3. Ausgabe, 18. November 2003

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Ausbildungsplatzabgabe?
In Ostdeutschland werden Unternehmer bald um Lehrlinge buhlen müssen

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2. Wirtschaftswachstum durch Geburtenrückgang
Arme Länder wie Bangladesch profitieren von der Familienplanung

Kurznachricht (902 Zeichen)
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3. Mädchenüberschuss durch den Mauerfall?
In Krisenzeiten kommen weniger Jungen zur Welt.

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4. Berlin-Institut sucht Mitarbeiter/in

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1. Ausbildungsplatzabgabe?
In Ostdeutschland werden Unternehmer bald um Lehrlinge buhlen müssen

Der Streit um die Einführung einer Ausbildungsplatz-Abgabe wird nur von kurzer Dauer sein. Denn der heutige Mangel an Lehrstellen wird bald schon durch eine Unterversorgung mit Lehrlingen abgelöst werden, meldet das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". Besonders in den neuen Bundesländern ist bereits von 2006 an mit einem merklichen Schwund in der Gruppe der der 16- bis 19jährigen zu rechnen. Grund sind die extrem geburtenschwachen Jahrgänge nach dem Mauerfall, die nun ins Ausbildungsalter kommen. Spätestens 2010 kann der Bedarf an Lehrlingen in den neuen Ländern nicht mehr gedeckt werden. Insgesamt wird sich die Zahl der Jugendlichen in dieser Altergruppe in den ostdeutschen Ländern bis 2010 um 40 bis 50 Prozent reduzieren.

Für Rückfragen und Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
 

2. Wirtschaftswachstum durch Geburtenrückgang
Arme Länder wie Bangladesch profitieren von der Familienplanung

Bangladesch, einst Inbegriff von Elend und Übervölkerung, zeigt Ansätze der Erholung: Seit Mitte der 1970er Jahre sind die Geburtenzahlen von sechs auf heute 3,6 Kinder pro Frau zurückgegangen. Gleichzeitig wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich mehr als vier Prozent pro Jahr.

Demografen erklären diese parallele Entwicklung mit der "demografischen Dividende": Denn bei zurückgehenden Kinderzahlen wächst der erwerbsfähige Teil der Bevölkerung überproportional schnell und muss weniger wirtschaftlich Abhängige wie Kinder und alte Menschen mit versorgen. Dies ist die Voraussetzung für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung. Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" fordert daher die deutsche Entwicklungspolitik auf, arme Länder wie Bangladesch nicht nur mit wirtschaftlicher Hilfe, sondern grundsätzlich auch mit Möglichkeiten zur Familienplanung zu unterstützen.

Für Rückfragen und Interviews steht Reiner Klingholz unter 0171 -5078390 zur Verfügung.

   
     
 

3. Mädchenüberschuss durch den Mauerfall?
In Krisenzeiten kommen weniger Jungen zur Welt.

Umwälzende politische Ereignisse wie der Mauerfall können dazu führen, dass weniger Jungen als Mädchen zur Welt kommen. Zu diesem Schluss kommt der US-amerikanische Wissenschaftler Ralph A. Catalano von der School of Public Health an der University of California in Berkeley nach einer Analyse der deutschen Geburtenzahlen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Anteil an neugeborenen Jungen war im Osten Deutschlands so gering wie in keinem anderen Vergleichsjahr. Das Mißverhätnis kommt vermutlich dadurch zustande, dass Schwangere in Belastungssituationen eher männliche als weibliche Föten verlieren.

Für Rückfragen und Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
  1. Ausbildungsplatzabgabe? In Ostdeutschland werden Unternehmer bald um Lehrlinge buhlen müssen

Im Oktober 2003 fehlten in Deutschland etwa 24.000 Ausbildungsplätze. Besonders gravierender Mangel herrscht in den neuen Bundesländern. Die Bundesregierung gerät dadurch so unter Druck, dass die Einführung einer Ausbildungsplatz-Abgabe für Betriebe, die keine Lehrlinge einstellen, immer wahrscheinlicher wird - trotz Protesten der Unternehmerverbände.

Indessen wird sich das Problem des Lehrstellenmangels, zumindest für Ostdeutschland, schon in wenigen Jahren aus demografischen Gründen erledigen. Denn von 2005 an kommen extrem geburtenarme Jahrgänge ins Berufsausbildungsalter. Hintergrund dieser Entwicklung ist der gesellschaftliche Umbruch, der nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 zu einem dramatischen Rückgang der Geburtenzahlen geführt hat: Im Jahr 1994 sank der Anteil der Neugeborenen in den neuen Bundesländern auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert.

Gab es in den östlichen Bundesländern 1999 noch fast eine Millionen Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren, so wird diese Ziffer von 2005 an jährlich um 80.000 bis 100.000 zurückgehen. Bis zum Jahr 2010 wird sich nach der Bevölkerungsprognose des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung die Altersgruppe dieser Jugendlichen auf 526.000 Menschen nahezu halbiert haben.

Die Zahl der Lehrlinge in Ostdeutschland sinkt in zehn Jahren um fast die Hälfte


Diese Entwicklung wird gravierende Folgen für die Lage auf dem Lehrlingsmarkt haben: So werden die außerbetrieblichen Ausbildungsangebote, die als Ersatz für fehlende Lehrstellen geschaffen wurden, nach und nach überflüssig. Derzeit werden in Ostdeutschland auf diese Weise 30 Prozent aller Ausbildungsplätze geschaffen. Spätestens von 2010 an müssen die Betriebe dann mit einem realen Mangel an Lehrlingen rechnen.

Während im Jahr 2001 in den neuen Bundesländern 134.000 Ausbildungsverträge geschlossen wurden (davon 96.000 direkt mit ausbildenden Betrieben), stünden 2010 überhaupt nur 93.000 Jugendliche im Alter von 16 Jahren für eine Berufsausbildung zur Verfügung. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch geringer ausfallen, da der Anteil jener Jugendlichen, die ein Studium statt einer Lehre beginnen, in Ostdeutschland zur Zeit noch weit unter dem westdeutschen Wert von rund einem Drittel eines Altersjahrganges liegt.

Von dem Rückgang werden alle ostdeutschen Bundesländer gleichermaßen betroffen sein. Vergleichsweise günstig ist die Entwicklung in Berlin, wo sich die Zahl der 16- bis 19jährigen bis 2010 lediglich um 21 Prozent reduziert. In den anderen ostdeutschen Bundesländern ist mit einem Rückgang um mehr als 40 Prozent zu rechnen.

"Die schwierigen Zeiten für Schulabgänger dürften dann ein für alle Mal vorüber sein", sagt Steffen Kröhnert, Wissenschaftler am "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". "Denn von 2006 an wird die Zahl der Lehrstellenanwärter auch gesamtdeutsch zurück gehen".

Positiver Nebeneffekt: Durch die neue Konkurrenzsituation werden die Ausbildungsplätze an Qualität gewinnen. Und auch jene Jugendlichen, die bisher nur schlechten Zugang zum Ausbildungsmarkt hatten, die in Deutschland lebenden Ausländer, werden ihre Chance bekommen. Derzeit finden mehr als ein Viertel aller Türken zwischen 18 und 30 Jahren einen Job lediglich als ungelernte Arbeiter.

Für Rückfragen und Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
 

2. Wirtschaftswachstum durch Geburtenrückgang

Arme Länder wie Bangladesch profitieren von der Familienplanung

Bangladesch, der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, gilt als eines der ärmsten Länder der Erde. Am Golf von Bengalen leben 147 Millionen Menschen auf einem Gebiet, das nur halb so groß ist wie die alte Bundesrepublik. Aus dem Teufelskreis von Armut und Übervölkerung scheint es kein Entrinnen zu geben. Dennoch setzt Außenminister Morshed Khan bei seinem Besuch in Deutschland Anfang November ganz andere Akzente: Bangladesch biete hervorragende Voraussetzungen für Investitionen und weise seit vielen Jahren eine positive ökonomische Entwicklung auf. Tatsächlich wächst die Wirtschaft des Landes seit fast 20 Jahren im Mittel um jährlich vier bis fünf Prozent. Gleichzeitig ging in diesem Zeitraum die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von sechs auf heute 3,6 Kinder zurück.

Zwischen diesen Entwicklungen gebe es einen klaren Zusammenhang, meint Dr. Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Institutes für Weltbevölkerung und globale Entwicklung": "Sinken die Geburtenraten in einer zuvor sehr kinderreichen Gesellschaft, so wächst in den darauf folgenden Jahrzehnten der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung. Der produktive Teil der Bevölkerung muss dann deutlich weniger wirtschaftlich Abhängige wie Kinder und alte Menschen mit versorgen. Der Konsument hat mehr Geld in der Tasche, die Bürger sparen und investieren mehr und die Wirtschaft kommt weiter in Schwung. Weil Eltern mehr Geld für Ernährung und Ausbildung ihres Nachwuchses aufbringen, eröffnen sich den Kindern neue Chancen. Daraus resultiert ein sich selbst beschleunigender Prozess der wirtschaftlichen Belebung."

Wissenschaftler beschreiben diese Entwicklung als "demografische Dividende". Profitiert haben davon in der Vergangenheit vor allem die Tigerstaaten Südost- und Ostasiens, wie Thailand, Malaysia oder Südkorea. In diesen Ländern wächst seit den 70er Jahren die Bevölkerung im produktiven Alter viermal so schnell wie die der wirtschaftlich Abhängigen. Diese Nationen verzeichneten zwischen 1965 und 1990 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich mehr als sechs Prozent. Ein Viertel bis zwei Fünftel davon gehen auf das Konto der "demografischen Dividende", wie Wissenschaftler des US-amerikanischen Forschungsinstituts "Rand" ermittelt haben.

Weniger Kinder, mehr Wachstum


Quelle: United Nations Population Division; International Monetary Fund, Grafik: Berlin-Institut

Möglich wurde dies vor allem, weil die Regierung von Bangladesch seit Staatsgründung im Jahr 1972 Programme zur Geburtenkontrolle unterstützt. Jede From von Entwicklungshilfe müsse deshalb unbedingt auch Möglichkeiten zur Familienplanung anbieten , meint das "Berlin-Institut".

Für diese Entwicklung gibt es allerdings keine Garantie: Denn die Voraussetzung für den Aufschwung sind Arbeitsplätze. Hierfür muss der Staat die Voraussetzungen schaffen - vor allem in Form von Bildung, einem flächendeckenden Gesundheitssystemen, freiem Handel und stabilen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen.

Bangladesch steht erst am Anfang dieser Entwicklung und hat dabei mit spezifischen Problemen zu kämpfen: Zwei Drittel der Bangladeschi arbeiten nach wie vor in der Landwirtschaft, die den Zuwachs der Arbeitskräfte von jährlich 1,9 Prozent nicht aufnehmen kann. Nahezu 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung gelten als arbeitslos oder unterbeschäftigt. Obendrein stoßen wirtschaftliche Reformen durch Korruption, Vetternwirtschaft und ineffiziente Verwaltung immer wieder an ihre Grenzen.

"Die Chance für einen Aufschwung bietet sich nur einmal für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Jahrzehnten", sagt Reiner Klingholz. "In dieser Phase muss der Überschuss an Arbeitskräften auch Arbeit finden. Sonst droht heute ein Heer von Arbeitslosen. Und in der nächsten Generation eine Millionenschar von mittellosen Alten."

Quellen:
David Bloom, David Canning, Jaypee Sevilla: The Demographic Dividend: A New Perspective on the Economic Consequences of Population Change.

Asian Development Bank, Population and Human Resource Trends and Challenges (2002)

Für Rückfragen und Interviews steht Reiner Klingholz unter 0171 -5078390 zur Verfügung.

   
       
     
  3. Mädchenüberschuss durch den Mauerfall?
In Krisenzeiten kommen weniger Jungen zur Welt.

In Stress-Situationen werden mehr Mädchen als Jungen geboren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des US-amerikanischen Forschers Ralph A. Catalano von der School of Public Health an der University of California in Berkeley. Bei einer Analyse der Geburtenverzeichnisse für die Jahrgänge 1946 bis 1999 in West- und Ostdeutschland wies der Osten 1991 den geringsten Anteil neugeborener Jungen auf. Im Vergleich zu einer normalen Entwicklung "fehlen" in jenem Jahr in der Statistik 800 Jungen. Diese Phase unmittelbar nach dem politischen Umbruch durch den Mauerfall war für die ostdeutsche Bevölkerung mit vielen Unsicherheiten und Umstellungen verbunden.

1991: weniger männlichen Nachwuchs gab es nie in Ostdeutschland

Quelle:Bundesamt für Bauwesen und Raumplanung, Grafik: Berlin-Institut

Biologen kennen den Zusammenhang zwischen Stress und einer Verschiebung der Geschlechterverhältnisse. So bringen Herdentiere in Extremsituationen, etwa nach Hunger- oder Dürreperioden, weniger männliche Nachkommen zur Welt. Der vorübergehende Einbruch neugeborener Jungen in Ostdeutschland scheint diesen Zusammenhang auch für menschliche Bevölkerungen zu bestätigen. Erklärt wird dieses überraschende Phänomen dadurch, dass Schwangere bei starken psychischen Belastungen eher männliche als weibliche Föten verlieren. Catalano sieht seine These durch andere Extremsituationen bestätigt. So zeigte sich ein ähnlicher Wandel der Geschlechterverteilung in der Folge des japanischen Erdbebens in Kobe 1995.

Quelle: Human Reproduction, Sept. 2003.

Für Rückfragen und Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
 

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