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von Trutz v. Trotha

 

Zusammen mit den USA ist Frankreich gegenwärtig das einzige Land unter den postindustriellen Gesellschaften, das eine zusammengefasste Geburtenziffer auf dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1, also die 'magische Zahl' der Demografen, erreicht hat und in den nächsten Jahrzehnten zum bevölkerungsreichsten und damit voraussichtlich wirtschaftlich dynamischsten Land der EU aufsteigen wird.

Was macht Frankreich so exzeptionell? Zweifellos, weil Frankreich seit längerer Zeit all die Einrichtungen besitzt, die der wohlfahrtsstaatliche Diskurs einfordert, und die darauf gerichtet sind, Eltern-, sprich, Mutterrolle und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Aber anders als die deutsche Debatte unterstellt, ist dieses institutionelle Instrumentarium selbst wiederum nur der Ausdruck eines Zusammenhangs, welcher der Schlüssel für die demografische Entwicklung ist: eine starke Familienkultur, die jedoch anders als in Deutschland weniger kindzentriert ist. Das demografische Problem ist das Problem einer Familienkultur, die eine neue Balance zwischen Kindzentrierung und Kinddezentrierung herstellen muss.

Die Geschichte der bürgerlichen Familie ist die Geschichte vom Aufstieg der kindzentrierten Familie. Im so genannten 'Ganzen Haus' der vor- und frühneuzeitlichen Welt standen Haus, Hof, die Abfolge der Generationen, die Dauerhaftigkeit des väterlichen Namens, die Sicherung des Lebensunterhalts und der Schutz der Familie und manches Verwandten im Mittelpunkt des Lebens der Familie. Die Entwicklung der bürgerlichen Familie und erst recht die der nachbürgerlichen Familie machen mit diesen Verhältnissen Schluss. Die Familie wird 'kindzentriert', wobei dies in Deutschland in einer historisch einzigartigen Radikalität geschieht, die unter anderem der Romantik zu verdanken ist. Sie stellt die Familie unter einen Ordnungs- und Vollkommenheitsanspruch, der sich an das Kind und vor allem anderen an die Eltern richtet. Die moderne abendländische Geschichte der Kindheit ist die Geschichte eines kindzentrierten Perfektionsanspruchs – und eines pädagogischen und psychologischen Zollstocks, der für alle erzieherischen, psychologischen und medizinischen Berufe zur Bonanza geworden ist.

Die Kindzentrierung der bürgerlichen und postbürgerlichen Familie hat viele Erscheinungsformen. Dazu gehört z. B. die Verringerung der Kinderzahl auf das Geschwisterpaar, das heute die Wirklichkeit des Aufwachsens von zwei Dritteln aller Kinder in Deutschland bestimmt. Zu nennen sind ebenfalls die Entstehung einer eigenständigen Kinderwelt, die Verschulung der Familie, mit der in wachsendem Maße die Eltern als Hilfslehrer der Schullehrerinnen und -lehrer begriffen werden, oder die Veränderung der elterlichen Erziehungspraktiken. Vor allem anderen gehört die historisch einzigartige Emotionalisierung der Eltern-Kind-Beziehung dazu, die mit dem historisch bemerkenswerten Abbau von Herrschaft und Autorität in der Eltern-Kind-Beziehung verbunden ist. In der Familienpolitik hat die Kindzentrierung in den letzten dreißig Jahren zu einer Familienmitgliederpolitik geführt, welche die Familie als Institution und die Familienkultur schwächt und um so mehr die Individualisierung ihrer Mitglieder stützt und vorantreibt. Besonders macht die Kindzentrierung in den Problemen der zeitgenössischen Familie auf sich aufmerksam. Unter den vielfältigen Problemen sind die vermutlich wichtigsten die Überforderung des Kindes und der Mutter, zu der sich nun noch die Überforderung des Vaters gesellt. Demografisch am folgenreichsten ist die Kindzentrierung jedoch dadurch geworden, dass sie in ihrem Schoß eine gegenläufige Entwicklung geboren hat, die Kinddezentrierung, für welche die kinderlosen ausbildungs- und mobilitätsbewussten Akademiker – mit den Journalistinnen und Journalisten an erster Stelle – beispielhaft sind.

Frankreich, in dem Familie und Verwandtschaft im sozialen Leben wesentlich mehr Gewicht als in Deutschland haben, hat die zugespitzte bürgerliche und postbürgerliche Kindzentrierung nicht mitgemacht und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kindzentrierung und Kinddezentrierung gefunden. Das ist sogar messbar. Die Erwerbstätigkeit von Müttern mit einem Kind unter drei Jahren ist mit 80 Prozent in Frankreich deutlich höher als in Deutschland. Sie sinkt erst bei der Geburt des dritten Kindes auf 56 Prozent, eine Zahl, welche in etwa auf dem Niveau deutscher Mütter liegt – und anders als die deutsche hält die Mehrheit der französischen Mütter nichts von Teilzeitarbeit.

Interessante qualitative Hinweise finden sich in einer explorativen Studie der Historikerin und Politikwissenschaftlerin Christiane Dienel. Dienel vergleicht deutsche und französische Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Zwei ihrer Untersuchungsfelder sind die Stile des Gebärens und die Gesprächsthemen von jungen Müttern. Das Ergebnis der Studie ist: Französische Mütter sind erkennbar weniger kindzentriert. Das zeigt sich z.B. am Umgang mit der Geburt. Obwohl es ein Franzose, Frédéric Leboyer, war, der den ‚natürlichen’ Stil der Geburt propagierte, wurde dieser Stil in Deutschland und nicht in Frankreich zum Vorbild. Französinnen hielten am Wunsch nach größtmöglicher Risikoabsicherung und Schmerzvermeidung und an ihrem großen Vertrauen in medizinische Verfahren fest. Die geringere Kindzentrierung setzt sich im Umgang mit dem Stillen des Babys fort. Deutsche Mütter stillen ihre Neugeborenen deutlich häufiger und länger als überall sonst in Europa und vor allem im Vergleich zu Frankreich. Das Beispiel des Stillens ist besonders interessant, weil es die historische Tiefendimension familienkultureller Ordnungen vor Augen führt. Französische Mütter und besonders diejenigen aus den Oberschichten wussten noch nie viel mit dem Stillen von Kindern anzufangen. Im 18. Jahrhundert empfanden Frauen wie Männer das Stillen geradezu als "lächerlich" und "ekelhaft". Heute begegnen wir einer konsumgesellschaftlichen und milderen Variante dieses ästhetischen Urteils. Nach der Geburt eines Kindes schenken französische Mütter der möglichst schnellen Wiederherstellung ihrer körperlichen Attraktivität große Aufmerksamkeit. Anders als deutsche empfehlen französische Mütter ebenfalls, vor rigideren Tagesrhythmen für ihre Kinder nicht zurückzuschrecken, und geben dabei den Rat, Babies zugunsten eines festen Schlafrhythmus' auch einmal schreien zu lassen – ein Ratschlag, den zu befolgen für deutsche Müttern oft unvorstellbar ist. Deutsche Frauen fürchten häufig auch, symbolträchtige Augenblicke wie den ersten Schritt oder das erste Wort des Kindes zu verpassen. Darüber hinaus ist rationales Abwägen zwischen den Bedürfnissen der Mutter und des Kindes in Frankreich eher möglich. Rationales Abwägen ist in der deutschen Familienkultur eine Sache, bevor die Kinder geboren sind – mit der Folge, dass die Kinder erst gar nicht oder in fortgeschrittenerem Alter der Mütter geboren werden.

Die deutsche Familienkultur ist von zwei gegenläufigen Prozessen der Kindzentrierung und Kinddezentrierung bestimmt. Sie führen dazu, dass sich deutliche Differenzierungen im Verhältnis zu Kindern ergeben, deren Pole die Kinderlosen auf der einen und die erwerbslose, kindzentrierte, ‚professionelle’ Mutter’ mit zwei oder mehr Kindern auf der anderen Seite sind. Unsere französischen Nachbarn führen uns buchstäblich vor Augen, dass diese Polarisierung vermieden werden kann. Französische Eltern zeigen, dass unter den Bedingungen der Gegenwart das scheinbare Paradoxon gilt: Ein wenig mehr Kinddezentrierung führt zu mehr Kinderfreundlichkeit.

Literatur / Links

 

Christiane Dienel: Die Mutter und ihr erstes Kind – individuelle und staatliche Arrangements im europäischen Vergleich. In: Zeitschrift für Familienforschung 15, H.2, 2003, S. 120-145.

Trutz von Trotha: Kind und Familie. Von der sozialen und kulturellen Unbeständigkeit der elterlichen Kindesliebe. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 19, H.3, 1999, 227-242.

 

Stand: Januar 2008

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