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Interview mit Dr. Daniel Müller-Jentsch

 

Der Herausgeber der Studie über die Neue Zuwanderung ist in Deutschland aufgewachsen. Daniel Müller-Jentsch hat nach Studien in London und Yale als Ökonom im Brüsseler Büro der Weltbank gearbeitet, wurde berufsbegleitend an der Universität Erlangen-Nürnberg promoviert und war als freier Berater tätig, bevor er Anfang 2007 als Projektleiter zu Avenir Suisse kam.

Sie leben als hochqualifizierter Deutscher in der Schweiz. In der Studie ist auch von Überfremdungs- und die Verteilungsängsten der Schweizer die Rede. Merken Sie etwas davon?

Im Alltag bekommt man diese Ängste kaum zu spüren, aber man liest davon in der Presse und auf subtile Weise prägt dies auch die Atmosphäre. Ansonsten muss man jedoch sagen, dass die Schweiz ein einwanderungsfreundliches Land ist. Die Zuwanderung Hochqualifizierter ist in einigen Branchen und Regionen besonders stark ausgeprägt, beispielsweise in Zürich oder Genf. Dort gibt es gewisse Reibungen. So sind an einigen Krankenhäusern bereits die Hälfte aller Ärzte Ausländer, ähnlich hoch ist der Anteil nichtschweizerischer Professoren an den großen Universitäten. Angesichts solcher Zahlen erstaunt es schon fast, wie wenig negative Reaktionen es bisher gibt.

Ist den Schweizern klar, dass der Rest Europas sie um die Neue Zuwanderung beneiden könnte?

Man ist sich der Tatsache bewusst, dass man von dieser Einwanderung wirtschaftlich profitiert und dass man der Personenfreizügigkeit mit der EU einen erheblichen Teil des jüngsten Aufschwungs zu verdanken hat. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass man sich diesbezüglich mit anderen Ländern misst und diesen gegenüber privilegiert fühlt. In Wirtschaftskreisen hingegen sieht man, dass dem Brain Gain der Schweiz ein Brain Drain in anderen Ländern gegenübersteht.

Wie sieht es mit der Integration der Neuen Zuwanderer aus?

Wirtschaftlich sind diese Leute meist hervorragend integriert - schließlich kommen sie in die Schweiz, weil man ihnen hier Arbeitsplätze bietet. Im Gegensatz zu der niedrigqualifizierten Einwanderung der letzten Jahrzehnte verursachen die neuen Zuwanderer auch keine "klassischen" Integrationsprobleme - wie etwa in Form von Ausländerkriminalität oder schulischen Defiziten der Einwandererkinder. Dies ist wohl auch ein Grund, warum die Neue Zuwanderung bisher relativ „unsichtbar“ geblieben ist. Auch sprachlich fällt die Integration leicht, da ein erheblicher Anteil der neuen Einwanderer eine der Schweizer Landessprachen beherrscht. Ein weiterer Faktor, der die Integration begünstigt, ist die Tatsache, dass man in der Schweiz von Einwanderern ein Mindestmaß an Anpassung einfordert. Man könnte sagen, die Schweiz hat - anders als etwa Deutschland oder Holland - nicht den Fehler gemacht, gewisse gesellschaftliche Essentials verhandelbar zu machen.

Und was ist mit den "alten" Zuwanderern: Hat sich deren Situation durch die "neuen" verschlechtert oder verbessert?

Nach der unterschichtenden Zuwanderung - die von den 1960ern bis in die 1990er Jahre dominierte - erlebt die Schweiz in letzter Zeit eine überschichtende Zuwanderung. Zwischen den beiden Gruppen gibt es keine direkten Verdrängungseffekte, zumal in der Schweiz weitgehend Vollbeschäftigung herrscht. Was sich jedoch als Folge der Neuen Zuwanderung abzeichnet, ist ein Anstieg der Lebenshaltungskosten, insbesondere der Mieten, und das vor allem in den Ballungszentren Zürich und Genf. Dies wirkt sich natürlich auch auf die bereits vorhandene Wohnbevölkerung aus - ob dies nun Schweizer sind oder Personen, die in früheren Zuwanderungswellen kamen.

Wo sehen Sie die Vorteile beziehungsweise Chancen, wo die Nachteile respektive Gefahren der Neuen Zuwanderung für Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz?

Die wirtschaftlichen Vorteile sind signifikant: Die Zuwanderung gut ausgebildeter und talentierter Personen wirkt sich positiv auf Wirtschaftswachstum, Innovationsfähigkeit und Staatsfinanzen aus. Gleichzeitig zeigen unsere Analysen, dass es bisher kaum negative Verteilungseffekte gab. Mit anderen Worten: Es gibt viele Gewinner und nur wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung. Der Lackmustest könnte allerdings der nächste Konjunktureinbruch sein, wenn er denn kommt. Außerdem kann es in einem kleinen, dichtbesiedelten Land bei starker Nettozuwanderung durchaus zu gewissen Verknappungseffekten kommen. In den letzten 20 Jahren ist die Bevölkerung der Schweiz um eine Million angewachsen und dies führt teilweise zu negativen Begleiterscheinungen wie etwa Verkehrsproblemen oder Landschaftszersiedelung. Aber insgesamt ist die Kosten-Nutzen-Bilanz der Neuen Zuwanderung eindeutig positiv und einige der unerwünschten Konsequenzen sind gewissermassen "Luxusprobleme".

Was könnte Deutschland in punkto Migrationspolitik von der Schweiz lernen?

Erstens muss man von den Einwanderern eine klare Integrationsleistung einfordern. Diesbezüglich gab es in Deutschland lange Zeit eine falsch verstandene Toleranz, die zu großen Problemen geführt hat. Zweitens muss man die migrationspolitischen Barrieren für gut qualifizierte Einwanderer verringern. Hier war das kürzlich von der Bundesregierung verabschiedete Maßnahmenpaket ein wichtiger Schritt. Drittens - und das ist die vielleicht wichtigste Lektion - muss man seine standortpolitischen Hausaufgaben machen. Die Einwanderung Hochqualifizierter kann man nicht verordnen, sondern diesen Leuten muss man ein entsprechendes Umfeld bieten - mit einer vertretbaren Steuer- und Abgabenlast, guten Schulen und Krankenhäusern, niedrigen Kriminalitätsraten sowie einer hohen Lebensqualität. Bundesländer wie Bayern oder Hamburg zeigen hier den Weg. Dadurch würde Deutschland nicht nur für qualifizierte Zuwanderer attraktiver, sondern könnte auch seine eigenen ausgewanderten Leistungsträger zurückholen.

Das Interview führte Sabine Sütterlin.

Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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