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Investitionen in Ausbildung lohnen sich

Andreas König ist für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig und leitete zum Zeitpunkt des Interviews in den Palästinensischen Gebieten das Programm zur Förderung von Berufsbildung und Arbeitsmarkt und für mehr Jobchancen für palästinensische Jugendliche.

 

 

Warum könnte berufliche Bildung zur Stabilität in der Mena-Region beitragen?

 

Qualifizierte, kompetente, motivierte, problemlösungsorientierte junge Menschen tragen zu einem Wirtschaftsaufschwung und zumindest zum graduellen Wachstum des Arbeitsmarkts bei. Investitionen in Berufsbildung sind kurz- und mittelfristig Investitionen in Stabilität und in die Reduktion von Konflikten und Krisen. Wenn wir dagegen weiterhin massenweise an den Universitäten ausbilden, dürfte das Gegenteil der Fall sein.

 

Welche Vorteile hat berufliche Bildung?

 

Man sagt, die Palästinenser hätten den besten Bildungsstand in der Region. Formal gesehen stimmt das. Doch 45 Prozent der Hochschulabsolventen können ihre Zertifikation nicht auf dem Arbeitsmarkt einbringen. Weil sie das Falsche studieren, aber auch, weil ihnen zentrale Fähigkeiten fehlen. Viele produzierende Gewerbe und Dienstleistungsunternehmen beschweren sich darüber, dass junge Leute zwar hohe Ansprüche an das Gehalt haben, aber nicht in der Lage sind, ein simples Telefonat zu führen oder einen rechten Winkel zu zeichnen. Sie haben kein Qualitätsverständnis für Produkte. Stattdessen müssen die Unternehmen die Hochschulabsolventen zwei, drei Jahre anlernen. Wir versuchen, dies gemeinsam mit der Privatwirtschaft zu ändern und setzten dabei in zwei Bereichen an: Zum einen bei der eher traditionellen Berufsbildung. Zum anderen haben wir drei duale Pilotstudiengänge in den Bereichen Ingenieurwesen, Informatik und BWL eingeführt. Wir arbeiten eng mit den hiesigen Unternehmen zusammen, indem wir Curricula in enger Abstimmung mit den Arbeitsmarktvertretern erarbeiten. Bisher verläuft diese Zusammenarbeit sehr erfolgreich. Die aktuellen Abgänger von unseren Berufsbildungseinrichtungen sind nur zu rund einem Fünftel arbeitslos. Das ist zwar immer noch viel zu viel, doch eben deutlich weniger als bei den normalen Hochschulabsolventen.

 

Doch die Akzeptanz beruflicher Bildungsprogramme ist dagegen gering. Wie kann
man dies ändern?

 

Wir wollen eine bessere Wertschätzung von nachfrageorientierter und qualitätsvoller beruflicher Bildung erreichen. Das ist Teil unserer Aufgabe. Wir bauen auf Rollenbilder seitens der Wirtschaft und seitens unserer Absolventen. Beim dualen Studium haben vor allem die führenden Wirtschaftsunternehmen im Land aus den Bereichen IT, Pharmazie und Kunststoffe mitgemacht. Sie haben gesagt: „Wir haben jahrelang darauf gewartet, dass sowas endlich kommt. Wir wissen, dass wir uns nur mithilfe qualifizierter Fachkräfte auf den regionalen und internationalen Märkten am Leben halten können und wir sind bereit, in Ausbildung zu investieren.“ Sie geben Geld für die Auszubildenden, schließen mit ihnen Verträge ab, stellen Leute bereit, die gemeinsam mit den Unis Lehrpläne entwickeln. Für uns sind diese Unternehmen wichtige Vorbilder, die den anderen zeigen, dass es sich lohnt, in Berufsbildung zu investieren, um den Fachkräftebedarf zu decken. Wichtige Rollenmodelle sind natürlich auch die Ausbildungsabsolventen. Wir brauchen junge Leute, die sich entgegen dem vorherrschenden Bild, einzig universitäre Bildung sei der richtige Weg, manchmal sogar gegen den Willen der Eltern, für eine Ausbildung entschieden haben, und heute sagen: „Es war eine super Entscheidung. Ich habe etwas Vernünftiges gelernt, ich verdiene ordentlich und kann meine Familie ernähren. Meine Klassenkameraden, die die Uni abgeschlossen haben, sind dagegen jetzt arbeitslos.“ Doch man kann Einstellungen und dominierende Bilder nicht von einem Moment auf den anderen verändern. Deshalb ist es wichtig und gut, dass unser Programm langfristig ausgelegt ist und nicht nach drei Jahren wieder vorbei ist.

 

Die meisten Arbeitsplätze entstehen in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wie binden sie diese ein?

 

Die meisten Berufsbildungseinrichtungen unterstehen in Palästina der Bezirksregierung. In Absprache mit den Ministerien haben wir auf der Bezirksebene sogenannte Local Employment and Training Councils installiert. Das sind lokale Plattformen des sozialen Dialogs, die sich mit Ausbildungs- und Beschäftigungsfragen auseinandersetzten. Da kommen öffentliche und Privatakteure zusammen sowie Wissenschaft und Zivilgesellschaft und diskutieren darüber, welche Bedarfe bestehen und wie sie gedeckt werden können. Durch diese Plattform sprechen zum ersten Mal Leute und Strukturen miteinander, die vorher nicht miteinander gesprochen haben. Das hat zum Teil erstaunliche Wirkung. Die lokalen Kammern und Einzelunternehmer äußern zum Beispiel sehr klare Wünsche und Erwartungen. Viele von ihnen haben erkannt, dass gezielte Berufsbildung einen Mehrwert für sie erzeugen kann. Zivilgesellschaft und Berufsschulen wiederum haben während dieser Dialoge die Möglichkeit, Forderungen an die Wirtschaft zu stellen, zum Beispiel nach Praktikumsplätzen, um damit den Berufsschülern zu ersten Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu verhelfen. Davon haben auch die Unternehmen etwas. Denn sie können Einfluss auf die Ausbildung der Leute nehmen und sie sich ohne Risiko ansehen, bevor sie sie vielleicht später einmal einstellen.

 

Das Interview führte Ruth Müller am 12.11.2015 für die Studie „Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet.“ Die Studie wurde gefördert vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

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