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Mikrokredite: Kleines Kapital – große Wirkung

 

 

Der „Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen“ (VENRO) hat gemeinsam mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein Buch über die Wirksamkeit von Mikrokrediten herausgegeben. „Mein Wort zählt“ erklärt anhand von Beispielen und Hintergrundinformationen, warum das „kleine Kapital“ ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Armut bildet.

English Short Version

Spätestens seit Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen-Bank 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurden, ist der breiten Öffentlichkeit klar geworden, wie wichtig Mikrokreditsysteme im Kampf gegen die Armut in Entwicklungsländern sind. Dabei hatte Yunus, der Anfang der 1970er Jahre an der Universität Chittagong im gerade unabhängig gewordenen Bangladesch als Wirtschaftsprofessor lehrte, mit seinem Konzept von Sparen und Mikrokrediten auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe nur eine jahrhundertealte Tradition aufgegriffen: Angesichts der bitteren Armut seiner Landsleute erkannte er, dass kleinste Beträge genügen, um ihnen zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit zu verhelfen. Allein in Bangladesch hat sich dadurch das Leben von 7,2 Millionen Kreditnehmern, von denen es 64 Prozent geschafft haben, der Armutsfalle zu entkommen, entscheidend verändert.

In dem vom Berlin-Institut verfassten und recherchierten Buch „Mein Wort zählt“ kommt gleich zu Beginn eine Frau aus Südindien zu Wort, die schon seit ihrer Kindheit als ungelernte Hilfsarbeiterin ihre Familie ernähren musste. Sie erzählt, wie sie gemeinsam mit anderen Dorfbewohnerinnen eine Selbsthilfegruppe bildete, deren Mitglieder erfolgreich eine Bootsvermietung und einen Blumenhandel betreiben. So wurde sie zur Kleinunternehmerin.

Das Projekt „NGO-IDEAs“, ein Zusammenschluss von 32 südindischen und 14 deutschen nichtstaatliche Organisationen, verfolgt wie jede Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, mit der Hilfe von außen so viel zu bewirken, dass die Unterstützten selbständig und eigenverantwortlich handeln und ohne Helfer zurechtkommen. Das gelingt jedoch nur, wenn die entsprechenden Projekte effizient sind. Das heißt, wenn sie die gesetzten Ziele erreichen: Armut bekämpfen, die Rolle der Frauen stärken, die Eigenständigkeit fördern. Doch wie lässt sich das überprüfen? Indem die Wirkungen von Projekten laufend beobachtet werden. Und indem auch die Betroffenen sich an der Analyse der Wirkungen beteiligen. Erst so wird aus dem Prüfen ein Lernen, und das Nachdenken über die Wirkungen selbst zu einem Entwicklungsschritt. Die Entwicklung dieser Selbst-Lern-Prozesse ist Teil des Projektes von „NGO-IDEAs“.

Das Projekt ist in Indien angesiedelt. Dort öffnet sich zusehends die Schere zwischen Arm und Reich: Während die indische Wirtschaft boomt, sind die ländlichen Gegenden Indiens noch immer von bitterer Armut und Analphabetentum geprägt. Von einer Milliarde Einwohnern des Subkontinents muss rund ein Drittel mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen. Doch arm zu sein bedeutet nicht nur, kein Geld zu haben. Wie überall auf der Welt zeigt sich auch in Indien Armut an vielen unterschiedlichen Einzelaspekten: Mangel an Infrastruktur und an Bildung, Krankheiten, Knappheit an Ressourcen wie Wasser, Feuerholz oder Ackerland. Äußere Faktoren wie Naturkatastrophen kommen ebenso hinzu wie ungerechte Machtverhältnisse oder Diskriminierung aufgrund von Kaste, Klasse oder Geschlecht.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass es wenig hilft, diese Probleme einzeln anzugehen. Sucht man stattdessen nach den wenigen Knoten, an denen die Problemfäden zusammenlaufen, ergeben sich drei zentrale Maßnahmen, bei denen Entwicklung ansetzen muss: erstens den Menschen Kapital zum Investieren zu geben, zweitens die Eigeninitiative der Menschen zu fördern, vor allem durch Bildung, und drittens die Rolle der Frauen zu stärken. Diese Maßnahmen bieten zwar keine Garantie für eine nachhaltige Entwicklung. Sie sind aber jedenfalls notwendige Voraussetzungen dafür. Im besten Fall entsteht dabei eine Eigendynamik, bei der sich Erfolge in Einzelbereichen gegenseitig verstärken und auf weitere Bereiche positiv ausstrahlen. In der Praxis geschieht dies, indem die Entwicklungsorganisation die Bildung von Selbsthilfegruppen anregt, vor allem von Frauen, und diese dann im Rahmen eines Spar- und Kreditprogramms Erwerbsmöglichkeiten schaffen.

Der größte Erfolg von Muhammad Yunus und der Grameen-Bank besteht möglicherweise darin, dass er das System der Mikrokredite und weiterer Bankdienste für Menschen, die bis dahin als "nicht bankfähig" galten, zu einem viel kopierten Erfolgsmodell in der Entwicklungszusammenarbeit verwandelt hat.

 

VENRO – Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. (Hrsg.) / Sütterlin, Sabine: „Mein Wort zählt“. Mikrokredite: Kleines Kapital – große Wirkung. Frankfurt a. M. 2007. 176 S., 15,90 Euro

Bestellen http://www.brandes-apsel-verlag.de/

 

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