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Interview mit Chuan Shi

 

Chuan Shi ist Managing Director des Deutsch-Chinesischen Kooperationsbüros für Industrie und Handel in Nürnberg.



Ist in Chinas Öffentlichkeit Klimawandel ein Thema?

Die zentrale chinesische Regierung hat das zu einem Hauptthema gemacht, zumindest in der Propaganda. In allen Zeitungen liest man jeden Tag über die CO2-Emissionen, den Feinstaub in den Städten, den Smog, und im Zusammenhang damit auch über den Klimawandel. Zumal dieser China in den letzten zwei Jahren wesentlich härter getroffen hat, als man dachte. Das Ausmaß hat auch die Regierung überrascht, obwohl sie wie wir alle immer optimistisch waren und auch noch sind.

Wie bekommt die Bevölkerung die Folgen der Abgase zu spüren?

Erstens - täglich und vor allem - am Smog: Wenn Sie in Chinas Städten unterwegs sind, ersticken Sie fast. Die offizielle Statistik der Asia Development Bank besagt, dass jährlich ungefähr 150.000 Menschen daran sterben, inoffiziell sollen es zwei- oder dreimal so viele sein. Das ist ein Gesundheitsproblem, aber nicht nur. Der Klimawandel trifft zweitens die Landwirtschaft sehr hart, das merken die Bauern als erste. Und damit stellt sich die Frage, wie sich ein Land wie China seine 1,3 Milliarden Menschen ernähren kann, wenn die Agrarfläche zerstört wird. Drittens trifft der Klimawandel die Infrastruktur: Der Schneesturm im letzten Jahr beispielsweise hat halb China praktisch lahm gelegt. Der wirtschaftliche Schaden war immens. Zusammengefasst: Die Folgen des Klimawandel werden in absehbarer Zeit zu einer gesellschaftlichen Krise führen, wenn man sie nicht meistern kann.

Die Stadtbevölkerung, die sich jeden Tag unter einer Dunstglocke bewegt, hat zwar besseren Zugang zu den Medien als die Landbevölkerung, aber die Bauern spüren unmittelbar, wie ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird, wenn ihre Felder überschwemmt werden oder vertrocknen. Wie unterscheidet sich das Bewusstsein der Bevölkerung auf dem Land von dem in der Stadt?

In China wächst das Bewusstsein der Bevölkerung in den Städten sehr schnell, das ist vergleichbar mit Deutschland, wo die Menschen sich vor zwanzig Jahren über die Wasserqualität oder den Ruß beklagt und den Umgang mit der Umwelt verändert haben. Die Landbevölkerung hat andere Sorgen als den Klimawandel, da sie jeden Tag ums Überleben kämpft. Das ist das Dilemma der Regierung. Sie muss immer zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz abwägen.

Das Handeln von 1,3 Milliarden Chinesen fällt bei einer Zahl von insgesamt 6,7 Milliarden Menschen auf der Welt ganz besonders ins Gewicht. Wird in China ein Zusammenhang zwischen Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung hergestellt? Etwa zur Ein-Kind-Politik, die ja immer noch gilt, auch wenn sie nicht mehr so streng angewandt wird.

Auch wenn sie umstritten ist: Immerhin haben wir dadurch 300 Millionen Menschen weniger - sonst hätten wir noch mehr CO2-Emissionen und noch größere Nahrungsmittelsorgen.

Gibt es denn konkrete Pläne der chinesischen Regierung, auf den Klimawandel zu reagieren?

Zum einen erschien 2007 ein White Paper der chinesischen Regierung, das beschreibt, welche schlimmen Folgen der Klimawandel für China mit sich bringt und in Zukunft noch bringen wird. Zum anderen setzt die chinesische Regierung auf erneuerbare Energien und Energiesparen und hat dazu seit 2007 eine Reihe von Gesetzen und Maßnahmen verabschiedet. Die Aufgabe besteht nun darin, sie umzusetzen.

Das Dilemma ist: Höherer Wohlstand geht bis dato mit höheren CO2-Emissionen einher.

Nicht unbedingt!

Setzen Sie auf neue Technologien, die das ändern?

Ja. Neue Technologien bringen nicht nur Lösungen, sie schaffen auch wirtschaftliches Wachstum. Schauen Sie zum Beispiel auf neue Technologien im der Bereich Solar- und Windenergie: Diese neuen Technologien bringen uns vielleicht irgendwann von der fossilen Energie ganz weg, die wir uns sowieso nicht mehr leisten können. Sie schaffen aber auch einen ganz neuen Wirtschaftszweig, der viele Menschen beschäftigt. Man redet jetzt viel über Bewusstseinswandel. Das ist zwar notwendig. Aber dann kommt immer: ?Wir müssen verzichten!? Das macht Bevölkerung Angst, und dann macht sie nicht mit. Bei Bewältigung des Klimawandels geht es nicht darum, den bestehenden Wohlstand neu zu verteilen, sondern darum, dass alle mehr bekommen, durch neue Technologien und kreative Lösungen!

Das klingt sehr optimistisch angesichts der bereits spürbaren Folgen des Klimawandels und der Schwierigkeit die Energieversorgung schnell genug zu revolutionieren.

Die Chinesen sind immer optimistisch gegenüber allen Herausforderungen. Man muss nur kreativ sein, um die Probleme zu lösen. Die Menschheit ist darauf eingestellt, jeden Tag, jedes Jahr neue Probleme zu lösen. Klimawandel ist kein Weltuntergang. Das ist nur eine größere Herausforderung!

Sie halten den Wunsch der chinesischen Bevölkerung nach mehr Wohlstand also für völlig unproblematisch, was den Klimawandel betrifft?

Jeder Mensch hat Recht auf mehr Wohlstand. Die Frage ist nur wie, nicht ob. Problematisch wäre es dann, wenn die chinesische Bevölkerung eine Lebensart wie Amerikaner anstrebte. Mein Traum ist, dass China das Klimaziel von Deutschland in Jahr 2050 (zwei Tonnen Kohlendioxid pro Person und pro Jahr) auch annähernd erreichen kann. An der Lösung und Umsetzung arbeiten wir gerade.


Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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