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Wann altert eine Bevölkerung?


Eine Bevölkerung altert, wenn die Menschen länger leben und gleichzeitig weniger Kinder geboren werden. Dann steigt der relative Anteil der älteren Einwohner an der Gesamtbevölkerung. Dieses kollektive Altern wird ausgedrückt durch den Altenquotienten, das Verhältnis von Rentnern zu Menschen im Erwerbsalter. Der Altenquotient 65 (über 65-Jährige je 100 Personen von 15 bis 64 Jahren) liegt in Deutschland heute bei 34,1, er wird auf 41 im Jahre 2025 und auf etwa 56 bis 60 im Jahre 2050 ansteigen. Die deutsche Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten also stark altern, ein Phänomen, das einen Teil des „Demografischen Wandels“ darstellt. (Dennoch wenden wir uns gegen den Begriff der „Überalterung“; wir haben nicht zu viele alte Menschen, sondern zu wenig junge. Hier sollte man eher von einer „Unterjüngung“ sprechen.)

 

Individuelles Altern: Die Menschen leben immer länger

 

Dass die Menschen immer länger leben, liegt am medizinischen Fortschritt, der unter anderem die einst hohe Säuglings- und Müttersterblichkeit deutlich reduziert hat, an einem Rückgang körperlich belastender Berufe und vor allem an einem gesundheitsbewussteren Lebensstil mit besserer Hygiene und Ernährung, mit Wissen um die Bedeutung von Sport, körperlicher und geistiger Aktivität.
Vor 100 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren. Geht man von den derzeitigen Sterblichkeitsverhältnissen aus, kann heute ein neugeborener Junge mit 78, ein neugeborenes Mädchen mit 83 Jahren rechnen. Somit hat sich die Lebenserwartung in diesem Zeitraum nahezu verdoppelt.

 

Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2009

Kollektives Altern: Die Gesellschaft altert, weil der Anteil der Älteren steigt

 

Eine Gesellschaft altert aber erst, wenn nicht nur die einzelnen Mitglieder länger leben, son-dern gleichzeitig auch die Geburtenrate je Paar sinkt. Dadurch wird die Kindergeneration klei-ner als die der Eltern, der Anteil der Jüngeren an der Gesamtbevölkerung verringert sich. Die-ser Geburtenrückgang setzte in Deutschland Ende der 1960er Jahre ein. Während 1950 die Fertilitäts-Rate noch bei 2,2 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter lag, ist sie heute bei nur 1,36 angekommen.

Die Gründe dafür sind vielseitig. Dazu gehören unter anderem wirksamere Möglichkeiten der Familienplanung („die Pille“) seit den 1970er Jahren sowie der Verlust der Bedeutung des Kindes als Arbeitskraft, als persönliche Alterssicherung, als „Stammhalter“ beziehungsweise Namensträger. Als weitere Gründe kommen die sich manchmal bis in das vierte Lebensjahr-zehnt hinein ziehende Berufsausbildung sowie ein immer höheres Heiratsalter hinzu. Auch ein gewisser Wertewandel in der Gesellschaft, die Toleranz gegenüber Lebenspartnerschaften ohne Trauschein, dürfte für ein spätes Heiratsalter und damit die Verminderung von Geburten verantwortlich sein. Außerdem ist zu bedenken, dass etwa 15 Prozent der Paare gegen ihren Wunsch kinderlos bleiben.

So setzt sich die Bevölkerung in Deutschland bereits jetzt deutlich anders zusammen als 1960: Die Bevölkerungs-Pyramide, um das Jahr 1900 noch ein „ausgefranster Tannenbaum“, verformt sich mehr und mehr zu einem Pilz. Ganz deutlich sichtbar wird die Verschiebung von Jung nach Alt für das Jahr 2050.


Von der Pyramide zum Pilz

Die Altersstruktur in Deutschland verschiebt sich: Der Anteil der älteren und sehr alten Men-schen steigt, die Gruppe der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird kleiner.


Überraschend ist, dass der Trend zur alternden Gesellschaft zunehmend auch in den Entwicklungsländern einsetzt. Zwar werden in den 50 ärmsten Entwicklungsländern der Welt derzeit noch durchschnittlich fünf Kinder je Frau geboren. Aber den Prognosen des United Nations Population Fund (UNFPA) zufolge werden es bis 2050 nur noch etwa 2,6 Kinder je Frau sein. Da mit dem Rückgang der Fertilität in Entwicklungsländern im Allgemeinen ein Anstieg des Wohlstandes zu beobachten ist, ist damit zu rechnen, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung in den Entwicklungsländern von heute etwa 51 Jahren bis 2050 auf 66,5 Jahre erhöht. Der Anteil der über 60-Jährigen und auch der über 80-Jährigen wird deshalb auch weltweit wachsen. Heute ist etwa ein Elftel der Weltbevölkerung (809 Millionen Menschen) älter als 60 Jahre, in 2050 wird es ein Fünftel sein (zwei Milliarden Menschen). Der demografische Wandel wird deshalb nicht nur in Deutschland und Europa, sondern in der ganzen Welt Gesellschaften prägen.

Gesellschaften werden sich verändern, wenn sie altern


Viele Konsequenzen sind heute noch nicht ganz absehbar. In Deutschland werden bereits die Folgen einer alternden Gesellschaft im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme (Alterssicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung), die ökonomische Entwicklung, die Arbeitswelt, die Stadt- und Verkehrsentwicklung und das Bildungssystem kritisch diskutiert. Auf die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland wirkt sich das neue Verhältnis von Jung zu Alt direkt aus. Das deutsche Rentensystem beispielsweise basiert seit 1957 auf einer Umlagefinanzierung. Das bedeutet: Jede Generation bezahlt mit ihren Beiträgen nicht die eigene Altersversorgung, sondern die der Eltern und Großeltern. Schon jetzt finanzieren etwa zwei Einzahler einen Rentenempfänger. Von 2015 an, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, wird sich dieses Verhältnis in Richtung 1:1 schieben. Die Politik hat deshalb bereits begonnen, das Renten-Niveau faktisch zu senken: Der so genannte Nachhaltigkeits-Faktor wurde eingeführt, der die jährliche Rentenanpassung dämpft. Zudem soll das Renteneintritts-Alter von jetzt 65 Jahren bis zum Jahr 2029 auf 67 Jahre steigen. Wer früher in Rente geht oder gehen muss, erhält dadurch weniger Geld. Wollte man den Altenquotienten auf dem heutigen Niveau halten, müsste rein rechnerisch das Renteneintrittsalter bis 2050 auf nahezu 75 Jahre erhöht werden.

Hinzu kommt, dass das eigentlich umlagefinanzierte Rentensystem schon heute zu rund 30 Prozent (2006: etwa 80 Milliarden Euro) auf Zuschüsse aus dem Staatshaushalt angewiesen, also mit Steuermitteln finanziert ist. Auch das Arbeitsleben wird sich langfristig ändern. Ältere Arbeitskräfte werden wieder mehr gefragt sein, wenn nicht mehr genug jüngere dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Aus Sicht der Altersforschung ist dies positiv zu bewerten, da Altern ein Gewinn sein, eine Zunahme von Kompetenzen und Potenzialen bedeuten kann. Je älter Menschen werden, um so weniger sagt die Anzahl der Jahre etwas über Fähigkeiten, Fertigkeiten, Verhaltens- und Erlebnisweisen. Die Funktionsfähigkeit verschiedener körperlicher und seelisch-geistiger Fähigkeiten (das "functional age") ist nicht an ein chronologisches Alter gebunden, sondern von biologischen und sozialen Faktoren, die während eines ganzen Lebens einwirken, mitbestimmt. Hier werden unter anderem Schulbildung, berufliches Training, Lebensstil und Reaktionen auf Belastungen ausschlaggebend. Von daher sind alle starren Altersgrenzen beim Eintritt in den Ruhestand zu hinterfragen, ein flexibles Renteneintritts-Alters wäre sinnvoll.

Stadtentwickler, Kommunen, Verkehrsbetriebe werden sich ebenfalls auf eine Gesellschaft mit einem höheren Anteil Älterer einstellen müssen. 75-Jährige sind noch längst nicht pflegebedürftig, aber gewisse Einschränkungen – in der Mobilität, in der Sensorik, in der Sensibilität – häufen sich. Konzepte der Stadtentwicklung, von der Verkehrsführung bis hin zu Sportstätten und Sportmöglichkeiten für Ältere, die Erreichbarkeit von Arztpraxen, Poststellen und Supermärkten sind zu überdenken. Auch das Planen und Ausstatten von Häusern und Wohnungen wird sich durch den größeren Anteil Älterer mit ihren eigenen Anforderungen wandeln.Veränderungen in der Pflege sind ebenfalls absehbar. Etwa ein Drittel der über 85-Jährigen ist heute pflegebedürftig. Was aber passiert, wenn der Anteil der über 85-Jährigen in der Bevölkerung steigt? Statistisch gesehen würde bei unveränderter Pflegehäufigkeit die Zahl der Pflegebedürftigen mit Leistungsanspruch schon bis zum Jahr 2020 um über ein Drittel, im Jahr 2030 um über die Hälfte steigen. Doch bei derartigen Schätzungen ist Vorsicht geboten: Schon die Älteren von heute sind in einem höheren Alter viel gesünder und kompetenter als es deren Eltern und Großeltern im gleichen Alter waren - und dieser Trend wird sich fortsetzen. Dennoch werden hier Probleme zu lösen sein. Denn heute noch werden etwa 70 Prozent der Pflegebedürftigen in der Familie umsorgt. Doch Familienpflege hat ihre Grenzen, da der Anteil der Jüngeren in der Bevölkerung sinkt, da immer mehr Menschen ohne Kinder bleiben und Familien räumlich immer mehr auseinander reißen. Gravierender noch als in Deutschland werden die Folgen des demografischen Wandels in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu spüren sein. Der Alterungs-Prozess der Bevölkerung läuft dort schneller ab als einst in den Industrie-Nationen: Während es etwa in Frankreich 115 Jahren gedauert hat, bis der Anteil der über 60-Jährigen von sieben auf 14 Prozent angestiegen ist, wird Thailand für die gleiche Entwicklung (die vermutlich 2031 abgeschlossen sein wird) nur 20 Jahre brauchen.


Alterungsprozesse in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern

In Schwellen- und Entwicklungsländern findet der Alterungsprozess später statt als in Industrieländern, dafür aber zeitlich komprimiert.


Im Jahr 2050 werden rund 80 Prozent der über 60-Jährigen in den heutigen Entwicklungslän-dern leben. Viele der Älteren haben nie Lesen und Schreiben gelernt. Sie haben kaum eine Chance, einen lukrativen Job zu bekommen, über den eine private Altersvorsorge zu finanzie-ren wäre. Die meisten Entwicklungsländer beginnen erst jetzt, ein Sozial- und Rentensystem aufzubauen. Während in den OECD-Ländern 84 Prozent der über 60-Jährigen eine Rente be-ziehen, sind es in Lateinamerika unter 20, in Südostasien weniger als zehn und im subsaharischen Afrika keine fünf Prozent. Diese wenigen haben meist in ihrem Berufsleben gut verdient und leben überwiegend in Städten. Älteren Menschen in ländlichen Regionen, die in der Landwirtschaft meist nur unregelmäßige Einkommen erzielen, droht das Altwerden ohne ausreichende Versorgung.
 
Hinzu kommt, dass traditionelle, familiäre Netzwerke, in denen Ältere früher Fürsorge erwar-ten konnten, zunehmend auseinander brechen. Zum einen weil weniger Kinder geboren wer-den. Und zum anderen weil Kinder und Enkelkinder auf dem Lande immer seltener Arbeit finden und deshalb in die großen Städte ziehen. Besonderes betroffen sind Witwen, die aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen am Ende ihres Daseins häufig alleine dastehen.

Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Literatur / Links

 

Deutscher Bundestag (Hrsg.) 2002: Enquete-Kommission Demografischer Wandel; Berlin
 
Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.) 2012: Jahresbericht 2011; Berlin

International Labour Organization (Hrsg.) 2011: World Social Security Report 2010/1; Geneva

Lehr, Ursula (2003) Psychologie des Alterns; (1. Aufl. 1972), 10. überarb. Aufl., Wiesbaden
 
Myers, G.C. (1995): Demography in: Maddox, G.L., The encyclopedia of aging (2nd Ed.), S.260-264; New York
 
Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. Ergebnisse der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.

Statistisches Bundesamt (Destatis) und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg. u.a.) (2011): Datenreport 2011; Bonn

Statistisches Bundesamt (2011): Generationensterbetafeln für Deutschland. Modellrechnun-gen für die Geburtsjahrgänge 1896-2009. Wiesbaden.

Statistisches Bundesamt (2012): Periodensterbetafeln für Deutschland. Früheres Bundesge-biet, neue Länder sowie die Bundesländer. Wiesbaden.

United Nations and HelpAge International (Hrsg.) 2012:Ageing in the twenty-first century; New York
United Nations (Hrsg.) 2010: World Population Ageing. New York

 


Artikel von Oktober 2007, aktualisiert durch Mitarbeiter des Berlin-Instituts im Februar 2013

 

Nachdruck und Weiterverwendung des Artikels unter Angabe der Quelle erlaubt. Um Zusendung eines Belegexemplars wird gebeten.

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