6. Ausgabe, 1. März 2004

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  Machen junge Männer Krieg?

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Kurzfassung

Eine neue Studie des Berlin-Instituts erforscht das Entstehen von kriegerischen Konflikten

"Jugend und Kriegsgefahr", eine neue Studie des Berlin-Instituts, untersucht, ob Länder mit hohem Bevölkerungswachstum überproportional zu Konflikten beitragen. Das Ergebnis steht im Widerspruch zu einer landläufigen Theorie, nach der von Nationen mit einem besonders hohen Anteil an Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren ein erhöhtes Kriegsrisiko ausgeht. Zwar erweisen sich wohlhabende Länder mit einem geringen Anteil junger Menschen als relativ friedlich. Das Konfliktrisiko steigt, bis der Jugendanteil 19 bis 21 Prozent erreicht. Doch in Ländern mit noch mehr Jugendlichen sinkt die Gefahr, in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt zu sein, deutlich. Dies sind Länder, in denen einst hohe Geburtenraten zurückgegangen sind und aus der jüngsten Kohorte weniger Kinder nachwachsen. Dadurch steigt der relative Anteil der 15- bis 24Jährigen. Diese produktive Altersgruppe trägt zu einem Wirtschaftsaufschwung und damit zu einer friedlichen Entwicklung bei. Das Berlin-Institut macht deshalb vor allem wirtschaftliche Gründe, marode Bildungssysteme und modernisierungsresistente Politiker für den Ausbruch von Konflikten verantwortlich.


Die vollständige Studie des Berlin-Instituts, "Jugend und Kriegsgefahr", ist hier abrufbar.

Für Interviews steht der Autor der Studie, Steffen Kröhnert unter 030-22324845 zur Verfügung

   
     
 

Langfassung

Machen junge Männer Krieg?

Wissenschaftler behaupten, dass übermäßig viele Jugendliche innerhalb einer Bevölkerung kriegstreibend wirken. Eine neue Studie des Berlin-Instituts widerlegt diese These.

In Ländern mit hohem Bevölkerungswachstum kommt es häufig zu gewaltsamen Konflikten. Tatsächlich verzeichnen viele Nationen, die unter Bürgerkrieg und Terror leiden, wie Ruanda, Sierra Leone oder Afghanistan, enorme Wachstumsraten. Doch gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Bevölkerungsdruck und der Gewalt?

Eindeutig, behaupten US-Geheimdienst-Experten, aber auch der Bremer Völkermordforscher Gunnar Heinsohn. In seinem Buch "Söhne und Weltmacht" schreibt er, dass rasches Bevölkerungswachstum unweigerlich zu einem so genannten "youth bulge" führe, einem Überhang an jungen Menschen, die keinen angemessenen Platz in der Gesellschaft finden. Sobald die Altersgruppe der 15- bis 24Jährigen eine kritische Grenze von 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung übersteige, komme es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Vor allem islamisch geprägte Länder, wo sich die Zahl der Menschen binnen eines Jahrhunderts von 150 auf 1200 Millionen Menschen verachtfacht hat, gelten deshalb unter US-amerikanischen Strategen als Konfliktherde der Zukunft. Al-Qaida und Hamas wären damit keine politischen oder ideologischen Phänomene, sondern Folge einer demografischen Entwicklung.

"Jugend und Kriegsgefahr", eine neue Studie des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" zeigt, dass diese lineare Verknüpfung zwischen Jugend-Überhang und Kriegen falsch ist. Dass Konflikte vielmehr weitaus komplexere, vor allem aber wirtschaftliche Hintergründe haben.

Während sich die Theorie eines bedrohlichen "youth bulge" vor allem auf Einzelbeobachtungen stützt, hat das Berlin-Institut den Zusammenhang zwischen Jugend-Überschuss und Kriegsgefahr mit statistischen Methoden ausgewertet. Dazu wurden die demografischen Daten aus 159 Nationen mit den 238 Kriegen und bewaffneten Konflikten seit 1945 abgeglichen.

Aus der Studie geht zunächst hervor, dass die Auseinandersetzungen seit dem Zweiten Weltkrieg proportional mit der wachsenden Weltbevölkerung zugenommen haben. Dass die relative Zahl der Kriege pro Millionen Erdenbürger jedoch keinesfalls angestiegen ist. Was nichts anderes bedeutet, als dass es unter mehr Menschen auch zu mehr Auseinandersetzungen kommt.


Während die Weltbevölkerung seit 1950 kontinuierlich angewachsen ist, stieg auch die Anzahl der Konflikte. Doch pro Erdenbürger gemessen ist die Welt keinesfalls kriegerischer geworden.


Wenn das Kriegsrisiko auf Basis der vermeintlich konfliktträchtigen Gruppe der 15- bis 24Jährigen berechnet wird, erweisen sich Gesellschaften mit weniger als 15 Prozent Anteil an dieser Kohorte als relativ friedlich. Das ist kein Wunder, denn dies sind mehrheitlich wohlhabende Nationen ohne Bevölkerungswachstum. Das höchste Konfliktrisiko besitzen Länder mit 19 bis 21 Prozent "youth bulge". Ist jedoch der Überschuss an jungen Menschen noch größer, sinkt erstaunlicherweise und im Widerspruch zur Theorie die Wahrscheinlichkeit für Konflikte massiv.

Dies lässt sich mathematisch erklären: Ein großer Jugend-Überschuss entsteht häufig, wenn in Ländern mit zuvor hohen Geburtenraten die Kinderzahlen zurückgehen. In dieser Phase wachsen aus der jüngsten Kohorte weniger Kinder nach, also steigt der relative Anteil der 15- bis 24Jährigen. Gleichzeitig entlastet der Geburtenrückgang die Familien und den Staat, es wird mehr investiert und es kommt zu wirtschaftlicher Entwicklung. Dieser Zusammenhang erklärt, warum es in Asien Ende der 1970er Jahre zu einen deutlichen Anstieg der angeblich bedrohlichen "youth bulges" kam - die Zahl der Kriege aber keinesfalls zunahm, sondern im Gegenteil zurückging.


Asien war bis in die 1960er Jahre ein konfliktbeladener Kontinent. Als es dann zu einem massiven Überhang an jungen Menschen kam, ging die Zahl der Kriege trotz wachsender Bevölkerung deutlich zurück.


Die Ergebnisse zeigen, dass Konflikte im Wesentlichen von anderen Faktoren abhängen. Das Unruhepotential von Ländern wie Saudi Arabien, Afghanistan oder dem Irak geht zu einem guten Teil auf das Konto von modernisierungsresistenten Diktaturen und maroden Bildungssystemen. Andere Nationen, etwa Bangladesch, Malaysia oder die Türkei, in denen der Bildungsgrad steigt und Frauen mehr Rechte erlangen, erleben eine ökonomische Belebung und sie verlieren an Brisanz.


In Staaten mit rasch wachsender Bevölkerung hingegen verschlechtern sich häufig die Lebensbedingungen mit jedem neuen Konkurrenten um Brennholz und Ackerland, um Kapital und Arbeit. Der niedrige Lebensstandard provoziert hohe Geburtenraten, was die Lösung der Probleme weiter erschwert. In dieser Abwärtsspirale stellen die jungen Menschen des "youth bulge" ein Problem dar. Aber nur eines von vielen Problemen.


Die vollständige Studie des Berlin-Institutes, "Jugend und Kriegsgefahr", ist hier abrufbar.

Für Interviews steht der Autor der Studie, Steffen Kröhnert unter 030-22324845 zur Verfügung.

   
 

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