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Drei vergleichende Länderanalysen

 

in Kooperation mit Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

 

 

Auf dem Weg zur demografischen Dividende

 

Die demografische Entwicklung lässt sich durch Investitionen in Bildung oder Familienplanung beeinflussen. Zu diesem Schluss kommen drei vergleichende Länderanalysen für Pakistan/Bangladesch, Nigeria/Kenia und Äthiopien/Uganda, die das Berlin-Institut in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchgeführt hat.

Von anderen lernen

Das hohe Wirtschaftswachstum von Schwellenländern in Ost- und Südostasien lässt sich zu rund einem Drittel auf diese demografische Dividende zurückführen.  Diese entsteht, wenn vielen potenziellen Arbeitskräften vergleichsweise wenig zu Versorgende gegenüberstehen, weil einerseits rückläufige Fertilitätsraten zu sinkenden Nachwuchszahlen führen und es andererseits noch relativ wenig ältere Menschen zu versorgen gibt. Die vielen Arbeitskräfte müssen allerdings auch erwerbstätig werden, damit aus der günstigen Altersstruktur ein volkswirtschaftlicher Gewinn folgt.

Die Geschichte der asiatischen Tigerstaaten zeigt, dass sich die demografische Entwicklung durch geeignete Maßnahmen beschleunigen und nachhaltig gestalten lässt. Dazu bedarf es einer sektorenübergreifenden Strategie, die Investitionen in den Kernbereichen Gesundheit, Bildung und Arbeitsmarkt tätigt, sie miteinander verknüpft und zeitlich abstimmt. Das Rezept ist somit im Prinzip klar.

Doch nicht alle Länder widmen sich den einzelnen Bereichen mit der notwendigen Aufmerksamkeit, um den Asiaten auf ihrem demografischen Entwicklungsweg zu folgen. Indem Länder miteinander verglichen werden, die sich in ihren Anstrengungen deutlich voneinander unterscheiden, lässt sich veranschaulichen, inwiefern sich mangelnde Investitionen direkt in der demografischen Entwicklung widerspiegeln.

Pakistan und Bangladesch zeigen: Bildung macht’s

Die beiden Länder Pakistan und Bangladesch verbindet eine gemeinsame Vergangenheit. Lange Zeit waren sie Teile des gleichen Hoheitsgebietes – erst unter britischer, dann unter pakistanischer Führung. Auch gleichen sie sich in vielen sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Beide gehören zu den wenig entwickelten Ländern Asiens. Beim Human Development Index wird der Entwicklungsstand der Länder annähernd gleich bewertet: Pakistan liegt in der weltweiten Rangliste auf Platz 145, direkt gefolgt von Bangladesch auf Platz 146. Zudem lebt in beiden Ländern eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten haben Bangladesch und Pakistan in ihrer demografischen Entwicklung äußerst unterschiedliche Wege eingeschlagen. In Bangladesch, das weltweit von allen Flächenstaaten am dichtesten besiedelt ist, wurde das starke Wachstum der Bevölkerung schon in den 1970er Jahren als große Herausforderung erkannt und zu beeinflussen versucht. Erst zwei Jahrzehnte später rückte das Thema auch in Pakistan verstärkt auf die politische Agenda. Mit deutlichen Auswirkungen bis heute: Lebten in Pakistan und Bangladesch Mitte des letzten Jahrhunderts jeweils rund 40 Millionen Menschen, so waren es 2010 in Pakistan fast 174 Millionen Menschen, in Bangladesch „nur“ 149 Millionen. Neben dem Zugang zu Mikrofinanzprogrammen erwiesen sich insbesondere verbesserte Bildungschancen für Frauen als zentrale Stellschraube dafür, dass die Fertilitätsraten in Bangladesch früher und stärker gesunken sind und das Land heute der demografischen Dividende näher ist als Pakistan.

 

Bessere Bildungschancen für Jüngere in beiden Ländern
Einwohnerzahl nach Altersgruppen in Millionen im Jahr 2010

Je jünger die Bevölkerungsgruppe ist, desto höher sind ihre Bildungschancen. Besonders deutlich wird dies bei den Frauen in Bangladesch, wo bereits eine deutliche Mehrheit eine weiterführende Schule besuchen kann. Deutlich geringer fallen hingegen Bildungsfortschritte bei den pakistanischen Frauen aus. Hier bleibt den meisten Frauen der Zugang zur Sekundarschule versperrt. (Datengrundlage: IIASA 2007)

Nicht nur in Bangladesch, sondern weltweit ist überall dort die Fertilität gesunken, wo sich der Bildungsstand der Frauen verbessert hat. Die größten Effekte entstehen, wenn es zunehmend normal wird, dass Mädchen eine weiterführende Schule besuchen. Denn die Sekundarschulbildung trägt zur Gleichstellung der Frauen bei und eröffnet ihnen alternative Lebensbiografien zur reinen Mutterrolle. Sie laufen zudem weniger Gefahr, schon als Teenager schwanger zu werden, finden einfacher Zugang zu Verhütungsmitteln und benutzen diese auch häufiger. Letzteres setzt jedoch auch deren Verfügbarkeit voraus.

Nigeria und Kenia belegen: Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln entscheidend

An Nigeria und Kenia lässt sich der grundsätzliche Kontrast zwischen Ost- und Westafrika darstellen. Während die Fertilitätsraten in Ostafrika langsam zurückgegangen sind, stagnieren sie in Westafrika seit Jahrzehnten auf hohem Niveau. Trotz allem ist die Bevölkerung in beiden Ländern in den letzten Jahren rasant gewachsen. Als Kenia im Jahr 1963 die Unabhängigkeit erlangte, lebten dort weniger als neun Millionen Menschen. Bis 2010 stieg ihre Zahl um mehr als das Vierfache auf über 40 Millionen an. Auch in Nigeria wuchs die Bevölkerung stark. Seitdem sich das Land 1960 von Großbritannien lossagte, verdreieinhalbfachte sich die Bevölkerung – von 46 auf 159 Millionen in 2010. Nigeria ist damit das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Hinter dem enormen Wachstum in beiden Ländern verbergen sich jedoch unterschiedliche Entwicklungen: Während Kenias Wachstumsrate sich, ausgehend von hohem Niveau, deutlich verringert hat, hat sich das Wachstum in Nigeria im Vergleich zu 1960 sogar beschleunigt.

Kenia war das erste Land Subsahara-Afrikas, das eine Strategie zur Senkung des Bevölkerungswachstums entwickelte. Das Land hatte mit über acht Kindern pro Frau lange eine der höchsten Fertilitätsraten der Welt. Anfang der 1980er Jahre wurde daher seitens der kenianischen Regierung versucht, mit Aufklärungskampagnen und einem verbesserten Zugang zu modernen Methoden der Familienplanung das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Die Verhütungsmittel wurden von staatlichen Gesundheitszentren angeboten und vor Ort in den Gemeinden beworben und vermarktet. Ein Großteil des Fertilitätsrückgangs auf unter fünf Kinder pro Frau geht auf diese Programme zurück. In Nigeria ist die Fertilitätsrate in den letzten fünf Jahrzehnten hingegen kaum gesunken – sie ist zwischenzeitlich sogar noch einmal leicht angestiegen und liegt heute bei etwas über 5,5 Kindern pro Frau.

 

Welche Verhütungsmittel genutzt werden
Anteil der verheirateten Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren

In Kenia haben deutlich mehr Frauen als in Nigeria einen Zugang zu Familienplanung. Nur jede zehnte Frau in Nigeria nutzt eine moderne Verhütungsmethode. In Kenia sind es mit knapp 40 Prozent viermal so viele. Fast die Hälfte von ihnen nutzt dafür Hormonspritzen. Diese sind bei Frauen oftmals beliebt, weil sich ihre Nutzung leicht vor dem Partner verbergen lässt und zudem nur eine Anwendung alle drei Monate nötig ist. (Datengrundlage: Demographic and Health Surveys 2009 und 2010)

Der Vergleich der beiden Länder zeigt zudem: Sind empfängnisverhütende Mittel verfügbar, steigt auch die Akzeptanz, sie anzuwenden, und mit ihr die Nachfrage nach ihnen. Der Wunsch, die Familiengröße zu planen, ist daher in Kenia deutlich weiter verbreitet als in Nigeria. Zudem verfügen Frauen in Kenia auch über mehr Informationen zur Familienplanung: Während über 96 Prozent von ihnen mindestens eine moderne Methode zur Empfängnisverhütung kennen, sind es in Nigeria nur 67 Prozent – in ländlichen Regionen sogar nur 57 Prozent. Der Unterschied zwischen Stadt und Land zeigt sich auch bei den Kinderzahlen selbst.

Äthiopien und Uganda verdeutlichen Stadt-Land-Unterschiede

Als Äthiopien zu Beginn der 1990er Jahre seinen Höhepunkt bei den Fertilitätsraten erreichte, wies das Land das größte Stadt-Land-Gefälle Afrikas auf. Frauen auf dem Land bekamen zu diesem Zeitpunkt über dreieinhalb Kinder mehr als jene in Städten. Dabei hatte der Unterschied noch in den 1970er Jahren gerade einmal ein Kind betragen. Doch mit dem früher einsetzenden Fertilitätsrückgang in den Städten Äthiopiens vergrößerte sich der Abstand.

Inzwischen hat er sich wieder auf knapp drei Kinder verringert, da der ländliche Raum in seiner Fertilitätsentwicklung ein Stück weit zur Stadt aufgeschlossen hat.

Ein Stadt-Land-Unterschied von knapp drei Kindern zeigt sich heute auch in Uganda. Anders als in Äthiopien haben sich die Abstände dort in den letzten zehn Jahren allerdings nicht verringert, sondern vergrößert. Zudem liegen die Fertilitätsraten jeweils deutlich höher als in Äthiopien. Äthiopien hat zuletzt große Anstrengungen bei der Bereitstellung von Familienplanungsmitteln unternommen – und es dabei geschafft, die ländliche Bevölkerung besser als zuvor zu erreichen.

 

Kleinere Familien in Städten
Fertilitätsrate in Städten und in ländlichen Gebieten in Äthiopien und Uganda

In beiden Ländern bekommen Frauen in Städten weniger Kinder als auf dem Land. Allerdings leben die meisten Äthiopier und Ugander in ländlichen Regionen, sodass sich ihr Reproduktionsverhalten wesentlich stärker auf den landesweiten Fertilitätsdurchschnitt auswirkt. Während in Äthiopien in den letzten 20 Jahren sowohl in den Städten als auch in ländlichen Regionen ein deutlicher Fertilitätsrückgang zu beobachten ist, bekommen in Uganda hauptsächlich die Städterinnen weniger Kinder (Datengrundlage: Demographic and Health Surveys 2012, United Nations 2011, Teller 2011)

Die Gründe für die großen Unterschiede bei den Fertilitätsraten zwischen den urbanen und ländlichen Regionen sind weitgehend die gleichen, die auch zu der verschiedenen demografischen Entwicklung von Ländern führen. In Städten haben Menschen einen besseren Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Zudem ist das Leben dort weniger von traditionellen Lebensweisen geprägt, die Gleichstellung der Frau ist weiter vorangeschritten und sie kennen sich besser mit modernen Verhütungsmethoden aus und nutzen sie auch häufiger.

 

 

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