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Ein Phänomen der Neuzeit

 

Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte wuchs die Bevölkerung der Erde nur sehr langsam. Nahrungsmangel und Krankheiten sorgten dafür, dass sich hohe Sterberaten und hohe Geburtenraten die Waage hielten. Die Zahl der Steinzeitmenschen wird auf wenige Hunderttausend geschätzt, um 8.000 v. Chr. mögen etwa vier Millionen Menschen gelebt haben (Weeks: 35). Mit der Sesshaftwerdung des Menschen und der Entdeckung von Ackerbau und Viehzucht und schließlich dem Bau von Städten und Handelswegen konnten immer mehr Menschen auf einer kleinen Fläche überleben. Um die Zeitenwende lebten etwa 200 Millionen Menschen weltweit, bis zum Jahr 1750 vervierfachte sich die Zahl auf etwa 800 Millionen. Während der Industriellen Revolution erhöhte sich die Produktivität der Industriegesellschaften so stark, dass bereits um 1800 die erste Milliarde erreicht war, 1930 die zweite Milliarde, 1960 die dritte und 1999 schließlich die sechste. Heute leben etwa sieben Milliarden Menschen auf der Erde, bei einem anhaltenden Wachstum von derzeit 1,2 Prozent pro Jahr käme alle zwölf Jahre eine weitere Milliarde hinzu (s. auch: Historische Bevölkerungsentwicklung, DSW-Weltbevölkerungsuhr).

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wuchs die Bevölkerung vor allem in den Industrienationen. Eine Folge davon war eine massive Wanderungsbewegung aus Europa in die neue Welt. Machten die Europäer 1750 noch 18 Prozent der Weltbevölkerung aus, so stellten Menschen europäischen Ursprungs 1930, zum Höhepunkt ihrer Weltdominanz, 35 Prozent.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts findet das Bevölkerungswachstum fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt. Die Bekämpfung von Krankheiten und eine bessere Versorgung führten zunächst in Asien, bald darauf auch in Lateinamerika, im mittleren Osten und in Nordafrika sowie schließlich im Afrika südlich der Sahara zu einem massiven Rückgang der Sterberaten. Mit einer nach wie vor hohen Geburtenrate von durchschnittlich sechs Kindern pro Frau zwischen 1960 und 1965 vermehrte sich die Bevölkerung in den Entwicklungsländern jährlich um drei Prozent. Im Jahr 1970 stellten die Entwicklungsländer 65 Prozent der Weltbevölkerung, zur Jahrtausendwende schon 80 Prozent.

Das Wachstum ist längst nicht abgeschlossen

 

Der Wandel von der vorindustriellen Bevölkerung mit hoher Fertilität und hohen Sterberaten zur modernen Gesellschaft mit kleinen Geburtenziffern und niedriger Sterblichkeit wird demografischer Übergang genannt. Er lässt sich in mehrere Phasen einteilen: Mit beginnender Industrialisierung sinken die Sterbeziffern, während die Geburtenrate weiterhin hoch bleibt. Dadurch wachsen die Einwohnerzahlen stark an. Diese Phase dauert im Allgemeinen zwei bis drei Generationen, bevor sinkende Geburtenziffern das Wachstum bremsen und sogar in einen Bevölkerungsschwund umkehren können. In einigen Entwicklungsländern, in denen durch medizinische Versorgung und Nahrungsmittelimporte die Lebenserwartung gestiegen ist, aber keine Industrialisierung stattgefunden hat, kann die wachstumsintensive Phase wesentlich länger dauern. So sind die Geburtenziffern heute beispielsweise im mittleren und westlichen Teil des afrikanischen Kontinents sowie in Pakistan, Nepal und nördlichen Landstrichen Indiens noch sehr hoch.

Während Bevölkerungswissenschaftler lange Zeit davon ausgingen, dass sich die Geburtenziffern nach dem demografischen Übergang auf ein Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau einpendeln, kann diese Theorie angesichts langfristiger Geburtenrückgänge in vielen modernen Gesellschaften nicht mehr aufrechterhalten werden. In Deutschland liegt die Fertilität seit Mitte der 1970er Jahre bei 1,4 Kindern pro Frau. Damit ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Auch in einigen Entwicklungsländern ist die Geburtenziffer weit unter das Ersatzniveau gesunken. In Südkorea liegt sie beispielsweise bei 1,2 Kindern pro Frau. Ähnlich ist es in China, Singapur und Thailand sowie in einigen Ländern in der Karibik. Vielerorts hat der Geburtenrückgang einen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich gezogen.

Für den Rückgang der Geburtenziffern spielen mehrere, sich gegenseitig beeinflussende Faktoren eine Rolle - in der Geschichte der Industrienationen ebenso wie in den heutigen Entwicklungs- und Schwellenländern: erstens die Säkularisierung, die dem Individuum mehr Verantwortung für das eigene Wohlergehen aufbürdet; zweitens die Bildung, die neue gesellschaftliche Optionen eröffnet und den Zugang zu Informationen (unter anderem über Familienplanung) ermöglicht; drittens ein Bedeutungswandel der Kinder vom Nutzen- zum Kostenfaktor; viertens die gesetzliche Altersvorsorge (in Deutschland seit 1889), die auch Menschen ohne Nachwuchs Versorgungsansprüche gewährt; fünftens die „Konkurrenz der Genüsse“, die in einer modernen Gesellschaft eine Vielzahl biografischer Optionen jenseits der Familiengründung eröffnet; sechstens schließlich eine veränderte gesellschaftliche Rolle der Frau. Wo immer Frauen Rechte, Bildungschancen und Berufsmöglichkeiten sowie Zugang zu Gesundheitsdiensten haben, bekommen sie später und vor allem weniger Kinder. Moderne Mittel zur Familienplanung haben in der Geschichte der Industrienationen zwar kaum eine Rolle gespielt, sind aber heute in den Entwicklungsländern ein wichtiger Bestandteil wirksamer Programme zur Eindämmung der Geburtenzahlen (s. Geschlechterrolle).

Ausblick in die Zukunft

 

Viele Demografen gehen davon aus, dass sich die Weltbevölkerung innerhalb der Jahre 2075 bis 2100 stabilisieren wird. Anschließend wird ein langsamer Bevölkerungsrückgang erwartet. Selbst in Afrika ist in vielen Regionen bereits einen Rückgang der Fertilität zu beobachten. Wie weit und wie schnell sich dieser Trend fortsetzen wird, hängt sehr stark davon ab, mit welcher Geschwindigkeit und welcher Vollständigkeit sich der Übergang zu modernen Gesellschaften in diesen Ländern vollzieht. Selbst wenn sich alle jungen Menschen im Alter von 10 bis 19 Jahren (weltweit 1,8 Milliarden) entscheiden, nur zwei Kinder zu bekommen, wird die Weltbevölkerung noch mal um die Hälfte anwachsen und hätte um 2050 bereits neun Milliarden überschritten (zu Quellen und Methoden s. Bevölkerungsprojektionen).


Jahrhunderte- und Jahrtausendelang haben sich die Geburten- und Sterbeziffern die Waage gehalten, und die Weltbevölkerung blieb stabil. Mit tiefgreifenden Veränderungen der Lebensumstände hat innerhalb der letzten Jahrhunderte ein Bevölkerungswachstum eingesetzt, das sich vermutlich bis 2100 fortsetzen wird, selbst wenn die Wachstumsraten derzeit sinken.


Ganz anders sieht die Situation in den meisten Industrienationen aus, in denen die Bevölke-rung vielfach bereits zu schrumpfen begonnen hat. In Deutschland etwa würde die Einwohnerzahl bei gleich bleibenden Bedingungen von heute 81,8 Millionen auf 44,5 Millionen im Jahre 2100 zurückgehen. Weil gleichzeitig die Lebenserwartung der Deutschen im vergangenen Jahrhundert um 31 Jahre gestiegen ist, führt die demografische Entwicklung zu einer deutlichen Alterung der Gesellschaft – mit weit reichenden Folgen für Sozialsysteme, Wirtschaftsentwicklung, Wettbewerbsfähigkeit, Kapital- und Immobilienmärkte und die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft (s. Auswirkungen).

  

Literatur / Links

 

Birdsall, Nancy, Allen C. Kelley and Steven W. Sinding, eds., 2001. Population Does Matter: Demography, Growth and Poverty in the Developing World. Oxford: Oxford University Press.

Bongaarts, John, and Griffith Feeney, 1998. "On the quantum and tempo of fertility," Population and Development Review, 24:2: 271-292.

Caldwell, John C., I.O Orubuloye and Pat Caldwell, 1992. "Fertility decline in Africa: a new type of transition?" Population and Development Review, 18:2: 211-242.

Cleland, John and Chris Scott, eds. 1987. The World Fertility Survey: An Assessment. Oxford.

Government of Kenya, Central Bureau of Statistics, 1980. Kenya Fertility Survey 1977-1978, First Report, Vol. 1. Ministry of Economic Planning and Development, Nairobi.

Klingholz, Reiner, in Evangelisches Staatslexikon (2006): Bevölkerung, Bevölkerungspolitik

Lesthaege, Ron and Paul Willems, 1999. "Is low fertility a temporary phenomenon in the European Union?" Population and Development Review, 25:2; 211-228.

Population Reference Bureau, 2012, 2012 World Population Data Sheet. Washington, DC.

Sinding, Steven W., 2000. "The great population debates: how relevant are they for the 21st Century?" American Journal of Public Health (Vo. 90, No. 12 (December), 1841-47.

United Nations Population Division, 2011, World Population Prospects: The 2010 Revision. United Nations, New York.

Weeks, John, 2005: Population, Ninth Edition, Wadsworth

 

Artikel von Oktober 2007, aktualisiert durch Mitarbeiter des Berlin-Instituts im November 2012

 

Nachdruck und Weiterverwendung des Artikels unter Angabe der Quelle erlaubt. Um Zusendung eines Belegexemplars wird gebeten.

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  • Millennium Development Goals (MDGs)
    [...] 1. Beseitigung der extremen Armut und des Hungers, mindestens Halbierung des extrem armen und hungernden Bevölkerungsanteils [...]

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