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Von Rainer Münz

 

Analyse und Interpretation von Bevölkerungsdaten


Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungsgeografie befassen sich mit den Unterschieden der Größe und Verteilung einer Bevölkerung und den daraus resultierenden Konsequenzen für die wirtschaftliche und soziale Situation eines Landes. In der Analyse geht es zum ersten um den Bevölkerungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt: also um Größe und Struktur einer Bevölkerung.


Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die Frage: Wie viele Menschen leben in der Stadt Berlin, im Land Hessen, in Deutschland, in der EU, in der Welt? Darüber hinaus interessiert vor allem die Verteilung dieser Einwohner nach Alter, Geschlecht, Staatsbürgerschaft und Kinderzahl.

Der Bevölkerungsstand verändert sich ständig: Menschen werden geboren, andere sterben, Personen wandern in ein bestimmtes Gebiet ein, andere verlassen es. In der Analyse geht es daher zum zweiten um demografisch, räumlich und sozial relevante Ereignisse wie Geburten, Sterbefälle, Heiraten, Scheidungen, Ein- und Auswanderungen sowie Einbürgerungen.

Von Interesse ist nicht nur deren absolute Häufigkeit während eines bestimmten Zeitraums, sondern auch die relative Häufigkeit und der Vergleich über die Zeit sowie der Vergleich zwischen einzelnen Ländern und Regionen. Dazu werden rohe Raten (z.B. Geburtenrate, Sterberate), spezifische Kennziffern (z.B. TFR = Gesamtfruchtbarkeitsziffer) und andere Verhältniszahlen (z.B. Sexualproportion, Bevölkerungsdichte) berechnet.

Ein wichtiges Ziel der Analyse ist es, die Größe dieser Kennziffern, ihre räumliche Differenzierung und ihre Veränderung über die Zeit zu interpretieren. Zu unterscheiden ist dabei zweierlei: Veränderungen – beispielsweise steigende oder sinkende Geburtenzahlen – können sich aus einem geänderten Verhalten, z.B. aus steigenden oder sinkenden Kinderzahlen pro Familie ergeben. Oder sie können das Resultat sich ändernder Strukturen sein, also z.B. aus einer altersbedingt wachsenden oder sinkenden Zahl potenzieller Eltern ergeben. Beim Vergleich über die Zeit oder zwischen mehreren Ländern geht es also um die Frage: Was erklärt sich aus verändertem Verhalten? Was erklärt sich aus den sich ändernden Strukturen? Und was ist Resultat der inneren Dynamik demografischer Prozesse (Populationsdynamik)?

Zusammengefasst wird der Zusammenhang zwischen den Bevölkerungsständen zu zwei bestimmten Zeitpunkten (t0, t1) und den demografisch relevanten Ereignissen während der dazwischen liegenden Periode in der demografischen Grundgleichung. Diese besagt: Die Bevölkerung t1 ergibt sich aus der Bevölkerung t0 + Geburten - Sterbefällen + Zuzügen - Fortzügen.

Datenquellen

Wichtigste Informationsquelle der Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungsgeografie ist die amtliche Statistik. Sie organisiert und veröffentlicht die Ergebnisse von allgemeinen Volkszählungen oder Registerzählungen, registriert und aggregiert aber auch Informationen über Geburten und Sterbefälle, Krankheits- und Todesursachen, sowie Ein- und Auswanderungen.


Einzelne Länder verfügen dabei über unterschiedliche Erhebungstraditionen. Dennoch ist es gelungen, die Klassifikationen von Lebend- und Totgeburten sowie von Krankheiten und Todesursachen international zu vereinheitlichen. Bislang keine einheitliche Definition gibt es hingegen bei der Definition und Klassifikation von Migranten. Bedeutsam für die demografische Analyse sind auch Stichprobenerhebungen, in Deutschland als Mikrozensus bekannt, bei denen nur eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung befragt wird. Besondere Bedeutung gewinnen solche Stichprobenerhebungen in Ländern, wo es keine Volkszählungen bzw. keine amtliche Geburtenstatistik gibt.

Lehre und Forschung


Akademisch sind Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungsgeografie im deutschen Sprachraum nicht ausreichend verankert. Es gibt nur wenige Lehrstühle und Forschungseinrichtungen mit dieser Spezialisierung. Dies steht in deutlichem Gegensatz zur Bedeutung, die demografische Prozesse für unsere Zukunft sowohl im Weltmaßstab als auch in Westeuropa haben.


Auf der einen Seite steht eine Weltbevölkerung, die nach wie vor um rund 230.000 Menschen pro Tag wächst, ohne dass derzeit für die hinzu kommenden Erdenbürger ausreichend Nahrung, sauberes Trinkwasser, medizinische Versorgung, Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze vorhanden wären.


Globales Bevölkerungswachstum 1950 bis 2100

Quelle: United Nations Population Division (2011): World Population Prospects: The 2010 Revision.

Auf der anderen Seite sind wir als Bewohner entwickelter Industriestaaten mit alternden und tendenziell schrumpfenden Bevölkerungen konfrontiert, ohne die Konsequenzen dieser demografischen Veränderung für unser Leben heute schon voll absehen zu können.


Bevölkerungsentwicklung in Europa nach Altersgruppen 1950 bis 2100

Quelle: United Nations Population Division (2011): World Population Prospects: The 2010 Revision.

Literatur / Links

 

United Nations Population Division(2011): World Population Prospects: The 2010 Revision.

 

Artikel von Januar 2008, aktualisiert durch Mitarbeiter des Berlin-Instituts im Oktober 2012

 

Nachdruck und Weiterverwendung des Artikels unter Angabe der Quelle erlaubt. Um Zusendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Artikel als PDF

 

 

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  • Bevölkerungsdynamik
    [...] Die Zahl der Bewohner unseres Planeten, eines Landes oder einer Region ändert sich genauso wie die Zusammensetzung und die räumliche Verteilung dieser Bewohner. [...]
  • Demografischer Übergang
    [...] Bevölkerungswissenschaftler nennen die Entwicklung von hohen zu niedrigen Todes- und Geburtenraten den demografischen Übergang. [...]