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Von Jürgen Bähr

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2007 wider.

Die ersten städtischen Siedlungen entstanden vor mehr als fünftausend Jahren im Vorderen Orient (Mesopotamien, Ägypten). Sie unterschieden sich von dorfbäuerlichen Niederlassungen durch ihre differenziertere Bebauung und eine vergleichsweise größere Bedeutung handwerklicher und künstlerischer Aktivitäten sowie von Handel und Dienstleistungen. Etwas später setzte die städtische Entwicklung auch im Indusgebiet, im mediterranen Europa sowie in China ein und nochmals gut tausend Jahre danach in der Neuen Welt. Die damaligen Städte waren nicht sehr groß und zählten selten mehr als 5.000 bis 10.000 Einwohner. In der frühen Phase der Stadtentwicklung lebte also der weit überwiegende Teil der Bevölkerung nach wie vor auf dem Lande und ging einer landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Noch um 1800 betrug der Anteil der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung der Erde lediglich drei Prozent. Lübeck zählte zur Zeit seiner größten Blüte als Zentrum der Hanse im 13. Jahrhundert nur etwa 10.000 Einwohner; Köln als die führende Stadt des westlichen Deutschlands war um die gleiche Zeit mit ca. 15.000 Einwohnern nicht wesentlich größer.

Ausgehend vom nordwestlichen Europa erfuhr der Verstädterungsprozess seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine erhebliche Beschleunigung. Die sich ausbreitende Industrialisierung und damit verbundene massive Land-Stadt-Wanderungen ließen die Einwohnerzahlen der Städte rasch ansteigen und führten auch zur Neugründung von Städten.

Entwicklung der Verstädterungsquote einzelner Länder

Die Zunahme der Verstädterungsquote im zeitlichen Verlauf lässt sich idealtypisch durch eine S-förmige Kurve charakterisieren. England/Wales bildet ein Musterbeispiel für diesen Ablauf (Bähr 2004).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm der Anteil der städtischen Bevölkerung in England/Wales nur recht langsam zu, um nach 1825 sehr schnell auf über 50 Prozent anzusteigen. In den folgenden Jahrzehnten machten sich erste Anzeichen einer Trendwende bemerkbar, und nach 1900 erhöhte sich der Prozentsatz nicht mehr wesentlich. In anderen hochentwickelten Ländern setzte die Stagnationsphase erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Die meisten Staaten der Dritten Welt stehen sogar noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. Ihre Verstädterungsquote entspricht mit gut 40 Prozent erst derjenigen der Industriestaaten im Jahre 1925.

Für weltweite Vergleiche des Urbanisierungsprozesses sind demografische Indikatoren besonders geeignet. Diese lassen zwar qualitative Aspekte weitgehend außer Betracht, haben aber den Vorteil, dass sie für alle Staaten der Erde, zumindest als Schätzwerte vorliegen. Demografische Verstädterung beinhaltet sowohl eine Zustandsbeschreibung als auch einen Prozess. Verstädterung als demografischer Zustand wird gewöhnlich anhand der Verstädterungsquote gemessen. Im Jahre 2005 lebten 3,15 Milliarden Menschen in Städten. Das sind 49 Prozent der Weltbevölkerung; nach UN-Schätzungen dürfte die 50 Prozent-Schwelle etwa im Jahre 2008 überschritten werden, und im Jahre 2015 wird die Verstädterungsquote voraussichtlich 53 Prozent, im Jahre 2030 60 Prozent betragen. Die Spannweite zwischen den einzelnen Länderwerten ist allerdings erheblich.

Verstädterungsgrad in den Staaten der Erde 2003

Während die Industriestaaten ebenso wie die lateinamerikanischen Entwicklungsländer einen hohen Grad von Verstädterung aufweisen, gibt es in Afrika und Asien viele kaum verstädterte Großräume (eigene Darstellung nach UN 2004).

Das eine Extrem bilden Staaten, wie Großbritannien, Belgien, Deutschland, Australien, aber auch Venezuela, Chile oder Uruguay, in denen mehr als 80 Prozent, teilweise sogar mehr als 90 Prozent der Bewohner in städtischen Siedlungen leben; das andere Extrem sind einzelne asiatische und afrikanische Länder mit einer Verstädterungsquote von 20 Prozent und weniger (z. B. Burkina Faso, Eritrea, Äthiopien, Uganda, Bhutan, Nepal). Zwar gibt es nach wie vor einen Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern (74 Prozent gegenüber 43 Prozent), dieser wird jedoch von bedeutsamen Unterschieden innerhalb der Dritten Welt überlagert. Hier stehen sich das hochverstädterte Lateinamerika (77 Prozent) und die noch kaum verstädterten Großräume Afrika (38 Prozent) und Asien (40 Prozent) gegenüber. Schon zur Kolonialzeit war Lateinamerika ein "städtischer Kontinent": Spanier und Portugiesen sind nicht als Kolonisten in die Neue Welt gekommen, sondern als Eroberer. Städte dienten ihnen zur Absicherung ihrer politischen Macht und zur Abwicklung des Handels mit den Mutterländern.

Die noch vergleichsweise geringe Verstädterungsquote der Entwicklungsländer darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass mittlerweile zwei von drei Stadtbewohnern auf der Erde (2,25 von 3,15 Mrd.) in der Dritten Welt leben. Nach Schätzungen der UN wird sich der Anteil der weniger entwickelten Staaten an der städtischen Bevölkerung der Erde bis 2015 auf ca. 75 Prozent erhöhen. Hinzukommt, dass die Dynamik des Verstädterungsprozesses gerade in den Ländern des "Südens" sehr groß ist. Eine Gegenüberstellung der jährlichen Zuwachsraten der städtischen Bevölkerung in Industrie- und Entwicklungsländern belegt, dass die Zahl der Stadtbewohner nicht in den Industrieländern mit ihrer hohen Verstädterungsquote, sondern in den Entwicklungsländern, namentlich in Afrika und Asien, besonders rasch ansteigt.

Der Durchschnitt der jährlichen Zuwachsraten für die Staaten der Dritten Welt beträgt 2,7 Prozent pro Jahr und nicht selten mehr als 5 Prozent (2000 bis 2005), was einer Verdopplungszeit - bei auch in Zukunft konstanten Werten - von nur 14 Jahren entspricht. Beispiele für solche Länder sind: Eritrea mit 6,0 Prozent, Burkina Faso mit 5,2 Prozent, Nepal mit 5,3 Prozent. In den meisten Industrieländern nimmt hingegen die städtische Bevölkerung nur noch langsam zu oder geht sogar zurück (durchschnittliche Wachstumsrate 0,5 Prozent/Jahr). Kennzeichnend ist hier eher eine Verlagerung von Bevölkerung aus der Stadt in ihren administrativen Grenzen in das Umland. Eine solche Suburbanisierung setzte vereinzelt bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein, als wohlhabende Familien aus der Innenstadt an den Stadtrand zogen, sie wurde in den USA aufgrund der frühen Motorisierung seit den 1920er Jahren zu einem Massenphänomen, während sie sich beispielsweise in Deutschland erst seit den 1960er Jahren stark beschleunigte. Heute greift dieser Prozess teilweise über die sog. suburbane Zone hinaus. Deshalb wird auch von Exurbanisierung oder Periurbanisierung gesprochen. Parallel, zum Teil aber auch phasenverschoben dazu vollzog sich eine Verlagerung von Produktion und Dienstleistungen, wiederum am ausgeprägtesten in den USA, wo weit außerhalb der Kernstadt im sub- oder exurbanen Raum sogenannte "Edge-Cities" entstanden sind, die häufig eine größere wirtschaftliche Bedeutung erlangen konnten als die traditionelle City.

Zwar erfolgt auch in den Entwicklungsländern eine bedeutende flächenhafte Expansion städtischer Siedlungen, wobei die administrative Stadtgrenze ebenfalls überschritten wird. Hier wird der Urban Sprawl jedoch weniger von einer weitläufigen Einfamilienhausbebauung bestimmt, sondern von der raschen Ausdehnung randstädtischer Hüttenviertel. Diese können sowohl auf Landbesetzungen oder nicht genehmigte Parzellierungen zurückgehen als auch auf staatliche Programme des sog. sozialen Wohnungsbaus, bei denen neben der Parzelle allenfalls eine Basisinfrastruktur (Site-and-Service) zur Verfügung gestellt wird. Häufig findet im Laufe der Zeit ein stufenweise, teilweise von behördlicher Seite im Rahmen von Selbsthilfeprojekten unterstützter Ausbau der Hüttensiedlungen statt (Anbauten, Aufstockungen, Verbesserung der Bausubstanz), ihre Ausstattung mit Arbeitsplätzen und Versorgungseinrichtungen bleibt in der Regel jedoch defizitär. Trotz des enormen Flächenwachstums hält in vielen Metropolen des Südens der innerstädtische Verdichtungsprozess an. So übertrifft die Bevölke­rungsdichte von Bombay City diejenige von Central London um etwa das sechsfache, verbunden mit einem unvorstellbaren Grad an Verkehrsbelastung und Luftverschmutzung sowie teilweise slumartigen Wohnbedingungen.

Die demographische Verstädterung konzentriert sich immer mehr auf die großen städtischen Agglo­merationen mit mehr als einer Million Einwohner (Metropolen). Lag der weltweite Metropolisierungsgrad 1950 noch bei 7 Prozent, so leben heute (2005) bereits 38 Prozent der städtischen Bevölkerung in Millionenstädten und 9 Prozent in städtischen Agglomerationen mit mehr als 10 Million Einwohner (Megastädte). Dabei hat sich der ansonsten so typische Kontrast zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vollständig verwischt. Einen hohen Metropolisierungsgrad weisen sowohl einzelne Industriestaaten auf (Australien 69,4 Prozent, Portugal 67,3 Prozent, Griechenland 61,5 Prozent), insbesondere jedoch zahlreiche Staaten der Dritten Welt (Puerto Rico 67,5 Prozent, Libyen 64,6 Prozent, Haiti 64,4 Prozent, Südkorea 63,3 Prozent, Mongolei 57,5 Prozent, Libanon 54,3 Prozent, Panama 53,1 Prozent). Der weltweite Metropolisierungsgrad nimmt nicht allein deshalb so schnell zu, weil einzelne Millionenstädte außergewöhnlich hohe Wachstumsraten zeigen (z. B. Daressalam, Nairobi, Lagos, Kabul), sondern vor allem auch, weil immer mehr Städte in die Kategorie der Metropolen hineinwachsen. Während es um 1900 weltweit erst 13 Millionenstädte gab, waren es im Jahre 2005 insgesamt 414. Im Jahre 2015 werden sich wahrscheinlich 21 Prozent der Weltbevölkerung auf Millionenstädte konzentrieren, wobei die überwiegende Mehrzahl der Metropolen auf Entwicklungsländer entfallen wird. Schon heute liegen hier 73 Prozent aller Millionenstädte der Erde.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Entwicklung und räumliche Verteilung von Städten mit mehr als 10 Mio. Ew. analysiert. Gab es 1960 weltweit erst zwei Megastädte (New York, Tokyo), so ist ihre Zahl bis 2005 auf 20 gestiegen. Nach wie vor zählen Tokyo und New York dazu, außerdem aus den Industrie­staa­ten noch Osaka und Moskau; alle übrigen Städte liegen aber in der Dritten Welt.

Literatur / Links

 

Bähr, J. (1997): Bevölkerungsgeographie. Verteilung und Dynamik der Bevölkerung in globaler, nationaler und regionaler Sicht. UTB 1249. 3. Aufl. Stuttgart.

Bronger, D. (1997): Wachstum der Megastädte im 20. Jahrhundert. Petermanns Geogr. Mitteilungen 141, S. 221-224.

Fassmann, Heinz (1999): Eurometropolen - Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Geographische Rundschau 10, S. 518-522.

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Heineberg, H. (2000): Grundriss Allgemeine Geographie: Stadtgeographie. UTB 2166. Paderborn u. a.

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Stand: Oktober 2007

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