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Interview mit Debito Arudou, Autor und Bürgerrechtler

Copyright:Debito Arudou

Der Autor und Bürgerrechtler Debito Arudou hieß ursprünglich David Christopher Aldwinckle und wurde 1965 als Amerikaner geboren. 1991 ließ er sich in Sapporo auf der Insel Hokkaido nieder. Er setzt sich regelmäßig mit der Fremdenfeindlichkeit auseinander, die er in Japan vorfindet. Seit 1993 lehrt er an der privaten Hokkaido Information University Englisch. Seit 2000 ist er japanischer Staatsbürger.

 

 

 

 

 

Ausländer machen nur 1,7 Prozent der japanischen Bevölkerung aus, die im Jahre 2007 knapp 128 Millionen zählte. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr geringer Anteil. Warum ist das so? Aus welchen Ländern kommen die Ausländer und was hat sie nach Japan gebracht?

 

Seit sich Japan vor fast 150 Jahren gegenüber der Welt öffnete, hat es immer wieder Ausländer herbeigerufen. Zunächst als Berater, die nach Jahrhunderten der Isolierung helfen sollten, den technologischen Rückstand aufzuholen. Dann als Arbeitskräfte aus den eroberten Gebieten, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, dann als ehemalige Bürger des zusammengebrochenen japanischen Imperiums. Während der Aufbauphase nach dem Krieg kamen Lehrer, Forscher, Studenten und Arbeiter.
Die bisher ausgeprägteste Phase der Ausländer-Anwerbung begann 1990, als Japan neue Visums-Bestimmungen erließ um Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern zu gewinnen, vor allem aus China, Südamerika und Südostasien. Es gab einen enormen Bedarf an Arbeitskräften in schmutzigen, besonders harten und gefährlichen Industriebereichen, die von den Japanern gemieden wurden. Die Regierung hielt es für nützlich, Arbeiter zu holen, die solche Jobs für weniger Geld erledigten als japanische Kräfte gekostet hätten. Infolge dieser Politik hat sich die Zahl der nichtjapanischen Einwohner Japans seit 1990  mehr als verdoppelt.

 

Aber warum sind es im internationalen Vergleich immer noch relativ wenige?

 

Japan hat keine offizielle Einwanderungspolitik, es steht vielmehr für eine "Drehtüren-Politik". Das heißt etwa, dass Ausländer zeitlich begrenzte Visa erhalten, die mit Wegfall des Arbeitsplatzes in Japan erlöschen, wie dies bei den sogenannten Fabrik-"Praktikanten" aus China der Fall ist. Oder, anderes Beispiel, Ausländer mit ursprünglich japanischen Wurzeln können bleiben, so lange sie wollen, können in Fabriken arbeiten und in das Rentensystem einzahlen; wenn aber, wie im April geschehen, das wirtschaftliche Umfeld schwächelt, bekommen sie quasi eine Bestechungssumme angeboten, damit sie nur ja wieder zurück gehen und all ihre Investitionen und Ansprüche zurücklassen. Die Regierung ist kaum darauf eingestellt, ausländische Menschen zu integrieren oder ihnen auch nur dabei zu helfen sich einzuleben. Und es ist ziemlich schwierig, eine unbefristete Niederlassungsbescheinigung zu erhalten. Die offizielle Haltung ist: Als Ausländer sind Sie nur Gast. Genießen Sie den Aufenthalt, verdienen Sie Geld, aber danach gehen Sie bitte wieder nach Hause.

 

Wie haben Sie es geschafft, einen japanischen Pass zu bekommen?

 

Der Vorgang der Einbürgerung ist ähnlich wie überall auch, mit einigen ziemlich willkürlichen Anforderungen, die ich aber erfüllen konnte.

 

Sie berichten auf Ihrer Website über solche willkürlichen Anforderungen: So musste Ihre Verwandten ein Formular ausfüllen, dass sie mit Ihrer Einbürgerung einverstanden seien. Nach anderen Berichten wird Einbürgerungskandidaten manchmal geraten, ihren Namen zu ändern, auf dass er japanischer klinge.

 

Man muss beweisen, wie japanisch man ist. Dazu gehört, das Einverständnis der Familie und der Nachbarn einzuholen. Es gab Beamten, die den Inhalt von Kühlschränken oder die Spielsachen in Kinderzimmern prüften, um zu sehen, wie japanisch diese waren. Damit schaffen sich die Inspekteure wahrscheinlich die Möglichkeit, jemanden abzulehnen, der ihnen "komisch" vorkommt. Bei mir war es nicht so, und ich bin ziemlich "komisch". Und nach der amtlichen Einbürgerungsstatistik wird fast jeder akzeptiert, der beim Auswahlgespräch am Anfang besteht und alle Formulare einreicht.


Was wäre daran auszusetzen, wenn Japan meint, es wolle oder benötige keine Einwanderung?

 

Dass dies nicht die Wirklichkeit widerspiegelt. Es gab einen Bericht der Vereinten Nationen, der besagte, dass Japan Einwanderung braucht, es gab mindestens einen Premierminister, der dies anerkannte, und mehrere bedeutende japanische Organisationen, die dies vertreten. Und zwar jetzt. Unsere Gesellschaft altert und unser finanzielles Fundament bröckelt. Wir stehen kurz davor, einen demografischen Albtraum zu erleben: eine Zukunft, in der die Gesellschaft sich selbst nicht mehr unterhalten und betreuen kann. Ausländer werden so oder so herkommen, auch wenn sie unseren Inselstaat geschwächt oder entvölkert vorfinden. Daher sollten wir die Einwanderung besser jetzt anpacken, so lange wir noch Energie und Gestaltungsspielraum haben.
Unsere Repräsentanten und Entscheidungsträger verstehen nicht unbedingt, dass Menschen, die anders aussehen, keine Bedrohung sind. Wir können von ihnen nicht erwarten, dass sie uns in eine Zukunft führen, die sie sich gar nicht vorstellen können. Es ist aber doch auch unser Land.

 

Japanische Demografen betonen immer, das Schrumpfen der Bevölkerung habe auch positive Seiten, etwa, dass mehr Platz oder mehr Landwirtschaftsland zur Verfügung stehe.

 

Mehr Land ist großartig – aber wer soll es bewirtschaften? Der ländliche Raum entleert sich bereits. Unsere Bauern haben solche Probleme, Ehefrauen zu finden, dass sie sich welche aus dem Ausland holen. Gleichzeitig konzentriert sich alles in den Städten, die immer noch dichter bevölkert sind. Ich glaube nicht, dass es bereits eine Bewegung "zurück ins Grüne" gibt, wie dies anderswo zu beobachten ist. Nach meiner Einschätzung wird sich der Rückgang auf dem Land mindestens noch die nächsten paar Jahre fortsetzen. 

 

Wie schafft es Japan, seine Produktivität auf lange Sicht zu erhalten, wenn es kaum Zuwanderung von Arbeitskräften zulässt?

 

Das weiß wahrscheinlich keiner. Eine Bevölkerung mit einem derart hohen Anteil an Älteren hat es noch nie gegeben. Wirtschaftsverbände und Denkfabriken in Japan sprechen vage von Robotern, von Automatisierung, von verstärkter Frauen- und Alters-Erwerbsbeteiligung. Das ist alles. Aber von Einwanderung als einer möglichen Lösung der demografischen Probleme zu sprechen, ist zur Zeit tabu.

 

Wie reagieren die Japaner, wenn sie von Schwierigkeiten bei der Integration von Ausländern in Europa hören?

 

Solche Meldungen werden benutzt, um die Festung zu zementieren. Politiker werden nicht müde, auf interkulturelle Differenzen oder Unruhen hinzuweisen. Das hält unser Land davon ab, über eine Einwanderungspolitik auch nur nachzudenken. Auf inoffiziellen Wegen kommen aber trotzdem Arbeitskräfte ins Land – und am Ende haben wir die gleichen Probleme. So viel Engstirnigkeit enttäuscht, sie passt einfach nicht zu so hoch gebildeten Gesellschaft.

 

Das Interview führte Sabine Sütterlin.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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