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Interview mit Dr. Anne Overesch

 

Anne Overesch, geboren 1979 in Münster, ist Autorin des Buches "Wie die Schulpolitik ihre Probleme (nicht) löst. Deutschland und Finnland im Vergleich". Aktuell arbeitet sie bei der Neuen Osnabrücker Zeitung als Politikredakteurin.

 

Sie sind Expertin für den Vergleich der deutschen Schulpolitik mit der des Pisa-Siegers Finnland. Was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg der finnischen Schülerinnen und Schüler aus?

Das Erfolgsrezept der Finnen findet man weniger auf Schulebene. Man kann zwar auf die einheitliche Schulstruktur schielen, auf die Gemeinschaftsschulen oder auf die vielen Krankenschwestern und Sozialpädagogen, die es in den Schulen gibt. Zusammengemixt wird dieses  Rezept aber in den Ministerien, im Parlament und in der Schulbehörde. Dort findet sich ein viel umfassenderer Ansatz von Schulpolitik, als es in Deutschland der Fall ist. Kernpunkt dieses Ansatzes ist, dass man versucht, jeden einzelnen Schüler auf ein möglichst hohes Niveau zu heben, um aus jedem Schüler das Beste herauszukitzeln. Der Glaube daran, dass dies richtig und umsetzbar ist, eint alle Parteien, Politiker, Gewerkschaften und Elternvertreter. Darin sehe ich das Erfolgsgeheimnis finnischer Schulpolitik.

In Deutschland ist es eher verpönt, wenn man von Leistungsorientierung  im Schulwesen spricht. Man geht davon aus, dass es unterschiedliche Schüler gibt, die in ihrer Individualität akzeptiert werden müssen.

In Deutschland ist man in der Gesellschaft, in den Schulen und in der Politik lange davon ausgegangen, dass es unterschiedliche Kinder mit unterschiedlichen, unveränderbaren Begabungen beziehungsweise Ausgangsbedingungen gibt. Pisa hat jetzt gezeigt, dass diese Ausgangsbedingungen sehr wohl zu ändern sind. Finnland ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sowohl ein hohes Leistungsniveau als auch Chancengerechtigkeit zu erreichen ist. Dass bedeutet, in Finnland ist es gelungen, Leistung von der sozialen Herkunft abzukoppeln und alle Kinder auf ein hohes Niveau zu bringen. Auch in andere Länder gelingt dies, zum Beispiel in Kanada. Daher müsste sich in Deutschland die Ansicht durchsetzten, dass Gleichheit und Leistung sehr wohl zusammen passen.

Und es muss eine neue Definition von Gleichheit gefunden werden. Lange Zeit dachte man, es reicht, alle Kinder in die gleiche Schule zu schicken und schon hat man irgendwie eine Gleichheit. Aber das ist falsch. Wenn ich von jedem ein möglichst hohes Niveau erwarte, dann bedeutet das auch Gleichheit. Aber dafür muss ich diese jungen Menschen auch  fördern.

Wer ist für Sie maßgeblich verantwortlich für einen solchen Prozess der Neudefinition von Gleichheit? Schule, Politik, Gesellschaft oder Eltern?

Die Lehrer und das, was sie in der Schule umsetzen, ist natürlich ein entscheidender Punkt, aber was vorher passiert ist, ist wichtiger. Wie die Politik Leistung, Gleichheit und die Bildungsziele insgesamt festlegt, ist ein entscheidender Faktor. Aber Politiker richten sich letztendlich nach den Wählern. Sie können sich nicht exklusiv darauf verständigen, dass Leistung und Gleichheit ab jetzt zwei Seiten einer Medaille sind. Diese Überzeugung muss sich in der Gesellschaft durchsetzen, und dafür sind wir alle verantwortlich.

Das heißt, es können nicht nur einzelne Teile des Bildungssystems verändert werden, sondern es muss eine Systemveränderung stattfinden. Wenn wir jedoch noch einmal auf das finnische Beispiel sehen, was ist daraus auf Deutschland übertragbar?

Sehr reizvoll finde ich in Finnland, dass dort Familien-, Sozial- und Schulpolitik zusammengehören. Dass heißt, die Bildungspolitik ist der Sozialpolitik untergeordnet. In Deutschland war das lange, eigentlich bis nach PISA, umstritten. Hier ging man davon aus, dass Sozialpolitik und Bildungspolitik voneinander getrennt sein muss und dass man über Schulpolitik keine Sozialpolitik machen darf. Bildung war Privatsache, über die nur Eltern entscheiden. Ich denke, das Beispiel Finnland zeigt, dass der Staat doch mehr eingreifen muss. Bestimmte Probleme aus der Gesellschaft und den Familien werden in die Schulen hineingetragen und müssen von diesen aufgefangen werden. Durch die Verbindung von Familien-, Sozial- und Schulpolitik, die sich in den Gemeinschaftsschulen widerspiegelt, können soziale Probleme besser aufgefangen werden. Der finnische Staat fühlt sich verantwortlich, einzugreifen und direkt in der Schule Hilfen zu gewähren. In Deutschland ist Schule ein Ort zum Lernen, und Familie ist was anderes. Welchen Erfolg man bei der Zusammenführung beider Konzepte haben kann, können wir von Finnland lernen.

Das würde Schule nicht nur als Lehreinrichtung sondern als auch als Erziehungseinrichtung definieren.

Das ist hier zu Lande aber noch nicht akzeptiert. Lehren und Erziehen werden in Deutschland immer noch getrennt gesehen. Die Ergebnisse von Pisa zeigen jedoch, dass die soziale Herkunft ganz entscheidend ist für den Lernerfolg. Wenn man aber etwas für die Schwachen, Sozialschwachen und die Kinder, die den ganzen Tag vor dem Computer sitzen und keine andere Betreuung haben, ändern will, dann muss man auch Familienelemente in die Schule mit hineinbringen. Das zeigt auch die Debatte über Kinderarmut beziehungsweise Verwahrlosung von Kindern. Dennoch werde in Deutschland Schule- und Familienpolitik nicht zusammengebracht. Es wird zwar diskutiert, und es gibt auch schon Ganztagsschulen, aber erstens werden diese noch von relativ wenigen Kindern besucht, und zweitens muss die Qualität der Konzepte hinterfragt werden. Sitzen da wirklich schon Sozialpädagogen oder ist das nur eine Betreuung über Mittag.

Gesamtschulen gelten oft als die Lösung, um sozialschwachen Schüler oder Kinder mit Migrationshintergrund besser in die Gesellschaft zu integrieren. Was genau sollte aber Ihrer Meinung nach in den Gesamtschulen passieren, damit dieses Konzept aufgeht?

Ein großer Vorteil im finnischen System sind die Förderlehrer. Die Kinder lernen zwar zusammen, aber in jeder Schule achten Förderlehrer unter Rücksprache mit den Lehrern auf die Noten und den Entwicklungsstand jedes einzelnen Schülers. Wenn dann ein Schüler abfällt, können die Förderlehrer sofort Sonderhilfen oder Förderunterricht organisieren, so dass der Rückstand schnell wieder aufgeholt wird. In Deutschland dagegen gibt es in den meisten Gesamtschulen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Kurse, so dass die Kinder zwar zusammen in die Schule gehen, aber dann doch wieder getrennt lernen. Gemeinsames Lernen mit Förderlehren für die schwachen Schüler wäre noch einmal ein ganz anderer Ansatz von Gesamtschule.

Für Sie wäre also nur eine Gesamtschule, in der wirklich alle Kinder zusammen lernen, eine Grundlage dafür, dass alle Kinder integriert an der Gesellschaft teilnehmen können?

In Deutschland geht es immer sofort um diese Schulstrukturdebatte, die gibt es hier ja schon seit Ewigkeiten. Schon vor den ersten Pisa-Ergebnissen wurde die Schulstruktur in Deutschland diskutiert. Aber selbst SPD-regierte Bundesländer haben bisher die Gesamtschule nicht wirklich eingeführt. Man hätte auch andere Förderelemente einführen können, zum Beispiel speziell für Hauptschulen. Aber auch hier herrscht keine Förderkultur. Wenn man Fördern will, dann muss man nicht gleich die Schulstruktur ändern, sondern Förden kann man auch in einem anderen System. Ich denke allerdings auch, dass wir keine Lösung finden, solange wir noch in der Debatte stecken, welche Schulstruktur die Beste ist. Erst wenn diese Frage geklärt ist, können wir uns auf die wesentliche Dinge konzentrieren. So wie in Finnland, wo man sich nicht mehr mit der Frage aufhält, welche Schulstruktur sie brauchen.

Wenn Sie von Fördermaßnahmen an den Schulen sprechen, dann kommt sicherlich schnell das Argument, dass diese viel zu teuer sind. Muss Deutschland denn mehr in die Bildung investieren oder reicht es, die Finanzierung umzustrukturieren?

Man müsste auf jeden Fall die Bildungsfinanzierung auf den Kopf stellen. Zurzeit wird für Gymnasien sehr viel ausgegeben und für die Grundschulen sehr wenig. Das liegt auch daran, dass Gymnasiallehrer besser bezahlt werden als Grundschullehrer. Eigentlich müsste es anders herum sein. Man müsste schon sehr früh anfangen, schwache Kinder zu fördern, damit die Schere zwischen guten Schülerinnen und Schülern und Zurückbleibern gar nicht erst aufgeht. Damit nicht gleich die Leistungsstarken aufs Gymnasium und die anderen auf die Hauptschule kommen.  Insgesamt ist es ja so, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht weniger Geld für Schulbildung ausgibt. Finnland gibt zwar noch ein bisschen mehr aus, aber ich denke, eine Umstrukturierung der Finanzierung ist möglich. Indem man weniger Geld in die Gymnasien pumpt und dafür früh anfängt zu fördern, kann man viel erreichen.

Sehen Sie auch Aspekte im deutschen Bildungssystem, von denen andere europäische Ländern lernen könnten?

Die Grundschulen schneiden im internationalen Vergleich relativ gut ab. Testergebnisse von Iglu bestätigen, dass dort ein Ansatz verfolgt wird, der zu guten Lernergebnissen führt. Ich denke auch, dass wir im Geschichtsunterricht oder in anderen Fächern, in den viel diskutiert wird, eine gute Mentalität vorweisen können. Schüler, die in ein Auslandjahr gehen, erfahren immer wieder, dass wir in Deutschland eine gewisse Diskussionskultur in der Schule pflegen. Solche Dinge fallen nicht unter die  Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen, die von Pisa gemessen werden. Auch wenn ich dazu keine wissenschaftlichen Erkenntnisse habe, könnte ich mir vorstellen, dass Deutschland hier ein Vorbild ist. Ein anderer Punkt ist, dass Deutschland seit der ersten Pisa-Studie in allen Bereichen Leistungssteigerungen verzeichnen kann. Damit zeigt Deutschland vorbildhaft, dass ein Schulsystem fähig ist, sich zu verändern. Das Potenzial ist also da.

 

Das Interview führte Franziska Woellert.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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