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Interview mit Dr. Alexander Bürgin, Assistant Professor an der Izmir Ekonomi Üniversitesi

Foto: Alexander Bürgin

Dr. Alexander Bürgin ist Assistant Professor am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und EU und hat am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung promoviert. Von 2007 bis 2008 arbeitete er bei Ergo Kommunikation in Berlin im Auftrag der Bundesregierung an einer Kampagne, um die Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund zu verbessern. Zuvor arbeitete er als politischer Analyst für den türkischen Industriellen- und Unternehmerverband TÜSIAD.


Bislang weiß die Forschung wenig darüber, wie viele hoch Qualifizierte mit türkischem Migrationshintergrund Deutschland verlassen und in die Türkei gehen – und warum. Was genau ist das Problem bei der Datenlage?

Die Daten werden schlicht und einfach weder in Deutschland noch in der Türkei genau nach diesen Kriterien erhoben. Hinzu kommt: Wer Deutschland verlässt, meldet sich nicht immer beim Einwohnermeldeamt ab, viele Fortzüge werden also nicht registriert. Und es melden sich auch nicht alle in der Türkei an, die dort hinziehen.

Was sagen denn die offiziellen Zahlen?

Dem Migrationsbericht zufolge gibt es rund 40.000 gemeldete Abwanderungen pro Jahr aus Deutschland in die Türkei. Die Zahl ist seit 2000 ziemlich konstant geblieben. Daraus ist aber weder ersichtlich, wie viele türkischer Herkunft oder Deutsche sind, noch ob es sich um hoch oder niedrig Qualifizierte handelt, oder um Rentner oder um Menschen, die in der Türkei arbeiten wollen. Der Bevölkerungstatistik der Türkei zufolge wanderten im Jahr 2000 knapp 74.000 Personen aus Deutschland in die Türkei aus. Die Diskrepanz zu den deutschen Zahlen könnte an den erwähnten nicht gemeldeten Fortzügen liegen.

Von Seiten der Politik besteht doch bestimmt ein Interesse daran, das zu erfahren. Gibt es Bestrebungen, diese Merkmale und Motive in Zukunft genauer zu erfassen?

Über solche Pläne des Statistischen Bundesamts ist mir nichts bekannt. Eine Umfrage von Future.org hat festgestellt, dass sich 38 Prozent der hoch Qualifizierten mit türkischem Migrationshintergrund vorstellen können auszuwandern. Sich etwas vorstellen zu können, heisst nun noch nicht, es auch in die Tat umzusetzen. Allerdings: Die Abwanderungsneigung auch unter deutschen Akademikern ist gestiegen: Seit 1970 hat sich die Zahl der ausgewanderten Personen pro Jahr verdreifacht. Gründe dafür sind die gestiegene Internationalisierung, Mobilität und Flexibilität sowie die Tatsache, dass in Deutschland die Löhne stagnieren. Zu dem Thema laufen gegenwärtig einige Forschungsprojekte.

Was sind denn die Gründe, die Menschen mit Migrationshintergrund dafür angeben, dass sie in die Türkei gehen?

Ein wichtiger Grund, der vor allem in den deutschen Medien immer wieder genannt wird, ist die Benachteiligung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Viele Statistiken deuten darauf hin, dass Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert werden. So liegt die Arbeitslosigkeit laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 bei Akademikern mit Migrationshintergrund bei 12,5 Prozent während sie bei Akademikern ohne Migrationshintergrund nur 4,4 Prozent beträgt. Die OECD ist auch zu dem Ergebnis gekommen, dass Migranten bei gleicher Qualifikation 30 Prozent weniger Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten und nur ein Drittel der geringeren Erwerbsbeteiligung durch niedrigere Schulbildung erklärt werden kann.

Sie forschen gegenwärtig ja selbst zu den Motiven. Was haben Sie herausgefunden?

Meine Befragung, die ich online durchführe, läuft noch, ich habe erst 68 Antworten vorliegen. Aber daraus geht bislang hervor, dass sich etwa die Hälfte der Befragten schon mal im Arbeitsleben diskriminiert gefühlt hat, aber für die grosse Mehrheit haben diese Erfahrungen keine Rolle gespielt bei der Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Vielmehr waren private oder berufliche Gründe ausschlaggebend, etwa Partnerschaft und Familie. Es ging nicht vorrangig darum, Deutschland zu verlassen, sondern es sprachen einfach mehr persönliche Gründe dafür, die Türkei als neuen Lebensmittelpunkt zu wählen.

Was macht die Türkei so attraktiv – abgesehen davon, dass dort die Partnerin oder der Partner lebt und das Wetter besser ist?

Die Türkei verzeichnet seit zehn Jahren nach China die höchsten Wachstumsraten weltweit. Die Zahl der in der Türkei tätigen deutschen Unternehmen steigt rassant und liegt nun bei knapp 4.000. Insbesondere für solche Unternehmen sind Menschen als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interessant, die sich kulturell in beiden Ländern bewegen können und beide Sprachen beherrschen.

So wie diese Bikulturellen sich hinsichtlich ihrer Eigenschaften wie zum Beispiel ihrer Ausbildung unterscheiden, so unterscheiden sich auch ihre Lebensumstände in der Türkei. Lassen sich dennoch allgemeine Aussagen treffen, wenn man nun einmal nur die – immer noch heterogene – Gruppe der hoch Qualifizierten betrachtet?

Meine Umfrage hat ergeben, dass es da Licht und Schatten gibt. Zum Teil bestehen große Anpassungsschwierigkeiten, mir wurde von erheblichen Mentalitätsunterschieden zu den einheimischen Türken berichtet. Oft bewegen sich die Zuwanderer deshalb in einem internationalen Umfeld. Aber viele meistern ihr neues Leben ganz gut. Eine Interviewpartnerin hat mir gesagt: „Es gibt in jedem Land positive und negative Aspekte. Man muss eben die negativen beiseite schieben und sich auf die positiven Dinge konzentrieren.“ Ich denke, mit einer solchen optimistischen Einstellung kommt man in einem zunächst fremden Umfeld leichter klar. Insgesamt ist eine deutliche Mehrheit meiner Befragten zufrieden mit der Entscheidung, in die Türkei zu gehen. Zwar hat eine deutliche Mehrheit angegeben, in Deutschland glücklich gewesen zu sein, aber viele sagen, auch in der Türkei glücklich zu sein.

In Deutschland gibt es für Türken nicht die Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft zusätzlich anzunehmen, sie müssen sich also entscheiden. Wie sieht denn die Rechtslage aus von Türkischstämmigen, die nicht den türkischen, sondern den deutschen Pass in der Tasche tragen und nun in der Türkei leben wollen?

Für die gibt es eine Sonderregelung, die sogenannte Marvi-Card. Damit erhalten sie eine Art türkische Staatsbürgerschaft „light“. Damit dürfen sie weder wählen noch gewählt werden, ansonsten verfügen die Inhaber dieser Karte über vergleichbare Rechte wie türkische Staatsbürger. Diese Regelung dürfte dazu führen, dass türkischstämmige Ausländer es leichter haben als andere, in der Türkei Fuß zu fassen.

Ist diese Regelung umstritten, diskutiert die türkische Öffentlichkeit darüber?

Gestritten wird eher über die deutsche Gesetzgebung, die nur in Ausnahmefällen eine doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt, etwa für Menschen aus Ländern wie dem Iran, deren Regelungen es nicht vorsehen, die Staatsbürgerschaft abzulegen. Die Türkei würde den türkischstämmigen Deutschen gerne zusätzlich die türkische Staatsbürgerschaft geben.

Wie bewerten Sie diese Politik?

Die doppelte Staatsbürgerschaft wäre ein sehr gutes Mittel, um Integration in Deutschland zu fördern. Es wäre ein symbolischer Akt, der die beiden Identitäten dieser Leute anerkennt. Integrationspolitisch wäre die doppelte Staatsbürgerschaft daher ein wichtiger und dringender Schritt. Es verwundert schon, wenn die Bundesregierung einerseits verkündet, die Potenziale von Jugendlichen aus Migrantenfamilien besser fördern zu wollen und die kulturelle Viefalt als eine Chance für Deutschland darstellt, aber andererseits verlangt, dass Kinder ausländischer Eltern, die hier in Deutschland geboren wurden, sich mit Erwerb der Volljährigkeit entscheiden müssen, welche Nationalität sie wählen. Das bringt junge Menschen unnötig in Identitäts- und Loyalitätskonflikte. Dieses Optionsmodell sollte abgeschafft werden.


Das Interview führte Margret Karsch am 02.11.2011.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

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