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Wenn weniger mehr bedeutet

 

Von Reiner Klingholz und Manuel Slupina

Herausgegeben vom Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie

 

 

Das Berlin-Institut hat im Auftrag des Thüringer Wirtschaftsministeriums die künftigen Herausforderungen der Mittelzentren analysiert

Einst glich Thüringen einem politischen Flickenteppich. Zahlreiche, meist kleinere Fürstentümer regierten ihre überschaubaren Territorien nebeneinander. Erst die Gründung des Landes Thüringen am 1. Mai 1920 setzte der Kleinstaaterei ein Ende. Noch heute zeigt sich dieses historische Erbe in einem Städtenetz, das in der Bundesrepublik einmalig ist. Nahezu gleichmäßig verteilt sich eine große Anzahl kleinerer und mittelgroßer Städte über das Bundesland.

Viele von ihnen sind heute so genannte Mittelzentren. Seit der Wiedervereinigung findet das Zentrale-Orte-System auch in den neuen Bundesländern Anwendung. Demnach haben Mittelzentren eine wichtige Versorgungsfunktion nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für die Menschen in ihrem Umland. In Thüringen sollen sie dafür sorgen, dass weiterführende und berufliche Schulen, Krankenhäuser und Fachärzte oder Kultur- und Freizeitangebote auch für Menschen in den entlegenen und dünn besiedelten Regionen wie etwa dem Kyffhäuserkreis oder dem Landkreis Hildburghausen in einem zumutbaren Aufwand erreichbar sein.

Abseits der Städtekette sind die Bevölkerungsverluste am größten
Thüringen gehört wie die anderen Flächenländer im Osten Deutschlands zu den Vorreitern des demografischen Wandels. Von den 2,6 Millionen Einwohnern im Jahr 1990 sind Thüringen knapp 2,2 Millionen geblieben. Bis zum Jahr 2050 dürfte die Bevölkerungszahl weiter zurückgehen, auf dann rund 1,5 Millionen Menschen. Daneben wird die Bevölkerung in den kommenden Jahren deutlich altern.

Stabilisierung der Mitte

Bevölkerungsvorausberechnung in Thüringen von 2009 bis 2030

Bei der demografischen Entwicklung Thüringens ist keine Trendwende in Sicht. Einzig die drei großen Städte Erfurt, Weimar und Jena dürften sich bis 2030 demografisch stabil entwickeln oder leicht an Bevölkerung hinzugewinnen. Abseits dieser Städtekette wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich stark zurückgehen. Besonders groß dürfte der Bevölkerungsrückgang im Kyffhäuserkreis, dem Landkreis Greiz und Saalfeld-Rudolstadt sowie in der kreisfreien Stadt Suhl sein. Hier werden voraussichtlich im Jahr 2030 rund ein Drittel weniger Menschen leben als noch 2009.

Die thüringische Bevölkerung schrumpft und altert regional sehr ungleichmäßig. Denn vor allem junge Menschen streben auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz verstärkt in die Großstädte Erfurt und Jena, die damit zu den wenigen Wachstumsinseln des Bundeslandes werden. Die günstige Entwicklung der urbanen Zentren hat allerdings auch eine Kehrseite: Sie verschärft den Bevölkerungsschwund in den meisten ländlichen Gemeinden sowie in vielen Klein- und Mittelstädten.

Versorgung verschlechtert sich trotz vieler Mittelzentren

Durch den Bevölkerungsrückgang drohen gerade im ländlichen Raum Versorgungslücken. Vielerorts schließen der Bäcker, der Metzger und der letzte Lebensmitteladen aus Mangel an Kundschaft. Die wenigen Kinder vor Ort reichen nicht mehr aus, um die Grundschule zu erhalten. Kurzum: Dienstleistungen und Angebote werden teurer oder verschwinden völlig. Die zentralen Orte gewinnen hier zunehmend an Bedeutung. Sie sollen Angebote bündeln, um auch künftig eine flächendeckende und möglichst gleichwertige Versorgung zu sichern. Thüringen hält deshalb mit dem Landesentwicklungsplan 2025 an einer hohen Zahl von Mittelzentren fest.
Dies bedeutet für die Menschen zwar kurze Wege, eine gute Versorgung ist ihnen damit allerdings nicht garantiert. Denn welche Versorgungeinrichtungen sie in den Städten vorfinden, ist in den Landesentwicklungsprogrammen zwar umschrieben aber nicht verpflichtend für die Städte. Die Mittelzentren verfügen im Wesentlichen über Einrichtungen, die wirtschaftlich tragfähig sind. Das gilt etwa für Krankenhäuser oder Berufsschulen, für deren Erhalt eine Mindestzahl von Nutzern notwendig ist. Besonders kleinere Städte haben es schwer, ein vielfältiges Angebot zu wahren. Von den 32 thüringischen Mittelzentren wiesen 9 bereits im Jahr 2010 lediglich ein geringes Leistungsspektrum auf. Sie konnten ihre eigentliche Rolle also gar nicht mehr erfüllen.

Landesentwicklungsplan 2025 lässt die Chance für notwendige Anpassungen verstreichen

Langfristig wird eine Reduzierung der Mittelzentren kaum zu vermeiden sein. Denn immer weniger Städte werden künftig die notwendigen 35.000 Menschen im Einzugsbereich erreichen. Leben heute noch in 15 der 32 Mittelzentren Thüringens mehr als 20.000 Menschen, dürfte dies im Jahr 2030 nur noch auf neun von ihnen zutreffen. Dass die Politik an der Zahl der Mittelzentren festhält und Reformen verschiebt, birgt erhebliche Risiken. Denn bis 2025 wird der Anpassungsdruck ungleich größer geworden sein, die finanziellen Handlungsspielräume werden jedoch deutlich kleiner. Konsolidierungsmaßnahen müssten dann umso drastischer ausfallen. Obendrein ist zu befürchten, dass in der Zwischenzeit in einigen Mittelzentren wesentliche Versorgungsleistungen wegbrechen, so wie es schon in der Vergangenheit geschehen ist. Denn wenn zu viele Mittelzentren um immer weniger Nutzer konkurrieren, schwächen sich die Städte in dieser Standortkonkurrenz gegenseitig.

Was Mittelzentren bieten

Mittelzentren in Sachsen-Anhalt verfügen im Vergleich zu jenen in Thüringen über eine deutlich bessere Ausstattung. Einige Versorgungsfunktionen wie Pflegeeinrichtungen, weiterführende Schulen, Polizeidienststellen, Arbeitsagenturen, Krankenhäuser und Amtsgerichte sind in allen Mittelzentren Sachsen-Anhalts vorhanden. Ein wesentlicher Grund dafür besteht in ihrer geringeren Zahl. Die Städte liegen damit deutlich weiter voneinander entfernt und können mit ihren größeren Einzugsgebieten mehr Versorgungsangebote bündeln.

Darüber hinaus kann das Festhalten an den 32 Mittelzentren zu langfristigen Fehlinvestitionen führen, wie auch die thüringische Expertenkommission „Funktional- und Gebietsreform“ anmerkt. Denn der Landesentwicklungsplan stellt die Weichen für künftige Investitionen. Da er jedoch versäumt, ein langfristig tragfähiges Netz an zentralen Orte vorzugeben, werden die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur zu lange auf eine zu hohe Zahl von Mittelzentren ausgerichtet, von denen einige auf absehbare Zeit ihren Status als Mittelzentrum verlieren dürften.

Von den Erfahrungen anderer profitieren

Dass es in Thüringen bisher weder zu einer Gebietsreform noch zu einer grundlegenden Neuausrichtung der zentralen Orte gekommen ist, hat aber auch Vorteile: Denn weil es beim demografischen Wandel keine Ausnahme bildet, könnte Thüringen bei künftigen Reformen von den Erfahrungen der anderen Bundesländer profitieren. Die meisten Bundesländer in Ost und West sind zumindest regional von einer ähnlichen Entwicklung betroffen und haben teilweise bereits vorgesorgt.

Insbesondere die neuen Bundesländer sind bei der Neuausrichtung zentraler Orte Vorreiter. Die starken Bevölkerungsverluste haben hier früher als in den westlichen Bundesländern zum Handeln gezwungen. Sachsen-Anhalt hat etwa die Zahl der zentralen Orte deutlich nach unten korrigiert. Zudem sollen hier Mittelzentren nach dem aktuellen Landesentwicklungsprogramm mindestens 20.000 Einwohner verzeichnen und insgesamt mehr als 70.000 Menschen in ihrem Einzugsbereich versorgen. Brandenburg verzichtet seit 2007 völlig auf die Ausweisung von Grundzentren. Die Aufgabe der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs wurde hier den Gemeinden übergeben.

Neuausrichtung der zentralen Orte

Dass für die Reduzierung zentraler Orte und damit auch der Mittelstädte in Thüringen Spielraum vorhanden ist, hat bereits eine Expertise im Auftrag der Thüringischen Staatskanzlei aus dem Jahr 2002 gezeigt. Demnach könnte auch mit einer deutlich geringeren Zahl an Mittelzentren eine gute Versorgung der Bevölkerung erreicht werden.

Generell sollte die Konzentration auf weniger, dafür aber leistungsfähigere Mittelzentren durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden. Denn für periphere Regionen mit geringer Einwohnerdichte darf der Anpassungsprozess nicht eine reine Streichung von Versorgungsangeboten bedeuten. Für sie gilt es, neue und effizientere Angebotsformen zu entwickeln, also vergleichbare Leistungen in anderer Form anzubieten.

Mobile Angebote als Ergänzung

Weniger Mittelzentren bedeuten für Menschen in einigen peripheren Regionen längere Wege zu den jeweiligen Angeboten. Um die dortige Versorgung auch künftig zu sichern, schlägt beispielsweise der Direktor der Stiftung Bauhaus Philipp Oswald vor, die Daseinsvorsorge in einer regionalen „Cloud“ zu organisieren. Dies würde bedeuten, dass nicht mehr jede Leistung an allen Orten vorgehalten wird, sondern dass den Bewohnern stattdessen ein Zugang zu ihnen garantiert wird. Erreicht werden könnte dies durch neue Mobilitätskonzepte. Bewohner abgelegener Regionen könnten durch einen aufeinander abgestimmten Verkehrsmittelmix aus öffentlichem Nahverkehr, Bürgerbussen oder   ehrenamtlich organisierten Fahrdiensten Versorgungsangebote im nächstgrößeren Ort erreichen. Mobile Versorgungsleistungen wie fahrende Schulen und Krankenstationen oder mobile Händler können aber auch direkt zu den Bewohnern kommen und so die Versorgung auch in entlegeneren Regionen sichern.

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Manuel Slupina unter Telefon: 030 – 3110 2698 und E-Mail: slupina@berlin-institut.org

Reiner Klingholz unter Telefon: 030 – 3101 7560 und E-Mail: klingholz@berlin-institut.org.

 

 

 

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