4. Ausgabe, 9. Dezember 2003

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politk, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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  1. Zwischen Explosion und Implosion
Die Vereinten Nationen sagen die Zukunft der Menschheit bis 2300 voraus

Kurznachricht (1.081 Zeichen)
Bericht mit Grafiken (3.459 Zeichen)

2. Entwicklungsland USA
Teile der Vereinigten Staaten ähneln immer mehr der Dritten Welt

Kurznachricht (1.026 Zeichen)
Bericht mit Tabelle (3.428 Zeichen)

3. Frauenmangel in Asien
Erst missachtet, dann entführt - in China entwickelt sich ein Kampf um Frauen

Kurznachricht (816 Zeichen)
Bericht mit Grafik (2.378 Zeichen)

   
     
  1. Hört die Menschheit auf zu wachsen?
Die Vereinten Nationen blicken weit in die Zukunft

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von heute 6,3 auf 8,9 Milliarden anwachsen und sich anschließend langfristig bei rund neun Milliarden stabilisieren. Dies ist die Aussage einer gerade vorgelegten Projektion der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2300. Diese "mittlere Variante" geht von einer weltweit steigenden Lebenserwartung und von einer durchschnittlichen Zahl von etwa zwei Kindern pro Frau aus. Da die Industrienationen derzeit allerdings weit geringere Kinderzahlen aufweisen, werden 99 Prozent des kommenden Zuwachses auf das Konto von Entwicklungsländern gehen. Die Bevölkerung Afrikas würde sich, der mittleren UN-Projektion zufolge, von heute rund 800 Millionen auf zwei Milliarden bis zum Jahr 2075 vergrößern und dann konstant bleiben - vorausgesetzt auch dort erreichen die Fertilitätsraten das Niveau des Bestandserhaltes von 2,1 Kindern je Frau. Während Asien, Nord- und Lateinamerika noch um etwa ein Viertel wachsen werden, droht einzig Europa ein Bevölkerungsrückgang.

Für Interviews steht der Direktor des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung", Dr. Reiner Klingholz, unter 0171- 50 78 390 zur Verfügung.

   
     
  2. Entwicklungsland USA

Teile der Vereinigten Staaten ähneln immer mehr der Dritten Welt

Die Vereinigten Staaten zerfallen mehr und mehr in zwei Welten auf einem Territorium: Während der 1990er Jahre wuchs die amerikanische Wirtschaft zwar wie selten zuvor in einem Jahrzehnt. Doch gleichzeitig stieg auch die Zahl der Menschen, die in Armut leben. Mit hohen Geburtenraten, mangelnder Gesundheitsversorgung, schlechter Bildung, hoher Kriminalität und hohen HIV-Ansteckungsraten gleichen die Lebensbedingungen dieser Bevölkerungsgruppen oft jenen eines Entwicklungslandes. Betroffen von der Misere sind insbesondere afro- und lateinamerikanische Familien. Die Zahl der Kinder, die in ärmsten Verhältnissen aufwachsen, stieg nach Angaben des "Population Reference Bureau" binnen zehn Jahren von 4,7 auf 5,6 Millionen. Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" warnt davor, dass die mangelnde Integration von Zuwanderern auch in Europa zu ähnlichen Entwicklungen und zu gespaltenen Gesellschaften führen kann.

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
  3. Frauenmangel in Asien

Erst missachtet, dann entführt - in China entwickelt sich ein Kampf um Frauen

Der Handel mit Ehefrauen wird in China zu einem lukrativen Geschäft krimineller Banden. Dies ist die Folge eines dramatischen Frauenmangels, der aus der asiatischen Vorliebe für Söhne und aus der offiziellen chinesischen Ein-Kind-Politik resultiert: Immer häufiger werden weibliche Föten abgetrieben. So wurden im Jahr 2000 in China bereits 17 Prozent mehr männliche als weibliche Kinder geboren. Bereits heute fehlen in der Altersgruppe der unter 15jährigen rund 15 Millionen Mädchen. In zehn bis 20 Jahren, wenn diese Generation ins Heiratsalter kommt, werden entsprechend viele Männer keine Partnerin finden. Der Kampf um heiratsfähige Frauen, und damit der illegale Menschenhandel könnte dann dramatisch zunehmen.

Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
  1. Zwischen Explosion und Implosion
Die Vereinten Nationen sagen die Zukunft der Menschheit bis 2300 voraus

Das Megawachstum der Menschheit ist vorbei. Dies ist die Aussage einer Studie, die am 9. Dezember von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen veröffentlicht wurde. Erstmals haben sich die UN-Demografen damit an eine Langfrist-Projektion bis zum Jahr 2300 gewagt.

Mit diesen Aussagen wagen sich die UN-Experten auf dünnes Eis. Denn alle angebotenen Szenarien fußen auf gewagten Annahmen. Sie reichen von der Vorstellung, dass die Menschheit weiter wächst wie heute, bis zu der Idee, dass sich weltweit die Kinderzahl je Frau bei 1,85 einpendelt. Im ersten Fall würde sich die Menschheit bis 2300 auf 133 Billionen Menschen verzwanzigtausendfachen; im zweiten auf 2,3 Milliarden schrumpfen.

Weltbevölkerungs-Projektion 2300
Viele Szenarien - aber keiner weiß, was wirklich geschehen wird

Quelle: United Nations Population Division

Verlässlicher dürften die Prognosen für die nähere Zukunft sein. Demnach sollen sich die Menschen - nach der mittleren Variante der Wissenschaftler - von heute 6,3 auf 9,2 Milliarden im Jahr 2075 mehren. Diese Zahlen verschleiern allerdings große demografische Verwerfungen, die in der Zwischenzeit auf bestimmte Weltregionen zukommen werden. Denn das gesamte Wachstum wird in den kommenden 50 Jahren in Entwicklungsländern stattfinden, während die Industrienationen insgesamt mit gleichbleibenden Bevölkerungsziffern rechnen können. Selbst im niedrigsten denkbaren Szenario wird sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 etwa verdoppeln. Den höchsten Zuwachs werden Länder wie Angola, Somalia, Tschad oder Niger erleben, die schon heute unter politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Wirren leiden.

Selbst die mittlere Langfrist-Projektion der UN-Forscher baut auf eher unwahrscheinlichen Vorgaben auf. Für eine langfristig konstante Weltbevölkerung von neun Milliarden setzt sie von 2075 an eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,1 voraus. Ob dieses Niveau allerdings für Regionen wie Afrika (heute: 5,2) erreicht werden kann, ist mehr als fraglich. Die Folgen wären dramatisch: Schon bei einer mittleren globalen Kinderzahl von 2,35 würde sich die Weltbevölkerung bis 2300 auf 36 Milliarden erhöhen.

"Weil sich die Demografen in der Vergangenheit so oft verschätzt haben, sind Langfrist-Projektionen höchst fragwürdig", sagt Dr. Reiner Klingholz vom "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". "Niemand konnte beispielsweise den Pillenknick, den Babyboom der fünfziger Jahre, die Folgen der Aids-Epidemie oder den Geburteneinbruch in Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus voraussagen."

Divergierende Entwicklungen
Europa schrumpft - während Afrika dramatisch weiter wächst


Quelle: United Nations Population Division

Weil derartige Entwicklungen sich nicht ankündigen, lassen sich Bevölkerungszahlen bestenfalls für die nächste Generation mit hoher Wahrscheinlichkeit abschätzen. Keiner weiß, ob sich die weltweite Lebenserwartung tatsächlich von heute 65 auf 74 Jahre im Jahr 2050 anwachsen wird - wie die Vereinten Nationen in der mittleren Projektion annehmen. Oder ob Japanerinnen 2300 im Mittel 108 und die Menschen in Liberia und Mali 88 Jahre lang leben werden; welchen Einfluss heute unbekannte Infektionskrankheiten in Entwicklungsländern oder nicht mehr zu finanzierende Gesundheitssysteme in den Industrienationen haben.

"Hinter der mittleren UN-Projektion, die meist als die wahrscheinlichste zitiert wird, steht eher ein Wunschdenken", sagt Reiner Klingholz vom "Berlin-Institut". "Denn dass sich die Weltbevölkerung vom Jahr 2075 an auf Dauer bei etwa neun Milliarden Menschen stabilisieren wird, widerspricht jeder historischen Erfahrung."

Für Interviews steht der Direktor des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung", Dr. Reiner Klingholz, unter 0171- 50 78 390 zur Verfügung.

   
     
  2. Entwicklungsland USA

Immer mehr amerikanische Kinder wachsen in Elendsvierteln auf

Die Zahl der Kinder in den Vereinigten Staaten, die in Slums leben, nimmt zu. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Kids Count" des US-amerikanischen "Population Reference Bureau" und der "Annie-Casey-Stiftung". Während der 1990er Jahre, einer Phase, in der die amerikanische Wirtschaft boomte, wuchs die Zahl der in stark heruntergekommenen Vierteln lebenden Kinder von 4,7 auf 5,6 Millionen. Das entspricht einer Steigerung von 18 Prozent.

Die in der Studie untersuchten Quartiere weisen enorme soziale Missstände auf. Die dortigen Lebensverhältnisse ähneln eher denen eines Entwicklungs- als eines Industrielandes: Der Anteil der in Armut lebenden Menschen liegt bei 30 Prozent. Fast 40 Prozent der Mütter sind alleinerziehend. 23 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss - doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt. Rund ein Drittel aller Männer bleiben ohne Aussicht auf einen Job.

Weitere Probleme dämpfen die Zukunftsaussichten der Jugendlichen: Viele der minderjährigen Frauen werden ungewollt schwanger. Gewaltrate, Drogenkonsum und die HIV-Ansteckungsraten liegen weit über dem nationalen Mittelwert. All diese Indikatoren sind typisch für unterentwickelte Länder in der Dritten Welt.

Abstieg in die dritte Welt
Kinder und Erwachsene in sozial stark benachteiligten Wohngebieten in den USA, 1990 und 2000



Aber auch die Bevölkerungsstruktur der Elendsviertel gleicht eher jener eines Entwicklungslandes: Mehr als die Hälfte der betroffenen Jugendlichen stammt aus afro-amerikanischen Familien. Dreißig Prozent sind lateinamerikanischen Ursprungs - vor allem Mexikaner, Kubaner und Puertoricaner. Insgesamt leben ein Viertel aller schwarzen und zehn Prozent aller spanischsprachigen Kinder in den USA in sozial benachteiligten Vierteln. Im Gegensatz dazu muss bei weißen Kindern nur eins unter hundert mit einem solchen Schicksal rechnen.

Städte sind die Zentren der Kinderarmut. In New Orleans, trauriger Spitzenreiter in der Armutsstatistik, lebt bereits jedes vierte Kind in einem Elendsviertel. Insgesamt stieg die Zahl der "Slum-Kinder" in den 1990er Jahren in 34 von 50 US-Bundesstaaten.

Das "Berlin-Institut" warnt vor einer ähnlichen Entwicklung in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Denn auch hierzulande steigt die Zahl der schlecht integrierten Kinder aus Zuwandererfamilien. "Sie haben geringere Sprachkenntnisse und schlechtere Chancen auf Bildung, Ausbildung und einen qualifizierten Beruf als deutsche Kinder", sagt Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts". "Damit entstehen auch in Europa Parallel-Gesellschaften. Denn diese Menschen haben wenig Möglichkeiten, an dem normalen Leben eines Industrielandes teilzuhaben. Da auf Grund der demografischen Entwicklung die Zahl der Zuwanderer weiter ansteigen wird, müssen die Anstrengungen zur Integration von Menschen aus anderen Ländern massiv verstärkt werden. Nur so lassen sich amerikanische Verhältnisse verhindern."

Quelle: http://www.prb.org/pdf/KidsDistressedNeighborhoods.pdf

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
       
     
  3. Frauenmangel in Asien

Erst missachtet, dann entführt - in China entwickelt sich ein Kampf um Frauen

In Chengdu, einer Stadt in der mittelchinesischen Provinz Szechuan, werden täglich rund 30 Frauen gekidnappt. Dies behauptet die amerikanische Journalistin Elisabeth Rosenthal, die in China zum Thema Menschenhandel recherchiert hat. Die Frauen vom Lande, die auf der Suche nach Arbeit in die Städte kommen, würden als Ehefrauen an gut zahlende Junggesellen verkauft. Diese Art von Menschenhandel sei zu einem lukrativen Geschäft organisierter Banden in China geworden.

Der Frauenhandel ist eine Folge der Vorliebe für Söhne in vielen asiatischen Ländern. Nur diese können erben und, gemäß traditioneller Vorstellung, die familiäre Linie fortsetzen. Da chinesische Familien in Städten nur ein Kind und auf dem Land nur zwei Kinder bekommen dürfen, werden ungeborene Mädchen zum Teil abgetrieben. Oder nach ihrer Geburt so vernachlässigt, dass sie sterben. Die Folge dieser Diskriminierung: Es gibt mittlerweile zu wenig Frauen in China.

Der letzte chinesische Zensus aus dem Jahr 2000 zeigt, dass sich das Missverhältnis der Geschlechter immer mehr ausweitet. Wurden 1981 noch 108 Jungen je 100 Mädchen geboren, sind es heute 117. Unter natürlichen Bedingungen kommen zwar mehr Jungen zur Welt, aber lediglich 106 im Vergleich zu 100 Mädchen.

Spitzenreiter beim Männerüberschuss ist Hainan, eine Insel südlich von Hongkong, wo im Jahr 2000 sogar 135 Jungen je 100 Mädchen geboren wurden. In Hainan, einer boomenden und gut entwickelten Sonderwirtschaftszone, ist der Zugang zur pränatalen Geschlechtsbestimmung leicht. Entsprechend hoch ist der Anteil der selektiven Abtreibungen.

Gegenwärtig leben in China bereits 40 Millionen mehr Männer als Frauen. Ein ungewöhnliches Verhältnis, denn Frauen haben eine höhere Lebenserwartung. Im Jahr 2050 könnte der Männerüberschuss in China 70 Millionen erreichen. In der Altersgruppe unter 15 Jahren fehlen in China heute 15 Millionen Mädchen. In zehn bis 20 Jahren, wenn diese Generation das Heiratsalter erreicht, werden entsprechend viele Männer leer ausgehen, wenn sie eine Familie gründen wollen. Der Kampf um heiratsfähige Frauen, und damit der illegale Menschenhandel, könnte also dramatisch zunehmen. Selbst soziale Unruhen unter Millionen von Zwangs-Junggesellen sind nicht auszuschließen.

Quellen: http://www.unescap.org, http://esa.un.org/unpp

Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
 

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