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von Steffen Kröhnert

 

"Wanderung ist Leben und Fortschritt - Sesshaftigkeit ist Stagnation..."

(Ernest Georg Ravenstein)

'Migration' oder 'Wanderung' ist sicher die komplexeste und am schwierigsten zu erfassende demografische Variable. Das Ausmaß und die Art der politischen Reaktion auf Wanderungen hängen ganz entscheidend von den gesellschaftlichen Konzepten ab, mit denen diese Vorgänge beobachtet werden.

 

Begriff und Ursachen

 

Unter Migration oder Wanderung wird im Allgemeinen die auf Dauer angelegte, beziehungsweise dauerhaft werdende räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen verstanden. Wanderungen erfolgen in der Regel immer dann, wenn eine Gesellschaft die Erwartungen ihrer Mitglieder nicht erfüllen kann. Drei Bereiche lassen sich abgrenzen, in denen die Unzufriedenheit der ansässigen Bevölkerung Wanderungsentscheidungen auslösen kann:

  • Die bloße physische Existenz der Menschen ist nicht mehr gesichert (so etwa bei Migranten aus Kriegs- und Krisengebieten (siehe Artikel "Flucht und Vertreibung"), aber auch aus Regionen mit einem hohen Maß an Umweltzerstörung, siehe Umweltmigration).
  • Die institutionelle Struktur der Gesellschaft kann die materiellen, besonders die wirtschaftlichen Wünsche und Erwartungen nicht erfüllen (so bei den Wirtschaftsmigranten aus schwach entwickelten Gebieten, historisch etwa bei den europäischen Auswanderern nach Übersee, heute z.B. bei Migranten aus Osteuropa).
  • Lebensvorstellungen können unter dem herrschenden politisch-ideologischen System nicht verwirklicht werden (dies ist etwa bei der Migration wegen religiöser Diskriminierung oder politischer Verfolgung, aber auch bereits bei mangelnder Identifikation mit den Werten einer Gesellschaft vorstellbar).

Gründe für Wanderungsentscheidungen können dabei gleichzeitig in mehreren der genannten Bereiche liegen. Da Wanderungsentscheidungen immer auf zwei Gesellschaften Bezug nehmen, die der Abwanderungs- und die der Zuwanderungsregion, führte dies zur Entwicklung eines "Push-Pull"-Erklärungsmodells der Wanderungsentscheidungen. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Zusammenwirken von negativen, abstoßenden Faktoren einer Region beziehungsweise Gesellschaft (Push-Faktoren) im Zusammenwirken mit positiven, anziehenden Faktoren (Pull-Faktoren) einer anderen Migrationen auslösen und ihr eine Richtung geben.1

Typisierung von Migration

 

Migrationstypisierungen werden oft kontrovers diskutiert. Dies liegt zum Teil in der komplexen Natur des Gegenstandes "Migration", die kaum distinkte Typenbildungen zulässt. Teilweise sind mit der Begriffsbildung jedoch auch politische Intentionen verbunden.

Es bieten sich Differenzierungen nach drei verschiedenen Aspekten an, nämlich nach zeitlichen, räumlichen und kausalen Kriterien.

Zeitliche Kriterien

 

Zeitliche Kriterien beschäftigen sich mit Dauer und zeitlichem Verlauf von Wanderungen. Fasst man Migration als Teilmenge räumlicher Mobilität auf, so ist unter zeitlichen Kriterien eine Dreiteilung denkbar, die jedoch konzeptionelle und definitorische Schwierigkeiten mit sich bringt:

  • Die erste Teilgruppe, Zirkulation, beinhaltet keinen Wechsel des Lebensmittelpunktes bzw. Wohnortes (zum Beispiel Berufspendeln, Tourismus), der Pendler kehrt stets binnen kurzer Zeit an seinen Wohnort zurück.
  • Der andere Teil räumlicher Mobilität, solcher mit Wechsel des Lebensmittelpunktes, lässt sich dann nach der Dauer dieses Wechsels als nicht-permanente beziehungsweise
  • als permanente Migration beschreiben.

In der Realität ist eine scharfe Abgrenzung zwischen Zirkulation, nicht-permanenter oder permanenter Migration jedoch schwierig (Abb. 1). Als Zirkulation im engen Sinne kann man Bewegungen auffassen, bei denen der Wohnort nicht für länger als 24 Stunden verlassen wird. Pendler, die ihren Wohnort für mehrere Wochen (zum Beispiel zu Ausbildungszwecken) oder gar für eine ganze Saison verlassen (zum Beispiel Saisonarbeiter), können mit guten Gründen bereits als temporäre Migranten gelten. Grenzfälle stellen auch mehrere Monate oder gar Jahre dauernde Wanderungen von Händlern, Hirten oder Pilgern dar. Auf der anderen Seite kann im Prinzip erst beim Tod eines Menschen sicher festgestellt werden, ob er seinen Wohnsitz "permanent" gewechselt hat. Eine Vielzahl von Migrationen findet jedoch in Etappen statt oder führt nach Jahren, vielleicht erst gegen Lebensende, zurück in die Herkunftsregion. Auch hier ist es eine Definitionsfrage, ab welcher Dauer eine Wanderung als permanent aufzufassen ist.

Abb. 1: Migrationstypen nach zeitlichen Kriterien 

Nach zeitlichen Kriterien lassen sich mit Zirkulation und Migration zwei Haupttypen der Migration unterscheiden, wobei die Beispiele nicht immer klar zuzuordnen sind.

Räumliche Kriterien


Räumliche Kriterien analysieren Herkunfts- und Zielregionen der Migration. Unter räumlichen Kriterien werden Migrationen in "Außenwanderungen" und "Binnenwanderungen" unterteilt. Synonyme Unterscheidungen sprechen von "Innerregionaler" versus "Interregionaler" Migration. In beiden Fällen muss zunächst definiert werden, was als "außen" und "innen" zu betrachten ist. In der Regel werden Wanderungen relativ zu einer administrativen räumlichen Einheit betrachtet, etwa einer Stadt, einem Kreis oder einem Distrikt. Werden Nationalstaaten als relevante räumliche Einheit zu Grunde gelegt, spricht man statt von Außenwanderungen auch von "internationaler Migration".

Weitere räumliche Unterscheidungen lassen sich nach Art von Herkunfts- und Zielregionen treffen: So spielen Land-Stadt-Wanderungen in Entwicklungsländern eine erhebliche Rolle. Demgegenüber sind in Industrieländern Stadt-Stadt, aber auch Stadt-Umland-Wanderungen, der Wegzug aus ökologisch belasteten Kernregionen in die ländliche Umgebung von Großstädten, wichtige Teile der Binnenmigration.

Art und Umfang von Bevölkerungsbewegungen haben sich im historischen Verlauf erheblich geändert. Dies brachte Zelinsky (1971) dazu, ähnlich dem Modell der "demografischen Transition", eine Hypothese über den historischen Verlauf einer "Mobilitätstransition" aufzustellen (Abb.2). Demnach spielen in vormodernen, traditionellen Gesellschaften räumliche Bevölkerungsbewegungen nur als Bewegungen ganzer Stämme oder Völker eine Rolle, ansonsten bleibt der Bewegungsradius der Menschen klein. In der Folge der Entwicklung menschlicher Gesellschaften mit steigender Bevölkerungszahl werden immer neue Siedlungsräume erschlossen und Auswanderungen aus bisherigen Hauptsiedlungsgebieten nehmen zu. Gleichzeitig verstärkt sich die Stadt-Land-Wanderung. Moderne Gesellschaften sind schließlich hochmobile Gesellschaften. Während Auswanderungen und Land-Stadt-Wanderungen jedoch anteilmäßig abnehmen, steigt der Anteil von Stadt-Stadt-Wanderungen und der allgemeinen Zirkulation weiter. Eine solch komprimierte Form der Beschreibung von Veränderungen im Migrationsverhalten vereinfacht natürlich stark. Insbesondere kann das Modell politische Faktoren, aber auch spezifische Situationen in Entwicklungsländern nicht berücksichtigen.

Abb. 2: Modell der Mobilitätstransition nach Zelinsky

Quelle: Bähr 1997

Kausale Faktoren


Schließlich lässt sich auch eine Unterscheidung von Migrationen nach kausalen Faktoren, also nach Wanderungsgründen vornehmen. Diese Typisierung ist besonders schwierig, da Wanderungsgründe häufig vielschichtig und zudem kontrovers diskutierte Gegenstände politischer, juristischer oder moralischer Urteile sind. Umstritten ist beispielsweise die Unterscheidung in freiwillige und erzwungene Migration (Flucht, Vertreibung). Während mit "freiwilliger Migration" die Vorstellung einer freien, individuellen Migrationsentscheidung verbunden ist, impliziert "Zwangsmigration" die Vertreibung von Menschen mit Gewalt oder durch Angst vor Gewalt. Ob und in welchem Maße Migrationsentscheidungen jedoch freiwillig oder erzwungen sind, ist in vielen Fällen eine normative Frage und nicht eindeutig abgrenzbar.

Richmond (1988) schlägt daher eine Typisierung mit fließenden Übergängen vor. Danach sind alle Wanderungsentscheidungen  auf einem Kontinuum zwischen "proaktiv" und "reaktiv" anzusiedeln, je nach dem Grad der Gewaltsamkeit, mit der äußere Umstände Wanderungsentscheidungen beeinflussen. Am einen Ende der Skala (proaktiv) steht beispielsweise die Migration von Pensionären oder gewöhnlichen Auswanderern, am anderen Ende (reaktiv) die Sklaven- und Zwangsarbeiterverschleppung. Der größte Teil der weltweiten Migrationsbewegungen ist irgendwo dazwischen einzuordnen. Die weltweiten Hauptgründe für Migrationen sind die Suche nach Arbeit und der Schutz vor Verfolgung. Ein proaktiver Migrant ist ein nüchtern kalkulierendes Individuum, das sich die Bedingungen seiner Wanderung nicht diktieren lässt. Jedoch sind auch Flüchtlinge nicht nur reaktiv. Die Flüchtlingsforschung zeigt, dass nicht alle Menschen, die den selben Bedingungen ausgesetzt sind, fliehen. Nicht alle Flüchtlinge bewegen sich über die selbe Distanz und sie verlassen ihre Heimat nicht ziellos. Vielmehr greifen sie auf Netzwerke bereits emigrierter Angehöriger oder Freunde zurück, die Informationen über potenzielle Fluchtziele vermitteln. Wohlhabendere flüchten häufiger ins Ausland, arme Flüchtlinge werden zu Binnenvertriebenen.

Eine komplexe Typologie der Wanderung nach Ursachen und Zielen hat Petersen (1972) vorgeschlagen. Er nimmt eine Kreuztabellierung nach Wanderungsgründen und Wanderungszielen vor. Je nach dem "Aktivitätspotenzial" von Migranten unterscheidet er zwischen "konservativer" und "innovativer" Migration. Konservative Migranten wandern als Reaktion auf die Änderung der Bedingungen, um den Status quo zu erhalten. So wanderten beispielsweise europäische Bauern auf Grund des Bevölkerungsdrucks und der Landknappheit nach Amerika aus, um dort weiter als Bauern von der Landwirtschaft zu leben.  Innovative Wanderer im Sinne von Petersen dagegen wandern mit der Absicht, das "Neue" zu erlangen. Dazu zählen beispielsweise Bauern, die aus den selben Gründen wie die Auswanderer den Hof verlassen, jedoch um sich in der Großstadt als Fabrikarbeiter anzusiedeln. Folgende Tabelle beschreibt Petersens Typenbildung der Migration:

Abb.: 3 Typologie der Wanderungen nach Petersen (1972)

Wanderungsursachen

Typ nach Wanderungsursache

Typ nach Wanderungsziel

 

 

a) Konservativ

b) Innovativ

ökologischer Druck

1) Ursprüngliche Wanderung

Nomadenwanderung

Landflucht

physische Gewalt

2) Gewaltsame Wanderung

Umsiedlung

Sklavenhandel

Nötigung

3) Zwangsweise Wanderung

Flucht

Kuli-Handel

höhere Ansprüche

4) Freiwillige Wanderung

Gruppenwanderung

Pionierwanderunng

Soziale Verhältnisse

5) Massenhafte Wanderung

Besiedelung

Land-Stadt-Wanderung

 

Die Beispiele machen deutlich, dass die Unterscheidung konservativ/ innovativ hier keine ethisch-moralische Bewertung darstellt, sondern die Bedeutung einer Migrationsbewegung für die Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft einzuschätzen sucht. Allerdings erreicht auch Petersens Typisierung nicht in jedem Fall eine zweifelsfreie Einordnung. Zudem wird Typologie und Erklärung teilweise vermischt.

Alle bisherigen Versuche, Wanderungen zu typisieren, haben Schwierigkeiten, die Komplexität der tatsächlichen gegenwärtigen weltweiten Wanderungsbewegungen zu erfassen. Bis heute gibt es deshalb keine Wanderungstheorie, die auf einer dieser Typisierungen aufbaut.

 

Literatur / Links

 

Bähr, Jürgen (1997): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.

Petersen, William (1972): Eine allgemeine Typologie der Wanderung. In: Széll, G. (Hg.): regionale Mobilität. Nymphenburger Texte zur Wissenschaft (10), 95-114. München.

The American Sociological Association: Section of International Migration

The UN-Refugee-Agency: UNHCR


Treibel, Annette (1999): Migration in modernen Gesellschaften. Weinheim und München.

UN-Department of Economic and Social Affairs: International Migration Report 2002

Zelinsky, Wilbur. (1971): The Hypothesis of the Mobility Transition. Geographic Review (61), 219-249.

 

Stand: Oktober 2007

Artikel als PDF