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Von Margret Karsch

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2011 wider.

In fast allen Ländern der Welt steigt die Lebenserwartung. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Geburten pro Frau. Deshalb wächst der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung im Verhältnis zum Anteil der Kinder und der arbeitsfähigen Bevölkerung. Der Anteil der über 59-Jährigen an der immer noch wachsenden Weltbevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen: Den Vereinten Nationen zufolge lag er 1950 bei acht, 2010 bei elf Prozent, und die Projektion sagt für 2050 einen Anteil von 22 Prozent voraus.


Anteile der über 59-Jährigen an der Weltbevölkerung

Betrachtet man die Weltbevölkerung als Ganzes, ist der Anteil der über 59-Jährigen seit 1950 kontinuierlich gestiegen (Datengrundlage: UN).

Allerdings verläuft die demografische Entwicklung regional sehr unterschiedlich. Dass Men-schen heute im Schnitt ein höheres Alter erreichen als früher, ist ein Gewinn – wenn die Lebensqualität stimmt. Problematisch wird es, wenn die Alterung einer Bevölkerung sich schneller vollzieht, als die gesellschaftlichen Anpassungsstrategien greifen. Vorausschauende individuelle und politische Maßnahmen – beispielsweise im Hinblick auf Pflege und Renten – sind erforderlich, um soziale und ökonomische Sicherungen zu schaffen, die Älteren ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und in Würde zu altern. Die Voraussetzungen hierfür sind in allen Ländern sehr verschieden, vor allem aber in Entwicklungsländern ganz andere als in Industriestaaten. Das zeigt ein Blick auf die Altersstrukturen einzelner Weltregionen.

Anteile der über 59-Jährigen in Prozent

Die mittlere UN-Prognose sagt voraus, dass der Anteil der über 59-Jährigen in den Industriestaaten zwischen 2000 und 2025 stärker steigen wird als in den Jahrzehnten davor und danach. In den weniger und am wenigsten entwickelten Ländern dagegen wird der Anteil der über 59-Jährigen erst nach 2025 am stärksten wachsen. Diese Länder hatten lange sogar einen sinkenden Anteil über 59-Jähriger zu verzeichnen (Datengrundlage: UN).

Im Jahr 2010 waren weltweit 760 Millionen Menschen über 59 Jahre alt, zwei Drittel davon lebten in Entwicklungsländern. Bis 2050 wird es etwa zwei Milliarden älterer Menschen geben, von denen dann rund 80 Prozent in den heutigen Entwicklungsländern leben werden. Aber gerade dort mangelt es an gut ausgebauten Gesundheits-, Sozial- und Rentensystemen. Während in den OECD-Ländern 84 Prozent der über 59-Jährigen eine Rente beziehen, sind es in Lateinamerika nicht einmal 20, in Südostasien keine zehn und in den meisten afrikanischen Ländern südlich der Sahara sogar weniger als fünf Prozent.

Absolute Zahlen der über 59-Jährigen in Millionen

Dass immer mehr Menschen immer älter werden, ist für alle Länder eine Herausforderung. Aber die staatlichen Systeme sind unterschiedlich gut darauf vorbereitet (Datengrundlage: UN).

Viele der Älteren haben nie Lesen und Schreiben gelernt, meist mit einem nur geringen und unsicheren Einkommen in der Landwirtschaft gearbeitet und nie über die finanziellen Mittel verfügt, privat für das Alter vorzusorgen. Das trifft vor allem Frauen, denn sie besitzen im Schnitt überall noch weniger Geld als Männer und leben länger: Während Frauen heute rund die Hälfte der Weltbevölkerung stellen, lag der Anteil Frauen an der Altersgruppe 60 und älter im Jahr 2005 bei 54 Prozent, der Anteil in der Altersgruppe 80 und älter sogar bei 63 Prozent. Hinzu kommt, dass sich die traditionellen familiären Netzwerke zunehmend auflösen, weil zum einen weniger Kinder geboren werden, und zum anderen die Kinder auf dem Lande immer seltener Arbeit finden und deshalb in die großen Städte ziehen: Dort lebt inzwischen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

In Asien wird die Zahl der über 64-Jährigen im Jahr 2025 rund 480 Millionen (10,0 Prozent der Weltbevölkerung) betragen – gegenüber rund 215 Millionen im Jahr 2000 (5,8 Prozent). In Südkorea, Taiwan und Thailand wächst der Anteil der Älteren durch einen steilen Abfall der Kinderzahlen rapide – ebenso wie in China. In dem einwohnerstärksten Land der Welt leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Acht Prozent von ihnen sind älter als 64 Jahre. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass der Anteil der Älteren bis 2025 auf 14 Prozent steigen wird. Die Ende der 1970er Jahre eingeführte Ein-Kind-Politik hat die Kinderzahl je Frau von damals 4,9 (1970 bis 1975) auf 1,56 in 2010 gesenkt. Die menschenrechtlich umstrittene Maßnahme hat immerhin dazu beigetragen, dass sich die medizinische Versorgung verbessert hat und die Lebenserwartung zwischen 1950 und 2005 von 40,8 auf 71,5 Jahre erhöht gestiegen ist. Doch der demografische Bonus ist bald aufgebraucht: Chinas Bevölkerung altert nun immer schneller – ohne dass die Regierung darauf vorbereitet wäre, im Jahr 2025 die prognostizierten rund 290 Millionen Älteren zu versorgen. Die Ein-Kind-Generation wird finanziell kaum in der Lage sein, die notwendige Unterstützung für die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre aufzubringen. Hier bedroht das Tempo der Alterung nicht nur die Entwicklung, sondern auch den sozialen Frieden.

In den Industriestaaten liegt das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung meist höher als in den weniger entwickelten Ländern. Der Anteil letzterer an der Weltbevölkerung ist allerdings viel größer, und die Menschen dort haben weniger Zeit, sich auf den demografischen Wandel einzustellen. Denn in den meisten Ländern Asiens, Südamerikas und einigen Regionen Afrikas sinken die Kinderzahlen je Frau und steigt die Lebenswartung schneller, als dies früher in den heutigen hoch entwickelten Ländern der Fall war. Unter den Ländern mit schon heute sehr vielen alten Menschen sticht Japan hervor: Hier hat sich der Anteil der über 64-Jährigen in nur 26 Jahren verdoppelt. Mit 22 Prozent Personen dieser Altersgruppe im Jahr 2010 steht Japan damit weltweit an der Spitze.

Der Anteil der Älteren in Italien und Deutschland liegt allerdings nur knapp darunter. Von den 20 Staaten, die weltweit den höchsten Anteil an über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung aufweisen, gehören bis auf Japan alle zur EU-27. Hier werden immer weniger Menschen geboren – und diese werden immer älter: Pro Jahrzehnt steigt die Lebenserwartung in den Industriestaaten etwa um zwei Jahre. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in den drei Ländern mit den meisten Älteren beträgt 1,3 – und erreicht damit bei weitem nicht den Wert von 2,1, der nötig wäre, damit die Bevölkerung ihr Bestandsniveau hält. Die Bevölkerung schrumpft und altert also – und die gegenwärtige Zuwanderungspolitik bietet keine Lösung für die damit verbundenen Probleme. Hier ist ein radikales Umdenken und Handeln gefragt, um den künftigen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu decken. Viel Potenzial liegt brach, unter anderem weil viele Menschen mit Migrationshintergrund schlecht integriert sind, Frauen beruflich benachteiligt werden und die fitten Alten zu früh in den Ruhestand gehen. Japan etwa hat so gut wie keine Zuwanderung – die inländische Bevölkerung verfügt aber längst nicht über das notwendige Personal im Gesundheitsbereich, insbesondere in der Altenpflege. In vielen europäischen Staaten dagegen füllen ausländische Fachkräfte die Lücken.

Aber damit wird das Problem vorerst nur weitergereicht – die Länder, die es sich leisten können, werben aus den Nachbarländern Arbeitskräfte ab. So arbeiten polnische Zahnarzthelferinnen in deutschen Praxen, iranische Ärztinnen in Großbritannien, ägyptische Ingenieure in Italien. Der Brain Drain bremst die Entwicklung der Entsendestaaten, auch wenn die Emigranten ihren Angehörigen in der Heimat Geld überweisen. Vor allem junge Menschen verlassen ihre Heimatstaaten, um woanders ihr Glück zu suchen. Zurück bleiben in der Mehrzahl die Alten und die Kinder. Wenn der Verlust in der betroffenen Altersgruppe nicht durch Zuwanderung ausgeglichen wird, bleibt eine Lücke.

In vielen osteuropäischen Ländern beispielsweise, in denen die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sehr niedrig ist – in der Ukraine, in Russland und Weißrussland liegt sie bei 1,4 – beschleunigt das die Alterung der Bevölkerungen zusätzlich. Und das, obwohl in diesen Ländern gegen den generellen Trend die Lebenserwartung sinkt. Alarmierend sind vor allem in der Ukraine die hohe Mütter- und Säuglingssterblichkeit sowie die hohe Zahl von HIV-Infektionen, die vor allem die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter treffen. In den 1960er Jahren etwa war sie in der Sowjetunion ebenso hoch wie in den USA. Heute kann ein neugeborener russischer Junge laut den Vereinten Nationen nur noch mit 65,5 Lebensjahren rechnen, ein US-Amerikaner dagegen mit 78,2.

In vielen Länder Afrikas ist die Lebenserwartung ebenfalls sehr niedrig: Sie liegt in den die mittleren, westlichen und östlichen Länder des Kontinents nur knapp über oder sogar unter 50 Jahren. Viele Staaten kämpfen ebenfalls mit dem Problem der Abwanderung. Dennoch ist die Situation eine völlig andere, da hier weltweit die meisten Kinder geboren werden. Im Durchschnitt bekommt jede afrikanische Frau 4,64 Kinder – wobei Niger 7,19 und Guinea-Bissau mit 5,27 Kindern je Frau die Liste anführen und Mauritius und Tunesien mit 1,66 respektive 2,04 Kindern je Frau ganz hinten stehen. Beide Faktoren zusammen – viele Kinder und ein hohes Risiko, früh zu sterben – sorgen dafür, dass die Bevölkerungen vieler afrikanischer Länder nur langsam altern. Um die anhaltend hohe Fertilität zu senken, könnte mehr Bildung helfen, vor allem für Frauen: Längere Ausbildungszeiten und ein höheres Bildungsniveau senken erfahrungsgemäß die Kinderzahlen, heben den Entwicklungsstand, verbessern die gesundheitliche Versorgung und verringern die Mütter- und Säuglingssterblichkeit.

Aktuell zeigen sich noch deutliche Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur von mehr und weniger entwickelten Ländern. Das Medianalter beschreibt jenes Alter, das eine Bevölkerung zahlenmäßig in zwei Hälften teilt. Uganda weist mit 15,7 Jahren das weltweit geringste Medianalter auf und Japan mit 44,7 Jahren das höchste – im globalen Mittel liegt es bei 29,2 Jahren.

Bis zum Jahr 2050 sagen die Vereinten Nationen einen Anstieg des weltweiten Medianalters auf 38 Jahre voraus. Es gibt aber auch entwickelte Regionen, die relativ jung sind, etwa die USA mit einem Medianalter von 36: Hier ist die Kinderzahl je Frau höher als in der EU-27 (Datengrundlage: UN).

Japan und Ozeanien wird allem Anschein nach jene Weltregion bleiben, in der die ältesten Menschen leben und Ältere den größten Anteil der Bevölkerung stellen: Das Medianalter wird dort bis 2100 vermutlich auf über 60 Jahre steigen. Westeuropa mit einem Anteil von 46 Prozent über 59-Jähriger wird dann die zweitälteste Region sein, während Nordamerika mit 39 Prozent über 59-Jähriger deutlich jünger bleibt. Das volkswirtschaftlich wichtige Verhältnis von Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Rentnern fällt in der insgesamt jüngeren US-Bevölkerung günstiger aus als in der alternden Bevölkerung der EU-Staaten. So kommen in den USA 5,4 Erwerbsfähige auf einen Rentner. In Europa liegt dies Verhältnis heute bei 3,8 zu eins. Bis 2030 erwarten die Demografen für die USA dann knapp heutige europäische Verhältnisse. In Europa werden jedoch auf einen über 65-Jährigen schätzungsweise nur noch 2,4 Erwerbsfähige kommen. Die einzelnen Länder müssen also spezifische Lösungen für den Umgang mit der Alterung finden – respektive mit den Problemen, die einer gewünschten Alterung in Wohlstand und Gesundheit im Wege stehen.

 

Literatur /Links :

 

www.un.org

 

Stand: Juli 2011

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In: welt-sichten 4/2009.