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Von Klaus Wilhelm

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2007 wider.

Schwarzafrika bleibt der Brennpunkt der weltweiten HIV/Aids-Epidemie. Doch auch in Osteuropa und Asien steigt in vielen Ländern die Zahl der Infizierten.


HIV/Aids hat sich seit seinem Ausbruch in Zentralafrika im Laufe der Zeit über alle Kontinente ausgebreitet. Jüngster Brennpunkt der weltweiten Epidemie sind die Staaten der ehemaligen Sowjetunion im östlichen Europa und in Zentralasien, wo sich die Lage zusehends verschlimmert. Allein im Jahr 2005 infizierten sich dort 270.000 Menschen. Die Zahl der Angesteckten erhöhte sich auf etwa 1,6 Millionen – eine zwanzigfache Zunahme binnen zehn Jahren. 62.000 Menschen starben 2005 an der Krankheit – doppelt so viele wie 2003. Zentrum sind Russland und die Ukraine. Besonders betroffen sind Frauen – vor allem Prostituierte – und Drogenabhängige. Drei Viertel aller Infizierten sind nicht einmal 30 Jahren alt.

Zuwachs der gemeldeten HIV-Fälle in der Russischen Föderation und der Ukraine 1987 bis 2005

Seit Mitte der neunziger Jahre ist die Zahl der in der Ukraine und in der Russischen Föderation gemeldeten HIV-Fälle rapide gewachsen (Quelle: Russian Federal AIDS Centre; Ukrainian AIDS Centre and Ministry of Health of Ukraine).

Afrika südlich der Sahara

 

Auf anhaltend hohem Niveau hält sich die Epidemie in Schwarzafrika. Hier leben 28,4 Millionen – also zwei Drittel - aller weltweit Infizierten, wobei die Situation in den einzelnen Ländern teilweise stark variiert. Zwei Millionen Menschen starben 2005 an der Erkrankung, 2,7 Millionen infizierten sich. Nirgendwo zeigt sich eindrücklicher, dass Aids eine Krankheit ist, die mit dem Elend kommt und dann weichen kann, wenn eine vernünftige Sozial- und Gesundheitspolitik greift. Doch vor allem im südlichen Teil des Kontinents zeichnet sich wenig Hoffnung ab: In Südafrika sind 5,5 Millionen Menschen infiziert – weltweit hat das Virus hier seine höchste Verbreitung.

Schätzung der Anzahl der Personen, die mit HIV infiziert sind und der prozentuale Anteil der Infizierten unter den Erwachsenen-Bevölkerungen global und in Afrika südlich der Sahara 1985 bis 2005

Global hat zwischen 1985 und 2005 sowohl die Zahl der Personen zugenommen, die mit HIV leben, als auch der Prozentsatz der Erwachsenen mit HIV-Prävalenz.
In Afrika südlich der Sahara ist seit 1985 sowohl die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, als auch die Zahl der erwachsenen Infizierten sehr viel schneller gewachsen als weltweit (The 2006 Report On The Global AIDS Epidemic, verfügbar unter http://www.unaids.org/en/HIV_data/2006GlobalReport/default.asp).

Fast 19 Prozent der 15- bis 49-Jährigen trugen in 2005 das Virus im Körper – und fast ein Drittel aller Schwangeren. Auch in Botswana, Namibia und Swaziland hält das hohe Niveau der Neuinfektionen an – in Swaziland liegt die HIV-Prävalenz bei mittlerweile 33,4 Prozent. Neuerdings breitet sich die Epidemie in Mosambik aus, vor allem auf den Fernstraßen nach Malawi, Südafrika und Zimbabwe, wo das Geschäft der Prostitution blüht.

Nordafrika und Naher Osten

 

Im nördlichen Afrika beträgt die offizielle HIV-Prävalenz maximal 0,1 Prozent. Dennoch berichtet UNAIDS über steigende Infektionen in Algerien, Iran, Lybien und Marokko. In 2005 wurden 64.000 Fälle verzeichnet; insgesamt liegt die Zahl der Virusträger in der Region bei 440.000, darunter allein 350.000 im Sudan.

Asien

 

In Asien leben nach jüngsten Schätzungen 8,3 Millionen Infizierte – zwei Drittel davon in einem Land: Indien. 5,2 Millionen Inder haben sich nach dem UNAIDS-Bericht 2006 infiziert – absolut gesehen weltweit die zweithöchste Zahl eines Landes. Mittlerweile ist sogar von 5,7 Millionen Infizierten die Rede – damit hätte Indien Südafrika überholt. Anti-Aids-Gruppen gehen von einer noch höheren Dunkelziffer aus, da viele Menschen ihre Krankheit verschweigen – wegen des damit verbundenen Stigmas.  Das Kernproblem in Indien: Ungeachtet der Maßnahmen der  indischen Regierung diskriminieren lokale Behörden und die Polizei immer wieder HIV-Infizierte, vor allem Homosexuelle, die sogar festgenommen werden.

Der Nachbar China pflegt einen ähnlich rigorosen Stil. Die südliche Wirtschaftsboom-Provinz Guangdong plant zwei Gefängnisse ausschließlich für HIV-Infizierte.  Zwar gehen die Behörden seit der Jahrtausendwende offener mit dem Problem Aids um. Doch die derzeit offiziell gemeldete Zahl von 650.000 Menschen mit HIV - 22 Prozent weniger als in 2003 mit einer Prävalenz von 0,05 Prozent – betrachten vor allem Nichtregierungs-Organisationen skeptisch. In Ihren Augen verschärft sich die Lage, weil sich die Krankheit aus den Risikogruppen heraus  - Drogenabhängige, Prostituierte, kommerzielle Blutspender und Homosexuelle - in die Allgemeinbevölkerung ausbreitet. Gebrauchte Nadeln und ungeschützter Sex prägen auch die Lage in anderen asiatischen Ländern wie etwa Vietnam, wo sich das Virus in alle 59 Provinzen ausgebreitet hat. Auch in Bangladesh und Pakistan registrieren die Behörden HIV-Ausbrüche. In Thailand nahm die Zahl der Neu-Infizierten deutlich ab – dank einer beispielhaften und rigorosen "100-Prozent-Kondom-Kampagne" der Regierung.

 

Karibik und Lateinamerika

 

Der Verlauf der Epidemie in der Karibik variiert. In der Dominikanischen Republik  und in Barbados blieb die Zahl der Neuinfektionen stabil, während sie in städtischen Gebieten von Haiti und den Bahamas abnahm.  Dennoch: Die Karibik ist nach Schwarzafrika die meistbetroffene Region der Welt. Aids ist Todesursache Nummer 1 unter den Erwachsenen zwischen 15 und 44 Jahren und forderte 2005 rund 27.000 Todesopfer. Lateinamerika verzeichnete Ende 2005 rund 1,6 Millionen Infizierte bei 140.000 Neuinfektionen in 2005. Ein Drittel aller HIV-Träger Lateinamerikas kommt aus Brasilien.  Doch in kleinen Staaten wie Belize und Honduras wütet die Epidemie derzeit am schlimmsten – anderthalb Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind angesteckt.


Nordamerika, West-, Mittel- und Nordeuropa

 

In den Industrieländern sanken Mitte der 1990er Jahre die Zahlen der HIV-Neuinfektionen und die Aids-Sterblichkeit. Dies erweckte den Eindruck, das Aids-Problem sei dank Präventionsprogrammen und flächendeckender Einführung der antiretroviralen Medikamente unter Kontrolle. Dennoch leben derzeit in Nordamerika und den Industriestaaten Europas zwei Millionen Menschen mit dem Virus. 65.000 neue Infektionen verzeichnete UNAIDS in 2005. 30.000 Menschen starben im Jahr 2005 an Aids. Allein die Vereinigten Staaten meldeten 1,2 Millionen Infizierte mit einer HIV-Prävalenz von 0,6 Prozent. Auf der einen Seite leben dort aufgrund der antiretroviralen Behandlung viele Infizierte deutlich länger. Auf der anderen Seite erwiesen sich in den USA die Präventionsbemühungen nicht als nachhaltig – gerade unter homosexuellen Männern, die in 2004 die Hälfte aller Neuinfizierten stellten.  Unter den Frauen sind die Infektionswege vor allem ungeschützter Sex und verunreinigte Nadeln beim Drogengebrauch. HIV/Aids wird zunehmend zu einer Krankheit junger und sozial schwacher Menschen. Ähnlich ist die Lage in Westeuropa, wo 720.000 Infizierte registriert sind. Ungeschützter Sex unter homosexuellen Männern bleibt der größte Risikofaktor auch in Deutschland, wo die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen Jahren wieder stieg.  In Deutschland leben 46.500 HIV-Infizierte – davon sind 83 Prozent Männer. 2500 Menschen steckten sich in 2005 neu an. Insgesamt ist die Lage in Deutschland auch im europäischen Vergleich günstig.

Literatur / Links

 

Abstracts and conference newspapers of the XVI International Aids Conference Toronto 2006, verfügbar unter http://www.aids2006.org/

Chris Beyrer and Voravit Suwanvanichkij: ....And in Another, AIDS in Retreat, New York Times, 12. August 20067

Patralekha Chatterjee: AIDS in India:police powers and public health, The Lancet 367, S. 805 (2006)

Erika Check: HIV in Uganda no longer falling, Nature Online, 18. August 2006

Hoffmann / Rockstroh / Kamps: HIV.NET 2006, verfügbar unter www.hiv.net/hiv.net%202006.pdf

Donald G. McNeil, New York Times: New AIDS Pill to Treat People in Poor Countries, 6. Juli 2006

Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin: Stand und Entwicklung der HIV-Epidemie in Deutschland, 25. November 2005

UNAIDS: The 2006 Report On The Global AIDS Epidemic, verfügbar unter
www.unaids.org/en/HIV_data/2006GlobalReport/default.asp

Jim Yong Kim and Paul Farmer: AIDS in 2006 – Moving toward One World, One Hope?, N Engl J Med 355; 7, S. 645 (2006)

The World Banks Global HIV/AIDS Program of Action, Dezember 2005, verfügbar unter http://siteresources.worldbank.org/INTHIVAIDS/Resources/375798-1127498796401/GHAPAFinal.pdf

Jonathan Watts: AIDS in China:new legislation, old doubts, The Lancet 367, S.803 (2006)

Zunyou Wu et al: HIV Testing in China, Science 312, S. 1475 (2006)

 

Stand: Oktober 2007

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