Claudia Weinkopf

Interview mit Prof. Dr. Claudia Weinkopf, Universität Duisburg-Essen

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Dr. Claudia Weinkopf (geb. 1963), studierte Diplom-Volkswirtin, ist seit 2007 Stellvertretende Geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen und leitet dort die Abteilung "Flexibilität und Sicherheit". Vorher war sie Forschungsdirektorin im Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen.

 

 

 

 

 

17 Prozent der EU-Bevölkerung gelten als armutsgefährdet - was heißt das?

Die Armutsgefährdungsquote ist ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut. Danach gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren "Nettoäquivalenzeinkommens" im jeweiligen Land verfügt. Bei Mehr-Personen-Haushalten wird das Haushaltsnettoeinkommen nach einem bestimmten Schlüssel bedarfsgewichtet in Pro-Kopf-Einkommen umgerechnet.

Da das mittlere Einkommen in der EU je nach Heimatland auf sehr unterschiedlichen Niveaus liegt, ist auch die Schwelle für Armutsgefährdung verschieden hoch. Wo ist sie in Deutschland anzusiedeln?

In Deutschland lag die Armutsgefährdungsschwelle von Alleinstehenden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2008 bei 787 Euro pro Monat. Eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren galt als armutsgefährdet, wenn sie im Monat weniger als 1.652 Euro zur Verfügung hatte.

Wer ist besonders betroffen?

Auch hier gibt es im Detail Unterschiede zwischen den EU-Ländern. Aber im Durchschnitt kann man sagen, dass Frauen etwas stärker betroffen sind als Männer. Alleinerziehende haben ein ganz besonders hohes Armutsrisiko: 35 Prozent von ihnen sind armutsgefährdet. Überdurchschnittlich betroffen sind darüber hinaus über 64-Jährige und Personen mit Migrationshintergrund.

Wie lässt sich das erklären?

Dass Frauen häufiger von Armut bedroht sind, steht in einem engen Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Erwerbsbeteiligung. Frauen sind seltener als Männer überhaupt erwerbstätig; die Frauenerwerbsquote liegt im EU-Durchschnitt um 13,7 Prozent niedriger als die der Männer. Außerdem arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit: im EU-Durchschnitt 31,1 Prozent der erwerbstätigen Frauen im Vergleich zu 7,9 Prozent der Männer. Darüber hinaus verdienen Frauen im Durchschnitt pro Stunde 17,6 Prozent weniger als Männer.

Wie sieht es in Deutschland bei den Frauen aus?

In Deutschland sind diese Unterschiede sogar noch stärker ausgeprägt. Obwohl die Frauenerwerbsquote in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist, hat sich der Anteil von Frauen am gesamten Erwerbsarbeitsvolumen nicht erhöht. Das liegt vor allem daran, dass die durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeiten von Frauen gesunken sind. Die Teilzeitquote von Frauen in Deutschland liegt mit über 45 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt. Und Ähnliches gilt auch für den Gender Pay Gap, der in Deutschland mehr als 23 Prozent beträgt.

Und was könnte die EU dagegen tun?

Eine wichtige Rolle der EU sehe ich grundsätzlich darin, Denkanstöße zu geben und Ziele zu formulieren – wie etwa zur Steigerung der Erwerbsquoten von Frauen und Älteren im Rahmen der Lissabon-Strategie oder aktuell zur Reduzierung der Zahl der von Armut Bedrohten um 20 Millionen bis 2020.

Was hat die EU bisher getan?

Zu beiden Themen – Armutsbekämpfung und Gleichstellung der Geschlechter – hat die EU in den vergangenen Jahren mehrere wichtige Grundsatzpapiere veröffentlicht, die den Mitgliedsländern Anregungen geben. Außerdem sind internationale Vergleiche ein gutes Mittel, um deutlich zu machen, wo Deutschland gegenüber anderen Ländern Defizite hat und was man verbessern müsste. Nicht zuletzt finanziert die EU auch einschlägige Studien – im vergangenen Jahr ist beispielsweise eine Untersuchung erschienen, die zeigt, dass Gleichstellung kein Kostenfaktor ist, sondern maßgeblich zur Steigerung des Wirtschaftswachstums beitragen kann.

Welche konkreten Maßnahmen würden Sie also Deutschland empfehlen?

Ich würde einen Schwerpunkt bei der Bekämpfung von Kinderarmut setzen. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Bildungschancen von Kindern in Deutschland ja besonders stark durch die soziale Herkunft geprägt. Mehr und vor allem auch bessere öffentliche Kinderbetreuungsangebote und Ganztagsschulen sind ein wichtiger Ansatzpunkt für mehr Chancengleichheit.

Für einkommensschwache Haushalte spielen dabei natürlich auch die Kosten eine wichtige Rolle. Aber die Kassen vieler Kommunen sind ebenfalls leer. Einige erhöhen deshalb etwa die Elternbeiträge für Kitas – wie beurteilen Sie die gegenwärtige politische Entwicklung?

Als höchst problematisch. Auf der Ebene des Bundes muss das sogenannte Betreuungsgeld gestoppt werden, dessen Einführung ab 2013 geplant ist. Wir brauchen keine Prämie dafür, dass unter dreijährige Kinder zuhause betreut werden, sondern hochwertige Betreuungsangebote mit einem guten Personalschlüssel. Ein wichtiger Nebeneffekt besserer Betreuung wäre, dass die Eltern mehr Zeit für Erwerbstätigkeit oder auch die eigene Qualifizierung haben – und damit auch bessere Chancen, aus der Armut herauszukommen.

Wo könnte Deutschland noch ansetzen, um Armut zu verhindern?

Ganz wichtig: auf dem Arbeitsmarkt. Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen und ist inzwischen auch im internationalen Vergleich besonders groß. Außerdem franst das Lohnspektrum immer weiter nach unten aus. Die Löhne sind teilweise so niedrig, dass man selbst bei Vollzeitarbeit nicht davon leben kann.

Können Sie hier Zahlen nennen?

Im Jahr 2008 arbeiteten beispielsweise fast 1,2 Millionen Beschäftigte für Stundenlöhne von unter fünf Euro brutto. Frauen sind hiervon besonders betroffen. Viele dieser Beschäftigten mit Niedrigstlöhnen brauchen aufstockende Hartz IV-Leistungen, um finanziell über die Runden zu kommen. Pro Jahr werden elf Milliarden Euro für aufstockende Leistungen an Erwerbstätige aufgewendet.

Brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn als verbindliche Lohnuntergrenze, um diesen Kostenaufwand zu senken?

Ja – und auch, damit Betriebe dies nicht zum Lohndumping nutzen können. Andere Länder zeigen, dass Frauen von einem gesetzlichen Mindestlohn besonders profitieren. Und dass dies auch dazu beitragen kann, die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen zu verringern.

Droht die Gefahr, dass gering entgoltene Jobs verschwinden, wenn sie durch einen Mindestlohn teurer werden?

Die Erfahrungen in Großbritannien sprechen dagegen. Als man dort den gesetzlichen Mindestlohn im Jahr 1999 einführte, wurden von manchen erhebliche Jobverluste befürchtet. Eingetreten sind sie nicht – was auch daran liegt, dass Niedriglohnjobs oft im Bereich ortsgebundener Dienstleistungen angesiedelt sind. Die Reinigung von Hotelzimmern beispielsweise lässt sich nicht in Billiglohnländer verlagern.

Empfehlen Sie auch Maßnahmen, die speziell die Armutsgefährdung von Menschen mit Migrationshintergrund senken können?

Von den angesprochenen Maßnahmen im Bereich Kinderbetreuung und Bildung würden auch Menschen mit Migrationshintergrund stark profitieren. Für diejenigen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen, sind außerdem Sprachkurse wichtig. Denn die Fähigkeit, sich zu verständigen, bildet einen zentralen Schlüssel für die berufliche und gesellschaftliche Integration. Verbessert und erleichtert werden müsste nicht zuletzt auch die Anerkennung von im Ausland erworbenen Bildungsabschlüssen. Hier liegen erhebliche Qualifikationsreserven, die bislang noch zu wenig genutzt werden.


Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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