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von Rainer Münz

 

Wir alle sind Teil der Bevölkerung einer Kommune, eines Landes und eines Erdteils. Und schließlich gehört jeder beziehungsweise jede von uns zu den rund 7 Milliarden Menschen, die heute unseren Planeten bevölkern. "Bevölkerung" meint in diesem Zusammenhang zweierlei: zum einen die Einwohner eines bestimmten Landes oder einer Region; zum anderen die Summe jener Prozesse, die Zahl, Struktur und Verteilung der Einwohner bestimmen. Im Deutschen kommt der Begriff zum ersten Mal im Jahr 1691 beim Dichter und Sprachforscher Caspar Stieler (1632-1707) vor; damals allerdings noch nicht in seiner heutigen Bedeutung, sondern als Bezeichnung eines Vorganges. "Bevölkern" war die deutsche Übersetzung des französischen Wortes "peupler". Und dies bedeutete damals: ein Gebiet systematisch mit Menschen besiedeln. "Bevölkerung" bezeichnete somit – im Gegensatz zu "Volk" – ursprünglich das Ergebnis einer staatlich geplanten Ansiedlung von Menschen.

Heute verstehen wir im alltäglichen Sprachgebrauch unter "Bevölkerung" die Einwohner eines Staates, eines Bundeslandes, einer Region (zum Beispiel des Ruhrgebiets) oder einer Gemeinde. Dabei ist die Bevölkerung keine fixe Größe. Die Zahl der Bewohner unseres Planeten, eines Landes oder einer Region ändert sich genauso wie die Zusammensetzung und die räumliche Verteilung dieser Bewohner. Wesentliche Ursachen dieser Veränderung sind die natürliche Bevölkerungsbewegung (Geburten, Sterbefälle) und die räumliche Bevölkerungsbewegung (Zuzüge und Fortzüge = Wanderungen). Die Dynamik dieser Faktoren bewirkt, dass Bevölkerungen fortdauern, obwohl alle ihre Mitglieder früher oder später sterben.

Alter, Geschlecht, berufliche Stellung sowie Staatsangehörigkeit, Herkunft (aus dem Inland bzw. Ausland) oder ethnische Zugehörigkeit gehören zu den wichtigsten Kriterien, nach denen sich Menschen voneinander unterscheiden und nach denen eine Bevölkerung gegliedert werden kann. Jede Bevölkerung weist eine andere Zusammensetzung auf: Unterschiedlich ist sowohl die Anzahl der Personen in den einzelnen Altersgruppen als auch der Anteil von Frauen und Männern innerhalb dieser Altersgruppen. Unterschiedlich sind in vielen Fällen die Alters- und Geschlechterproportionen von Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen, Einheimischen und Zuwanderern beziehungsweise In- und Ausländern. Diese Unterschiede in Größe und Verteilung der Bevölkerung haben erhebliche Konsequenzen für die demografische wie für die wirtschaftliche und soziale Situation eines Landes. Und sie wirken aufgrund der "Trägheit" demografischer Prozesse weit in die Zukunft.

Bevölkerungswissenschaft (Demografie) und Bevölkerungsgeografie befassen sich mit den genannten Ereignissen, Strukturen und Prozessen. In der Analyse geht es zum Ersten um den Bevölkerungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt, also um Größe und Struktur einer Bevölkerung. Ausgangspunkt ist die Frage: Wie viele Menschen leben in der Stadt Berlin, im Land Hessen, in Deutschland, in der EU, in der Welt? Darüber hinaus interessiert vor allem die Verteilung dieser Einwohner nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Staatsbürgerschaft und Kinderzahl. Der Bevölkerungsstand verändert sich ständig: Menschen werden geboren, andere sterben, Personen wandern in ein bestimmtes Gebiet ein, andere verlassen es. In der Analyse geht es daher zum Zweiten um demografisch, räumlich und sozial relevante Ereignisse wie Geburten, Sterbefälle, Ein- und Auswanderungen. Von Interesse ist nicht nur deren absolute Häufigkeit während eines bestimmten Zeitraums, sondern auch die relative Häufigkeit und der Vergleich über die Zeit sowie der Vergleich zwischen einzelnen Ländern und Regionen. Dazu werden rohe Raten (zum Beispiel Geburtenrate, Sterberate), spezifische Kennziffern (etwa TFR = Gesamtfruchtbarkeitsziffer) und andere Verhältniszahlen (z.B. Geschlechterproportion, Bevölkerungsdichte) berechnet.

Ein wichtiges Ziel der Analyse ist es, die Größe dieser Kennziffern, ihre räumliche Differenzierung und ihre Veränderung über die Zeit zu interpretieren. Zu unterscheiden ist dabei zweierlei: Veränderungen – beispielsweise steigende oder sinkende Geburtenzahlen – können sich aus einem geänderten Verhalten, beispielsweise aus steigenden oder sinkenden Kinderzahlen pro Familie ergeben. Oder sie können das Resultat sich ändernder Strukturen sein, also etwa aus einer altersbedingt wachsenden oder sinkenden Zahl potenzieller Eltern ergeben. Beim Vergleich über die Zeit oder zwischen mehreren Ländern geht es also um die Frage: Was erklärt sich aus verändertem Verhalten? Was erklärt sich aus den sich ändernden Strukturen? Und was ist Resultat der inneren Dynamik demografischer Prozesse (Populationsdynamik)?

Zusammengefasst wird der Zusammenhang zwischen den Bevölkerungsständen zu zwei bestimmten Zeitpunkten (t0, t1) und den demografisch relevanten Ereignissen während der dazwischen liegenden Periode in der demografischen Grundgleichung. Diese besagt:

Die Bevölkerung zum Zeitpunkt t1 ergibt sich aus der Rechnung:
Bevölkerung zum Zeitpunkt t0 + Geburten - Sterbefälle + Zuzüge - Fortzüge.

Wichtigste Informationsquelle der Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungsgeografie ist die amtliche Statistik. Sie organisiert und veröffentlicht die Ergebnisse von allgemeinen Volkszählungen oder Registerzählungen, registriert und aggregiert aber auch Informationen über Geburten und Sterbefälle, Krankheits- und Todesursachen, sowie Ein- und Auswanderungen. Einzelne Länder verfügen dabei über unterschiedliche Erhebungstraditionen. Dennoch ist es gelungen, die Klassifikationen von Lebend- und Totgeburten sowie von Krankheiten und Todesursachen international zu vereinheitlichen. Bei der Definition und Klassifikation von Migranten hat sich hingegen bislang keine einheitliche Definition durchgesetzt. Bedeutsam für die demografische Analyse sind auch Stichprobenerhebungen, wie in Deutschland der Mikrozensus, bei denen nur eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung befragt wird. Besondere Bedeutung gewinnen solche Stichprobenerhebungen in Ländern, wo es keine Volkszählungen beziehungsweise keine amtliche Geburtenstatistik gibt.

Akademisch sind Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungsgeografie im deutschen Sprachraum nicht ausreichend verankert. Es gibt nur wenige Lehrstühle und Forschungseinrichtungen mit dieser Spezialisierung. Dies steht in deutlichem Gegensatz zur Bedeutung, die demografische Prozesse für unsere Zukunft sowohl im Weltmaßstab als auch in West- und Mitteleuropa haben. Auf der einen Seite steht eine Weltbevölkerung, die nach wie vor um mehr als 210.000 Menschen pro Tag wächst, ohne dass derzeit für die hinzu kommenden Erdenbürger ausreichend Nahrung, sauberes Trinkwasser, medizinische Versorgung, Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze vorhanden wären. Auf der anderen Seite sind wir als Bewohner entwickelter Industriestaaten mit rasch alternden und tendenziell schrumpfenden Bevölkerungen konfrontiert, ohne die Konsequenzen dieser demografischen Veränderung für unser Leben heute schon voll absehen zu können. 

 

Literatur / Links

 

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung / Population Reference Bureau: Datenreport 2011

World Population Prospects: The 2010 Revision (Detaillierte demografische Daten nach Land, Weltregion und Entwicklungsstand)

 

Stand: April 2012

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