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Von Margret Karsch und Rainer Münz

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2011 wider.

Wie Bevölkerungsentwicklungen das Wirtschaftswachstum beeinflussen können

Nicht nur die Größe und das Wachstum beziehungsweise das Schrumpfen einer Bevölkerung beeinflussen die Entwicklung eines Landes, sondern auch ihre Altersstruktur: Da das individuelle ökonomische Verhalten in den unterschiedlichen Altersgruppen variiert, können Veränderungen der Alterstruktur erheblichen Einfluss auf die nationale Wirtschaftsleistung ausüben. 

Staaten mit einem hohen Anteil an jungen oder alten wirtschaftlich Abhängigen, etwa Kindern und Senioren, widmen diesen Gruppen in der Regel einen relativ großen Anteil ihrer Ressourcen. Das hemmt oft die Wirtschaftskraft des Landes. Staaten hingegen, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung in einem Alter steht, in dem sie arbeitet und spart, profitieren aufgrund stärkerer Kapitalbildung und niedrigerer Kosten für wirtschaftlich abhängige Altersgruppen von einem sprunghaften Anstieg des nationalen Einkommens. Dieses Phänomen ist als "demografische Dividende" bekannt. Der kombinierte Effekt dieser "Dividende" und politischer Maßnahmen kann Wirtschaftswachstum fördern.

 

Arme Länder wie Bangladesch profitieren von der Familienplanung

 

Bangladesch, der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, gilt als eines der ärmsten Länder der Erde. Am Golf von Bengalen leben rund 147 Millionen Menschen auf einem Gebiet, das nur halb so groß ist wie die alte Bundesrepublik. Armut und Übervölkerung bedingen sich gegenseitig, und es scheint beinahe unmöglich zu sein, aus der "Armutsschleife" (Jeffrey Sachs) auszubrechen.

Zahlen zur Bevölkerung Bangladeschs

Gesamtbevölkerung 2011

150,7 Millionen

Natürliche Wachstumsrate

1,5 Prozent

Bevölkerungsprojektion 2025

183,2 Millionen

Bevölkerungsprojektion 2050

226,3 Millionen

Gesamtfertilitätsrate

3 Kinder pro Frau

Anteil der Bevölkerung
unter 15 Jahre


31 Prozent

Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre

5 Prozent

Anteil der Bevölkerung, der von weniger als 2 US-Dollar pro Tag lebt (2000/2009)


81 Prozent

Quelle: DSW-Datenreport 2011

 

Dennoch weist Bangladesch seit vielen Jahren eine positive ökonomische Entwicklung auf. Die Wirtschaft des Landes wächst seit fast 25 Jahren im Mittel um jährlich vier bis fünf Prozent. Gleichzeitig ging in diesem Zeitraum die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von sechs auf 2,4 drei Kinder im Jahr 2011 zurück. Zwischen diesen Entwicklungen gibt es einen Zusammenhang: Sinken die Geburtenraten in einer zuvor sehr kinderreichen Gesellschaft, so entsteht ein "demografischer Bonus": In den darauf folgenden Jahrzehnten wächst der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung. Der produktive Teil der Bevölkerung muss dann deutlich weniger wirtschaftlich Abhängige wie Kinder und alte Menschen mit versorgen. Die Bürger können mehr konsumieren, sparen und investieren. Weil Eltern mehr Geld für Ernährung und Ausbildung ihres Nachwuchses aufbringen, eröffnen sich den Kindern neue Chancen. Daraus resultiert ein sich selbst beschleunigender Prozess der wirtschaftlichen Belebung.

Wissenschaftler beschreiben diese Entwicklung als "demografische Dividende". Die asiatischen Tigerstaaten Taiwan, Südkorea, Malaysia, Thailand und Indonesien sind Beispiele für Länder, die eine solche "demografische Dividende" eingefahren haben: In diesen Ländern waren lange hohe Kinderzahlen und eine hohe Sterblichkeit in allen Altersklassen verbreitet. Sinkende Kinderzahlen führten dazu, dass mehr Mittel in die Bildung der Jugendlichen und den Aufbau von Arbeitsplätzen investiert werden konnten. Seit den 70er Jahren wächst die Bevölkerung im produktiven Alter viermal so schnell wie die der wirtschaftlich Abhängigen. Diese Nationen verzeichneten zwischen 1965 und 1990 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich mehr als sechs Prozent. Ein Viertel bis zwei Fünftel davon gehen auf das Konto der "demografischen Dividende", wie Wissenschaftler des US-amerikanischen Forschungsinstituts "Rand" ermittelt haben. Möglich wurde dies vor allem, weil die Regierungen in Gesundheit, Bildung und Familienplanung investiert hatten. Bangladesch unterstützt seit Staatsgründung im Jahr 1972 Programme zur Geburtenkontrolle. Ebenso wie Bangladesch haben diese Länder den demografischen Bonus genutzt.

Entwicklung von Bevölkerungswachstum und Bruttonationaleinkommen 1981 bis 2010

Das Beispiel Bangladesch zeigt einen Zusammenhang zwischen verlangsamten Bevölkerungswachstum und Anstieg des Bruttonationaleinkommens (BNP): Je langsamer dort die Bevölkerung gewachsen ist, desto mehr ist das BNP gestiegen. In Thailand und Südkorea fiel der Effekt wegen der asiatischen Finanzkrise nicht ganz so deutlich aus (Quelle: World Bank 2011; für den Zeitraum 1981 bis 1990 liegen die Daten des Bruttonationaleinkommens jeweils nur von 1982 bis 1990 vor).

Chancen der demografischen Dividende


  1. Gut ausgebildete Arbeitskräfte (wenn die Ausbildung vor der demografischen Transition abgeschlossen wird) dienen der Gesamtwirtschaft eines Landes. Sie können für den Fall, dass ihre Arbeitskraft ausfällt, vorsorgen und Ersparnisse investieren.

  2. Sinkende Kinderzahlen pro Frau bedeuten für die Mütter eine geringere gesundheitliche Belastung sowie die Möglichkeit, außerhalb des Hauses einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das fördert ihren sozialen Status und ihre Unabhängigkeit. Weniger Kinder stellen außerdem eine geringere ökonomische Belastung für die Familie dar. Für die Kinder bringt die niedrigere Geschwisterzahl den Vorteil mit sich, dass die einzelnen eine bessere Versorgung und Ausbildung erhalten und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Gefährdung der demografischen Dividende

Für die demografische Dividende gibt es allerdings keine Garantie: Denn die Grundbedingung für den Aufschwung sind Arbeitsplätze. Hierfür muss der Staat die Voraussetzungen schaffen - vor allem in Form von Bildung, einem flächendeckenden Gesundheitssystemen, freiem Handel und stabile rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Zudem währt die Möglichkeit, die demografische Dividende einzufahren, nur für eine begrenzte Zeit - so lange, bis sich die Altersstruktur erneut verändert, und die älteren Alterskohorten gegenüber den Jüngeren an Gewicht zunehmen. Kenia etwa hatte zwar Mitte der achtziger und auch noch zu Beginn der neunziger Jahre ebenfalls einen Rückgang der Kinderzahlen zu verzeichnen, hat es jedoch ver-säumt, das Zeitfenster durch Investitionen zu nutzen, so dass die Bevölkerungszahlen und die Rate der Abhängigen wieder stiegen.

Bangladesch steht erst am Anfang dieser Entwicklung und hat dabei mit spezifischen Problemen zu kämpfen: Zwei Drittel der Bangladeschi arbeiten nach wie vor in der Landwirtschaft, die den Zuwachs der Arbeitskräfte von jährlich 1,9 Prozent nicht aufnehmen kann. Nahezu 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung gelten als arbeitslos oder unterbeschäftigt. Obendrein stoßen wirtschaftliche Reformen durch Korruption, Vetternwirtschaft und ineffiziente Verwaltung immer wieder an ihre Grenzen. Bangladesch steht somit an einem entscheidenden Punkt seiner Entwicklung: Die Chance für einen Aufschwung bietet sich nur einmal für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Jahrzehnten. In dieser Phase muss der Überschuss an Arbeitskräften auch Arbeit finden. Sonst droht heute ein Heer von Arbeitslosen und in der nächsten Generation eine Schar von mittellosen Alten.

Literatur / Links

 

Asian Development Bank (2003): Asian Development Review Volume 20, 2003, No 2, http://www.nber.org/papers/w10817. Manila.

Asian Development Bank (2003): Key Indicators of Developing Asian and Pacific Countries.

Bell, C. / Gersbach, H. (2006): Economic growths, education and Aids in Kenya Model: A Long-run Analysis. http://ideas.repec.org/p/wbk/wbrwps/4025.html.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011): Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin. www.berlin-institut.org.

Bloom, David / Canning, David (2004): Population, Poverty reduction, and the Cairo Agenda. egypt.unfpa.org/pdfs/Population_development/PDs_main_page/reducingpoverty_mdg.pdf.

Bloom, D. / Canning, D. (2005): Global Demographic Change: Dimensions and Economic Significance. www.nber.org/papers/w10817.

Bloom, David / Canning, David / Malaney, P. (2000): Demographic Change and Economic Growth in Asia. In: population and development report 26 (Suppl.): 257-290.

Bloom, David / Canning, David / Sevilla, Jaypee (2003): The Demographic Dividend: A New Perspective on the Economic Consequences of Population Change, RAND, Santa Monica.

Mason, A. / Lee, S. H. (2004): The Demographic Dividend and Poverty Reduction. Seminar on the Relevance of Population Aspects or the Achievement of the Millennium Development Goals, Paper No. UN/POP/PD/2004/19, New York, NY, November 17-19, 2004.

Ross, John (2004): Understanding the Demographic Dividend. Washington. www.policyproject.com/pubs/generalreport/Demo_Div.pdf.

Sachs, Jeffrey (2005): The End of Poverty. Economic Possibilities for Our Time. New York.

Stiftung Weltbevölkerung (2011): Datenreport 2011. Soziale und demographische Daten weltweit. Hannover. www.weltbevoelkerung.de.

http://www.adb.org/Documents/Books/Key_Indicators/2002/theme_paper.pdf

UNFPA (2007): State of the World Population 2007. New York.

Worldbank: Countries & Regions, www.worldbank.org.

 

Stand: September 2011

Artikel als PDF

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