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Interview mit Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim

Copyright: Detlef E. Dietrich

Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich (geboren 1962) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet seit 2009 als Ärztlicher Direktor das AMEOS Klinikum Hildesheim. Vorher arbeitete er seit 1995 als Leitender Oberarzt in der psychiatrischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit 2004 ist er Repräsentant der European Depression Association für Deutschland.

 

Depression gilt als die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Wie viele Menschen sind davon in Deutschland betroffen?


Man geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Menschen – etwa fünf Prozent der Bevölkerung – an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt sind. Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Form der behandlungsbedürftigen Depression zu erleiden, beträgt etwa 15 bis 20 Prozent.


Erkranken genauso viele Frauen wie Männer?


Bei den meisten Formen der Depression sind Frauen häufiger betroffen, etwa in einem Verhältnis von zwei zu eins. Heute vermutet man allerdings, dass der Unterschied hinsichtlich der Häufigkeit nicht so gravierend ist, die Depression des Mannes bleibt möglicherweise häufiger unerkannt oder wird später erkannt als die der Frauen. Wahrscheinlich verbirgt sich hinter vielen Suchterkrankungen bei Männern eine Depression.


Besteht ein Zusammenhang mit dem Alter?


Es gibt bestimmte Formen der Depression, die im Alter häufiger auftreten. Das liegt vor allem an der zunehmenden Häufigkeit körperlicher Erkrankungen, aber auch an den veränderten Lebenssituationen älterer Menschen. Organische Ursachen sind nicht selten Hirnerkrankungen, nicht-organische Ursachen oft Verlusterlebnisse, das heißt Verluste von Lebenspartnern, Freunden und so weiter. Aber auch die nachlassende körperliche Autonomie kann als große Belastung erlebt werden. Meist treffen bei der Entstehung der Depression jedoch mehrere Ursachen zusammen.


In Deutschland steigen die Lebenserwartung und der Anteil der Älteren. Im Jahr 2020 werden hierzulande voraussichtlich 14,6 Millionen Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind. Das lässt erwarten, dass die Zahl der Demenzerkrankungen zunehmen wird – gilt das auch für Depression?


Es liegen unterschiedliche Einschätzungen vor. Die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation, hat geschätzt, welche Erkrankungen im Jahr 2020 am häufigsten als Folge sozio-ökonomischer Belastungen auftreten werden. Depressionen werden dann an zweiter Stelle stehen – nach den Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, die auch heute an erster Stelle stehen.


Besteht unter Experten Einigkeit, ob Depressionen zunehmen?


Nein, Professor Ulrich Hegerl beispielsweise, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Depressionshilfe, warnt stets vor der Aussage, dass Depressionen zunehmen – und dafür gibt es tatsächlich momentan keinen Beweis. Die Zunahme der Diagnosestellung lässt sich seiner Meinung nach vielmehr auf die gute Öffentlichkeitsarbeit zurückführen.


Die Diskussion über Depression nach dem Freitod von Robert Enke vor rund einem Jahr hat gezeigt, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber früher gewachsen ist. Aber sie hat auch noch einmal den starken Leistungsdruck nicht nur im Profifußball, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen verdeutlicht. Fördert dieser Druck Depression?


Bestimmte Formen von Depression haben in den industrialisierten Ländern vermutlich zugenommen: die, die etwa mit Arbeitslosigkeit, Arbeitsverdichtung, Arbeitsunsicherheit und Stress zusammenhängen. Und darauf bezieht sich unter anderem auch die WHO-Studie. Das betrifft beispielsweise erwerbstätige Mütter, Pastoren, die heute mehrere Gemeinden betreuen, nicht mehr nur eine, und Landfrauen, die den kompletten Hof und die Familie alleine managen , weil der Mann einer weiteren Beschäftigung nachgeht, um das Einkommen zu sichern.


Woran erkennt man, ob jemand "nur" schlecht drauf ist oder ob er medizinische Unterstützung benötigt?


Von einer behandlungsbedürftigen Depression spricht man, wenn von vier sogenannten Hauptsymptomen mindestens zwei und von weiteren Symptomen mindestens drei bis vier über mindestens zwei Wochen nachweisbar sind. Zu den Hauptsymptomen zählen niedergedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Gefühl der Gefühllosigkeit und zu den weiteren Symptomen gehören vielfältige Beschwerden wie beispielsweise eine Antriebsstörung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Ängste, sozialer Rückzug, negatives, pessimistisches Denken bis hin zu Suizidgedanken oder Appetitstörungen.


Das macht eine Beteiligung am sozialen Leben nur schwer möglich. Beeinflussen Depressionen auch die Lebenserwartung?


Die Lebenserwartung wird insbesondere durch die hohe Suizidgefahr beeinträchtigt, etwa 15 Prozent der depressiv Erkrankten versterben letztlich an einer Selbsttötung. Aber auch andere Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen, erhöhte Infektanfälligkeit und andere organische Erkrankungen, die nach depressiven Syndromen auftreten, die im Zusammenhang mit depressiven Störungen häufiger vorkommen, können die Lebenserwartung reduzieren.


Wie lassen sich Depressionen behandeln?


Am besten hilft bei den meisten Depressionen eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Zusätzlich eingesetzt können Körpertherapien, in einigen Fällen Lichttherapie und Wachtherapie sowie Ergotherapie hilfreich sein. Auch die Beratung und Einbeziehung von Angehörigen und gegebenenfalls des Arbeitsplatzes kann für die Wiedereingliederung hilfreich sein.


Werden die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten gut genutzt?


Leider noch nicht in ausreichendem Maße. Dies liegt an dem eingeschränkten Wissen, wie man die Erkrankung rechtzeitig erkennt und auch an einer gewissen Scheu, sich zu offenbaren.


In strukturschwachen, von Abwanderung und Überalterung geprägten Regionen mangelt es oft an medizinischer Versorgung – gilt das auch für Depressionen?


Es gibt immer noch zu wenige Therapieplätze, zu wenig Ärzte und auch zu wenig Psychologen, die sich der unterschiedlichen Störungen annehmen könnten. Diese Situation findet sich auf dem Land in zugespitzter Form. Hinzu kommt der internationale Markt: Da die Arbeitsbedingungen im Ausland besser sind, verlassen viele Studierende nach dem Abschluss Deutschland. So ist etwa das Gehalt höher, vor allem bei den jüngeren Ärzten spielt das eine Rolle. Junge Ärzte verdienen anderenorts das Zwei- oder Dreifache. Auch die Pharma-industrie zahlt besser und wirbt Mediziner ab.


Die Abwanderung verschärft den Konkurrenzkampf unter Kliniken um Fachpersonal – wie lassen sich die vor Ort nötigen Mediziner anlocken oder halten?


Die Kliniken können nicht einfach mehr zahlen, weil ihr Budget von der Politik begrenzt ist – die Krankenkassen übernehmen ja nur einen relativ festgelegten Betrag. Aber die Kliniken machen zusätzliche finanzielle Angebote, etwa Einstiegsgelder, oder bezahlen Zusatzleistungen. Dennoch wird die Arbeit hierzulande dadurch nicht plötzlich attraktiv. Auch nicht für die niedergelassenen Ärzte. Wichtiger sind vielmehr das Angebot einer guten und verlässlichen Weiterbildung, eine freundliche und kollegiale Atmosphäre, Flexibilität bei der Arbeitszeit- und Dienstgestaltung, Verständnis für soziale und familiäre Belange der Beschäftigten.


Welche Lösungsansätze gibt es denn, um die Versorgung bei Depression auch im ländlichen Raum sicherzustellen – möglichst wohnortnah?


Wir sind für einen Bereich von 550.000 Einwohnern zuständig und versuchen beispielsweise, Tageskliniken und Institutsambulanzen in ländlicheren Gebieten aufzubauen. Die Lage ist zum Teil dramatisch, im Raum Holzminden gibt es etwa im Umkreis von 50 Kilometern keinen Psychiater mehr, seit der letzte seine Praxis geschlossen hat. Eine andere Möglichkeit für den ländlichen Raum bilden medizinische Versorgungszentren, in denen Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen oder therapeutische Gruppen untergebracht sind. Die Initiative geht hierbei aber oft nicht von der Politik aus, sondern von einer Klinik oder anderen medizinischen Anbietern.


Gibt es beim Auftreten von Depression auffällige Unterschiede im internationalen Vergleich?


Ja, hinsichtlich Häufigkeit und Ausprägung. Einer Studie der WHO zufolge traten beispielsweise in der Schweiz bei 68 Prozent der Erkrankungsfälle Schuldgefühle auf, im Iran nur bei 32 Prozent. Auch hinsichtlich der Behandlung gibt es soziokulturelle Unterschiede, wobei sich die Behandlungsoptionen in industrialisierten Ländern durch den schnelleren globalen Wissenstransfer zunehmend angleichen. Insgesamt scheinen etwa innerhalb Europas Menschen in nördlichen Ländern häufiger eine Depression zu haben als in südlich gelegenen Ländern.


Wie lässt sich das erklären?


Dies ist sehr wahrscheinlich zu einem gewissen Teil auf die geringere Lichtintensität in nördlichen Ländern zurückzuführen. Es gibt aber auch bei diesem Vergleich Unterschiede, die gesellschaftlich und kulturell begründet sind. Die Forschungslage dazu ist schwierig. Die Spitzenwerte liegen in nördlichen Regionen bei einer Lebenszeitprävalenz von 20 bis 25 Prozent. In Schottland sind es beispielsweise 22 Prozent – in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen nur 3,4 Prozent.


Wie kann das sein?


Die Vermutung liegt nahe, dass es keine genetischen Gründe sind, auch nicht ausschließlich das Licht, weil auch südliche europäische Länder deutlich höhere Werte aufweisen. Es müssen also die Definitionen sein, das Verständnis, was als "Depression" erfasst wird. Für diese Frage ist meine Kollegin Dr. Meryam Schouler-Ocak Expertin, die an der Berliner Charité arbeitet. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die südländische Definition von Depression viel mehr auf körperliche Symptome ausgerichtet ist, weil Depressionen kulturell unterschiedlich ausgeformt sind. Es tauchen zwar auch die klassischen Symptome wie Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Interesseverlust auf, zusätzlich aber verstärkt etwa Bauchschmerzen, Kopfdrücken, innere Unruhe oder Gereiztheit.


Gilt das auch für Menschen, die aus südlichen Ländern stammen und jetzt in Deutschland leben?


Ja.


Was bleibt zu tun – auch für die Politik?


Die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten werden noch viel zu selten genutzt. Die Tabuisierung der Erkrankung und teilweise auch Diskriminierung der Erkrankten bilden ein Problem, das behoben werden muss. Nur zwei Drittel der Erkrankten befinden sich in ärztlicher Behandlung, und aufgrund der Komplexität der Symptomatik mit häufig im Vordergrund stehenden körperlichen Beschwerden sind auch wiederum nur etwa 50 Prozent dieser in ärztlicher Behandlung befindlichen als depressiv diagnostiziert. Experten schätzen darüber hinaus, dass hiervon wiederum nur etwa ein Drittel ausreichend behandelt wird, das heißt so lange, bis eine Symptomfreiheit erreicht ist. Letztlich werden nur zehn Prozent der depressiv Erkrankten adäquat behandelt. Deshalb ist eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit von ganz besonderer Bedeutung. Außerdem braucht es eine ausreichende finanzielle Unterstützung bei der Ausbildung des therapeutischen Nachwuchses und zur Etablierung zusätzlicher Behandlungsmöglichkeiten.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

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