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Von Reiner Klingholz

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2008 wider.

Die Nationen Europas erleben derzeit fundamentale demografische Veränderungen. In den meisten Ländern Europas liegen die Geburtenraten unter jenem Niveau, das für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre, die Menschen leben deutlich länger als je zuvor, und in der Folge verändert sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen der jungen, ökonomisch aktiven Bevölkerung und jener im Pensionsalter in einigen Ländern dramatisch.

Deutschland befindet sich an vorderster Front dieser Entwicklungen, und zwar aus drei Gründen: Erstens sind hierzulande die Geburtenraten sehr früh sehr tief gefallen. Seit Mitte der 1970er Jahre ersetzt jede Kindergeneration die ihrer Eltern nur noch zu zwei Drittel. Lange hatten die Deutschen nur wenige Kinder – heute haben bereits wenige Eltern wenige Kinder. Mit anderen Worten: Deutschland befindet sich in einer exponentiellen Phase des Bevölkerungsrückganges.

Während die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen, die normalerweise überwiegend zur Wertschöpfung einer Gesellschaft beiträgt, zwischen 2005 und 2050 um 38 Prozent kleiner werden wird, wird sich die Gruppe der über 80-Jährigen den Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge verdreifachen. 2050 dürfte jeder achte Deutsche über 80 Jahre alt sein.

Zweitens ist Deutschland seit mindestens 35 Jahren ein Zuwanderungsland, auch wenn die Politik sich dieser Realität lange verweigert hat. Der natürliche Saldo, die Differenz zwischen Geburten- und Sterberate, ist seit dem Jahr 1972 negativ. Seit diesem Zeitpunkt müsste die Bevölkerung Deutschlands aus natürlichen Gründen abnehmen. Das hat sie aber nicht getan, sondern ist im Gegenteil bis 2003 noch um rund 4,5 Millionen gewachsen, und zwar vor allem aufgrund von Zuwanderung und in zweiter Line wegen der steigenden Lebenserwartung. Seit 2003 können die Zuwanderer den natürlichen Schwund nicht mehr bremsen, und Deutschlands Bevölkerung hat tatsächlich begonnen zu schrumpfen. Im ersten Jahr um lediglich 5.000, danach aber in steigender Tendenz um 30.000, 60.000 und schließlich um 130.000 im Jahr 2006. Bis 2050 rechnet das Statistische Bundesamt trotz deutlich steigender Zuwanderungszahlen mit einem Rückgang um etwa 13 Millionen. Ganz ohne Einwanderung würden im Jahr 2100 nur noch 25 Millionen Menschen in Deutschland leben.

Die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer hat von drei Millionen in den 1970er Jahren auf 7,3 Millionen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zugenommen und liegt seither konstant auf diesem Niveau. Dahinter steht jedoch kein Ende der Zuwanderung, sondern eine andere Einwanderungspolitik: Seither ist es für Ausländer einfacher geworden, einen deutschen Pass zu erhalten, und in Deutschland geborenen Kinder können unter bestimmten Umständen mit Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen. Heute leben in Deutschland 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was weltweit die zweitgrößte Migrantenpopulation nach den Vereinigten Staaten ist. Weil Migrantenfamilien mehr Kinder haben als Alteingesessene, würde die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund selbst unter der unrealistischen Annahme, dass es keine weitere Zuwanderung gäbe, weiter steigen. Die Integration von Menschen aus anderen Ländern und deren Nachkommen ist somit eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben des Landes. Dass die Integration bislang nicht gelingt, zeigt sich unter anderem an der Tatsache, dass 40 Prozent der unter 25-Jährigen mit Migrationshintergrund keinerlei Berufsausbildung haben – aber nur drei Prozent der Migranten die Universität erreichen.

Der dritte Grund dafür, dass Deutschland der Vorreiter der demografischen Zukunft Europas ist, liegt darin, dass ein Teil des Landes - die neuen Bundesländer - zu einem Labor für demografische Veränderungen geworden ist. Hier zeigen sich Entwicklungen, die in anderen Teilen Europas weniger deutlich und erst mit Verzögerung sichtbar werden. Die ehemalige DDR verzeichnete zwar nach der Phase des „Pillenknicks“ in den frühen 1970er Jahren zunächst aufgrund massiver familienpolitischer Maßnahmen einen Anstieg der Geburtenraten, nach dem Fall der Mauer haben die neuen Bundesländer mit einer Fertilitätsrate von 0,77 Kindern je Frau den niedrigsten Wert erlebt, der weltweit jemals in einem Land registriert wurde. Zusätzlich sind seither über 1,5 Millionen, vorwiegend junge und talentierte Menschen abgewandert, insbesondere Frauen. Das entspricht einem Zehntel der ehemaligen DDR-Bevölkerung. Heute ist Deutschlands Osten die Region mit dem größten Mangel an jungen Frauen europaweit. Die entsprechend zurückleibenden jungen Männer sind häufig ohne Bildung, arbeitslos und zwangsläufig ohne Partnerin – eine Mischung, die wenig einladend für die Zuwanderung junger Frauen ist.

Der Hintergrund für die selektive Frauenabwanderung liegt in den eklatanten Bildungsunterschieden zwischen den Geschlechtern. In den neuen Bundesländern machen Frauen zu 50 Prozent häufiger Abitur als ihre männlichen Altersgenossen. Dafür schaffen die jungen Männer doppelt so oft wie die Frauen nicht einmal den Hauptschulabschluss. Folglich haben es Frauen mit ihrer besseren Qualifikation deutlich einfacher als Männer, anderenorts eine Beschäftigung zu finden. Und weil Frauen in Deutschland im Allgemeinen einen Partner suchen, der sich zumindest auf gleicher sozialer Augenhöhe befindet, treibt auch die Partnerwahl die jungen Frauen zur Abwanderung.

Damit zeigt der Osten Deutschlands, was anderen Regionen Europas noch bevorsteht – vor allem im Osten, aber auch im hohen Norden oder in den entlegenen Landstrichen im Süden.

Europa ist demografisch geteilt: In eine Zone mit mittlerer Fertilität, in der die steigende Lebenserwartung sowie die Zuwanderung für weiteres Bevölkerungswachstum sorgen werden. Und in eine Zone mit einer Kinderzahl von weniger als 1,5 Kindern je Frau. Wenn dieses tiefe Niveau für eine längere Zeit gehalten wird, laufen diese Länder Gefahr, in eine „Fertilitätsfalle“ zu geraten, weil es dann zu einer sozialen Norm werden kann, sehr wenige Kinder zu bekommen. Deutschland gehört zu diesen Ländern - und ist auf diesem Weg schon weiter als alle anderen europäischen Nationen vorangeschritten.

 

Literatur / Links

 

Statistisches Bundesamt Deutschland

 

Stand: Januar 2008

Artikel als PDF

 

 

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