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Von Sabine Sütterlin

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2009 wider.

Große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Überall in Europa hätten die Menschen gern mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen. Die Deutschen hatten noch vor kurzem ein sehr geringes Bedürfnis, sich fortzupflanzen: Nur 1,7 Kinder wünschten sie sich durchschnittlich im Jahre 2001. Inzwischen liegt ihre Idealvorstellung gemäß Eurobarometer 2006 bei 2,1 Kindern, während die tatsächliche Geburtenziffer in diesem Zeitraum zwischen 1,33 und 1,38 Kinder je Frau pendelte. Eine so große Veränderung der Wunschkinderzahl hat es in keinem anderen der 15 "alten" EU-Länder gegeben (Eurostat 2006).

In Deutschland bleiben europaweit die meisten Frauen ohne Nachwuchs: 22 Prozent der Frauen mit Geburtsjahrgang 1955, die mithin ihre fruchtbaren Jahre hinter sich haben, sind kinderlos. 23 Prozent der Männer hierzulande und immerhin 15 Prozent der Frauen entscheiden sich bewusst gegen eine Familie.

Das ergab eine international vergleichende Bevölkerungsbefragung im Jahre 2005 (Generations and Gender Survey). Die Befragung lieferte auch einige Aufschlüsse, warum der Kinderwunsch in Deutschland so auffällig gering ausgeprägt ist. Rund die Hälfte der Befragten 20- bis 49-Jährigen, Männer wie Frauen, hielt ein erfülltes Leben auch ohne Kinder für denkbar. Dabei lag der Wert für Kinderlose sogar bei 55 Prozent, was weniger überrascht als der Befund, dass er bei jenen, die bereits Eltern waren, mit 42 Prozent immer noch sehr hoch ausfiel. Kinder sind nur ein Wert unter vielen, die Sinn stiften, Zufriedenheit und Glück schaffen. Und Familien hatten hierzulande lange Jahre ein schlechtes Image.

Das ist nicht nur ein Wahrnehmungsproblem, es hat auch handfeste materielle Gründe: Die überwiegende Mehrheit der Kinderlosen gab in der Befragung an, Kinder bedeuteten eine hohe finanzielle Belastung, verschlechterten die beruflichen Chancen vor allem der Frauen und schränkten überdies den eigenen Freiraum ein.

Viele Kinderwünsche bleiben unerfüllt

 

Gleichzeitig herrschen häufig hochgesteckte Erwartungen: Eine stabile Partnerschaft und ein sicherer Arbeitsplatz gelten verbreitet auch bei Menschen, die sich Kinder wünschen, als Mindestvoraussetzungen für eine Familiengründung. Einer Befragung zufolge, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Herbst 2006 vorgenommen hat, hegt zwar über die Hälfte der kinderlosen Erwachsenen zwischen 25 und 59 Jahren den Wunsch nach Kindern (oder hegte ihn früher), von diesen wiederum gibt jedoch fast die Hälfte an, der "richtige" Partner fehle oder habe gefehlt. Jeweils rund ein Viertel der Kinderlosen mit aktuellem Kinderwunsch nannte berufliche oder finanzielle Gründe, während 13 Prozent angaben, es habe nicht geklappt mit dem Schwangerwerden. Auch bei Eltern, die ihre Familie vergrößern wollen, bleibt der zusätzliche Kinderwunsch aus finanziellen (35 Prozent) oder beruflichen (18 Prozent) Gründen zumindest vorläufig unerfüllt, während 19 Prozent angeben, der Partner möchte kein weiteres Kind.

In Deutschland liegen also die Hürden für eine Familiengründung hoch - auch für jene, die eigentlich gerne Nachwuchs hätten oder die bestehende Schar erweitern möchten. Sie versagen sich diesen Wunsch ganz, oder schieben ihn auf – bis es möglicherweise zu spät ist, weil mit steigendem Alter die Fruchtbarkeit sinkt. Nach der Befragung des Berlin-Instituts können oder konnten sich insgesamt 12,8 Millionen 25- bis 59-Jährige ihren Kinderwunsch nicht erfüllen, aus welchen Gründen auch immer, darunter rund zwei Millionen, bei denen es trotz "Probierens" mit dem Schwangerwerden nicht geklappt hat.

Um den verbleibenden fast elf Millionen die Entscheidung für Kinder zu erleichtern, werden seit längerem familienpolitische Maßnahmen angemahnt – und in jüngster Zeit auch umgesetzt: Die Einführung des Elterngeldes ist nur ein Beispiel. Noch immer leiden jedoch Familien unter einer zu hohen Steuerbelastung, und die Betreuung von Kindern unter drei Jahren ist nicht flächendeckend gewährleistet.

Doch damit familienpolitische Maßnahmen greifen, braucht eine Gesellschaft auch ein Gefühl der Verlässlichkeit. Die französische Politik arbeitet seit fast einem Jahrhundert kontinuierlich daran, unabhängig davon, wer gerade regiert. Sie hat damit ein Klima geschaffen, in dem Kinder zu haben als normal gilt.

In Deutschland hingegen, wo unter anderem das Thema Geburtenförderung historisch negativ besetzt ist, streiten sich die Parteien bis heute über die richtige Linie. Einer Umfrage aus dem Frühjahr 2007 zufolge halten 80 Prozent der Franzosen ihr Land für kinderfreundlich, während dies nur 25 Prozent der Deutschen von ihrer Heimat denken. Frauen in Deutschland fühlen sich eher gedrängt, ihre Berufstätigkeit aufzugeben und die Kinder selbst zu betreuen, da sie sonst als "Rabenmütter" gelten – ein Begriff, für den es im Französischen keine Entsprechung gibt. Selbst wenn in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen ist, wird es lange dauern, bis sich in den Köpfen potenzieller Eltern der Eindruck verfestigt, sie würden nicht allein gelassen, wenn sie eine Familie gründen.

 

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