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Von Franz Nuscheler

 

Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 beinahe verdreifacht, obwohl heute global gesehen die Fertilitätsrate nur etwa halb so hoch ist wie vor 60 Jahren. Statt fünf Kinder bringt eine Frau heute im Durchschnitt 2,5 zur Welt. Weil damit aber immer noch mehr Kinder geboren werden, als für den Erhalt der Elterngeneration nötig sind, wird die Weltbevölkerung auch in Zukunft weiter wachsen, denn die vielen Kinder können selbst eines Tages zu Eltern werden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es Ende des Jahrhunderts über zehn Milliarden Menschen geben wird.

Das starke Bevölkerungswachstum ist hauptsächlich auf die hohen Geburtenraten und die dadurch wachsende Zahl an jungen Menschen zurückzuführen. Gleichzeitig hat sich die medizinische Versorgung verbessert und die Sterblichkeit verringert, sodass mehr Kinder erwachsen werden. Diese Bedingungen bestehen in vielen Entwicklungsländern fort. So bekommen Frauen in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zurzeit durchschnittlich vier Kinder, während sich die Kindersterblichkeit gegenüber den 1980er Jahren beinahe halbiert hat. Unter solchen Voraussetzungen wird die Bevölkerung dort weiterhin sehr stark wachsen. In anderen Weltregionen, wie etwa in den meisten Ländern Europas, schrumpft sie dagegen. Hier werden deutlich weniger Kinder geboren als nötig wären, um die Eltern eins zu eins zu ersetzen. In Deutschland liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei 1,4 Kindern.

In Zukunft wird sich die Bevölkerungsgröße einzelner Länder massiv verändern. Im globalen Durchschnitt wächst die Bevölkerung zwar, doch ist dies nicht überall der Fall. Hinzu kommen Wanderungsbewegungen, die in einzelnen Ländern zu einem Zuwachs oder einer Abnahme an Einwohnern führen.

 

Daten zum weltweiten Bevölkerungswachstum

Quelle: UNFPA (2010): State of the World Population 2010

Dieses Wachstum der Weltbevölkerung ist vor allem deshalb eine große Herausforderung für die Weltpolitik und internationale Entwicklungspolitik, weil es zu 97 Prozent in den Weltregionen stattfindet, die wir gemeinhin zur Dritten Welt oder zum "Süden" zählen. Am schnellsten wächst die Bevölkerung trotz des Massensterbens an AIDS im subsaharischen Afrika. Einige ressourcenarme afrikanische Sahel-Länder haben zugleich die höchsten Geburtenraten. Hier verbindet sich hohes Bevölkerungswachstum mit allen negativen Strukturmerkmalen von Unterentwicklung. Weil die Bevölkerung in den beiden Armutsregionen Afrika und Südasien sowie in den bevölkerungsreichen arabischen (und islamischen) Ländern am schnellsten wächst, gibt es kaum eine entwicklungspolitische Diskussion, die nicht beim "Bevölkerungsproblem" ankommt und bei apokalyptischen Horror- und Katastrophenszenarien endet, die sich um die "Bevölkerungsexplosion" ranken. Diese macht auch deshalb Angst, weil viele in ihr auch die Hauptursache für den befürchteten "globalen Marsch" aus den Armutsregionen in die Wohlstandsregionen der "OECD-Welt" erkennen. Migration funktioniert aber nicht wie ein System kommunizierender Röhren, das einen natürlichen Ausgleich zwischen demografischen Ungleichgewichten schafft.

Nicht nur die heutigen Industrieländer haben das Verelendungsgesetz von Malthus widerlegt. Noch beweiskräftiger ist die in wenigen Jahrzehnten gewonnene Erfahrung einiger entwicklungs- und bevölkerungspolitischer Erfolgsländer, dass es möglich ist, durch Entwicklung das Bevölkerungswachstum deutlich zu verringern und den von Malthus suggerierten Teufelskreis vom hohen Bevölkerungswachstum und Armut zu durchbrechen. Dies sind nicht nur die ost- und südostasiatischen "Tigerstaaten", sondern beispielsweise auch die "Zuckerinsel" Mauritius, die in einem raschen sozioökonomischen Strukturwandel und durch gezielte Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitswesen das jährliche Bevölkerungswachstum von vier Prozent auf 0,7 Prozent drückte. Im armen südindischen Bundesstaat Kerala hat eine hohe Alphabetisierung von Frauen zumindest dazu beigetragen, dass die Fertilitätsrate trotz großer Armut deutlich unter den nationalen Durchschnitt gedrückt werden konnte. Einen ähnlichen Beleg für die bevölkerungspolitische Wirksamkeit einer aktiven Sozialpolitik liefert Thailand mit einem jährlichen Bevölkerungswachstum von nur noch 0,7 Prozent (2010). Solche fertilitätssenkenden Wirkungen können aber nur erzielt werden, wenn gleichzeitig hinreichend Informationen, Möglichkeiten und Mittel zur Geburtenkontrolle angeboten werden. In der fernöstlichen Wachstumsregion (mit islamischen Bevölkerungsmehrheiten in Malaysia und Indonesien) wird das durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum in den nächsten 15 Jahren nach UN-Prognosen sogar auf 0,8 Prozent sinken.

Das Wachstum der Weltbevölkerung ist regional sehr ungleich verteilt, weil sich die "Entwicklungswelte" des Südens nach ihrem Entwicklungsniveau und ihren Wertsystemen vielfach unterscheiden. Zwischen Lateinamerika und Afrika gibt es weit größere sozio-ökonomische und kulturelle Unterschiede als zwischen Nord- und Südamerika. Die Tabellen belegen, dass das Bevölkerungswachstum dort am höchsten ist, wo die Statistiken die größte Armut, vor allem die größten Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen ausweisen, und dort sinkt, wo die Alphabetisierungsraten unter Frauen stiegen und die Säuglingssterblichkeit gesenkt wurde.

Die Erfahrung der alten Industrieländer und neuen Schwellenländer zeigt einen kausalen Zusammenhang zwischen demografischer und sozio-ökonomischer Entwicklung. Ihre Erfolgsgeschichte lehrt allerdings auch, dass nur ein umfassender sozialer und kultureller Wandel, der von innen kommen muss und von außen allenfalls unterstützt werden kann, das generative Verhalten von Individuen und Gesellschaften verändern kann. Solange viele Kinder als Himmelsgeschenk oder in Machokulturen als Nachweis der Männlichkeit gelten, können auch Schiffsladungen von Kondomen und Pillen wenig ausrichten.

Die Hoffnung, dass Entwicklung den Teufelskreis von Armut und hohem Bevölkerungswachstum durchbrechen könne, wird allerdings dadurch geschmälert, dass gerade die ärmsten Entwicklungsländer mit weit größeren Struktur- und Entwicklungsproblemen konfrontiert sind als es die heutigen Industrieländer bei ihrem Wandel von Agrar- zu Industriegesellschaften waren:

  • Das Bevölkerungswachstum in Europa und Japan überstieg im 19. Jahrhundert selten die Ein-Prozent-Marke, während es im Durchschnitt der Entwicklungsländer im Zeitraum 1975 bis 1999 bei 1,9 Prozent, in den ärmsten Ländern sogar bei 2,6 Prozent lag.
  • Europa gab einen erheblichen Teil des Bevölkerungszuwachses durch Auswanderung in seine Kolonien und in die amerikanische "Neue Welt" ab, während heute die Ventile für die Migration aus Regionen mit hohem Bevölkerungswachstum zunehmend verstopft werden.
  • In großen Teilen der Dritten Welt ist das Pro-Kopf-Einkommen niedriger und das Human- und Sachkapital weniger entwickelt als in Europa, Nordamerika und Japan in Zeiten des höchsten Bevölkerungswachstums. Folglich tun sie sich auch schwerer, das Bevölkerungswachstum produktiv aufzufangen.

Es zeigt sich, dass es auch bei der Nutzung von Verhütungsmitteln große regionale Unterschiede gibt, die – wie in islamischen Ländern– religiös bedingt sein können, aber in den ärmsten Ländern auch auf Unwissen und auf dem begrenzten Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungszentren beruhen.

 

Daten zum Bildungs- und Gesundheitswesen und zur Benutzung von modernen Kontrazeptiva

a: auf Tsd. Lebendgeburten; b: moderne Methoden; Quelle: UNFPA (2010): State of the World Population 2010.

Viele Studien haben nachgewiesen, dass mit steigendem Bildungsgrad der Frauen die Zahl der Kinder und die hohe Zahl ungewollter Schwangerschaften, auf die etwas ein Viertel des Bevölkerungswachstums zurückgeführt wird, deutlich sinken. Investitionen in das Bildungswesen, vor allem in die Ausbildung von Mädchen, und in das Gesundheitswesen sind also nicht nur elementare Gebote der Menschenrechte, sondern zahlen sich auch bevölkerungspolitisch aus. Ein Experte des World Population Council bot deshalb eine einfache Lösungsformel für ein kompliziertes Problem an: "Schickt jedes Mädchen acht Jahre in die Schule, verbietet ihre frühe Eheschließung und schafft soziale Sicherheit, dann ist alles paletti."

Die entwicklungs- und bevölkerungspolitischen Erfolgsgeschichten sprechen gegen das Schwelgen in defätistischen Horror- und Katastrophenszenarien und verleihen den Handlungsempfehlungen der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz Überzeugungskraft:

  • die Bekämpfung der Massenarmut durch höhere Investitionen in die sozialen Grunddienste;
  • die Verbesserung der Bildungschancen, vor allem für Mädchen und Frauen, und den flächendeckenden Ausbau von Basisgesundheitsdiensten und Beratungszentren für die Familienplanung;
  • den Ausbau sozialer Sicherungssysteme, die den Zwang vermindern, möglichst viele Kinder zur Alterssicherung in die Welt zu setzen;
  • verstärkte Programme zur Frauenförderung, weil die Chancengleichheit für Frauen ei-ne prinzipielle Voraussetzung für den Erfolg bevölkerungspolitischer Zielsetzungen bildet;
  • schließlich höhere finanzielle Aufwendungen für bi- und multilaterale Programme zur Familienplanung.

Die Hoffnungen auf den Erfolg all dieser Handlungsempfehlungen, die Entwicklungs- und Bevölkerungsexperten gemeinsam erarbeiteten, schwanden allerdings schnell, weil viele Industrieländer, allen voran die USA, nicht nur ihre finanziellen Leistungen an multilaterale Programme zur Familienplanung kürzen, sondern auch ihre Mittel für die Armutsbekämpfung nicht so steigerten, wie sie wiederholt auf internationalen Konferenzen versprachen. Deshalb droht auch das zentrale Milleniumsentwicklungsziel zu scheitern, bis zum Jahr 2015 die Zahl der absolut Armen zu halbieren. Ob die Weltbevölkerung in der Mitte des 21. Jahrhunderts die neun Milliarden nicht weit überschreiten wird, hängt also nicht allein von der demografischen Eigendynamik, sondern auch vom politischen Willen der politischen Klassen im Norden und Süden ab, mehr in die soziale Entwicklung zu investieren.

Literatur / Links

 

Brown, Lester R./Gary Gardner/Brian Halweil (2000): Wie viel ist zu viel? 19 Dimensionen der Bevölkerungsentwicklung. Stuttgart.

DGVN (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen): Bevölkerung und Entwicklung. Informationsdienst (lfd.).

Population Reference Bureau (2011): World Population Data Sheet 2011. Washington, D.C.

Haupt, Arthur/Thomas T. Kane/DSW (Hg.) (1999): Handbuch Weltbevölkerung. Begriffe, Fakten, Konzepte. Stuttgart.

Leisinger, Klaus M. (1993): Hoffnung als Prinzip. Bevölkerungswachstum: Einblicke und Ausblicke, Basel/Boston/Berlin.

Leisinger, Klaus M. (1999): Die sechste Milliarde. Weltbevölkerung und nachhaltige Entwicklung, München.

UNFPA (UN Bevölkerungsfonds) (2011): State of the World Population 2011. New York.

UN Population Division (2011): World Population Prospects. The 2010 Revision. New York.

 

Stand: August 2011

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