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Von Bernhard Santel

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2003 wider.

Alle Staaten der westlichen Welt sind Einwanderungsländer. Sie sind zur Heimat von Menschen geworden, "die heute kommen und morgen bleiben" (Georg Simmel). Die meisten Einwanderer haben wirtschaftliche Motive. Sie verlassen ihre Herkunftsländer, weil diese ihnen weniger Wohlfahrt für sich und, ganz wichtig, für ihre Kinder versprechen, als die Aufnahmeländer. Andere kommen als Studenten oder Flüchtlinge, die im Unterschied zu ‚freiwilligen' Migranten gezwungen sind, ein neues Leben in der Fremde zu beginnen. Viele sind Familienmigranten, die zu ihren Ehepartnern oder Eltern nachziehen. Zumeist vollzieht sich Einwanderung legal auf der Grundlage von Gesetzen: Gastarbeiter werden von Unternehmen angeworben und erhalten eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung; ausländische Ehepartner und Kinder haben regelmäßig einen Anspruch auf Nachzug, da das Recht der Aufnahmestaaten eine Pflicht zur Respektierung und Förderung auch ihrer Familien kennt. Öffentliche Interessen an einer Reduzierung der Zuwanderung scheitern daher daran, dass Migranten Rechte erworben haben, die staatlich-bürokratisches Handeln zwingend beachten muss.


Einwanderer, die bleiben, sollen sich integrieren. Kein Staat verzichtet auf diese Forderung. Was aber meint der schillernde Begriff "Integration"? Viele verstehen ihn als Appell zur "Eingliederung in die Gesellschaft" und damit als Absage an den Rückzug in monoethnische Ghettos. Integration verlangt dann die Partizipation an der "Leitkultur" des Aufnahmestaates.

Die Schwäche des Begriffes liegt darin, dass die Gesellschaften des Westens liberale Gesellschaften sind, die es den Bürgern weitgehend selbst überlassen, wie sie ihren Alltag gestalten und ihre "Kultur" leben. Der Schutz der individuellen Freiheit durch die Verfassung hat zur Konsequenz, dass "die Republik keine für alle Bürger verbindliche kollektive Religion oder Kultur haben und sich auf sie berufen kann. Jeder Versuch, einem Deutschen oder Amerikaner eine bestimmte Religion, Konfession oder Kultur als nationale Pflicht oder Eigenschaft vorzuschreiben, wäre ein Anschlag auf den Geist und die Bestimmungen ihrer Verfassungen". Es bleibt den Bürgern selbst überlassen, "ob sie deutsche oder englische Liebesromane, ob sie die Bibel, den Koran, Goethe oder die Bildzeitung lesen, Bach, Jazz oder Kuschelmusik hören" (Oberndörfer 1998, S. 4).

Selbstverständlich muss sich jeder Einwanderer genauso wie jeder Bürger an die Gesetze des Landes halten. Diese tolerieren und garantieren jedoch ein Pluriversum höchst unterschiedlicher Verhaltensweisen, Ideen und Milieus. Auf den Punkt gebracht: Nur Diktaturen verpflichten ihre Einwohner auf einen Lebensentwurf, liberale Gesellschaften hingegen sind kulturell offen. So betrachtet ist Pluralität ihre einzige "Leitkultur".

Integration in klassischen Einwanderungsländern

 
Obwohl die Verfassungen aller westlichen Einwanderungsländer multi-kulturelle Pluralität zulassen, gab und gibt es Unterschiede. In klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien ist ethnisch-kulturelle Differenz nicht selten Anlass zu selbstbewusstem Stolz. Irische, italienische und kubanische Immigranten und deren Nachfahren begehen eigene Feiertage und zelebrieren ihre Eigenarten und Geschichte. Ethnische Pluralität nicht als Bedrohung, sondern als integralen Bestandteil nationaler Einheit zu sehen, gelingt, weil die Einwanderer sich nicht als Iren oder Chinesen definieren, sondern als Irish-Americans und Chinese-Americans. Als Bindestrich-Amerikaner dokumentieren sie, dass es neben der Betonung der Herkunft eine höhere Loyalität gibt, nämlich die zu Amerika. Der patriotische Stolz darauf, Amerikaner zu sein, verträgt auch lautes ethnisch-kulturelles Selbstbewusstsein, weil die Nation sich nicht ethnisch, sondern politisch definiert, als Gemeinschaft von freien Staatsbürgern mit gleichen Rechten. Verbunden mit der Aufforderung, sich bürgerschaftlich zu engagieren, liegt hier der Kern des inklusiven republikanischen Integrationskonzeptes der klassischen Einwanderungsländer.

In diesen sind Einwanderer keine Ausländer, sondern zukünftige Bürger: Die klassischen Einwanderungsländer sind aktive Einbürgerungsländer. Schon nach wenigen Jahren im Land erfolgt das Angebot, die Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die kurzen Einbürgerungsfristen gehen mit einer 'ius soli'-Praxis einher, welche die Kinder von Immigranten automatisch zu "Citizens" macht, wenn sie im Land geboren werden. Welche Staatsangehörigkeit die Eltern auch besitzen, ihre Kinder sind in jedem Fall Amerikaner, Kanadier oder Australier. Einwanderer der zweiten und dritten Generation ohne die Staatsangehörigkeit ihrer neuen Heimat, wie wir sie aus Deutschland und anderen europäischen Ländern kennen, gibt es nicht. Das "Bodenrecht" garantiert, dass über kurz oder lang, jeder Immigrant zum Bürger wird. Es soll nicht geleugnet, dass es sich hier um eine idealisierte Beschreibung gesellschaftlicher Praxis handelt. Auch gibt es bedeutsame Differenzen zwischen den genannten Einwanderungsländern. Lange beschränkte sich das Angebot, Amerikaner oder Australier zu werden, zudem auf weiße Europäer und schloss Menschen osteuropäischer, afrikanischer und asiatischer Abstammung aus. Diese Schranken sind jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive gefallen.

 

Integration in europäischen Ländern


Die europäischen Länder, die sich erst im Gefolge kolonialer Zuwanderung (Niederlande, Belgien, Großbritannien) oder aufgrund der Rekrutierung von "Gastarbeitern" in den 50er bis 70er Jahren als Einwanderungsländer definierten (Deutschland, Schweiz, Schweden), verfolgten lange Zeit ein abweichendes, ja oftmals klar ethnisches Integrationskonzept. Ethnisch-kulturelle Differenz galt als Anschlag auf die Homogenität der Nation. Sie wurde nicht nur nicht gefeiert, sondern entschieden abgelehnt. Ausländer waren als Arbeitskräfte erwünscht, sollten aber nach dem Auslaufen ihrer Verträge in die Herkunftsländer zurückkehren. Niederlassung war nicht vorgesehen. Es überstieg die Vorstellungswelt fast aller Beteiligten, dass aus den "Gastarbeitern" eines Tages Einwanderer und schließlich auch Staatsbürger werden könnten. Wie wenig Beachtung dem Thema geschenkt wurde, zeigt sich etwa daran, dass Deutschland 1955 erstmals ausländische Arbeitskräfte rekrutierte, aber erst 1965 ein Ausländergesetz verabschiedete, das die rechtlichen Grundlagen ihres Aufenthaltes festlegte. "Deutschland ist kein Einwanderungsland" wurde zum Credo der bewusst so genannten Ausländer-Politik.

Dieser parallel ging eine restriktive Einbürgerungspraxis mit langen Wartefristen von bis zu 20 Jahren. Traditionell wenden die meisten westeuropäischen Staaten zudem das 'ius sanguinis'-Prinzip an. Danach "vererbt" sich die Staatsangehörigkeit von Generation zu Generation. Ein in Wien geborenes Kind türkischer Migranten erwirbt die türkische Staatsangehörigkeit (und nur diese), nicht aber die seines Geburtslandes Österreich. Auch die Nachfahren des Kindes sind rechtlich immer Türken, auch wenn sie dieses Land nur von Urlaubsreisen kennen. Konsequent umgesetzt schließt das "Blutsrecht" Einwanderer und ihre Nachfahren dauerhaft aus der Nation aus. Sie bleiben "Menschen zweiter Klasse", nicht gleichberechtigt, ohne Wahlrecht und ohne Möglichkeit voller politischer Partizipation. Die Schließung der Nation bewirkte zudem, dass sich viele Einwanderer keine Bindestrich-Identität als Deutsch-Türken etc. zulegten, sondern sowohl in ihrer Selbst-, wie in der Fremdbeschreibung Türken blieben.

So war die Situation in den "neuen" europäischen Einwanderungsländern bis zu den 80er Jahren. Seitdem ist das ethnisch-exklusive Integrationskonzept immer weiter verdrängt worden. Ethnische Homogenität, die ohnehin immer Illusion ist, ist kein Wert mehr, dem sich staatliches Handeln verpflichtet fühlen darf. Multikulturelle Metropolen wie Amsterdam oder Berlin sind sogar ganz im Gegenteil dazu übergegangen, wie New York und Miami ihre Heterogenität als Stärke zu begreifen. Mit dieser Entwicklung korreliert ein in Europa liberaler werdendes Einbürgerungsrecht, das Wartefristen und ius-soli-Elemente einbaut. So kennt gerade das von vielen angelsächsischen Kritikern als verstaubt und sogar "völkisch" kritisierte deutsche Staatsangehörigkeitsrecht seit dem 1.1.2000 die automatische Einbürgerung hier geborener ausländischer Kinder. Das republikanisch-inklusive Integrationskonzept hat das ethnisch-exklusive verdrängt. Auch in diesem Feld ist Europa Amerika ähnlicher geworden.

 

Literatur

 

Bommes, Michael 1999: Migration und nationaler Wohlfahrtsstaat. Ein differenzierungstheoretischer Entwurf, Opladen/Wiesbaden.

Fuchs, Lawrence 1991: The American Kaleidoscope. Race, Ethnicity, and the Civic Culture, Hanover/London.

Kymlicka, Will/Norman, Wayne (Hrsg.) 2000: Citizenship in Diverse Societies, Oxford.

Oberndörfer, Dieter 1998: Integration oder Abschottung? Auf dem Weg zur postnationalen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, Jg. 18, Nr. 1, S. 1-14.

Santel, Bernhard 1999: Freizügigkeit, Wohnbürgerschaft und staatsbürgerliche Inklusion in Deutschland und den Vereinigten Staaten, in: Schulte, Axel/Thränhardt, Dietrich (Hrsg.): Internationale Migration und freiheitliche Demokratien. Jahrbuch Migration 1999/2000, Münster/Hamburg/London, 1999, S. 101-134.

Schuck, Peter/Münz, Rainer (Hrsg.) 1998: Paths to Inclusion. The Integration of Migrants in the United States and Germany, New York/Oxford.

 

Stand: März 2003

Artikel als PDF

 

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