1. Ausgabe, 25. September 2003

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politk, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten. Für Interviews zu allen Beiträgen steht der Direktor des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung", Dr. Reiner Klingholz, unter 0171- 50 78 390 zur Verfügung.

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  1. Kein Sex vor der Ehe

Fragwürdiger Feldzug der Bush-Regierung gegen Aids und für Familienwerte
Kurznachricht (1.186 Zeichen)
Bericht mit Tabelle (4.285 Zeichen)

2. Europa schrumpft - und seine Nachbarn wachsen

Bald wird der Einwanderungsdruck auf Europa enorm zunehmen
Kurznachricht (776 Zeichen)
Bericht mit Graphik (3.129 Zeichen)

3. Flucht in die Mittelstädte

Die Probleme der Megastädte verlagern sich in die Provinz
Kurznachricht (845 Zeichen)
Bericht mit Tabelle (3.880 Zeichen)

 

   
     
  1. Kein Sex vor der Ehe

Feldzug der Bush-Regierung gegen Aids und für Familienwerte

Nicht mehr mit Kondom und Pille, sondern allein mit Enthaltsamkeit sollen sich die Amerikaner künftig vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften schützen. Denn nach wie vor stecken sich in den Vereinigten Staaten vergleichsweise viele Menschen an der Immunschwäche Aids an. Gleichzeitig liegt auch die Rate der Teenager-Schwangerschaften in den USA ungewöhnlich hoch. Mit einem umstrittenen Programm will die US-Regierung gegen diese Probleme vorgehen: Immer mehr Mittel steckt die Verwaltung in Washington in das Projekt "Abstinence Only". Zusätzlich wird in vielen Schulen das Thema Sexualaufklärung aus dem Unterricht gestrichen - um die Jugendlichen gar nicht erst auf das Thema Sex aufmerksam zu machen. Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" kritisiert an dem Programm, dass sich Krankheiten wie Aids unter nicht aufgeklärten Jugendlichen leichter ausbreiten und bemängelt, dass bestehende Abstinenz-Programme keinerlei Belege dafür liefern, dass Jugendliche später ihre erste sexuelle Erfahrung machen oder seltener ihre Sexualpartner wechseln.

 

   
     
  2. Europa schrumpft - und seine Nachbarn wachsen

Bald wird der Einwanderungsdruck auf Europa enorm zunehmen

Nach Vorausberechnungen der Vereinten Nationen werden die 25 Staaten der künftigen EU bis zum Jahr 2050 rund 50 Millionen Menschen verlieren. Die 25 Länder östlich und südlich des Kontinents hingegen werden im gleichen Zeitraum um etwa 700 Millionen Menschen anwachsen. Die Bevölkerung Ägyptens, der Türkei und Algeriens wird sich bis Mitte des Jahrhunderts mindestens verdoppeln. Nach Ansicht des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" wird der zunehmende Einwanderungsdruck Europa vor bislang ungekannte Probleme stellen. Gleichzeitig bedeutet der Schwund im demografisch einst übermächtigen Europa auch einen Verlust an politischer Stärke.

 

   
     
  3. Flucht in die Mittelstädte

Die Probleme der Megastädte verlagern sich in die Provinz

Die riesigen Metropolen Süd- und Mittelamerikas - einst ausweglos wuchernde Stadtgebilde und Traumziel landloser Bauern - haben offenbar an Attraktivität verloren. Zwar ziehen noch immer Millionen vom Land in die Stadt, doch Mexiko Stadt, São Paulo oder Buenos Aires, Zentren mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate, verbuchen kaum noch einen Zuwachs. Statt dessen suchen die Lateinamerikaner vermehrt ihr Glück in mittelgroßen Städten mit weniger als fünf Millionen Einwohnern. Der vielerorts befürchtete Kollaps der von Problemen überforderten Megastädte könnte somit ausbleiben, meldet das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". Stattdessen könnte die Infrastuktur der boomenden Mittelstädte bald schon an ihre Grenzen stoßen.

 

   
     
  1. Kein Sex vor der Ehe

Feldzug der Bush-Regierung gegen Aids und für Familienwerte

Die amerikanische Regierung will Sex vor der Ehe unterbinden. Mit immer mehr Mitteln fördert die Verwaltung in Washington das sogenannte Abstinence-Only-Programm. Mit diesem Projekt sollen die sexuelle Enthaltsamkeit von Jugendlichen als alleiniges Mittel gegen HIV-Infektionen und ungewollte Schwangerschaften gefördert werden. Gleichzeitig wird Aufklärungsunterricht aus dem Lehrplan von Schulen gestrichen.

Seit Beginn der Reagan-Ära unterstützt die amerikanische Regierung die von konservativen kirchlichen Kreisen initiierten Bildungsprogramme, die religiöse Werte und sexuelle Abstinenz vermitteln sollen. Auch die Clinton-Administration hielt diese Politik aufrecht. Die Mittel für die Programme wurden von der Bush-Regierung jetzt noch einmal aufgestockt.

Das Programm "Abstinence Only" basiert auf der Annahme, das Propagieren von Enthaltsamkeit sei wirkungsvoller als andere Formen der Sexualerziehung. Diese würden vielmehr die sexuelle Aktivität und damit die Wahrscheinlichkeit von HIV-Infektionen und Teenager-Schwangerschaften erhöhen. Außerdem vermittelt der Abstinenz-Unterricht, Verhütungsmittel hätten eine hohe Versagerquote und insbesondere Kondome taugten nicht zum Verhindern von Geschlechtskrankheiten. Behauptungen, die sich wissenschaftlich nicht belegen lassen.

1999 gaben 41 Prozent der US-Lehrer an, sexuelle Abstinenz sei "die wichtigste Botschaft, die in der Schule zu vermitteln sei". Eine der einflussreichsten Abstinence-Only-Gruppen, die "Concerned Women of America", macht "moderne Sexualsitten" als Wurzel aller sozialen Übel aus. Sie seien verantwortlich für "Aids, aussereheliche Geburten, Armut, wachsende Kriminalität und den Zusammenbruch der Kernfamilie". Schulen, die ihren Lehrplan im Sinne von "Abstinence Only" umstellen, erhalten staatliche Zuschüsse. Viele der unter Finanznot leidenden Bildungseinrichtungen haben daraufhin pflichtgemäß ihren Aufklärungsunterricht eingestellt. Unter anderem müssen sie lehren, dass "Sexualkontakte ausserhalb der Ehe physische und psychische Schäden nach sich ziehen".

Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" hält das "Abstinence Only"-Programm indes für kontraproduktiv. Es weist auf neueste Untersuchungen des "US Institute of Medicine" hin, das die US-Regierung in medizinischen Fragen berät, und demzufolge die Programme allein ungeeignet sind, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Nahezu alle größeren US-Ärzte-Verbände haben sich für verständliche Sexualaufklärung ausgesprochen. Die anerkannte US-Organisation "Advocates for Youth", die sich für die Rechte amerikanischer Jugendlicher einsetzt, rechnet vor, dass nach 20 Jahren des Predigens für Enthaltsamkeit bis heute kein Beleg für die Wirksamkeit dieser Programme existiert. Im Gegenteil: Sowohl die Zahlen der Teenager-Schwangerschaften, wie auch die der HIV-Infektionen liegen in den USA weit höher als in europäischen Industrienationen mit umfangreicher Sexualaufklärung.

Aufklärung hilft immer

 

Indikatoren zur Reproduktiven Gesundheit von Teenagern in den USA, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden

*je 1000 Personen (Quelle: Advocates for Youth)

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Augenscheinlich haben die Programme keinen Einfluss auf das Sexualverhalten Jugendlicher: So hat sich durch die Aufrufe zur Enthaltsamkeit das Durchschnittsalter beim ersten Geschlechtsverkehr nicht erhöht. Und auch die Zahl der Sexualpartner hat sich nicht verringert. Durch den Wegfall der im Kampf gegen Aids überaus erfolgreichen "Safer-Sex"-Kampagnen droht nun vielmehr eine neue Welle von HIV-Infektionen.

Jungen Menschen die korrekte Information über Sexualität, Verhütung und das Vermeiden von sexuell übertragbaren Krankheiten vorzuenthalten, setze sie nicht nur unnötigen Risiken aus, kommentiert das britische Medizin-Fachblatt "The Lancet". Jugendlichen ausgerechnet in diesem Bereich den Zugang zu Information vorzuenthalten, sei unverantwortlich.

Nähere Informationen im Internet:
http://www.hrw.org/reports/2002/usa0902/USA0902-04.htm#P260_45625

 

   
     
  2. Europa schrumpft - und seine Nachbarn wachsen

Bald wird der Einwanderungsdruck auf Europa enorm zunehmen

In zehn Staaten der Europäischen Union schrumpft nach Angaben des Europarates derzeit die Bevölkerung. Nicht nur in Deutschland und Italien, auch in den baltischen Staaten, in Griechenland, Schweden, Slowenien, der Tschechischen Republik und Ungarn sterben mehr Menschen als im gleichen Zeitraum geboren werden. Nur in Österreich, der Slowakei, Polen und Spanien ist das Verhältnis noch umgekehrt.

Diese Entwicklung steht in krassen Gegensatz zu jener in den 25 Staaten in direkter und indirekter Nachbarschaft Europas in Nordafrika und Westasien (Afghanistan, Algerien, Bahrein, Djibuti, Ägypten, Eritrea, Iran, Irak, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Mauretanien, Marokko, Oman, Pakistan, Quatar, Saudi Arabien, Somalia, Sudan, Tunesien, Türkei, Vereinigte Arabische Emirate und Jemen). Die dort lebende, überwiegend muslimische Bevölkerung wächst rasant. In 50 Jahren werden in Europas Umfeld dreimal mehr Menschen leben als im alten Abendland selbst. Die Bevölkerung Ägyptens, der Türkei und Algeriens wird sich bis Mitte des Jahrhunderts mindestens verdoppeln. Zudem leben in diesen Ländern überproportional viele junge Menschen, die selbst erst noch in das Elternalter kommen. Sie alle drängen auf einen Arbeitsmarkt, der schon heute wenig Perspektiven bietet.

Nach Ansicht des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" befindet sich Europa damit in einer schwierigen "geo-demografischen" Lage. "Das Vakuum in Europa wird die Zuwanderung zwangsläufig beschleunigen", sagt Dr. Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts". "Auf diese Entwicklung und die damit verbundenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen sind weder die Deutschen noch ihre Nachbarn angemessen vorbereitet."

In den 25 Ländern, die von Mai 2004 an die Europäische Union bilden werden, lebten im Jahr 2000 noch 451 Millionen Menschen. 2050 werden es nach Vorausberechnungen der Vereinten Nationen nur mehr 401 Millionen sein. Mit einem solchen Rückgang ist zu rechnen, obwohl in diesen Prognosen bereits 25 Millionen nicht-europäische Einwanderer berücksichtigt sind, obwohl die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau nach Meinung der Demographen von heute 1,4 wieder auf 1,8 im Jahr 2050 ansteigen wird und die Lebenserwartung der Europäer weiter zunimmt.

Europa verliert an Gewicht

 

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Der einmal eingeleitete Schwund wird sich in den nächsten 50 Jahren beschleunigen. Mitte des Jahrhunderts ist in Europa mit einem jährlichen Bevölkerungsverlust von zwei Millionen Menschen zu rechnen. Die Hälfte aller Europäer wird älter als 50 sein, nur 14 Prozent gehören dann zu den unter 15-jährigen. Während heute vier Erwerbstätige eine Person im Ruhestand finanzieren, werden es im Jahr 2050 nur noch zwei sein. In Deutschland müssten, bei unverändertem Eintritt in das Rentenalter, dann sogar drei Rentenzahler für vier Empfänger aufkommen.

Dem Schrumpfen Europas steht ein starkes Bevölkerungswachstum in den 25 Staaten südlich und östlich der europäischen Grenzen gegenüber. Das geht aus einer Studie im US-Fachblatt "Population and Development Review" hervor. Diese Nationen, zu denen Afghanistan und die Türkei ebenso wie Marokko und Algerien gehören, hatten Europa schon in den achtziger Jahren demografisch überholt. Im Jahr 2000 lebten in den Nachbarländern mit 587 Millionen bereits deutlich mehr Menschen als in Europa. Im Jahr 2050 werden es nach UN-Angaben 1,3 Milliarden sein .

"Europa steht damit vor bislang unbekannten Herausforderungen" sagt Dr. Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts". Dringend notwendig sei es, dass die EU die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort stärker unterstütze - etwa durch den Aufbau einer Mittelmeer-Freihandelszone. Erfahrungsgemäß sinken bei steigendem Lebensstandard und wirtschaftlicher Entwicklung die Geburtenraten und der Wunsch, die Heimat zu verlassen. In Europa selbst bedürfe es unter anderem einer gesteuerte Einwanderungspolitik, einer wirksameren Integration von Ausländern sowie besserer Ausbildung insbesondere für die Kinder von Zuwanderern.

Quelle: Population and Development Review 29(1), S. 1-28 (März 2003)

   
       
     
  3. Flucht in die Mittelstädte

Die Probleme der Megastädte verlagern sich in die Provinz

In Mexiko-Stadt ist die Luft schlecht, in Santiago de Chile gibt es zu wenig Arbeit und in São Paulo macht die Kriminalität das Leben zur Hölle. Tatsachen, die sich jetzt auch an der demografischen Entwicklung ablesen lassen. Die einst wild wuchernden Megastädte Lateinamerikas haben offenbar an Attraktivität verloren und wachsen kaum noch. Dafür erfahren die mittelgroßen Städte mit ein bis fünf Millionen Einwohnern derzeit einen großen Zustrom.

"Den Zahlen zufolge hat dieser Trend schon vor mindestens zwei Jahrzehnten begonnen", meldet das unabhängige "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". "Wirklich zu spüren ist er aber erst seit der Jahrtausendwende". Schon seit den 1970er Jahren sinkt der relative Anteil der vier größten Städte Lateinamerikas an der Gesamtbevölkerung der jeweiligen Länder. Zwar hält die Landflucht in ganz Lateinamerika an und Mexiko-Stadt, São Paulo, Rio de Janeiro und Buenos Aires wachsen bis heute stetig weiter - aber immer langsamer. Denn sie haben zunehmend Lebensqualität und damit ihre einstige Anziehungskraft für die arme Landbevölkerung verloren. In den urbanen Ballungszentren sanken die Reallöhne aufgrund des Überangebotes von Arbeitskräften, die Arbeitslosigkeit stieg, die Kriminalitätsrate schnellte in die Höhe und Smog bedroht die Gesundheit. "Die Megastadt verspricht nicht mehr das Glück und den Wohlstand wie zu Beginn der großen Binnenmigration", erklärt Dr. Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts".

Ansturm auf die Mittelstädte

 

Städte nach Bevölkerungsgröße und Verteilung der urbanen Bevölkerung in Lateinamerika und der Karibik. Quelle: UN, World Urbanization Prospects : The 2001 Revision

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Zwischen 1977 und 1992 ist der Anteil der Zuwanderer an der Gesamteinwohnerzahl in Santiago de Chile beispielsweise um 80 Prozent zurückgegangen. Derweil zieht es die ehemaligen Landbewohner in chilenische Mittelstädte wie Antofagasta, Coquimbo und Ternuco. In Brasilien wuchsen schon in den 1980er Jahren die Mittelstädte Belém, Belo Horizonte, Curitiba, Fortaleza, Porto Alegre und Salvador schneller als Rio de Janeiro und São Paulo.

Die Verlagerung des Wachstums wird von den Regierungen der jeweiligen Länder und den Stadtverwaltungen der Metropolen begrüßt. Dieser Trend ist auch in den kleineren Ländern Südamerikas und in Asien, etwa in Bangladesch, Indien oder China zu beobachten. Viele Probleme der Megastädte, für die häufig noch ein andauerndes Wachstum vorhergesagt wurde, könnten sich so leichter lösen lassen. Den wachsenden Mittelstädten hingegen bliebe noch die Zeit, sich rechtzeitig auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Das "Berlin-Institut" fordert daher, die Bemühung der Entwicklungshilfe vermehrt auf die Mittelstädte zu lenken. Dazu gehöre vor allem der Aufbau einer Grundversorgung mit Trinkwasser, Elektrizität und Gesundheitsdiensten.

Nähere Informationen im Internet
http://www.prb.org/ und auf der Homepage des "Berlin-Instituts"
http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs_urbanisierung_megastaedte.html

 

   
     
 

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