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von Ralf E. Ulrich  

Niedrige Fertilität in Europa

 

Europa ist weltweit die Region mit der niedrigsten Fertilität. In den Jahren 2000 bis 2005 betrug die durchschnittliche Kinderzahl in Europa 1,4 Kinder pro Frau, wobei das Spektrum nationaler Werte von 1,1 Kindern in der Ukraine bis zu 2,5 Kindern in der Türkei (Albanien: 2,2) reichte (http://esa.un.org/unpd/wpp/Excel-Data/fertility.htm). Für einen Ersatz der Generationen in gleicher Größe wäre eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,1 notwendig.

Politiker und Sozialwissenschaftler diskutieren seit Jahren diverse Erklärungen für die geringe Fertilität in Europa. Viele verweisen dabei auf die gestiegenen Kosten der Kindererziehung – und meinen damit nicht nur die höheren Lebenshaltungskosten, sondern auch die persönlichen Kosten der Eltern, verursacht durch den Aufschub einer beruflichen Karriere und den Verzicht auf ein eigenes Einkommen. Eine andere Erklärung konzentriert sich auf damit zusammenhängende Veränderungen im gesellschaftlichen Stellenwert von Elternschaft und Ehe. Junge Europäerinnen und Europäer fühlen heute nicht mehr die gleiche soziale Verpflichtung, zu heiraten und Kinder zu bekommen, wie ihre Eltern und Großeltern.

Zur niedrigen Fertilität in Europa trug zweifellos auch die sogenannte kontrazeptive Revolution bei. Dieser Wandel betrifft den in Europa mittlerweile universellen Zugang zu wirksamer Empfängnisverhütung. Dadurch können Frauen selbstbestimmt entscheiden, ob sie schwanger werden wollen. Bis vor kurzem gab es allerdings kaum empirische Untersuchungen zur Nutzung von Kontrazeption in Europa. In den 1990er Jahren erbrachten die in einer Reihe von europäischen Ländern durchgeführter Fertility and Family Surveys (FFS) neue Daten über die Häufigkeit der Nutzung von Kontrazeption und der dabei angewandten Methoden (seit dem FFS wurde bis 2006 keine Studie auf Ländervergleichsebene für Europa erstellt. Daher liegen diesem Text noch Daten aus den 90er Jahren zugrunde). Ein Ergebnis dieser Umfragen war, dass es – trotz des universellen Zugangs zu Kontrazeption und den hoher Nutzungsrate – nach wie vor in nicht unbedeutendem Ausmaß zu ungewollten Schwangerschaften kommt.

Kontrazeptive Prävalenz

Die große Mehrheit europäischer Frauen im reproduktionsfähigen Alter verhütet auf irgendeine Weise. Zum Zeitpunkt der Umfragen gaben in den meisten europäischen Ländern mehr als 80 Prozent der befragten verheirateten oder in einer dauerhaften Beziehung lebenden Frauen an, mindestens eine Methode der Empfängnisverhütung zu nutzen. Die Nutzungsrate reichte von 92 Prozent in Ungarn im Jahr 1993 bis zu bloß 66 Prozent in Litauen 1995. Eine im selben Jahr in den USA durchgeführte Untersuchung zeigte, dass dort 75 Prozent der damals verheirateten oder in dauerhafter Beziehung lebenden Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren empfängnisverhütende Methoden anwendeten.

Quellen: Eigene Berechnungen aus Daten des Fertility and Family Surveys; sowie: J. Abma, A. Chandra, W. Mosher, L. Peterson, and L. Piccinino, "Fertility, Family Planning, and Women’s Health: New Data from the 1995 National Survey of Family Growth", Vital and Health Statistics Series 23, no. 19 (Hyattsville, MD: National Center for Health Statistics, 1997): Table 42. Hinweis: Der Prozentwert basiert auf einer Stichprobe von Frauen, die in einer Beziehung standen und daher dem Risiko einer Schwangerschaft ausgesetzt waren. Das Alter der Befragten variierte je nach Land. Die meisten Umfragen erfassten Frauen im Alter von 20 bis 45, einige Umfragen umfassten auch geringfügig jüngere und ältere Frauen.

Die nahezu universelle Verbreitung moderner Kontrazeption in Europa hat sich erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Während nur ein Drittel der in den 1940er und 1950er Jahren geborenen europäischen Frauen zum Zeitpunkt ihres ersten Geschlechtsverkehrs Empfängnisverhütung betrieben, waren es bei in den 1970er Jahren geborenen Frauen bereits zwei Drittel.

Angewandte Verhütungsmittel

 

Die meisten europäischen Frauen verlassen sich auf äußerst effektive Methoden der Empfängnisverhütung. Unter den verschiedenen Formen der Kontrazeption ist die Pille am populärsten. Sie ist besonders in Deutschland weit verbreitet, wo sie unter allen Methoden mit 84 Prozent mit Abstand am häufigsten genutzt wird. Aber auch in mehreren anderen Staaten Europas ist die Pille bis heute die am weitesten verbreitete Verhütungsmethode (Belgien: 64 Prozent, Österreich: 59 Prozent, Frankreich: 54 Prozent, Ungarn: 53 Prozent). Die weibliche Sterilisation ist in Europa weit weniger populär. In den USA gehört die weibliche Sterilisation gemeinsam mit der Pille zu den am häufigsten angewandten Methoden. In Europa ist die Sterilisation mit zehn Prozent bis 18 Prozent nur in Belgien, Spanien und Finnland von größerer Bedeutung. Österreich (sechs Prozent) liegt im Mittelfeld, während sich in Deutschland nur zwei Prozent aller Nutzerinnen von Kontrazeption sich auf diese Form der Empfängnisverhütung verließen.

Angewandte kontrazeptive Methoden in ausgewählten europäischen Staaten, neunziger Jahre in Prozent

Quelle: eigene Berechnungen aus Daten des Fertility and Family Surveys; Prozentwerte beziehen sich auf Frauen, die in einer Beziehung standen und angaben, zum Zeitpunkt der Befragung eine empfängnisverhütende Methode anzuwenden.

Natürliche Verhütung

 

Überraschend ist, dass so genannte traditionelle Methoden der Empfängnisverhütung trotz einer relativ hohen Fehlerrate immer noch eine wichtige Rolle spielen, insbesondere in Spanien und Ostmitteleuropa. So gaben in Polen mehr als ein Drittel der verheiraten Frauen an, die so genannte Rhythmusmethode anzuwenden, während mehr als 20 Prozent nach eigenen Angaben den Coitus Interruptus praktizierten. Die Rhythmusmethode (beziehungsweise periodische Abstinenz) und der Coitus Interruptus sind die einzigen Formen der Geburtenkontrolle für Ehepaare, die von der katholischen Kirche gebilligt werden. Diese religiös bedingte Einschränkung könnte die höhere Verwendungsrate dieser Methoden in Ländern mit einer überwiegend katholischen Bevölkerung wie Polen und Litauen erklären. Ein anderes Hindernis für die Verbreitung der Pille in ehemals staatssozialistisch regierten Transitionsgesellschaften wie Lettland, Litauen und Polen sind Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Pille gegenüber einem unmittelbaren Zugang zur unzuverlässigen natürlichen Methode.

Ungewollte Schwangerschaften

 

Die durchschnittliche Wirksamkeit aller genutzten Verhütungsmethoden variiert von Land zu Land. Wie oft Kontrazeption versagt, spiegelt sich unter anderem in Angaben zu ungewollten Schwangerschaften wider. Die Frage lautete: "Zum Zeitpunkt, als sie schwanger wurden, wollten Sie da schwanger werden, wollten sie bis zu einem späteren Zeitpunkt warten, oder wollten Sie überhaupt nicht schwanger werden?" Fast die Hälfte der lettischen Frauen und mehr als ein Fünftel der ungarischen und spanischen Frauen, die während der Umfragen schwanger waren, gaben an, dass sie diese Schwangerschaft gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt gewollt hatten (eigene Berechnungen aus Daten des Fertility and Family Surveys). In Frankreich betrug dieser Anteil zehn Prozent, in Finnland waren es nur fünf Prozent. Im Vergleich dazu ergab eine 1995 in den USA durchgeführte Studie, dass neun Prozent der damaligen Schwangerschaften ungewollt waren. Ein deutlich größerer Teil der Schwangerschaften (21 Prozent) erfolgte den Angaben US-amerikanischer Frauen zufolge jedoch für zur unpassenden Zeit.

Ungewollte Schwangerschaften führen oft zu Abtreibungen. Wie können europäische Frauen ungewollte Schwangerschaften noch wirksamer verhindern? Eine intensivere Aufklärung und höhere Bildung könnten dabei unterstützend wirken. Doch trotz steigender formaler Bildung haben einige Frauen Wissenslücken. Nicht alle haben genaue Vorstellungen darüber, wann sie fruchtbar sind und wie empfängnisverhütende Mittel effektiv angewendet werden.

Die Reduktion der Häufigkeit ungewollter Schwangerschaften würde zahlreiche Abtreibungen verhindern. Schwangerschaftsabbrüche sind besonders in einigen ostmittel- und osteuropäischen Ländern weit verbreitet. Die Verringerung der Zahl ungewollter Schwangerschaften würde jedoch auch die Fertilität um die Zahl ungewünschter Geburten verringern.

Die Fertility and Family Surveys

 

Bis vor kurzem gab es über die weniger entwickelten Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas mehr Informationen und Daten über die Nutzung von Kontrazeption und zur Familienplanung als für europäische Staaten. Seit den 1970er Jahren gab es eine Reihe nationaler Umfragen in Entwicklungsländern. Sie entstanden durch den dringenden Bedarf an Informationen über reproduktives Verhalten und Familienplanung in Ländern, wo Frauen durchschnittlich 5 bis 6 Kinder hatten und der Bevölkerungszuwachs das ökonomische Wachstum überstieg. Das jüngste und umfangreichste Projekt sind die Demographic and Health Surveys (DHS). Sie beinhalten mehr als 140 Umfragen in nahezu 70 weniger entwickelten Ländern. Im Gegensatz dazu wurden reproduktives Verhalten und die Nutzung von Kontrazeption in Europa weniger intensiv erforscht.

In den 1990er Jahren wurden in 24 entwickelten und vorwiegend europäischen Ländern auf einander Abgestimmte Untersuchungen zur Fertilität durchgeführt (Fertility and Family Sur-veys; FFS). Die nationalen Befragungen von – je nach Land – 1,700 bis 6,000 Frauen geben wertvolle Informationen über die derzeitige Nutzung von Kontrazeption in Europa. Der Fragenkatalog deckte ein breites Spektrum an Themen zur Fertilität und Familienbildung ab; etliche der Umfragen beinhalteten auch Fragen an Männer. Das Mindestalter der befragten Personen war jedoch nicht einheitlich. In den meisten Untersuchungen reichte das Alter der Befragten von 15 bis 24 am unteren Ende und von 40 bis 49 am oberen Ende.

Die Vorbereitung des FFS profitierte von Erfahrungen, die man im Zuge des DHS in Entwicklungsländern gemacht hatte. Die Umsetzung des FFS-Fragenkatalogs zeigte jedoch, dass die Verwendung standardisierter Fragenkataloge in Europa viel schwieriger war als in den Staaten, wo der DHS durchgeführt wurde. Folglich sind die durch den FFS ermittelten Daten zur Nutzung empfängnisverhütender Methoden und auch andere Variablen weniger vergleichbar, als dies im Rahmen des DHS möglich war. Die veröffentlichten Länderberichte unterscheiden sich deutlich in der Art und Weise, wie die Verbreitung kontrazeptiver Methoden berechnet wird, trotzdem liefern sie eine gute Grundlage für die weitere Forschung im Bereich reproduktives Verhalten und Familienplanung in Europa.

Literatur / Links

 

Daten des FFS, www.unece.org

 

Stand: Oktober 2007

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