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Fünf Fallstudien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, entstanden im Rahmen eines Weltbank-Projekts.

Im Rahmen eines Weltbank-Projekts hat das Berlin-Institut Hintergrundpapiere zur demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in unterschiedlichen Entwicklungs- und Schwellenländern verfasst – darunter drei Einzelfallanalysen über Brasilien, Kenia und Nigeria sowie zwei Vergleichsanalysen zwischen Äthiopien und Ghana und zwischen Bangladesch und Pakistan.

Weltweit durchlaufen viele Länder derzeit eine demografische Transformation von hohen zu niedrigen Kindersterblichkeits- und Fertilitätsraten. Dieser Übergang eröffnet den Ländern die Chance auf einen starken sozio-ökonomischen Entwicklungsschub – die sogenannte demografische Dividende (siehe dazu im Detail den ersten Beitrag in diesem Newsletter). Um diese Chance möglichst bald und effektiv nutzen zu können, gilt es nicht nur, den Übergang zu beschleunigen, sondern auch, Strukturen zu schaffen, in denen sich die veränderte Bevölkerungsstruktur künftig auszahlen kann. Für die politischen Entscheidungsträger können die Erfahrungen von Staaten, die in diesem Prozess weiter fortgeschritten sind, hilfreiche Ratgeber sein.

 

Den Übergang einleiten

 

Wie ein demografischer Übergang trotz hoher Armut gelingen kann, zeigt der Vergleich von Bangladesch und Pakistan. In Bangladesch haben die politischen Verantwortlichen das Bevölkerungswachstum früh als gesamtgesellschaftliches Problem erkannt und ab den 1970er Jahren gezielt versucht, es zu bremsen. Dies gelang durch eine Kombination aus flächendeckenden Familienplanungsprogrammen, dem erleichterten Bildungszugang für Mädchen, und der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Heute bekommen Frauen in Bangladesch im Schnitt nur noch 2,2 Kinder. Zu Beginn der 1970er Jahre waren es beinahe 7. Dies hat die Bevölkerungsstruktur nachhaltig verändert und eröffnet dem Land die Chance auf eine demografische Dividende. In dem kulturell ähnlich geprägten Pakistan blieben derlei Interventionen dagegen lange aus. Innerpolitische Differenzen führten dort zu halbherzigen und unsteten Bevölkerungspolitiken. Lag die Kinderzahl pro Frau in Pakistan Anfang 1970 etwa genauso hoch wie in Bangladesch, hat sie heute mit 3,7 Kindern pro Frau ein deutlich höheres Niveau. Ein demografisch bedingter Entwicklungsschub dürfte noch lange auf sich warten lassen.

Ähnlich wie Bangladesch in Südasien gelten die beiden afrikanischen Länder Äthiopien und Ghana als Vorreiter in ihrer Region was den Fertilitätsrückgang betrifft. Beide Länder zeigen allerdings, wie schwierig es der Politik fällt, mit ihren bevölkerungspolitischen Maßnahmen alle gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen. Wie viele Kinder eine Frau bekommt, hängt stark davon ab, wo sie lebt. Wie stark verdeutlicht das Beispiel Äthiopiens: In der Hauptstadt Addis Abeba etwa bekommen Frauen im Schnitt gerade einmal 1,5 Kinder – und damit 4 Kinder weniger als Frauen auf dem Land. Die Gründe für diese Divergenz finden sich einerseits in der vergleichsweise schlechten gesundheitlichen Versorgung und Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln auf dem Land. Andererseits sind die Lebenshaltungskosten in den Städten sehr hoch, sodass sich Frauen dort häufiger für weniger Kinder entscheiden. Das Beispiel Ghanas zeigt, dass Bildung maßgeblich über die Kinderzahl bestimmt. Je länger Mädchen eine Schule besuchen, desto später und weniger Kinder bekommen sie. Weil der Frauenanteil mit Sekundarbildung deutlich gestiegen ist, ist auch die Fertilitätsrate stark zurückgegangen. Auf dem Weg zur demografischen Dividende erscheinen deshalb Investitionen in die Versorgungsinfrastruktur sowie in die Bildung von Mädchen sinnvoll.

 

Weniger Kinder in den Städten
Gewünschte und tatsächliche Zahl der Kinder pro Frau nach Wohnort in Äthiopien im Jahr 2011

In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba bekommen Frauen im Schnitt nicht einmal zwei Kinder. Zwar liegen in anderen Städten des Landes die Fertilitätsraten noch höher – jedoch längst nicht so hoch wie auf dem Land. Damit folgt Äthiopien einem typischen Muster in Entwicklungsländern, wo sich Frauen in ruralen Gebieten häufig für eine hohe Kinderzahl entscheiden. (Datengrundlage: Demographic and Health Survey 2011)

 

Den Übergang fortsetzen

 

Wenn ein Fertilitätsrückgang erstmal in Gang gesetzt ist, bedeutet dies nicht, dass dieser auch anhält. Dies zeigt das Beispiel Kenias. Als erstes Land südlich der Sahara hatte Kenia bereits 1967 das Bevölkerungswachstum zum Politikum erklärt und große Familienplanungsprogramme eingeleitet. Wie auch Bangladesch investierte das Land in Bildungsprogramme für Mädchen und steigerte gleichzeitig die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt. Auch in Kenia erwiesen sich diese Politiken als erfolgreicher Anstoß für einen Rückgang der Kinderzahl pro Frau. Doch zu Beginn der 2000er Jahre kam dieser zum Erliegen. Nichtregierungsorganisationen distanzierten sich von den Familienplanungsprogrammen, Bildung wurde zunehmend kostspieliger und die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt drängte vor allem Frauen zurück in den informellen Sektor. Damit verzögerten sich der Umbau der Bevölkerungsstruktur und somit auch die Chance auf eine demografische Dividende.

 

Sinkende Unterstützung
Anteil öffentlich bereitgestellter Verhütungsmittel an der Gesamtnutzung in unterschiedlichen Jahren in Kenia

Noch zu Beginn der 1990er Jahre unterstützte die kenianische Regierung Familienplanungsprogramme. Doch als die finanziellen Mittel knapper wurden und gleichzeitig der Druck religiöser, verhütungskritischer Nichtregierungsorganisationen zunahm, zog sich der Staat aus diesem Bereich zunehmend zurück. Der staatliche Beitrag zur Versorgung mit Verhütungsmittel sank damit dramatisch. (Datengrundlage: Demographic and Health Surveys, unterschiedliche Jahre)

 

Auch in Nigeria stagnierte zwischen 2003 und 2008 der Fertilitätsrückgang auf einem Niveau von 5,7 Kindern pro Frau. Inzwischen ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau leicht gesunken. Doch mit 5,5 Kindern liegt sie weiterhin viel zu hoch, wenn das Land das Bevölkerungswachstum bremsen und damit langfristig Konflikte vermeiden will. Denn mit der nigerianischen Bevölkerung wächst auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Schulen und Ärzten. Vor allem aber wächst der Druck auf die Arbeitsmärkte. Die Zahl der jungen Berufseinsteiger zwischen 15 und 24 Jahren liegt mit knapp 35 Millionen heute bereits so hoch wie die Gesamtzahl der polnischen Bevölkerung – auf einer kaum größeren Fläche. Alleine in den kommenden 15 Jahren dürfte sie auf 54 Millionen wachsen. Sie alle werden sich auf Jobsuche begeben. Doch anstatt mithilfe der üppigen Öleinnahmen gezielte Investitionen zu tätigen und damit neue Arbeitsplätze schaffen, lässt das korrupte Regime große Summen ungenutzt versickern. Damit steuert Nigeria auf ein Desaster zu. An extremistischen Gruppen wie Boko Haram zeigt sich, wie groß die Radikalisierungsgefahr einer jungen Bevölkerung ist, die über keinerlei Perspektiven verfügt.

 

Die Dividende einfahren

 

Doch mit einigem Engagement könnte es dem Land gelingen, zumindest einem Teil seiner jungen Bevölkerung Aussichten auf einen auskömmlichen Arbeitsplatz zu eröffnen. Wie das geht, zeigt das Beispiel Brasiliens: Dort führten frühe Investitionen in die Forschung dazu, dass die Wirtschaft sich in den 1990er Jahren stark diversifizieren konnte und vor allem im Niedriglohnsektor Arbeitsplätze schuf. Das Land konnte dadurch seine demografische Dividende erfolgreich einfahren. Heute sieht sich Brasilien neuen, ebenfalls demografiebedingten Problemen gegenüber. Denn mit dem demografischen Übergang geht eine zunehmende Alterung der Gesellschaft einher. Die soziale und gesundheitliche Absicherung einer wachsenden Zahl betagter Brasilianer wird viel Geld kosten. Um diese zu finanzieren, müsste das brasilianische Rentensystem vollkommen überholt werden. Die Anstrengungen dazu fallen aber bislang halbherzig aus.

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Das Ergebnis des Weltbank-Projekts ist eine wissenschaftliche Analyse zu den Chancen und Risiken des demografischen Übergangs in Subsahara-Afrika:

 

Canning/Raja/Yazbeck (2015): Africa's Demographic Transition: Dividend or Disaster?. Washington, DC: Weltbank/Agence Française de Développement. Online verfügbar unter: https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/22036.