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von Rose-Elisabeth Herden

 

Quantensprünge in seiner Entwicklung wie die neolithische Revolution (die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht) machten den Menschen unabhängiger von seiner natürlichen Umwelt – und sorgten für rasches Bevölkerungswachstum, das periodisch vor allem durch Seuchen dezimiert wurde.

Der Beginn menschlicher Entwicklung

 

Der Mensch in seiner heutigen Gestalt als Homo sapiens ist die einzige noch lebende Art aus der Familie der Hominiden, die wiederum mit den Affen zu den Primaten zählen. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Affen und ersten menschenähnlichen Wesen existierte wahrscheinlich vor sechs bis acht Millionen Jahren. Danach trennten sich die Äste der evolutionären Entwicklung – belegt durch zahlreiche Skelettfunde der Gattung Mensch in Afrika, auf Java, in China und anderen Teilen Asiens sowie in Europa. Von den afrikanischen Vorfahren des Menschen sind der in Malawi gefundene und auf ein Alter von etwa 2,5 Millionen Jahre geschätzte Homo rudolfensis und der in Tansania entdeckte und auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahre geschätzte Homo habilis von Bedeutung, da beide Arten bereits Werkzeuge benutzten. Die beiden bedeutendsten Funde der Art Homo erectus – geschätztes Alter etwa 500.000 Jahre – sind der in einer Höhle bei Peking gefundene Pekingmensch und der auf Java/Indonesien ausgegrabene Javamensch. Zu den ältesten Europäern der Art Homo heidelbergensis gehören vermutlich die in Spanien gefundenen Überreste von vier Menschen, die etwa 780.000 Jahre alt sein sollen sowie der Unterkiefer des namensgebenden, bei Heidelberg gefundenen Menschen mit einem Alter von etwa 500.000 Jahren. Die biologische Evolution des Menschen zum Homo sapiens war vor ungefähr 100.000 Jahren vollzogen. Skelettfunde in Israel, deren Alter auf 100.000 Jahre datiert wurde, gehören offenbar zu einer Gruppe, aus der alle "modernen" Menschen außerhalb Afrikas hervorgegangen sind.

Über mehrere hunderttausend Jahre hinweg ernährte sich der Mensch, indem er jagte, sammelte und Fische fing. Das heißt: Im gesamten Zeitraum des Paläolithikums und des Mesolithikums waren die Menschen außerordentlich abhängig von den Produkten der Natur. Dies limitierte die Bevölkerungszahl und das Tempo des Bevölkerungswachstums. Eine natürliche, nicht bewirtschaftete Umwelt gestattet nur geringe Bevölkerungsdichten. Folge: Homo sapiens vermehrte sich nur begrenzt, begleitet von periodischen Rückschlägen. Schätzungen zufolge bevölkerten zum Ende des Paläolithikums, also etwa zwischen 8.000 und 7.000 vor Christus, fünf bis zehn Millionen Menschen die Erde.

Die neolithische Revolution

 

Diese Situation änderte sich vor etwa 10.000 Jahren, als die sogenannte neolithische Revolution begann – zunächst in Teilen West-Asiens und des östlichen Mittelmeers (8.000 vor Christus), dann in Mittelamerika (6.000 vor Christus), schließlich in Ägypten und in Süd- und Ostasien  (3.000 vor Christus). In dieser Phase wandelte sich der Mensch vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter. Damit verbunden wurde er sesshaft. In den meisten damals bewohnten Teilen Europas hatten sich Ackerbau und Viehzucht bis circa 2.500 vor Christus verbreitet.

Abb.1: Die Ausdehnung der neolithischen Kultur von ihren Anfängen bis zum Beginn des Bronzezeitalters in Europa

Quelle: Cole, Sonia 1963: The Neolithic Revolution. London: British Museum (Natural History)

Mit der neuen Lebensweise erhöhte sich die Nahrungsmittelproduktion; infolgedessen nahm das Bevölkerungswachstum auf bislang unbekannte Maße zu. Mit teilweise erstaunlich großen Einwohnerzahlen entstanden Siedlungen, die durch eine fortschreitende Arbeitsteilung sowie neue Institutionen und gesellschaftliche Strukturen gekennzeichnet waren. Diese Phase rund 4000 Jahre vor Christus bezeichnet man als die "urbane Revolution". Bis zur Zeitenwende entstanden vier Haupttypen ökonomischer Regionen mit entsprechenden demografischen Merkmalen:

  1. stadtzentrierte, agrarische und handeltreibende Zivilisationen – vor allem zu finden im Mittelmeerraum, in Ostasien und in Mittelamerika;

  2. Regionen mit Dorfwirtschaft in isolierten, bewaldeten Regionen – vor allem zu finden in Nordeuropa sowie in Süd- und Südostasien;

  3. nomadische und halb-nomadische Gesellschaften – vor allem zu finden in Zentralasien und im Sahara-Gürtel sowie im arabischen Raum;

  4. Jäger, Sammler und Fischer, die in Stämmen organisiert waren – vor allem zu finden in Afrika südlich der Sahara, in Ozeanien sowie in Nord- und Südamerika.

Bis zur Zeitenwende wuchs die Weltbevölkerung rasch auf 200 Millionen bis 400 Millionen Menschen.

 

Das Wachstum der Weltbevölkerung nach der Zeitenwende

 

Über das Wachstum der Weltbevölkerung im ersten Jahrtausend ist nur wenig bekannt. Wohl gab es bereits im Altertum Volkszählungen, so zum Beispiel im alten China und in Japan, in Ägypten und im Römischen Reich. Aber die Ergebnisse solcher Zählungen sind für moderne demografische Zwecke nur von begrenztem Wert. Der Grund: Statt bevölkerungsstatistischer Fragestellungen standen vor allem fiskalische und administrative Zwecke im Vordergrund; zudem wurden wehrfähige Männer gezählt und registriert. Historiker und Demografen, die die Bevölkerungsbewegung jener Zeit ermitteln wollen, können solche Quellen nur nutzen, wenn andere Informationen über historische und sozioökonomische Verhältnisse der betreffenden Zeit vorliegen. Für das Römische Reich im Jahre 14 nach Christus hat der deutsche Historiker Julius Beloch die Bevölkerung auf etwa 54 Millionen Menschen geschätzt – die des europäischen Teils auf etwa 23 Millionen Einwohner. Insgesamt dürften damals rund 270 Millionen Menschen auf unserem Planeten gelebt haben.

Man nimmt an, dass die Bevölkerung des Römischen Reichs in den ersten 200 Jahren nach der Zeitenwende wuchs. Doch der positive Trend hielt nicht in allen Teilen des Imperiums an. Während in Kleinasien, Syrien und Ägypten noch bis zum fünften Jahrhundert die Bevölkerungszahlen wohl leicht stiegen,  kam es in Europa zwischen dem vierten und sechsten Jahrhundert zur so genannten Völkerwanderung, in deren Folge das Römische Reich zerfiel. Als Beginn der Völkerwanderung gilt der Zug der Goten von der Ostsee zum Schwarzen Meer, wo sie ab 214 auftauchten. Um 375 zogen die Hunnen aus Asien nach Europa und drangen bis Frankreich vor. Sie unterwarfen die Ostgoten und verdrängten die Westgoten aus ihrem Siedlungsgebiet am Schwarzen Meer. Die Westgoten wanderten 376 vom Schwarzen Meer unter der Führung Alarichs über das heutige Griechenland und den Balkan bis nach Italien. Im Jahre 410 eroberten sie Rom. In Nordeuropa fielen die Angeln, die Sachsen und die Jüten aus dem Gebiet Dänemarks und Nordwestdeutschlands in Britannien ein. Germanische Stämme – besonders die Franken, Burgunder und Alemannen – eroberten Frankreich, das bis heute den Namen seiner Eroberer trägt. Die Vandalen migrierten über die Iberische Halbinsel bis nach Nordafrika und drangen von dort bis nach Rom vor. 568 eroberten die Langobarden einen großen Teils Italiens und gründeten einen eigenen Staat.

Die Völkerwanderung und der Zerfall des Römischen Reiches führten in den meisten ehemals römischen Regionen zu einem ökonomischen Niedergang und zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang. Hinzu kam, dass die Pest die Zahl der Bewohner der Mittelmeerregion im sechstem Jahrhundert dezimierte. Auch im siebten und achten Jahrhundert brach die verheerende Krankheit abermals aus. Binnen drei Jahrhunderten könnte sie in Europa, Asien und Nordafrika bis zu 100 Millionen Menschenleben gefordert haben. Folglich kennzeichneten Europa im ersten Jahrtausend nicht nur politische Instabilität und ökonomischer Niedergang, sondern auch eine demographische Stagnation.

Im außereuropäischen Raum kam es ebenfalls zu größeren Migrationsbewegungen. So eroberten die Araber nach der Gründung des Islam im siebten und achten Jahrhundert Nordafrika und die Iberische Halbinsel. Insgesamt wuchs die Weltbevölkerung bis zum Jahr 1000 nach einer Schätzung von John Durand nur auf etwa 310 Millionen Menschen. Das heißt: Die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate betrug in diesem Zeitraum etwa 0,04 Prozent.

Eine intensive Siedlungsmigration prägte Mitteleuropa im 12. und 13. Jahrhundert. In dieser Phase strömten unter der Leitung von Fürsten, Bischöfen und später Rittern des Deutschen Ordens (gegründet 1198/99) Kolonisten aus dem von Deutschen besiedelten Raum westlich von Saale und Elbe nach Norden und Osten vor, später auch nach Südosten. So wurden im 12. Jahrhundert Holstein, Mecklenburg und Brandenburg besiedelt. Im 13. Jahrhundert folgten das östliche Brandenburg, Pommern, Schlesien und Nordmähren. Die Kolonisten überschritten die Oder und ließen sich im 14. Jahrhundert in Teilen des heutigen Polen und Siebenbürgen nieder. Schätzungen besagen, dass im 12. Jahrhundert rund 200.000 Menschen aus den Grenzen des alten Deutschland in Territorien zwischen Elbe und Oder abwanderten. Ähnlich viele Menschen wanderten im 13. Jahrhundert nach Pommern und Schlesien ein. Die Große Pest im 14. Jahrhundert stoppte die Kolonisierung.

Diese Wanderung nach Osten war der größte, aber keineswegs einzige Kolonisierungsprozess des Mittelalters. Auf der Iberischen Halbinsel, die seit dem Frühmittelalter von den Arabern beherrscht wurde, drangen christliche Eroberer von Norden nach Süden vor. Die sogenannte Reconquista endete im Jahr 1248 mit der Einnahme von Sevilla. Lediglich die Stadt Granada und ihr Umland bildeten eine Ausnahme. Sie fiel erst im Jahr 1492 an die Spanier. Im Norden Europas drangen die skandinavischen Völker nicht nur ins Innere des Kontinents vor, sondern auch in klimatisch ungünstige Randzonen. Im neunten Jahrhundert besiedelten die Norweger Island, nach belegten Quellen mit 30.000 bis 35.000 Menschen. Im Zuge einer nicht dauerhaften Kolonisierung drangen die Norweger auch auf die Shetland-Inseln und die Orkney-Inseln vor und später sogar nach Grönland.
 
Charakteristisch für die Agrargesellschaften des Mittelalters und der frühen Neuzeit war eine hohe Sterblichkeit, vor allem unter Kindern. Die Hälfte aller Neugeborenen starb in den ersten Lebensjahren. Im Schnitt betrug die Lebenserwartung nur 20 bis 40 Jahre. Viele Kinder und Erwachsene fielen Seuchen, Hungersnöten und Kriegen zum Opfer. Zwischen 1000 und 1885 wurden allein in Westeuropa 450 Hungersnöte registriert. Die Pest, damals auch „Schwarzer Tod“ genannt, trat 1338/39 erneut in Asien auf und erreichte 1346 Europa. Sie forderte hier im Laufe des 14. Jahrhunderts 25 bis 35 Millionen Todesopfer. Eine erneute Pestepidemie trat während des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) auf. Durch diesen Krieg und die ihn begleitenden Seuchen verlor Europa rund ein Drittel seiner damaligen Bevölkerung. Wiederkehrende Katastrophen (Kriege, Hungersnöte, Epidemien) kennzeichneten in allen Weltregionen die Bevölkerungsgeschichte der vorindustriellen Zeit. Darauf folgten meist Perioden, in denen die Einwohnerzahlen der jeweiligen Region wieder deutlich wuchsen – durch steigende Heiratshäufigkeit und Geburtenzahlen. War dies nicht der Fall, "füllten" meist Migranten die entstandenen Lücken.

Abb. 2: Wachstum der Weltbevölkerung von 8.000 vor Christus bis zur Gegenwart

Quelle: Durand, John D.: The Modern Expansion of World Population. In: Proceedings of the American Philosophical Society. Philadelphia: Vol. 111, No. 3/1967. S. 139 (bearbeitete Fassung)

Bis zum Jahr 1750 wuchs die Weltbevölkerung auf schätzungsweise 791 Millionen Menschen an - also auf etwa das zweieinhalbfache der Bevölkerungszahl des Jahres 1000. Von diesen 791 Millionen Menschen lebten 498 Millionen ( 63 Prozent) in Asien, 167 Millionen (21 Prozent) in Europa, 106 Millionen (13 Prozent) in Afrika und 16 Millionen (2 Prozent) in Mittel- und Südamerika. Dagegen wirkten Nordamerika und Ozeanien mit zusammen etwa vier Millionen Menschen noch weitgehend menschenleer.

Literatur / Links

 

Carr-Saunders, Alexander M. 1937: World Population. Past Growth and Present Trends.- Oxford University Press

Clark, Grahame; Piggott, Stuart 1965: Prehistoric Societies. London: Hutchinson

Cole, Sonia 1963: The Neolithic Revolution. London: British Museum (Natural History)

Durand, John D. 1967: The Modern Expansion of World Population.- In: Proceedings of the American Philosophical Society.- Philadelphia: Volume 111, Number 3. S. 136-159

Keil, Gundolf 1987: Seuchenzüge des Mittelalters. In: Bernd Herrmann (Hrsg.) 1987: Mensch und Umwelt im Mittelalter. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt

Klingholz, Reiner: Weltbevölkerung - zwischen Wachstum und Schrumpfen.
In: Praxis Geographie 5 (2007)

Livi Bacci, Massimo 1999: Europa und seine Menschen. München: C.H. Beck

United Nations 1973: The Determinants and Consequences of Population Trends. New Summary of Findings on Interaction of Demographic, Economic and Social Factors. Volume I. New York (Population Studies No. 50)

 

Stand: Oktober 2007

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