu geben.

Das Volkszählungsgesetz fordert einen Zensus alle zehn Jahre. Aber schon die letzte Zählung fiel ins Wasser, weil sie politisch nicht durchsetzbar war. Eine neue ist aufgrund befürchteter Akzeptanzprobleme nicht einmal angedacht. Stattdessen suchen die Statistiker nach "milderen Mitteln der Erhebung". Dabei sollen vorhandene Datenquellen genutzt werden, etwa die Ergebnisse von Wohnungszählungen, die Zahlen der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, der Einwohnermelderegister und der Bundesanstalt für Arbeit, um nach einem gegenseitigen Abgleich der Daten ein stimmiges Bild der Wirklichkeit zu erhalten. Das statistische Bundesamt räumt ein, dass dieser registergestützte Zensus "komplizierte Methoden der Datenprüfung und -verknüpfung erfordert, die in der Praxis noch wenig erprobt sind". Das ist kein Wunder, denn jene Länder, die ihre Daten registergestützt abgleichen, führen trotzdem und gerade deshalb regelmäßige Volkszählungen durch. Sie befragen ihre Bürger einfach, statt verschiedene, jeweils fehlerhafte Register miteinander zu verrechnen.

Warum die Bürger sich heutzutage vor einer Volkszählung scheuen sollten, ist nicht ersichtlich. Praktisch jeder Deutsche ist mittlerweile auf ganz andere Weise komplett durchleuchtet. Ob er Kredit- oder Kundenkarten nutzt, mobil telefoniert, Onlineshopping und -banking betreibt, Mautzählstationen und Landesgrenzen passiert oder unter Abertausenden von Überwachungskameras spazieren geht - längst lassen sich Nutzer-, Konsum-, Verhaltens- und Bewegungsprofile aufzeichnen, die die Persönlichkeitsrechte weitaus mehr berühren als eine Volkszählung es je könnte. Das Schlimme daran: Keiner weiß, in wessen Hände diese Abermillionen Daten gelangen, wer sie wie nutzt, weiter vertreibt und missbraucht.

Mit den anonymisierten Daten einer Volkszählung ließen sich wenigstens Planung und Vorsorge verbessern: Renten- und Lebensversicherungen könnten ihre Berechungen aktualisieren. Die Arbeitsmarktentwicklung, die Arbeitslosenquote ließen sich besser berechnen. Der Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln, an Alten- und Kinderbetreuungs-Einrichtungen wäre gezielter zu ermitteln. Genau deshalb hat das Bundesverfassungsgericht festgeschrieben, dass "erst die Kenntnis der relevanten Daten…. die für eine am Sozialstaatsprinzip orientierte staatliche Politik unentbehrliche Handlungsgrundlage schafft". Vor allem für die Entwicklung der neuen Bundesländer wären kleinräumige, regionale Daten eminent wichtig. Denn dort dürfte die Fehlerquote bei den Melderegistern aufgrund der vielen Fortzüge am höchsten sein.

Um die Bürger vom Sinn einer Volkszählung zu überzeugen, wäre es allerdings hilfreich, ihnen auch den vollständigen Zugang zu den Daten zu ermöglichen, die der Staat über sie erhebt. Nötig wäre ein Gesetz über die Informationsfreiheit nach dem Vorbild des amerikanischen Freedom of Information Act. Danach hat jeder US-Bürger das Recht, Auskunft über gesammelte Daten zu erhalten und Einsicht in Dokumente der Behörden zu nehmen. Über 5.000 amerikanische Beamte sind damit beschäftigt, Anfragen zu beantworten.

In Deutschland ist es nicht so leicht an Informationen zu kommen. Zwar hat jeder Bürger, etwa bei Befragungen zum Mikrozensus, eine Auskunftspflicht. Wenn er allerdings Zugang zu bestimmten Daten wünscht, ist er auf das Wohlwollen eines amtlichen Sachbearbeiters angewiesen.

Dieser Beitrag erschien in leicht gekürzter Form am 7. September 2005 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Für Interviews stehen Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 und Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung



   
 

 

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