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Von Lilli Sippel

 

Welche Ursachen und Folgen sind mit der Zu- und Abwanderung gut ausgebildeter Menschen verbunden? Schon seit Jahrzehnten stellen sich Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Geografen diese Frage. In der Diskussion über die Migration hoch Qualifizierter fallen regelmäßig Schlagworte wie Brain Drain, Brain Gain und Brain Circulation – was steckt jeweils dahinter? Welche Annahmen zu gesellschaftlichen Abläufen stehen hinter diesen Begriffen, die das "brain" (Gehirn) als wichtigstes Merkmal eines Zu- oder Auswanderers hervorheben? Welche wirtschaftliche und soziale Bedeutung kommt der hoch qualifizierten Elite eines Landes zu, ihrer Denkfähigkeit und ihrem Wissen?

Brain Drain

 

Der Begriff Brain Drain – wörtlich: der Abfluss von Gehirn – bezeichnet die Auswanderung hoch qualifizierter Fachkräfte ins Ausland. Er etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als britische Wissenschaftler vermehrt in die USA auswanderten. Das Konzept des Brain Drain hat sich auch in der Entwicklungszusammenarbeit als nützlich erwiesen. Insbesondere die in den 1970er Jahren vorherrschende Dependenztheorie erklärte die Entwicklungsländer zu Wanderungsverlierern, zu den Opfern der Einwanderungspolitik großer Industrienationen. Bis heute stellen Entwicklungs- und Schwellenländer wie Indien und China die meisten hoch qualifizierter Migrantinnen und Migranten.

Die Gründe, warum Fachkräfte ihre Heimat verlassen, sind überwiegend individuell: Schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Bezahlung und fehlende Karriere- oder Weiterbildungschancen begünstigen die Wanderungsentscheidung. Aber vielerorts spielen auch eingeschränkte Presse-, Meinungs- oder Informationsfreiheit, politische Verfolgung oder die Instabilität der Herkunftsregion eine Rolle.

Unterschiedliche Qualifikationen

Manchmal erleichtert die geografische Nähe zu einem OECD-Land die Entscheidung auszuwandern. So hatten beispielsweise etwa 20 Prozent der Migrantinnen und Migranten, die im Jahr 2000 von den karibischen Inseln Jamaika, Kuba und den Bahamas in die USA eingewandert sind, mindestens einen Bachelorabschluss. Aus Mexiko kommen hingegen traditionell viele ungelernte Arbeitskräfte. Das Industrieland Kanada, das ebenfalls an die USA grenzt, liegt mit einem Akademikeranteil von 33 Prozent im Mittelfeld. Hoch qualifizierte Migranten kommen vor allem aus Asien und Afrika, weil sie sich bessere Chancen in den USA erhoffen (Datengrundlage: U.S. Census Bureau 2000).

Die Auswirkungen der Abwanderung sind mitunter katastrophal: Wenn Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und Unternehmer abwandern, hat ein Land kaum eine Chance, sich zu entwickeln und im internationalen Wettbewerb Anschluss zu finden. Es fehlt an Personal in strategisch wichtigen Sektoren wie bei der Gesundheit und Bildung, an den Steuern der besser Verdienenden, und auch an Innovation und volkswirtschaftlichen Investitionen. Besonders dramatisch ist die Lage im Gesundheitssektor. Das meist unter enormem finanziellem Aufwand ausgebildete medizinische Personal steht der Bevölkerung schlichtweg nicht zur Verfügung, wenn es einmal ausgewandert ist. Vier von fünf ausgebildeten Ärzten verlassen Jamaika; in Grenada bleibt nur einer von 22 Ärzten in der Heimat (zit. nach Langthaler 2008).

Brain Gain


Brain Drain auf der einen Seite bedeutet einen Brain Gain auf der anderen Seite: Während ein Land hoch Qualifizierte verliert, gewinnt ein anderes durch die Einwanderung Know-how und Innovationspotenzial. Die USA sind das Hauptaufnahmeland hoch qualifizierter Migrantinnen und Migranten, aber auch andere OECD-Länder wie Kanada, Australien und manche europäische Staaten sind beliebte Ziele. In erster Linie locken dort die besseren Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven. Länder, in denen die Weltsprache Englisch gesprochen wird, sind dadurch oft im Vorteil. Entscheidend ist allerdings die herrschende Einwanderungspolitik: Viele Industrieländer wünschen sich zwar, dass mehr Fachkräfte kommen, um dem oft durch Alterung bedingten Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die politischen Auflagen stehen jedoch nicht im Einklang damit, sondern verhindern die Zuwanderung.

Gebildete Einwanderer

Im Jahr 2006 hatte mit 43 Prozent knapp die Hälfte der US-Einwanderer eine Hochschule besucht. Die Daten beziehen sich auf die Einwanderer der ersten Generation, die mindestens 25 Jahre alt sind und deren Geburtsland nicht die USA ist. Unbekannt bleibt jedoch, wer bereits mit Hochschulabschluss eingewandert ist und wer zum Studieren in die USA gekommen ist. Da aber viele Studierende beabsichtigen nach der Ausbildung zumindest einige Jahre in den USA zu bleiben, bedeuten auch sie einen Gewinn für den amerikanischen Arbeitsmarkt (Datengrundlage: U.S. Census Bureau; Stand: 2006).

Brain Circulation


Eine Einteilung in endgültige Wanderungsgewinner und -verlierer erfasst auf Dauer gesehen die komplexe Wirklichkeit jedoch nicht. In den 1990er Jahren haben Forscher die Theorie der Brain Circulation entwickelt: Ihr zufolge verlaufen Wanderungsströme nicht endgültig und einseitig in nur eine Richtung. In der globalisierten Welt bleiben Migranten nicht immer bis an ihr Lebensende im Zielland und brechen auch mit der Auswanderung ihre Verbindungen in die Heimat nicht abrupt ab. Die Wanderung hoch Qualifizierter kann sowohl für das Aufnahme- als auch für das Herkunftsland positive Folgen haben. Ebenso wie die Industrieländer können Entwicklungsländern einen so genannten Brain Gain erwarten, falls die ehemals ausgewanderte Elite zurückkehrt. Unternehmensgründungen, Investitionen, Transfer von Know-how und Technologie, aber auch die Diaspora-Netzwerke der Rückkehrer können einen regelrechten Entwicklungsschub bewirken. Ferner tragen zahlreiche Rücküberweisungen durch die in der Ferne lebenden Migranten zur Entwicklung im Herkunftsland bei. Für alle Entwicklungsländer zusammen beliefen sich die Rücküberweisungen im Jahr 2007 auf etwa 285 Milliarden US-Dollar (Weltbank 2009) – mehr als doppelt so viel wie die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe der Industrienationen im selben Jahr (Welthungerhilfe 2008).

Vervierfachung der Rücküberweisungen an Entwicklungsländer

Innerhalb von acht Jahren hat sich die Summe der Gelder, die vor allem die aus Entwicklungsländern ausgewanderten Frauen in ihre Heimatländer überweisen, beinahe vervierfacht. Betrug der Wert zur Jahrtausendwende noch knapp 84 Milliarden US-Dollar, so kletterte er bis zum vergangenen Jahr auf rund 328 Milliarden US-Dollar an. Der Trend ist deutlich, doch sollte man die genauen Zahlen mit Vorsicht genießen, denn es werden nur offizielle Überweisungen erfasst. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen (Datengrundlage: Weltbank 2009).

Es sind vor allem Schwellenländer wie Indien und China, die ihren Rückkehrern eine Perspektive bieten. Das wohl berühmteste Beispiel ist die indische IT-Wirtschaft, die nicht zuletzt dank zurück gewanderter Softwarespezialisten seit Beginn der 1990er Jahre zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Jedes zweite Softwareunternehmen auf dem Subkontinent wurde von einem ehemaligen Auswanderer gegründet oder wird von einem solchen geführt (Hunger 2005). Diese schaffen dadurch zahlreiche Arbeitsplätze und hohe Exporterlöse, denn durch ihre Kontakte im Ausland haben sie Zugang zu einem großen Absatzmarkt.

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