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Interview Alexander Lohausen, Büroleiter KSP Jürgen Engel Architekten

Copyright: Alexander Lohausen

Alexander Lohausen (geboren 1968) hat in Hannover, Zürich sowie Kopenhagen Architektur studiert und als Diplomingenieur abgeschlossen. Anschließend arbeitete er bei DISSING+WEITLING arkitektfirma (ehemals Arne Jacobsen) in Kopenhagen als Projektleiter. Er ist Mitglied der Akademischen Architektenvereinigung von Dänemark. Gegenwärtig leitet Alexander Lohausen bei KSP Jürgen Engel Architekten das Berliner Büro. Zuvor war er zwei Jahre bei Albert Speer und Partner GmbH in Shanghai, China, als Büroleiter tätig.

 

 

 

In China nimmt der Grad der Verstädterung rasant zu. Von rund 18 Prozent in 1978 ist er laut UN auf heute fast 47 Prozent gestiegen. Weltweit liegt er knapp über 50 Prozent. Für China gehen die Prognosen von 60 Prozent im Jahr 2030 aus. Wieso gibt es diesen Drang, vom Land in die Stadt zu ziehen?

Der Ursprung der Wanderung liegt dort in der Armut, es ist die Hoffnung auf ein besseres Leben. Das sehen die meisten nur in der Stadt gewährleistet, weil das Einkommen aus der Landwirtschaft so niedrig ist.

Ist die Abwanderung in allen ländlichen Regionen Chinas gleichermaßen zu beobachten?

Ja.

Warum liegen die Städte, die das Ziel der Wanderungsströme bilden, vor allem im Osten des Landes?

Der Norden und der Westen sind nicht nur dünn besiedelt, sondern stehen für die Landwirtschaft primär auch gar nicht zur Verfügung, weil dort nur wenig urbares Land ist. Dort liegen Gebirge, Steppen und Wüsten. Das heißt, im Grund leben auf nur einem Drittel der Fläche Chinas 90 Prozent der Bevölkerung. Und dort wird auch fast die komplette Nahrung produziert, die das Land benötigt.

Direkt an die Städte grenzen also die Äcker? Inwiefern bedroht das Wachstum der Städte die Landwirtschaft? Und gibt es vielleicht speziell geschützte Regionen, die als "Kornkammer" dienen und die Ernährung der Bevölkerung sichern?

Es gibt eine sogenannte Kornkammer im Südwesten Chinas, aber dort kam es 2009 zu einer Dürre, weil der Regen ausgeblieben ist. Dadurch sind die Ernten ausgefallen. Das Problem ist, dass die landwirtschaftliche Fläche zunehmend versiegelt wird durch das urbane Wachstum. Hinzu kommt die Verschmutzung von Wasser: Im Perlfluss-Delta etwa wird Landwirtschaft sehr intensiv betrieben. Dahin gelangen aber auch die Abwasser der Industrie sowie Abwasser aus dem Siedlungsraum von Guangzhou, die ungeklärt in das offene Kanalsystem gelangen und damit auf die Felder.

Wie leben die Wanderarbeiter denn in den Städten? Die Migranten bringen ja alle unterschiedliches kulturelles Gepäck mit - integrieren sie sich gut, oder entstehen da Schwierigkeiten?

Der Wohlstand und das Wachstum werden in China von den Wanderarbeitern getragen, die sich als Tagelöhner verdingen. Somit nehmen die Zuwanderer den Chinesen, die bereits dort leben, keine Arbeitsplätze weg. Das Problem ist, dass viele Wanderarbeiter einen illegalen Status haben. In China darf man nicht einfach umziehen, man braucht eine Genehmigung dafür, und diese bekommen Wanderarbeiter nicht ohne weiteres. Sie leben also auf Baustellen, im Untergrund. Immerhin hat die Regierung das Problem erkannt und in den letzten Jahren einiges getan, um die Lebensbedingungen der Wanderarbeiter zu verbessern. Etwa 2008 im Arbeitsrecht, auch wenn das noch nicht komplett wirksam geworden ist. Es schreibt reguläre Arbeitsverträge vor, und es gibt einen - wenn auch geringen - gesetzlichen Mindestlohn.

Aber das Problem der Illegalität ist geblieben?

Ja, die Wanderarbeiter erhalten keinen permanenten Aufenthaltsstatus. Wenn sie ihre Arbeit vollbracht haben, müssen sie zurück in ihre Heimat.

Aber dort haben sie ja kein Einkommen - ziehen die Wanderarbeiter dann gleich wieder los?

Oder sie bleiben einfach gleich in der Stadt.

Worin bestehen die größten Herausforderungen für die Stadtentwicklung in China?

In China fehlt ein intelligentes Flächenmanagement. Das Problem ist, dass das urbane Wachstum überall unkontrolliert stattfindet. Das hat zum einen mit den Wanderströmen zu tun, zum anderen aber auch damit, dass die einzelnen Städte miteinander in Konkurrenz stehen: Alle wollen wachsen, wichtiger und größer werden als die anderen. Es wäre sehr wichtig, ein nachhaltiges Flächennutzungskonzept zu entwickeln und zu verfolgen, das Naturräume sichert.

Und zwar nicht nur im dünn besiedelten Westen, sondern auch im Osten des Landes?

Ja. Wenn Sie über die Ostküste fliegen, können Sie sehen, dass es kaum einen Berg gibt, der nicht abgetragen wird oder an dem jemand baut. Es ist bedrückend, zu sehen, wie auf einer gigantischen Fläche der Naturraum zerstört wird. Das sehe ich als das größte Problem, wobei daneben Versorgung und Entsorgung auch die Mobilität organisiert werden müssen.

Durch die Ein-Kind-Politik muss China, genau wie Deutschland, den Folgen der gesellschaftlichen Alterung begegnen. Reagiert China schon auf diese Entwicklung?

Die Ein-Kind-Politik ist nie so richtig rigoros gehandhabt worden. Es ist immer eine Frage der eigenen Finanzen gewesen, wie viele Kinder jemand hat. Und jede Familie, die zunächst eine Tochter bekommt, hat das Recht, ein zweites Kind zu bekommen. Ein Wachstum der Bevölkerung würde die Ressourcenprobleme verschärfen, das ist für China kein Ausweg.


Woran lässt sich die gesellschaftliche Alterung erkennen? Gibt es bereits einen Fachkräftemangel?

Der Wettbewerb um die Ressource Arbeitskraft hat schon begonnen. Man sieht das etwa an den beträchtlichen Gehaltssteigerungen in Städten wie Shanghai oder Peking. Viele Firmen haben die Textil- oder Schuhproduktion inzwischen nach Vietnam verlagert, um Kosten zu sparen.

In China liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei 1,6. Jedes Kind müsste also rein rechnerisch die Fürsorge für mehr als einen alten Menschen übernehmen. Wie ist in China die Versorgung der älteren Generation geregelt?

In China besitzt die Familie einen hohen Stellenwert. Bis vor 20 Jahren war es noch üblich, dass die Familie über alle Generationen zusammengewohnt und für die Älteren gesorgt hat. Das ist gebrochen, natürlich auch durch die Wanderarbeiter. Die Eltern bleiben in der Regel auf dem Land, während die Kinder in die Städte gehen. Da entsteht das Problem, denn in China gibt es kein flächendeckendes Renten- oder Krankenversicherungssystem mehr. Das ist gleichzeitig mit den Staatsbetrieben aufgelöst worden. Vor der Privatisierung waren alle über die Staatsbetriebe versichert.

Am 1. Mai ist die Weltausstellung in Shanghai eröffnet worden. Das Motto: "Better City, Better Life". Noch vollzieht sich der Verstädterungsprozess oft ungesteuert. Welche Chancen böte eine kluge Stadtentwicklungsstrategie?

Das Wachstum der Städte entspricht keinem Wachstum der Bevölkerung in China an sich, sondern ist im Grunde eine Art von Verdrängung. Aber die Verdichtung ist nachhaltig und ökologisch, denn sie nimmt weniger Land in Anspruch. In der Stadt Shanghai leben auf einem Quadratkilometer 7.226 Einwohner - in Berlin sind es 3.861. Urbanität bietet eine ökologische Lebensform, denn der Flächenverbrauch ist geringer, es besteht die Möglichkeit zur konzentrierten Ver- und Entsorgung, die Wege sind kürzer. Ich sehe die Stadt als Chance für die Organisation eines nachhaltigen Lebens. Und am Ende entstehen vielleicht durch die Entvölkerung Naturräume - das Wiederaufforstungsprogramm der Regierung in den letzten zehn Jahren in Nordchina beispielsweise ist von gigantischem Ausmaß.

Deutschland und China unterscheiden sich stark: Das eine Land ist eine Demokratie, das andere eine sozialistische Volksrepublik, die eher an eine Diktatur erinnert. China hat nicht nur für die Weltausstellung, sondern auch für andere Projekte Zwangsumsiedlungen und Verhaftungen als politisches Mittel eingesetzt. Hinzu kommen die unterschiedlichen Dimensionen: In China leben rund 1,3 Milliarden Menschen auf einer Fläche, die in etwa der der USA entspricht, die Wirtschaft wächst in enormen Tempo. Was können Deutschland und China voneinander lernen?

Die Expo 2010 bietet zumindest die Chance, das Verständnis füreinander zu vergrößern. Die Grundprobleme sind ja dieselben, aber China hat einen ganz anderen Handlungsspielraum angesichts der Dimensionen: Im Großraum von Shanghai leben laut UN-Schätzung knapp 18 Millionen Menschen, im Zentrum geschätzte zehn bis 13 Millionen. China ist ein Schwellenland, wenn man schaut, wo es vor 20 Jahren stand, dann zeigt das, dass man da andere Maßstäbe anlegen muss.


Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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