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Von Paul Gans und Jochen Mistelbacher

 

 

Unser Online-Handbuch wurde zwischen 2008 und 2011 mit einer Förderung der Robert Bosch Stiftung verfasst. Dieser Artikel spiegelt den Stand von 2009 wider.

Dynamik des Bevölkerungswachstums


Der letzte Zensus von Indien ermittelte für Null Uhr am 1. März 2001 eine Zahl von 1.028.737.436 Einwohnern, die sich seit 1901 (238 Millionen) mehr als vervierfacht hat. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine hohe Sterblichkeit aufgrund von Epidemien und Hungersnöten eine moderate Bevölkerungsentwicklung bedingte, beschleunigte sich das natürliche Wachstum nach der Unabhängigkeit 1947. Seit 1951, als die Einwohnerzahl 361 Millionen betrug, hat sich die Bevölkerung Indiens fast verdreifacht. Die absolute Zunahme stieg zwischen jeder der Zensusdekaden an, übertraf in den 1990er Jahren mit über 180 Millionen die Gesamtbevölkerung Brasiliens und erreichte 2008 1,15 Milliarden. Damit ist Indien nach China, wo heute (2008) mehr als 1,32 Milliarden Menschen leben, das Land mit der größten Bevölkerung der Welt.

Indiens Bevölkerungsentwicklung spiegelt das Modell des demografischen Übergangs wider. Mit infrastrukturellen Verbesserungen und der Zunahme in der landwirtschaftlichen Produktion begann zuerst die Sterbeziffer zu sinken und leitete somit die Phase der Scherenöffnung mit steigenden Wachstumsraten ein. Diesem fallenden Trend folgte die Geborenenziffer mit einer zeitlichen Verzögerung von mehreren Jahrzehnten und verstärkte dadurch die Dynamik des Bevölkerungswachstums. Erst die seit Ende der 1960er Jahre stärker rückläufige Fruchtbarkeit führte zusammen mit dem Einpendeln der Sterbeziffer auf niedrigem Niveau zu einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in den 1990er Jahren. Dennoch ist ein beachtlicher absoluter Anstieg der Einwohnerzahlen zu erwarten. So haben die zukünftigen, zahlenmäßig starken Elternjahrgänge trotz sinkender Geburtenhäufigkeit zur Folge, dass Indien bis 2050 mit dann über 1,5 Milliarden Einwohnern China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen wird.

Indiens Bevölkerung 1950, 2005 und 2050

 

 

 

Regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung

 

Diese globalen Betrachtungen der Bevölkerungsentwicklung Indiens verdecken jedoch markante Unterschiede auf regionaler bzw. bundesstaatlicher Ebene, die abgesehen von den Regionen mit geringer Fruchtbarkeit in den nördlichen (Punjab, Himachal Pradesh) und östlichen Bundesstaaten (West Bengal, Orissa) als „demografischer North–South–Divide“ (Bose 2000) bezeichnet werden können. Kennzeichnend sind die differierenden Größenverhältnisse von Geburten- und Sterberaten als Ausdruck abweichender Positionen einzelner Bundesstaaten im demografischen Übergang. Im Vergleich zur Transformation der Gesamtbevölkerung Indiens verdeutlichen die hohen Ziffern für Uttar Pradesh im Norden das im Vergleich mit der nationalen Entwicklung dortige Hinterhinken, während die relativ niedrigen Raten für Kerala im Süden ein Vorauseilen anzeigen. Während die Geburtenhäufigkeit in den südindischen Bundesstaaten, allen voran in den oft zitierten Beispielen Kerala und Tamil Nadu, sehr schnell und mittlerweile unter das Bestandserhaltungsniveau von etwa 2,1 gefallen ist, verläuft der demografische Wandel in Nordindien weit langsamer. So bekommt nach vorläufigen Ergebnissen des jüngsten National Family Health Survey (NFHS-III) noch heute in den sozioökonomisch weniger entwickelten, bevölkerungsreichen Bundesstaaten Bihar (TFR 2005 bis 2006: 4,0), Madhya Pradesh (3,1), Rajasthan (3,2) und Uttar Pradesh (3,8) jede Frau im Durchschnitt über drei Kinder. In diesen Staaten ist eine große Zahl von Geburten je Frau auch Folge einer überdurchschnittlichen Säuglingssterblichkeit. Die hohe Fruchtbarkeit sichert den Bestand der Bevölkerung und erfüllt den Wunsch der meisten Paare nach einer idealen Familiengröße.

Wie in anderen Ländern ist auch in Indien ein Land–Stadt–Gefälle zu erkennen. So ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts die totale Fruchtbarkeitsrate (TFR) in ländlichen Räumen mit rund 3,0 immer noch deutlich höher als in den Städten mit rund 2,1 Kindern je Frau. Zudem verringert sich die Geburtenhäufigkeit mit zunehmender Stadtgröße, was auf eine von den Metropolen ausgehende Diffusion von neuen Wertvorstellungen zum generativen Verhalten hinweist (Gans 2000). In den großen Städten setzt am ehesten der soziale und ökonomische Wandel einer Gesellschaft ein, hier haben breite Bevölkerungsschichten Zugang zu Einrichtungen des Bildungs– und Gesundheitswesens. Die verbreiteten Massenmedien, insbesondere der Einfluss des Fernsehens, bringen „westliche“ Verhaltens- und Konsummuster auch in indische Haushalte (Mari Bhat 1998). Zudem begünstigen die städtischen Arbeits- und Siedlungsbedingungen die Auflösung patriarchalisch strukturierter Familienverbände, was sich wiederum positiv auf den sozialen Status der Frauen auswirkt. Damit erhöht sich die Aufgeschlossenheit der Paare gegenüber der Familienplanung und der Anwendung von Methoden zur Empfängnisverhütung.

Allerdings sind die regionalen Abweichungen der Geburtenhäufigkeit zwischen ländlichen Räumen und Städten in den nördlichen Bundesstaaten (Bihar: 4,2 zu 2,9; Madhya Pradesh: 3,3 zu 2,6; Rajastan: 3,6 zu 2,2; Uttar Pradesh: 4,1 zu 3,0) erheblich stärker ausgeprägt als im Süden (Kerala: 2,0 zu 1,7; Karnataka: 2,2 zu 1,9; Tamil Nadu: 1,9 zu 1,7). Zudem ist der Fruchtbarkeitsrückgang in den ländlichen Gebieten im Süden weiter fortgeschritten als der in den Städten des Nordens.

Kulturelle Traditionen und ihr Wandel

 

Der im Norden verlangsamte Geburtenrückgang lenkt die Aufmerksamkeit auf sozio–kulturelle Traditionen, welche die Ausbreitung neuer generativer Verhaltensweisen erschweren. Schon der Bericht zum Zensus 1931 sah diesen sozialen Kontext als entscheidendes Hindernis zur Begrenzung der Geburtenzahlen in einem Land, “where the vast majority of the population regard the propagation of male offspring as a religious duty and the reproach of barrenness as a terrible punishment for crimes committed in a former incarnation...” (Caldwell 1998, S. 686).

Die Präferenz der Eltern für Söhne wirkt als Hemmschwelle gegen ein nachhaltiges Absinken der Fruchtbarkeit. Die erhöhte Mortalität von Frauen, wie sie in der unausgewogenen Sexualproportion mit einem außergewöhnlichen Männerüberschuss in den nördlichen Bundesstaaten zum Ausdruck kommt, ist nach Untersuchungen von Das Gupta (1990) hauptsächlich auf eine gezielte schlechte Ernährung sowie mangelhafte medizinische Versorgung der Mädchen im Vergleich zu Jungen zurückzuführen. In diesem Zusammenhang ist das Heiratsverhalten zu berücksichtigen (Dyson/Moore 1983). Vor allem in Nordindien werden Heiraten arrangiert, Eltern müssen eine Mitgift zahlen, Mädchen verlassen in jungem Alter den elterlichen Haushalt und fehlen damit in einem frühen Lebensalter als Arbeitskraft. Zudem ist es ihnen oftmals verboten, den häuslichen Bereich zu verlassen, so dass sie nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt und dann nur in bestimmten Segmenten haben. Nach der „wealth–flow–theory“ von Caldwell (1982) implizieren diese traditionellen Verhaltensweisen eine klare Präferenz für Söhne. Besonders dramatisch stellt sich die Situation des „missing girl child“ (Premi 2001) in zwei relativ fortschrittlichen nördlichen Bundesstaaten dar: Die zwar verbotene, aber durchaus gängige Praxis der frühen Geschlechtsbestimmung mittels Ultraschall und die darauf folgenden geschlechtsspezifischen Abtreibungen bedingen ein starkes Ungleichgewicht der Sexualproportion in der Altersgruppe der unter Siebenjährigen. So kommen im Punjab auf 1.000 Jungen nur etwa 800 Mädchen, in Haryana sind es 820 (Indien 2001: 927). Die Folgen sind schon heute erkennbar und werden in Zukunft noch an Dynamik gewinnen. Das Fehlen möglicher Ehefrauen führt schon zu einem „Import“ junger Frauen aus anderen Regionen Indiens.

Eine Politik mit dem Ziel, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen, sollte sich also nicht nur auf das Angebot von Techniken beschränken, sondern soziokulturelle Barrieren, die den Diffusionsprozess behindern, versuchen abzubauen. Basu (1999, S. 251) nennt mit Bezug auf Indien drei mögliche Wege: eine formale schulische Ausbildung für alle, auch für Mädchen, durchsetzen, die räumliche Bewegungsfreiheit von Frauen stärken und den Zugang zu Massenmedien intensivieren. Schulbesuch und Ausbildung von Frauen tragen aus vielfältigen, sich wechselseitig beeinflussenden Gründen zur Verringerung der Fruchtbarkeit bei. Die formale Erziehung stärkt den sozialen Status von Frauen, sie gewinnen an Autonomie innerhalb der Familie, damit an Durchsetzungskraft eigener Standpunkte sowie ihrer Interessen und sind eher als Analphabetinnen befähigt, neue generative Verhaltensweisen zu übernehmen. So fällt die hohe Alphabetenquote bei geschlechtsspezifischen Unterschieden von deutlich weniger als 20 Prozent im Süden auf, während im Norden die schulische Ausbildung in den 1990er Jahren zwar überdurchschnittliche Fortschritte erzielt, aber die Raten für Männer und Frauen mehr als 25 Prozent voneinander abweichen.

Der Fruchtbarkeitsrückgang interpretiert als geografischer Diffusionsprozess enthält spezifische regionale Komponenten (Gans 2000): von den Städten in den ländlichen Raum, innerhalb des Städtesystems Hierarchie abwärts gerichtet, von Süd- nach Nordindien, und z. T. von den Küstenregionen landeinwärts (Guilmoto/Irudaya Rajan 2001). Diese räumlichen Eigenschaften lassen sich aber auch als Anpassung an geänderte sozioökonomische Bedingungen interpretieren, da Frauen mit schulischer Bildung wissen, dass sie ihren Kindern nur durch einen Schulbesuch einen sozialen Aufstieg ermöglichen können. Die damit verbundenen finanziellen Aufwendungen sind ihnen bewusst, weshalb sie die Zahl ihrer Geburten begrenzen – zunächst in den Metropolen sowie in Südindien. Entwicklungspolitiken, die in die Bildung von Mädchen investieren, und Mikrokreditprogramme, die vor allem Frauen zu Einkommen verhelfen und den Aufbau von Kleinunternehmen fördern, haben in der jüngeren Vergangenheit stark zu einem Rückgang der Fertilität beigetragen. Sie sind auch verantwortlich dafür, dass sich Indien nicht nur in den wirtschaftlich boomenden Metropolen entwickelt, sondern dass auch die ländliche Bevölkerung von dem Aufschwung profitiert. Gerade die landesweiten Investitionen in Bildung sorgen dafür, dass Indien bis auf Weiteres über ein nahezu unerschöpfliches Potenzial von qualifizierten Nachwuchskräften wird verfügen können.

Literatur / Links

Seit 1950 ist die Kinderzahl je Frau kontinuierlich gesunken. Dennoch wächst die Bevölkerung so stark, dass Indien im Jahr 2050 das bevölkerungsreichste Land der Erde sein wird – vor China, das heute auf Platz eins steht.

 

Basu, A. M. (1999): Fertility decline and increasing gender imbalance in India, including a possible South Indian turnaround. In: Development and Change 30, 237-263.

Bose, A. (2000): North–South–Divide in India´s demographic scene. In: Economic and Political Weekly, 13.05.2000, 1698-1700.

Caldwell, J. C. (1982): Theory of fertility decline. London.

Caldwell, J. C. (1998): Malthus and the less developed world: The pivote role of India. In: Population and Development Review 24, 675-696.

Census of <st1:country-region w:st="on"><st1:place w:st="on">India</st1:place></st1:country-region>, www.censusindia.net

Das Gupta, M. (1990): Death clustering, mother´s education and the determinants of child mortality in rural Punjab, India. In: Population Studies 44, 489-505.

Dyson, T./Moore, M. (1983): On kinship structure, female autonomy, and demographic behaviour in India. In: Population and Development Review 9, 35-60.

Gans, P. (2000): Approaches explaining regional differences in fertility decline in India. In: Erdkunde 54, S. 238-249.

Gans, P./Tyagi, V. K. (1999): Regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung Indiens. In: Geographische Rundschau 51, 103-110.

Guilmoto, C.Z./Irudaya Rajan, S. (2001): Spatial Patterns of Fertility Transition in Indian Districts. In: Population and Development Review, Bd. 24, H. 4, S. 713-738.

Mari Bhat, P. N. (1998): Emerging Regional Differences in Fertility in India: Causes and Correlations. In: Martine, G. et al. (Hrsg.): Reproductive Change in India and Brazil. Calcutta et al., 131-168.

National Family Health Survey (NFHS), www.nfhsindia.org

Premi, M. K. (2001): The missing girl child. In: Economic and Political Weekly, 26.05.2001, 1875-1880.

 

 

Stand: Januar 2009

Artikel als PDF

 

 

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