Facebook
Twitter

von Bernd Eggen und Marina Rupp

 

Wer heute über rückläufige Geburtenzahlen und Mangel an Nachwuchs diskutiert, übersieht vielleicht allzu leicht, dass ein höherer Anteil von kinderreichen Familien in der Gesellschaft historisch eine Ausnahme darstellt. Familien, in denen drei oder mehr Kinder gleichzeitig lebten, waren in Deutschland allein in der Zeit zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet. In diesem Sinne ist Kinderreichtum ein soziales Phänomen von gerade hundert Jahren.

 

Frühe Neuzeit: Viele Geburten – hohe Kindersterblichkeit

 

Schon vor hundert und zweihundert Jahren gab es Familien mit vielen und mit wenigen Kindern. Die Durchschnittswerte überdecken dies oftmals. Auch in früheren Jahrhunderten bemühten sich manche Eltern erfolgreich, die Zahl ihrer Kinder zu beschränken. Dennoch gehörten in der alten Zeit viele Kinder zur Normalität. Die Bauersfrau im Mittelalter bekam durchschnittlich wohl fünf bis sechs Kinder. Im späten Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit vor dem 17. Jahrhundert waren bis zu zwanzig Geburten in der Ehe nicht selten. Allerdings gilt es, zwischen Geburtenzahl und Kinderzahl zu unterscheiden. Es wurden viele Kinder geboren, aber ein Viertel bis ein Drittel starb vor der Mündigkeit, oftmals sogar mehr. Mangelnde Hygiene, Epidemien, Kriege, Schmutz und Enge der Wohnung trugen zu einer sehr hohen Kindersterblichkeit bei, so dass in vielen Familien nur ein bis zwei Kinder überlebten.

Es ist davon auszugehen, dass in der Frühen Neuzeit die bewusste Geburtenkontrolle nicht das dominante Muster war und die meisten Frauen solange Kinder gebaren, wie es biologisch möglich war. Gleichwohl ist die Geburtenbeschränkung keine Erfindung der Neuzeit. Die Menschen wissen spätestens seit der Antike von Mitteln und Methoden, die Schwangerschaft zu verhindern oder abzubrechen. In der bäuerlichen Gesellschaft betrachteten die Eltern ihre Kinder vor allem als Arbeitskräfte und Erben. So war ausreichender Nachwuchs einerseits nötig, und sie mussten angesichts einer sehr hohen Mortalität genügend Kinder haben, damit der Fortbestand der Familie gesichert war. Andererseits verfügten die bäuerlichen Familien nicht unbegrenzt über Land, zudem drohten mit der Geburt eines Kindes tödliche Gefahren für das Leben der Mutter und drängende Nahrungsprobleme für die gesamte Familie. Somit war zu vermeiden, dass die Zahl der Kinder, die ernährt werden oder unter welchen der Familienbesitz aufgeteilt werden musste, zu groß wurde. Ähnliche ökonomische Vorgaben trafen auf die städtischen Handwerksbetriebe zu: Das jeweilige Gewerbe, seine Produktionsweise, vorhandener oder fehlender Hausbesitz konnten regulierend auf die Zahl der Kinder wirken. Wer also seine Familie klein halten wollte, fand Mittel und Wege, dies zu verwirklichen. So wurden in Europa bereits seit dem 16. Jahrhundert mehr oder minder wirksame Methoden der Empfängnisverhütung angewandt. Hierzu gehörte das Enthalten vom Geschlechtsverkehr oder das Ausdehnen der Stillzeit für geborene Kinder. Weitere Wege, die Zahl der Kinder zu begrenzen, waren das Abtreiben, Töten oder Aussetzen ungewünschter Kinder. Für Chaunu war „das eigentliche Verhütungsmittel des klassischen Europa“ aber das Heiratsalter: Früher wie heute wirkt sich jedes Jahr, um welches eine Eheschließung aufgeschoben wird, unmittelbar auf die Kinderzahl aus. Allerdings wirkt die Verzögerung einer Heirat auf die Zahl der Kinder gegenwärtig bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 80 Jahren ganz anders als in einer Zeit zwischen 1500 und 1700, als die Sterblichkeit von Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren deutlich höher lag.

 

Seit 250 Jahren die Sorge wegen fehlender Kinder

 

In Frankreich fühlten sich zahlreiche Zeitzeugen beunruhigt über die sinkende Geburtenziffer besonders ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Gründe, die sie für das Begrenzen der Kinderzahl vermuteten, scheinen sich in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten kaum geändert zu haben. Der französische Historiker Fernand Braudel lässt einige dieser Volkswirtschaftler, Geistlichen und „Demographen“ zu Wort kommen:

Der Nationalökonom Ange Goudar (1756) gab dem Luxus der Zeit die Schuld daran, dass „die eheliche Verbindung mitnichten Fruchtbarkeit zur Folge hat: Man scheut sie und wirkt direkt oder indirekt darauf hin, ihren Lauf zu hemmen […] der Luxus lässt Kinderreichtum in den Augen der meisten als eine Art Schande erscheinen. Je begüterter einer ist, desto stärker ist auch sein Drang, seine Nachkommenschaft zu begrenzen“. Das Schlimmste aber ist, dass sich „die Ansteckung [durch Luxus] ausbreitet und unmerklich das niedere Volk erfasst, auf dessen Arbeit das ganze Gebäude der zivilen Regierung ruht“.

Einer der ersten französischen Demografen Jean-Baptiste Moheau äußerte sich 1778: „Nicht nur die reichen Frauen […] betrachten die Fortpflanzung der Art als Schwindel, auf den sich früher einmal Narren einließen; schon sind diese verderblichen Geheimnisse, die kein Lebewesen außer den Menschen kennt […] bis aufs Land gedrungen; selbst in den Dörfern betrügt man die Natur“. In der Normandie war 1782 nach Darstellung des Pater Féline „das Verbrechen des schändlichen Onan […] unter den Eheleuten ungeheuer verbreitet […] insonderheit, wenn sie keine große Kinderschar wollen, sich aber gleichwohl die Lust, die sie beim Vollzug der Ehe empfinden, nicht versagen mögen, diese unselige Neigung ist bei Reichen und Armen gang und gäbe. Ihre Beweggründe unterscheiden sich, ihr Verbrechen ist das gleiche“.

Gut 100 Jahre später löste der Geburtenrückgang in Deutschland auch dort eine breite Debatte aus: So behauptete der Statistiker Georg Hansen Ende der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts, die Stadtbevölkerung und vor allem die Mittelklassefamilie mit gutem Erbgut könnten sich nicht selbst reproduzieren. Der Sozialdarwinist Otto Ammon verschärfte die These: Stadtzuwanderer seien besserer Rasse, aber in der Stadt degenerierten sie und stürben aus. Die sozialbiologische Deutung sah in der Großstadt die Ursache für den Geburtenrückgang. Die Stadt verbrauche mehr Menschen als sie produziere. Berlin war für den Statistiker Georg Mayer oder den Ökonomen Adolf Weber ein typischer Fall. Für konservativ Gesinnte, und Katholiken gar, war Geburtenkontrolle als Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ein Ausdruck rationalistisch-individualistischer Emanzipation, ein Verstoß gegen natürliche Gegebenheiten. Für die Nationalisten war sie – man hatte das warnende Beispiel Frankreichs vor Augen – ein Schwund an „Volkskraft“, die Drohung eines „sterbenden Volkes“. Für die „Rassenhygieniker“ und Eugeniker ging es um die generelle Verschlechterung des Erbgutes, weil es die Träger besserer Erbanlagen seien, die verantwortliche Elternschaft praktizierten, während die weniger Wertvollen sich überproportional vermehrten.

Eltern, die in der Ehe die Kinderzahl bewusst einschränkten, stammten in der Regel nicht aus ärmlichen Verhältnissen – im Gegenteil: Als Pioniere einer bewussten Geburtenkontrolle erwiesen sich in Westeuropa vor allem das wohlhabende Bürgertum und der englische und französische Hochadel. So berichtet Pfister in seiner Fallstudie über ausgewählte Züricher Familien im 17. und 18. Jahrhundert, dass in der Oberschicht viele Frauen ihre fruchtbare Phase nicht mehr voll ausschöpften, wenn sie bereits zwei lebende Söhne jenseits des durch Tod besonders bedrohten frühen Kindesalters hatten. Schließlich galt es, den vorhandenen Kindern ein möglichst umfangreiches Erbe zu erhalten, um den sozialen Status der Familie über die Generationen hinweg zu sichern.

Familienplanung ließ sich für die Frühe Neuzeit aber auch für andere soziale Gruppen nachweisen, und zwar in einigen französischen Dörfern oder im katholischen Bayern ebenso wie in ländlichen Regionen mit protestantischer Bevölkerung. Dennoch dürften insgesamt nur wenige Ehepaare die Geburten beschränkt haben. Die Größe und die Struktur der Bevölkerung sind dadurch nicht wesentlich beeinflusst worden. Dies sollte erst ein halbes Jahrhundert später beginnen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts sank zuerst in Frankreich die Fruchtbarkeitsrate merklich. Deutschland und andere europäische Staaten wie beispielsweise England, Schweden, aber auch Italien folgten in einem Abstand von 100 Jahren, etwa ab 1870.

Im 19. Jahrhundert: Kinderreichtum und beginnender Geburtenrückgang

 

Im 19. Jahrhundert setzte sich die Geburtenbeschränkung in der Ehe gewissermaßen als Regelverhalten sukzessive durch. Eine Konstante der alten Zeit war, dass, wer heiraten durfte und konnte, auch Kinder bekam. Nachdem die Ehe allgemein zugänglich geworden war, bestimmten zunehmend die individuellen Vorstellungen und Lebensverhältnisse der Eltern die Zahl ihrer Kinder. Der Übergang vollzog sich zunächst langsam und ungleichmäßig vor dem Hintergrund sich ändernder gesellschaftlicher Bedingungen: Die Rechtsordnung löste die Ehe von alten bäuerlichen und zünftischen Beschränkungen und gab sie frei; durch die wirtschaftliche Entwicklung entstanden Arbeitsplätze und Wohlstand; die Industrialisierung ermöglichte Einkommen jenseits der alten Einheit von Betrieb und Haus.

Damit entstanden die Voraussetzungen für die Familiengründung in breiten Bevölkerungskreisen, und es wurde vermehrt und vor allem früh geheiratet. Die Geburten wurden unabhängiger vom Nahrungsspielraum und stiegen leicht an. Mit zeitlicher Verzögerung sank die Sterblichkeit insbesondere von Kleinkindern und Jugendlichen. In immer mehr Familien lebten und überlebten mehr Kinder. In der Folge wuchs die Bevölkerung in den deutschen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Diese Entwicklung verlief jedoch alles andere als einheitlich: In Preußen nahm die Bevölkerung deutlich zu, in den österreichischen Alpenländern stagnierte sie, und dazwischen lagen die Zuwachsraten beispielsweise in Nordwest- und Süddeutschland. Das Bevölkerungswachstum war dort am höchsten, wo die Ehe freigegeben wurde und bei geringem Heiratsalter geschlossen werden konnte. Der Durchbruch der modernen Familienplanung in den deutschen Ländern vollzog sich Ende des 19. Jahrhunderts. Doch war dies nicht sofort beobachtbar, da die Bevölkerung weiterhin wuchs – denn die absoluten Geburtenzahlen blieben relativ hoch –, während die Sterblichkeit nun stärker abnahm. Dies verdeckte zunächst noch eine Entwicklung von epochaler Bedeutung, den Rückgang der Geburten in der Ehe, also die Begrenzung der Kinderzahl durch die Ehepartner. Damit begann die zusammengefasste Geburtenziffer zu sinken, obwohl die Heiratshäufigkeit etwas anstieg und das Heiratsalter leicht sank. Der Rückgang setzte bei den älteren Frauen und den späteren Geburten zuerst ein: Bei den 40- bis 46-Jährigen gingen zwischen 1881/90 und 1901/10 die Zahlen um 25 Prozent, bei den 30- bis 34-Jährigen um 15 Prozent zurück. In Berlin nahm zwischen 1880 und 1900 zwar die Zahl der Erstgeburten noch zu, aber die Zahl der Zweitgeburten um 20 Prozent, der Drittgeburten um 45 Prozent und die der weiteren um fast 60 Prozent ab. Mit anderen Worten: Bereits die Eltern unserer Großeltern hatten im Schnitt erheblich weniger Kinder als deren Eltern.

Die Entwicklung zeigt große regionale, konfessionelle und schichtspezifische Unterschiede, wenngleich die Verbindung zwischen Wohlstand, Bildungsniveau und Geburtenkontrolle bei der städtischen Bevölkerung unbestritten ist. Im nationalen Durchschnitt begann in Deutschland der Rückgang um 1895, in einzelnen Regionen aber schon um 1880 oder erst um 1915. Zuerst sanken die Zahlen in den Städten, während sie auf dem Land noch stiegen. In Dienstleistungs- und Verwaltungsstädten war der Rückgang stärker als in Städten mit Schwerindustrie. Schon vor dem allgemeinen nationalen Rückgang unterschieden sich die Regionen in den Kinderzahlen drastisch: Verheiratete Frauen gebaren zwischen 4,4 und 8,4 Kinder. In Gebieten mit hohen Kinderzahlen setzte der Rückgang später und mit geringerer Intensität ein.

Mit Blick auf konfessionelle Unterschiede hatten die Katholiken überdurchschnittlich oft viele Kinder. Sie begannen auch spät, zum Beispiel in Niederbayern 1914, und langsamer die Zahl ihrer Kinder zu verringern. In protestantischen Ehen, die schon früher eher weniger Kinder hatten, wurde die Kinderzahl stärker und effektiver begrenzt, und dies unabhängig von städtischer oder ländlicher Herkunft. In den jüdischen Familien, vor allem in guten sozialen Positionen, begann der Rückgang besonders früh und entwickelte sich besonders rasch.

Obgleich moderne und traditionale Familientypen nebeneinander existierten, ist offensichtlich, dass sich die moderne Familie mit unterschiedlichem Tempo in allen sozialen Schichten durchsetzte. An Bildung und Wohlstand reiche Eltern begannen früher, die Zahl ihrer Kinder zu verringern als Eltern in wirtschaftlichen Notlagen. Ein Vorreiter der Entwicklung war die in der Stadt lebende bürgerliche Familie. Dazu gehörten der neue Mittelstand, Beamte, freie Berufe, Angestellte. Es folgten die selbstständigen Unternehmer, der alte Mittelstand und die Facharbeiter. Gelernte Arbeiter außerhalb der Schwerindustrie und zumal des Bergbaus begrenzten die Zahl ihrer Kinder früher als ungelernte. Die „respektable“ Arbeiterschaft, geleitet vom bürgerlichen Familienideal, betrachtete Kinder nicht mehr als Schicksal und widmete dem einzelnen Kind eine größere Aufmerksamkeit. Die Arbeiterfamilie im Allgemeinen jedoch zog ihre normativen Orientierungen weiterhin aus den traditionellen Moral- und Ordnungsvorstellungen. Ein Beschränken der Zahl der Kinder kam solange nicht in Frage, als Kinder zugleich zusätzliche Verdiener waren. Familie bedeutete für sie in erster Linie eine Wohn- und Essgemeinschaft in einem überaus harten Leben; von Erziehung, Bildung und Ausbildung der Kinder konnte kaum die Rede sein. Erst als die Kinderarbeit abgeschafft wurde, galt „Kindersegen“ alles andere als erwünscht, bedeuteten doch Kinder nur einen zusätzlichen Kostenfaktor, der das Elend der Familie vergrößert. Die Arbeiterschaft war also alles andere als einheitlich in ihrem generativen Verhalten.

In Deutschland schränkten besonders Beamte und Angestellte schon früh, wenn auch anfangs langsam, die Zahl ihrer Kinder ein. So lag die Zahl in vor 1825 geschlossenen Ehen bei 6,4, in denen vor 1849 bei 5,1, in denen vor 1874 bei 4,3. Unternehmer und Handwerker folgten dem Trend im Abstand von 25 Jahren. In Göttingen zum Beispiel soll in den Handwerkerfamilien die durchschnittliche Kinderzahl zwischen 1760 und 1860 schon bei zwei bis drei Kindern gelegen haben. Bei den Bauern zeigte sich ein langsamerer Rückgang: Zwischen 1750 und 1799 lag die Fertilität bei 7,1 Kindern, sank für den Zeitraum von 1800 bis 1849 auf 6,3 und erreichte 1850 bis 1874 den Wert von 5,5 Geburten pro Ehe. Die Entwicklung beschleunigte sich gegen Ende des Jahrhunderts, blieb aber differenziert: Bei höheren Beamten, Lehrern und freiberuflich Tätigen kamen auf Ehen, die zwischen 1875 und 1899 geschlossen wurden, noch durchschnittlich drei Kinder, aber auf Ehen, die zwischen 1900 und 1914 geschlossen wurden, nur noch 2,5 Kinder. Ehen der städtischen Arbeiterschaft dagegen hatten noch 1939 durchschnittlich 4,4 Kinder. Landarbeiter übertrafen in der gleichen Zeit mit 6,1 Kindern pro Ehe deutlich die selbstständigen Bauern mit 5,4 Kindern.

Zahl der Kinder in Ehen nach Schichtzugehörigkeit in Deutschland 1850 bis 1914

Ehen nach Schichtzugehörigkeit

des Ehemannes

Durchschnittliche Kinderzahlen in Ehen, die zwischen … und … geschlossen wurden

 

 

1850-1874

1875-1899

1900-1914

Höhere Beamte und Angestellte

4,3

2,9

2,5

Größere Unternehmer und Kaufleute

4,6

4,9

2,9

Mittlere und kleinere Unternehmer und Kaufleute

4,3

3,9

2,7

Handwerker

-

5,2

2,3

Die Zahlen für die Handwerker stammen aus einer Stichprobe aus Thüringen. Alle übrigen Gruppen sind ausgewählte niedersächsische Ober- und Mittelschichtfamilien (Quelle: Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866–1918, Band 1: Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1993).

Wesentlich früher und weitaus fortgeschrittener schränkten in Frankreich selbst auf dem Lande die Eltern die Zahl ihrer Kinder ein. So hatten 1911 Bäuerinnen der Gironde oder der Gegend um Bordeaux nur noch 1,93 bzw. 1,86 Kinder im Durchschnitt, und in Paris lagen die Werte mit 1,72 Kindern pro Ehe noch niedriger.

Im 20. Jahrhundert: Rückgang kinderreicher Familien in der Welt, Deutschland und Baden-Württemberg

 

Bei der Entwicklung hin zu kleineren Familien mit ein oder zwei Kindern bildet Deutschland keine Ausnahme. Weltweit dürfte in den letzten Jahrzehnten der Anteil kinderreicher Familien an allen Familien gesunken sein. Ein erster grober Indikator ist die zurückgehende zusammengefasste Geburtenzahl in fast allen Staaten (Indikator ist die zusammengefasste Geburtenrate der Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren eines Kalenderjahres). Berücksichtigt man gleichzeitig den Rückgang der Kindersterblichkeit in den sich entwickelnden Staaten, dann muss ein Rückgang der Geburtenhäufigkeit nicht zwingend zu einem geringeren Anteil der Familien mit drei oder mehr Kindern führen. Da mehr Kinder überleben, sind nicht mehr so viele Geburten notwendig für eine kinderreiche Familie. Allerdings ist besonders in Asien der Rückgang der Geburten so stark, dass er auch zu einem entsprechenden Rückgang kinderreicher Familien geführt haben dürfte. Der deutliche Rückgang ist in Asien vor allem in China, Südkorea, Thailand und Vietnam zu beobachten. Anfang der 1970er-Jahre bekam eine Frau in diesen Ländern durchschnittlich noch vier bis sieben Kinder, drei Jahrzehnte später liegt die entsprechende Zahl oftmals bei nur einem Kind, selten bei mehr als zwei Kindern. Ähnlich haben sich beispielsweise die nordafrikanischen Staaten Tunesien, Marokko und Algerien, aber auch der Iran entwickelt. Die Zahl der Kinder je Frau ist von sechs bis sieben Kindern auf zwei bis drei Kinder gefallen. Auch in den entwickelten Ländern ist die schon vor Jahrzehnten niedrigere Zahl der Kinder in den Familien noch einmal deutlich gesunken. In Europa und Japan haben Frauen, die 1930 geboren worden sind, im Schnitt zwei bis drei Kinder, in Nordamerika, Australien und Neuseeland drei bis vier Kinder. Die heutige Elterngeneration, die 40- bis 45-jährigen Mütter, hat in der Regel nur noch ein oder zwei Kinder.

Die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenrate von Frauen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, aber auch die endgültige Kinderzahl der Frauen eines Geburtsjahrganges geben den tatsächlichen Rückgang der Mehrkinderfamilien nur ungenau wieder.16 Dies zeigt die Entwicklung in Frankreich: Die endgültige Kinderzahl der im Jahr 1960 geborenen Frauen war mit 2,1 genauso hoch wie bei den im Jahr 1900 geborenen Frauen.17 Hier überrascht zunächst, dass der Anteil von Familien mit drei oder mehr Kindern nahezu unverändert ist, ja sogar bei den Frauen des Geburtsjahrganges 1960 um einen Prozentpunkt höher lag als bei den Frauen des Geburtsjahrganges 1900. Die jüngeren Frauen haben jedoch seltener fünf oder mehr Kinder und häufiger drei Kinder. Die endgültige Kinderzahl ist vor allem dadurch stabilisiert worden, dass Frauen seltener kinderlos blieben oder nur ein Kind bekamen. Wesentlich einschneidender stellt sich die Veränderung der Familiengröße vom Standpunkt der Kinder aus dar. Treten aus schließlich Familien in das Blickfeld, dann hatten in Frankreich fünf von zehn Kindern der 1900 und 1930 geborenen Mütter mindestens drei Geschwister. Durchschnittlich lebten also vier bis fünf Kinder in der Familie.

Mit wesentlich weniger Brüdern und Schwestern lebten dagegen die Kinder zusammen, deren Mütter 1960 geboren worden sind: Zwei von zehn Kindern hatten noch drei oder mehr Geschwister. Auffallend ist außerdem die Entwicklung hin zu einem Bruder oder einer Schwester oder zu zwei Geschwistern, also zur Familie mit zwei oder drei Kindern. In Österreich hat sich der Anteil der Frauen mit drei oder mehr Kindern im Beobachtungszeitraum auf weniger als die Hälfte reduziert: Er fiel von 42 Prozent bei Frauen des Geburtsjahrganges 1935 auf ungefähr 20 Prozent bei Frauen des Geburtsjahrganges 1964. Im Vergleich dazu stieg die Kinderlosigkeit bei den jüngeren Frauen zuerst allmählich, um dann bei den 1964 geborenen Frauen auf etwa 18 Prozent zu klettern. Weitgehend stabil ist seit der Kohorte von 1940 der Anteil der Frauen mit nur einem Kind. Etwas anders hat sich nach dem U.S. Census Bureau die Familiengröße in den USA verändert. Sechs von zehn Frauen, die in den 1930er-Jahren geboren worden sind, haben mindestens drei Kinder bekommen; zwei von zehn Frauen sogar fünf oder mehr Kinder. Jüngere Frauen mit Geburtsdatum um 1960 sind erheblich seltener Mütter von sehr vielen Kindern: Nur noch drei von zehn Frauen gebaren mindestens drei Kinder, eine von zehn Frauen vier oder mehr Kinder.

In Deutschland hat sich der Rückgang der endgültigen Kinderzahl bei Frauen mit einem Geburtsdatum um die vorletzte Jahrhundert wende bereits weitgehend vollzogen. Seitdem bekommen in Deutschland die Frauen im Schnitt selten mehr als ein oder zwei Kinder. So sind von den 1956 bis 1960 geborenen Frauen 25 Prozent kinderlos und nur noch 15 Prozent haben mehr als zwei Kinder. Die bislang für einen westdeutschen Geburtsjahrgang niedrigste Kinderzahl wird mit 144 Kindern je 100 Frauen für die 1968 geborenen Frauen geschätzt. Für die nachgeborenen Frauen (1969, 1970) werden mit 146 und 147 Kindern etwas höhere Geburtenhäufigkeiten erwartet. Es ist abzuwarten, ob dieser leichte Anstieg eine Trendwende ankündigt.

Die Größe der Familie ist damit vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgegangen. Vor 80 Jahren hatten 21 Prozent der Ehepaare mit Kindern mindestens vier Kinder und weitere 17 Prozent drei Kinder. Drei Jahrzehnte später hatten im früheren Bundesgebiet von den verheirateten Eltern nur noch 8 Prozent vier oder mehr Kinder und 14 Prozent drei Kinder. Noch einmal ist der Anteil kinderreicher Ehepaare merkbar seit den 1970er-Jahren gesunken. 2005 lebten nur noch in jeder siebten Familie drei und mehr Kinder.

Betrachten wir neben den Ehepaaren mit Kindern auch die Alleinerziehenden und die nicht ehelichen Paare mit Kindern, dann ist seit 1957 besonders der Rückgang der kinderreichen Familien mit vier oder mehr Kindern auffallend. Ihr Anteil an allen Familien ist um über die Hälfte gesunken, der Anteil der Familien mit drei Kindern nur um etwas mehr als ein Viertel. Darüber hinaus ist Mitte der 1980er-Jahre der Rückgang zum Stillstand gekommen. Seit nunmehr 20 Jahren liegt der Anteil kinderreicher Familien an allen Familien weitgehend unverändert bei rund 13 Prozent (früheres Bundesgebiet) und 12 Prozent (Deutschland seit 1991). Die einschneidenden Veränderungen im generativen Verhalten liegen somit schon Jahrzehnte zurück. Das gilt auch für Baden-Württemberg, wo der Anteil kinderreicher Familien von 24 Prozent (1970) auf 15 Prozent (2005) sank. Allerdings ist Baden-Württemberg heute das Bundesland mit dem höchsten Anteil kinderreicher Familien.

Literatur / Links

 

Abbasi-Shavazi, Mohammad J.: The fertility revolution in Iran, in: Population et Sociétés 373/2001.

Braudel, Fernand: Frankreich. Band 2: Die Menschen und die Dinge. Stuttgart 1990.

Burguière, André / Klapisch-Zuber, Christian /Segalen, Martine / Zonaben, Francoise (Hrsg.): Geschichte der Familie. Band 3. Neuzeit. Frankfurt/Main 1997.

Chaunu, Pierre: La civilisation de l’Europe classique. Paris 1966.

Council of Europe: Recent Demographic Developments in Europe 2004. Strasbourg 2005.

Dorbriz, Jürgen: Geburtenentwicklung in Deutschland. Nur Tempoeffekte, aber kein Babyboom, in: BIB-Mitteilungen 2/2004.

Eggen, Bernd / Rupp, Marina: Kinderreiche Familien. Wiesbaden 2006.

European Demographic Observatory (EDO).

Gestrich, Andreas/Krause, Jens-Uwe/Mitterauer, Michael: Geschichte der Familie. Stuttgart 2003.

Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Berlin 1953.

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866–1918. Band 1: Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1993.

Perrot, Michelle: Geschichte des privaten Lebens. Band 4: Von der Revolution zum Großen Krieg. Frankfurt/Main 1992.

Pfister, Ulrich: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1500–1800. München

1994.

Pfister, Ulrich: Die Anfänge einer Geburtenbeschränkung in Europa: Eine Fallstudie ausgewählter Züricher Familien im 17. und 18. Jahrhundert. Bern 1985.

Population Division of the Department of Economic and Social Affairs of the United Nations Secretariat: World population prospects: The 2004 revision. Highlights. New York 2005.

Pounds, Norman J. G.: An historical geography of Europe 1800–1914. Cambridge 1985.

Russel, Josiah C.: Die Bevölkerung Europas 500–1500, in: Borchardt, Knut (Hrsg.): Europäische Wirtschaftsgeschichte. Band 1: Mittelalter. New York/Stuttgart 1983.

Sardon, Jean-Paul: Recent demographic trends in the developed countries, in: Population-E. 2/2004.

Schwarz, Karl: 100 Jahre Geburtenentwicklung, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 4/1997

Sobotka, Tomáš: Fertility in Austria: An overview, in: Vienna Yearbook of Population Research 2005, Wien 2005.

Toulemon, Laurent: How many children and how many siblings in France in the last century?, in: Population et Sociétés 374/2001.

Weber-Kellermann, Ingeborg: Die Familie. Frankfurt/Main 1996.

 

Stand: Januar 2008

Artikel als PDF

 

 

Vom Hungerland zum Hoffnungsträger

Wird Äthiopien zum Vorbild für den afrikanischen Aufschwung?

Nahrung, Jobs und Nachhaltigkeit

Was Afrikas Landwirtschaft leisten muss

Mehr Humankapital wagen!

Wie Bildung die Gesellschaften der Welt fit für das 21. Jahrhundert machen kann

Die demografische Lage der Nation - gefördert vom Generali Zukunftsfonds