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Interview mit Dieter Berg

 

Der 1951 in Worms geborene Jurist Dieter Berg war zunächst als persönlicher Referent des Rektors der Universität Heidelberg und als Leiter der Rechtsabteilung der Robert Bosch GmbH in Stuttgart tätig. Seit 2003 ist Berg Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH. Die Erträge der GmbH kommen nach der Testamentsverfügung des Firmengründers gemeinnützigen Zwecken zu. Die Stiftung fördert unter anderem Vorhaben auf den Gebieten Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Forschung und Völkerver-
ständigung und betreibt drei Einrichtungen, darunter das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

 

Manche Stiftungen haben sich der Förderung von Kultur verschrieben, andere investieren in Forschung und Wissenschaft. Wie wichtig sind Stiftungen darüber hinaus als gesellschaftliche Katalysatoren, welchen Einfluss haben sie beim Setzen von politischen Themen?

Dies ist das interessanteste Betätigungsfeld von Stiftungen überhaupt. Wir wollen gesellschaftliche Defizite identifizieren und Lösungsansätze ins Gespräch bringen.

In welchen Feldern sehen Sie denn Defizite?

Beim Thema Demografie zum Beispiel. Personen wie Meinhard Miegel oder Kurt Biedenkopf haben die Problematik schon vor 20, 30 Jahren diskutiert, aber die Politik hat sie nicht erkannt. Wir haben uns als Stiftung vor fünf Jahren für das Thema entschieden, da stand es noch nicht jeden Tag in der Zeitung, und wir befassen uns jetzt mit den beiden demografischen Unterthemen Familie und Alter. Oder betrachten Sie das Thema Integration. Auch das ist nicht neu. Die Robert Bosch Stiftung hat die Integration von Ausländern schon in den 1980er Jahren aufgegriffen, ihre Aktivitäten dann jedoch vorübergehend wieder eingestellt. Da gab es gute Projekte, die bis heute existieren. Aber wir waren damals zu früh und haben auf unsere Arbeit keine breite Resonanz erfahren.

Braucht es eine kritische Masse, bis Themen reif für die gesellschaftliche Diskussion sind?

Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen, erst dann kommt ein Thema auf die politische Agenda. Wenn der politische Wille fehlt, lässt sich ein Thema leicht unterdrücken.

Ist in solchen Momenten gerade die Zivilgesellschaft gefordert?

Es gibt Beispiele, dass die Zivilgesellschaft dabei Erfolge hat. Umweltthemen standen lange nicht auf der politischen Agenda. Erst die Zivilgesellschaft hat es geschafft, die Umwelt gegen den Willen der Politik zum Thema zu machen.

Können Stiftungen mehr bewirken, wenn Sie sich bei großen Themen absprechen, um gemeinsam etwas voranzutreiben?

Kartelle zu schmieden ist sicher nicht die richtige Methode. Aber wir sprechen offen mit anderen Stiftungen über jene Themen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Wir sehen in den anderen keine Konkurrenten. Es gibt viele Beispiele, wo Stiftungen kooperieren, um ihre Kräfte zu bündeln.

Wie spielt sich eine Themenfindung bei der Robert Bosch Stiftung ab?

Das beginnt mit Nachdenken bei jedem Einzelnen. Wir alle lesen Zeitung, denken politisch, spüren, wenn ein Thema in der Luft liegt. Dann ziehen wir Fachleute heran, die etwas von der Sache verstehen, um herauszufinden, ob wirklich gesellschaftliche Defizite bestehen und ob diese von Stiftungen bearbeitet werden können. Wir sind ja nicht Experten in allen Bereichen. Wir sind auch darauf angewiesen, dass von externen Fachleuten Ideen an uns herangetragen werden, deren Umsetzung wir dann ermöglichen. Beim Thema Integration zum Beispiel ist es sinnvoll, viele kleinteilige Projekte zu fördern, die auf lokaler Ebene etwas bewirken. Bei anderen Themen, wie der Demografie, kann man nur selten mit kleinen Modellen arbeiten. Angesichts der großen gesellschaftlichen Frage ist es besser, öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, um so Druck auf die Politik aufzubauen. 

Wie lassen sich die Erfolge Ihrer Arbeit messen? Werden Ihre Programme intern evaluiert?

Bei uns wird grundsätzlich alles evaluiert. Wir wollen ja herausfinden: „Hat es etwas gebracht?“ Das kann man in vielen Fällen natürlich nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Wir haben uns etwa sehr für die Völkerverständigung engagiert. Da geht es um viele Millionen Einwohner, von denen wir immer nur wenige erreichen. Nehmen wir das Beispiel Polen. Da stellen wir heute fest, dass der jetzige polnische Botschafter in Deutschland, der künftige Leiter des deutschen Polen-Instituts in Berlin und der Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin Personen sind, die irgendwann einmal von der Bosch Stiftung gefördert worden sind. Diese Menschen sind jetzt in Positionen, wo sie für die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland von besonderer Bedeutung sind. Und da ist es gut, wenn diese Menschen unser Land etwas besser kennen, sie uns Deutsche kennen und unserem Land wohlgesonnen sind. Das würde ich als sichtbaren Erfolg unserer Arbeit bezeichnen.

Wie würde der Firmengründer und Stifter Robert Bosch heute handeln?

Robert Bosch hat sich schon in den 1920er Jahren für die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland eingesetzt und hat die Pan-Europa-Bewegung unterstützt. Deshalb hat die Stiftung Anfang der 1970er Jahre ihren ersten Schwerpunkt in der Völkerverständigung Frankreich gewidmet. Als dann die Bundesregierung ihre Ostpolitik geändert hat und das Verhältnis zu Polen noch schwierig war, haben wir gesagt, es wäre hilfreich, auch einen Beitrag in Richtung Osten zu leisten. Anfang der 1990er Jahre, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde dann der Schwerpunkt Mittel-Ost-Europa eingerichtet. Robert Bosch hat natürlich das deutsch-polnische Verhältnis zu seiner Zeit nicht im Blick gehabt. Aber er hat in seinem Testament festgehalten, dass seine Vorstellungen, die sich damals auf das deutsch-französische Verhältnis bezogen haben, immer im Lichte der jeweiligen Verhältnisse zu bewerten sind. Wir waren im Kuratorium überzeugt, dass Robert Bosch heute gesagt hätte: Wir müssen uns auch Polen zuwenden.

 

 

Das Interview führte Reiner Klingholz.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

 

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