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„Meine Nachricht ist: Ihr müsst hierbleiben und hier etwas aufbauen.“

Codou Loume arbeitet für die gemeinnützige Radiostation Oxyjeunes in Pikine, einem ärmeren Viertel am Rande von Senegals Hauptstadt Dakar, in dem fast zwei Millionen Menschen leben. Der Sender existiert seit 1999, spielt, wie in Senegal üblich, überwiegend Musik, beschäftigt sich aber auch mit den Themen Umweltschutz, Menschenrechte oder Bildung für Mädchen. Ein Schwerpunkt der Arbeit von Codou Loume ist die Aufklärung über die Gefahren und Risiken einer Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer. Ihre Sendung hat das Ziel Menschen mit Fluchtgedanken von ihren Plänen abzuhalten.

 

Frau Loume, an welche Personen richtet sich Ihr Radioprogramm?

An alle Bevölkerungsgruppen. Wir senden in der lokalen Sprache Wolof und nicht auf Französisch. Wenn wir alle ansprechen, dann erreichen wir viele potentielle Migranten. Jeder interessiert sich für das Thema Auswanderung, denn viele möchten die Länder Westafrikas verlassen. Wir wollen jene erreichen, die noch da sind, aber eigentlich wegwollen. Auch an deren Familien wenden wir uns. 

Was sind die Erwartungen der Leute, die über eine Auswanderung nachdenken?

Sie stammen oft aus großen Familien mit acht oder mehr Kindern. Sie haben keine Arbeit und sehen die Armut überall. Die Lebensbedingungen sind schlecht, die Versorgungslage ist schlecht, die Menschen können ihre Rechte nicht wahrnehmen. Sie wollen ihr Leben verbessern, sie wollen ein anderes Leben. Sie sind aber nicht gut informiert über das, was sie erwartet, wenn sie sich irregulär oder illegal auf den Weg Richtung Libyen machen. Einerseits wissen sie um die Gefahren, denn die Migration hält schon seit Jahren an und es spricht sich rum, was da abläuft. Andererseits hält sie das nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. Migration ist eine klare Alternative für sie.


Die Internationale Organisation für Migration (IOM) unterstützt Kampagnen wie die von Radio Oxyjeunes, um die Menschen zu warnen. Wovon handeln solche Sendungen?

Darin berichten die Migranten schockierende Dinge. Vom Elend der Reise durch die Wüste, von Missbrauch und von Toten. Und davon, dass sie viel Geld an die Menschenschmuggler verlieren. Diese Personen erzählen etwas Anderes als die Leute, die es bis Europa geschafft haben. Die berichten nur von Erfolgen. Sie haben nicht den Mut zu sagen, wie schlecht es ihnen geht, wenn sie sich als irreguläre Migranten in Italien, Frankreich oder Deutschland durchschlagen müssen.  

Wie reagieren die Zuhörer, wenn sie solche Nachrichten über Radio Oxyjeunes erfahren?

Manche Zuhörer sagen dann, dass sie Glück hatten, sich nicht auf den Weg gemacht zu haben. Wir brauchen solche Leute, die uns sagen: ‚Ich habe lange über eine Auswanderung nachgedacht, ich habe schon Geld zusammengespart, aber jetzt habe ich mich entschlossen hierzubleiben und hier etwas auf die Beine zu stellen.‘


Welche Chancen haben die Menschen, wenn sie in ihren Ländern bleiben? Gerade für junge Menschen ist es ja schwierig einen formellen Job zu finden. 

Meine Nachricht ist: Ihr müsst hierbleiben und hier etwas aufbauen. Ich will das ja auch. Mit dem Geld, das eine Flucht kostet, kann man hier ein Geschäft aufmachen. Wenn alle gehen, was passiert dann in Senegal? Wir verlieren unsere Jugend, unsere Zukunft. Wir müssen unsere Länder entwickeln, in Senegal, in Mali, in der Elfenbeinküste. Wir haben zu wenig Lehrer, zu wenig Ingenieure, zu wenig Ärzte. Und von den wenigen, die es gibt, machen sich dann auch noch welche auf den Weg nach Europa. Wer es nach Europa geschafft hat, sollte zurückkommen und hier das Land aufbauen, mit dem Geld, das er dort verdient hat. 

Welches sind denn neben dem Jobmangel die größten Probleme in Senegal? 

Wir brauchen eine bessere Bildung, denn mit Bildung schaut man anders auf die Welt, man hat viel mehr Selbstvertrauen. Ein Problem ist, dass die meisten, die etwas lernen, in einem Büro arbeiten wollen. Sie träumen von einem Job in der Verwaltung, bei der Regierung. Man muss den jungen Menschen sagen, dass sie nicht alle Funktionäre werden können. 

Glauben Sie, dass Sie Erfolg haben mit Ihren Sendungen? Oder ist die Verlockung einer Auswanderung zu groß?

Wenn ich die Meinung auch nur einer Person geändert habe und sie bleibt, anstatt sich auf die gefährliche Reise zu machen, verbuche ich das als Erfolg. 

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz/ Berlin-Institut) erlaubt.

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