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Interview mit Dr. med. Bettina Pfüller

 

Dr. med. Bettina Pfüller ist Oberärztin im Bereich Reproduktionsmedizin und Teamleiterin am Charité-Kinderwunschzentrum in Berlin. Sie hat sich auf die Diagnostik und Therapie der ungewollten Kinderlosigkeit von Männern und Frauen spezialisiert. Das Kinderwunschzentrum der Berliner Charité gehört zum Netzwerk FertiPROTEKT und führt Beratungen und Therapien gemäß der im Netzwerk-Kodex vereinbarten Qualitätskriterien durch.

 

Was ist ein Kinderwunschzentrum?

Eine Einrichtung, in der sich Ärzte professionell damit beschäftigen, den unerfüllten Kinderwunsch von Paaren anzugehen. Dazu gehören auch Schwestern, Biologen und neben den Reproduktionsmedizinern und Gynäkologen auch Urologen sowie Andrologen von der Dermatologie, die sich traditionell mit Fertilitätsstörungen des Mannes befassen, Psychologen und Psychosomatiker, Genetiker, Geburtshelfer. Sie alle sollten in einem Kinderwunschzentrum präsent sein, nicht immer alle gleichzeitig, aber doch zur Verfügung stehen und zusammenarbeiten. Je nachdem, welche zusätzlichen Erkrankungen die Frau oder der Mann haben, werden auch noch spezielle Fachspezialisten hinzugezogen – und etwa Internisten, Kardiologen oder Neurologen im gemeinsamen Konsil (einer Beratungssitzung) befragt, nach dem Motto: alles unter einem Dach.

Gibt es einen Unterschied zwischen einem Kinderwunschzentrum und einer reproduktionsmedizinischen Klinik – oder ist "Kinderwunschzentrum" nur ein anderer Name, der möglicherweise weniger Ängste auslöst?

Wir hießen vorher Abteilung für Reproduktionsmedizin, das klingt sehr medizinisch. Noch davor hießen wir Sterilitätssprechstunde. Das trug einen negativen Stempel, "wir sind steril", und führte auch zu Missverständnissen: Manche Patientinnen verwechselten es mit einer "Sterilisationssprechstunde". Die Bezeichnung "Kinderwunschzentrum" hebt dagegen das Positive und Zukünftige hervor.

Kommen nur Paare zu Ihnen?

Die Behandlungspflicht ist im Sozialgesetzbuch V, Paragraph 27, für Paare festgelegt. Die Leistungen zur künstlichen Befruchtung werden nach den entsprechenden Richtlinien nur Ehepaaren gewährt. In Berlin, so auch an der Charité, werden unverheiratete Partner, die in eheähnliche Partnerschaften leben, auch behandelt. Diese müssen jedoch ihre Behandlung vollständig selbst finanzieren. Für alleinstehende Frauen oder homosexuelle Paare besteht keine Behandlungspflicht.

Ungewollte Kinderlosigkeit liegt laut Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO vor, wenn es trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs ein Jahr lang nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Wie lange haben die Paare, die bei Ihnen anklopfen, denn bereits versucht, ein Kind zu bekommen?

Länger – im Schnitt etwa dreieinhalb Jahre. Manche kommen natürlich sehr schnell, wenn die Ursache klar ist, beispielsweise nach einer Hodenoperation des Mannes und fehlenden Spermien im Ejakulat oder bei der Frau nach Entfernung der Eileiter wegen Eileiterschwangerschaften.

Wie viele Zentren gibt es in Deutschland, die ungewollte Kinderlosigkeit behandeln?

Für das Jahr 2005 sind 118 Zentren für Deutschland angegeben. In dieser Zahl sind die Zentren enthalten, die über ein Eizell-Labor verfügen und die Zahlen für das Deutsche IVF-Register, das zentrale Register für die Behandlungen mit In-vitro-Fertilisation, liefern. Daneben gibt es weitere Kinderwunsch-, Fertilitäts- oder Sterilitätszentren, die beispielsweise Beratungen, Diagnostik und hormonelle Stimulationen durchführen, aber keine Behandlung mit IVF vornehmen.

Wie ist diese Zahl im internationalen Vergleich - pro Einwohner gerechnet - zu bewerten?

In Dänemark, Finnland und Schweden, aber auch in Slowenien gibt es wesentlich mehr Behandlungen, dort ist auch die Dichte der Zentren höher. Bei dem jährlich stattfindenden europäischen reproduktionsmedizinischen Kongress ESHRE in Lyon wurde gerade bestätigt, dass auch in Frankreich wesentlich bessere finanzielle Bedingungen herrschen als in Deutschland, beispielsweise werden dort vier IVF-Zyklen voll bezahlt, und die Altersgrenze liegt für die Frau erst bei 43 Jahren.

Wie läuft denn die Finanzierung in Deutschland? Die Kosten mit rund 1.800 Euro pro Behandlungszyklus bringen ja nicht alle Paare gleichermaßen auf.

Am 1. Januar 2004 trat das Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft. Das bedeutete gemessen an den vorherigen Bedingungen eine deutliche Verschlechterung. Vorher galt bei gesetzlich versicherten Patienten: keine Altersbegrenzung nach unten, vier voll bezahlte IVF-Versuche, im Vorfeld sechs voll bezahlte Hormonstimulationen mit Insemination. Die Altersgrenze bei der Frau war allerdings auch 40 Jahre, aber mit der Möglichkeit zusätzlicher Beantragung, die auch in vielen Fällen gebilligt wurde. Eine Altersgrenze des Mannes war nicht festgelegt, sie liegt jetzt bei 50 Jahren. Die Altersbegrenzung nach unten beträgt nun für beide Partner 25 Jahre. Es werden nur noch jeweils drei Versuche Stimulation mit Insemination und drei Versuche IVF nur zu 50 Prozent der Gesamtkosten (Medikamente und Behandlung) erstattet.

Die Nachfrage ist seit der Änderung drastisch zurückgegangen: 2003 lag der Anteil der IVF-Kinder noch bei 2,6 Prozent, 2004 ist er auf 1,4 Prozent gesunken, 2005 lag er sogar nur noch bei 1,0 Prozent, wobei diese Zahl vorläufig ist. Was heißt das in absoluten Zahlen?

Man rechnet damit, dass im nachfolgenden Jahr, also 2005, etwa 12.000 Kinder weniger geboren worden sind.

Wie läuft die Behandlung im Kinderwunschzentrum der Berliner Charité ab, welche Phasen der Beratung und Behandlung durchläuft ein Paar bei Ihnen, das ungewollt kinderlos ist?

Ich frage als erstes: "Was kann ich für Sie tun, was wünschen Sie sich, weshalb kommen Sie?" Und da hört man doch sehr verschiedene Antworten. Nicht nur "wir wünschen uns ein Kind", sondern auch "wir möchten wissen, warum wir nicht schwanger werden", oder "wir möchten nur wissen, ob mit uns alles in Ordnung ist". Aber das sind auch verschiedene Ebenen, auf denen sich ein Paar erstmal herantastet, das sich nicht gleich äußern will. Aber die meisten sagen natürlich: "Wir möchten so schnell wie möglich ein Kind, helfen Sie uns!" Und dann sehe ich mir an, was sie an Vorbefunden mitbringen, was sie in ihrer Krankengeschichte berichten, wie lange die Kinderwunschdauer ist – und natürlich das Alter der Partner.

Die Chancen, Kinder zu bekommen, stehen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren am besten. Wie alt sind die Interessenten, die zu ihnen kommen, im Durchschnitt?

Der Großteil der Paare ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, die weibliche Durchschnittspatientin ist 32, der Durchschnittsmann 35.

Wie geht es weiter, wenn auch dieser Punkt geklärt ist?

Dann wird gemeinsam ein individueller Therapie- beziehungsweise erst einmal Diagnostikplan erstellt. Hier fließt ein, was das Paar möchte - und was es nicht möchte. Manche Paare wechseln auch ihre Therapeuten und geben zur Begründung an, dass ihnen Operationen oder Therapien empfohlen wurden, die sie nicht wünschten.

Welche gesundheitlichen Risiken bestehen bei der Behandlung, die ja oft mit hormoneller Stimulation insbesondere der Frauen einhergeht?

Eine Hormonbehandlung bieten wir Frauen an, die beispielsweise keinen Eisprung haben oder einen unregelmäßigen Menstruationszyklus angeben. Die Hormonbehandlung kann gelegentlich zu einer überschießenden Reaktion mit schmerzhafter Vergrößerung der Eierstöcke und Bauchwasser führen. Auch in Kombination mit einer Mehrlingsschwangerschaft können diese Beschwerden auftreten.

Wie lange dauert die Behandlung im besten Fall?

Im besten Fall wie im natürlichen Zyklus, also zwei Wochen bis zum Eisprung und danach kommt die zweiwöchige Wartephase auf den Schwangerschaftstest.

Und im schlechtesten Fall?

Die Gefahr besteht, dass Druck aufgebaut wird: "Es passiert nichts, nun machen Sie mal ein bisschen mehr, erhöhen Sie die Dosis bei den täglichen Spritzen." Aber wir gehen bei der Steigerung lieber langsam und vorsichtig vor, um die Reaktionen der Patientin beobachten zu können und Risiken zu vermeiden. Bis zu 55-Tage-Stimulationen sind möglich. Bei nicht eintretender Schwangerschaft stellen die wiederholten Behandlungen und das unbestimmte Warten eine große psychische Belastung dar.

Die Gründe der ungewollten Kinderlosigkeit liegen in jeweils 40 Prozent der Fälle bei der Frau oder beim Mann, in 20 Prozent liegt sie bei beiden oder ist die Ursache unklar. Ist den Paaren dieses Verhältnis bewusst, oder staunen sie darüber?

Es spricht sich immer mehr herum. Wenn der Mann nur wenige unbewegliche Spermien hat und damit die Ursache der ungewollten Kinderlosigkeit bei ihm liegt, dann kommt das gelegentlich auch familiär vor.

 

 

Das Interview führte Margret Karsch.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

 

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