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von Dr. Reiner Klingholz, Direktor, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

 

Antizipation und Innovationen sind angesagt - wo hat der ländliche Raum Zukunftschancen?

 

Bevor es Städte gab, haben alle Menschen auf dem Land gelebt. Das ist lange her. Aber seit die ersten Städte entstanden sind, nach der agrarischen Revolution vor etwas 14.000 Jahren, gibt es die Landflucht. Städte haben bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Aber die Gründe, in die Stadt zu ziehen haben sich über die Zeiten verändert. Städte waren Handelszentren, kulturelle Zentren, Machtzentren, das gilt für Athen wie für Rom, für Trier wie für Köln und Regensburg. Vor allem seit der Industriellen Revolution wurden sie auch zu Produktionszentren, beziehungsweise sie wuchsen als solche heran: Neue Städte entstanden mit der Industrialisierung, dort wo wichtige Rohstoffe wie Kohle und/oder Eisenerz zu finden waren – im Ruhrgebiet, in den englischen Midlands oder im belgischen Wallonien. Die Menschen zogen der Arbeit hinterher und ließen die Städte anwachsen. Für das Land war das damals eine Chance. Denn die Kinderzahlen auf dem Land waren hoch, das Leben war karg, und man war froh wenn sich der demografische Druck auf dem Land in Richtung Stadt auflöste. Trotz Landflucht schrumpfte die Bevölkerung auf dem Land nicht.

 

Aber auch diese Ära der demografischen Stabilität ist heute vorbei: Denn erstens bekommen die Menschen heute in Europa auf dem Land weniger Nachwuchs. Und zweitens hält die Landflucht an. Der Theorie des amerikanischen Ökonomen Richard Florida zufolge entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft vor allem dort, wo die drei Komponenten „Talente“, „Technologie“ und „Toleranz“ zusammenkommen. Wir brauchen heute zum Geldverdienen immer weniger Rohstoffe. Stattdessen kombinieren wir immer häufiger Wissen zu neuen Produkten und Dienstleistungen. Bildung und Gebildete stellen das wichtigste Kapital der hochentwickelten Gesellschaften. Vor allem in urbanen  Zentren sammelt sich jene kritische Masse an Kreativen, die aus Ideen Produkte machen, die mit neuen Technologien neue Jobs schaffen, wodurch wiederum weitere Talente angelockt werden. Toleranz ist wichtig, weil die Kreativen eine offene Gesellschaft schätzen und weil sie offen sind (sein müssen) für Fremdes und fremdes Wissen. Heute folgen nicht mehr die Menschen den Jobs, sondern die Jobs entstehen dort wo die kreativen Menschen sind. Aus dem alten Prinzip „people follow jobs“ ist die neue Formel „jobs follow people“ geworden“.

 

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat diese für die Vereinigten Staaten belegbare Theorie für Deutschland überprüft. Auch dort trifft sie – jedenfalls im Westen Deutschlands: Es sind in der jüngeren Vergangenheit tendenziell dort am meisten Jobs entstanden wo, wo am meisten Talente, Technologie und Toleranz zu finden sind. Für den Deutschlands Osten lässt sich dieser Zusammenhang nicht belegen, denn die massiven Subventionen der Nachwendezeit verzerren das Bild. Dort sind viele Arbeitsplätze entstanden, die nach dem freien Spiel der Wirtschaftskräfte nicht entstanden wären.

 

Doch mit oder ohne Subventionen: Für den ländlichen Raum bleiben in diesem TTT-Konzept wenige Chancen. Tatsächlich leidet der ländliche Raum deutschlandweit: Aus der Prignitz wie aus der Südwestpfalz, aus dem Harz wie aus Nordhessen wandern die Jungen ab und es mangelt an Investitionen. Hohe Arbeitslosigkeit und Überalterung der Restbevölkerung sind die Folgen. Wo früher die Landwirtschaft der wichtigste Arbeitgeber war, haben sich selten neue Branchen angesiedelt, die den Jobverlust wettmachen könnten. Dörfer und kleine Städte bluten regelrecht aus, und weil eher die Qualifizierten gehen, ist das Bildungsniveau auf dem Lande tendenziell niedrig. Zudem ist das öffentliche Dienstleistungsangebot notgedrungen schlecht und es verschlechtert sich mit dem Wegzug von Bewohnern immer mehr.

 

Hinzu kommt: Je mehr der demografische Wandel - wie in Deutschland seit 2003 der Fall - die gesamte Einwohnerzahl einer Nation schrumpfen lässt, umso stärker treibt es die Menschen in die Zentren, wo sie noch eine angemessene Infrastruktur für sich und ihre Kinder finden. Bei weniger Einwohnern insgesamt steigt Zahl der Regionen, die Bewohner verlieren, und es sinkt die Zahl der Gewinnergebiete. Zwangsläufig verschärft sich dadurch der Wettbewerb der Gewinnerkommunen um Bürger, um Steuerzahler, insbesondere um junge Familien. Sie ziehen mit einem bessern Angebot an Arbeitsplätzen und Infrastruktur kontinuierlich Menschen aus peripheren, ländlichen Gebieten ab.

 

Gerade im Osten Deutschlands, wo der Bevölkerungsrückgang besonders stark ist, können sich ländliche Gebiete nicht gegen diesen Trend stemmen. Deutschlandweit allerdings sind die ländlichen Räume sehr unterschiedlich von den Folgen des demografischen Wandels betroffen. Aus diesem Muster ragt eine Region heraus, die sogar europaweit eine Ausnahmeregion für ländliche Räume darstellt – in demografsicher und auch in ökonomischer Sicht: das Oldenburger Münsterland im Westen von Niedersachsen.

 

Das Gebiet ist landesweit kaum als Boomregion bekannt. Es umfasst die beiden Landkreise Cloppenburg und Vechta mit fast 300.000 Einwohnern. Größere Städte sind im Oldenburger Münsterland nicht zu finden. In Cloppenburg, der einwohnerstärksten Kommune, haben knapp 32.000 Menschen ein Zuhause.  Insgesamt leben im Oldenburger Münsterland nur knapp 0,4 Prozent der deutschen Bevölkerung. Dafür finden sich hier jedes elfte Mastschwein, jede fünfte Legehenne und jedes dritte Truthuhn Deutschlands.

 

Das Ganze riecht also eher nach Gülle als nach Vorbildregion. Aber Vorsicht ist geboten: Trotz seiner ländlichen Prägung weist das Oldenburger Münsterland sehr gute Wirtschaftsdaten auf und verzeichnet im nationalen wie europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Geburtenraten. Der Landkreis Cloppenburg erreicht innerhalb Deutschlands eine einmalig hohe Nachwuchszahl von 1,74 Kindern je Frau. In Vechta sind es immerhin 1,57 (2007). Letzteres ist ungewöhnlich, denn die Zeiten, da die Landbevölkerung besonders viele Kinder hat, sind längst vorbei: In ganz Europa, in Nordspanien oder Süditalien, im bayerischen Wald oder der Südwestpfalz, fehlt es den ländlichen Gebieten an Nachwuchs.

 

So verwundert es nicht, dass die Bevölkerung in der Region relativ jung ist: 26 Prozent der Bevölkerung sind unter 20 Jahre und nur 15 Prozent über 65 Jahre alt. Für ganz Deutschland betrachtet liegen die Anteile bei 19 respektive 20 Prozent. Seit den frühen 1950er Jahren werden in der Region des Oldenburger Münsterlandes konstant mehr Kinder geboren als Menschen sterben. Für Gesamtdeutschland überwiegen schon seit 1972 die Sterbefälle. Zusätzlich verzeichnet die Region eine Zuwanderung, die über dem Niveau der Abwanderung liegt. Das ergab im Jahr 2007 einen positiven Wanderungssaldo von 5,1 Personen je 1.000 Einwohner und ist ein deutliches Zeichen für die Attraktivität des Gebietes. Allein seit 1995 ist die Region um rund zwölf Prozent gewachsen, wohingegen das Bundesland Niedersachsen nur auf eine Bevölkerungszunahme  von 2,5 Prozent kam. Deutschlands Bevölkerung insgesamt ist im gleichen Zeitraum nur um 0,5 Prozent gewachsen.

 

Seit 1994 hat sich im Oldenburger Münsterland die Zahl der Erwerbstätigen um 26 Prozent erhöht – im bundesweiten Durchschnitt waren es nicht einmal vier Prozent. Niedersachsen konnte in derselben Zeit nur einen Zuwachs von sechs Prozent verzeichnen und Deutschland insgesamt von nicht einmal vier Prozent. Vergleicht man die Arbeitslosenquote in der Region mit der bundesweiten, so zeichnet sich auch hier ein positives Bild: Im Jahr 2007 waren im Landkreis Vechta 5,7 und in Cloppenburg 8,3 Prozent aller Erwerbspersonen arbeitslos, während der Bundesdurchschnitt 10,1 Prozent betrug.

 

Bei der herausragenden Wirtschaftsentwicklung kommt dem traditionellen Sektor der Landwirtschaft eine besondere Rolle zu. Sein Stellenwert spiegelt sich sowohl in der Bruttowertschöpfung als auch in dem Anteil an den Beschäftigten wider. Im nationalen Durchschnitt trägt die Agrarwirtschaft nur noch mit einem verschwindend kleinen Anteil von einem Prozent zur Bruttowertschöpfung bei – im Oldenburger Münsterland waren es im Jahr 2006 immerhin sechs Prozent.

 

Trotzdem verliert auch hier die reine Landwirtschaft an Bedeutung. Allerdings gruppieren sich um sie herum verschiedene in der Region ansässige vor- und nachgelagerte Betriebe der Agrartechnologie oder der „Veredelungs-Wirtschaft“: So ist in der Nahrungsmittelbranche eine relativ geschlossene Wertschöpfungskette entstanden, die Futtermittelproduktion und Tierzucht, Schlachthöfe und die Verarbeitung von Fleisch zu Lebensmitteln, Maschinenbau und Verpackungsindustrie, Lebensmitteltechnologie und die entsprechenden Dienstleistungssektoren miteinander vereint. Schätzungen zufolge arbeitet rund ein Drittel der Beschäftigten vor Ort in diesem Bereich.

 

Bei einem Vergleich von zehn deutschen, ländlichen Gebieten nach 16 Kriterien aus den Bereichen Demografie, Bildung, Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Infrastruktur zeigen sich zum einen die tendenziell Probleme dieser Regionen – aber auch die Ausnahmestellung des Oldenburger Münsterlandes. Ländliche Regionen in Deutschland zeigen das ganze mögliche Spektrum von Wachstum und Schrumpfen bei Wirtschaft und Bevölkerung. Dabei wird ein klares Ost-West-Gefälle deutlich: Regionen, in denen Bevölkerung und Beschäftigung wachsen und künftig wachsen werden, finden sich ausschließlich im Westen. Gebiete mit deutlichem Bevölkerungs- und Beschäftigungsrückgang dagegen hauptsächlich im Osten.

 

Wie aber erklärt sich der ungewöhnliche demografische und ökonomische Erfolg des Oldenburger Münsterlandes? Herrscht dort ein gleichermaßen familien- wie wirtschaftsfreundliches Klima? Wirkt sich der Kinderreichtum positiv auf die Wirtschaft auswirkt - oder ist es umgekehrt? Und können andere ländliche Regionen, denen es schlechter geht, etwas von den Oldenburger Münsterländern lernen?

 

Sicher ist, dass im Oldenburger Münsterland Familie, Fleiß, Arbeitsethos, Heimatverbundenheit, Solidarität und Religion eine große Rolle spielen. Diese Eigenschaften der Gesellschaft sind nicht unabhängig von der Geschichte der Region zu betrachten:

 

Jahrhundertelang waren die Oldenburger Münsterländer Moorbauern, die auf armen Böden wirtschaften mussten. Sie waren geografisch isoliert und hingen in einem protestantischen Umfeld dem katholischem Glauben an. In jeder Hinsicht auf sich selbst gestellt, konnten sich die Menschen nur auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Und sie waren aufeinander angewiesen. Wer sich nicht mit anderen verband, hatte kaum eine Chance oder musste abwandern. Unterstützung fanden die Oldenburger Münsterländer im kleinen Kreis, in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Dorfgemeinschaft – in sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken, wie man heute sagen würde. Hilfe von außen, Anweisungen von oben gab es zunächst kaum.

 

Alle Funktionsteile des Gemeinwesens waren notwendig, bedingten sich gegenseitig und griffen ineinander wie die Zahnräder einer Maschine. Dies prägt die Gesellschaft bis heute. Ohne intakte Familienverbände wäre nicht das typische Gemeinschaftsgefühl entstanden. Ohne den katholischen Glauben, der hier aus historischen Gründen calvinistische Züge trägt, hätten sich Fleiß und Verantwortungsgefühl nicht in dieser Art entwickelt. Ohne das Arbeitsethos wäre der Aufstieg der armen Heuerleute zu cleveren und erfolgreichen Unternehmern des Agribusiness nicht denkbar gewesen.

 

Dabei haben sich traditionelle Werte länger als anderswo gehalten. Wirtschaft und Familie waren früher überall untrennbar, moderne Gesellschaften aber konnten auf diese Union verzichten. Heutzutage können Brüder und Schwestern, Eltern und Kinder getrennte Wege gehen, sich fern von zuhause verwirklichen, dabei großen Erfolg haben und Lebensqualität finden. Im Oldenburger Münsterland ist genau dies seltener passiert als anderenorts. Traditionelle Familienverbünde, nicht nur aus Eltern und Kindern, sondern um Großeltern und Enkel erweitert, sind dort deutlich häufiger zu finden als deutschlandweit. Ein wichtiges Resultat dieser Bande sind die vielen Familienbetriebe, die aktive Bürgergesellschaft, die Vereine, die persönlichen Beziehungen, in denen sich das Soziale und das Wirtschaftliche vermischen.

 

Eine Folge des Gemeinschaftslebens: Die Menschen bleiben tendenziell unter sich, dieses Miteinander erzeugt ein Wir-Gefühl, das durch gemeinsame Werte und Ziele gestützt wird. Es schürt die aktive Bürgerverantwortung, fördert eine gegenseitige Wertschätzung und das Vertrauen untereinander. Weil dieser Verbund gut funktioniert, entsteht eine positive Grundhaltung, Stolz auf das gemeinsam Erreichte, Heimatverbundenheit, und dieses Gemenge verstehen die Menschen als Lebensqualität. Ein Wert, den Außenstehende angesichts der landschaftlichen Schlichtheit der Region, des Mangels an quirligen Großstädten nicht auf Anhieb nachvollziehen können.

 

Ironischerweise haben diese traditionellen Werte im Oldenburger Münsterland bis in eine Zeit überlebt, in der sie wieder an Bedeutung gewinnen. Denn angesichts des demografischen Wandels wird klar, dass Kinder und Familie eine gute Basis für lebendige Kommunen und stabile Steuereinnahmen sind; dass fürsorgliche Großeltern und helfende Nachbarn das Leben von Eltern erleichtern, damit auch Mütter am Erwerbsleben teilnehmen können; dass die Landwirtschaft und die daraus resultierenden Lebensmittel produzierenden Betriebe angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und begrenzter Agrarflächen Konjunkturkrisen besser abfedern als eine Bankenlandschaft oder die Automobilindustrie.

 

Die lange als rückständig belächelten Oldenburger Münsterländer stehen in der postmodernen, globalisierten Welt erstaunlich fit und fortschrittlich da. Die Moorbauern von gestern haben keine schlechten Antworten auf die Herausforderungen von morgen. Sie liefern kein zwingendes Modell für urbane Gesellschaften in Berlin, München oder Köln, aber sie können ein Vorbild sein für ländliche Gebiete, in denen in Deutschland immerhin 27 Prozent aller Menschen leben. Das Oldenburger Münsterland ist gewissermaßen ein Vorreiter für postmoderne ländliche Gebiete.

 

Der Vortrag beruht auf zwei Studien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung:

Glander M., Hoßmann I. (2009): Land mit Aussicht. Was sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen lässt.

Kröhnert S., Morgenstern A. und Klingholz R. (2007): Talente, Technologie und Toleranz, Wo Deutschland Zukunft hat.

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