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Interview mit Prof. Dr. Erol Yildiz zu Migration und Stadtentwicklung

 

Copyright: Erol Yildiz

Erol Yildiz, geboren 1960 in Samsun, Türkei, hat Soziologie studiert und arbeitet seit 2008 als Kulturwissenschaftler in der Abteilung für Interkulturelle Bildung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Vorher war er im Hochschuldienst am Institut fürvergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften, Lehrbereich Soziologie der Universität zu Köln tätig.

 

 

 

 

Menschen sind immer gewandert, Stadtentwicklung ist eine normale Folge dieser Mobilität. Wieso ist das Thema Migration in Deutschland, Österreich und anderen Ländern dann so brisant?

 

Ein Teil der Diskussion wird immer ideologisch geführt. Die Öffentlichkeit hat den Zusammenhang von Migration und Stadtentwicklung noch längst nicht zur Kenntnis genommen. Wenn man aber guckt, wie die Menschen in den Stadtteilen leben, wie sie dort miteinander umgehen, dann merkt man, dass Menschen im Alltag doch eher pragmatisch orientiert sind.

 

Haben Sie ein Beispiel?

 

Nehmen wir die Esskultur in Köln: Wenn man essen gehen will, geht man selbstverständlich italienisch, thailändisch, griechisch essen – das gehört zur Normalität. Als ich vor etwa 30 Jahren nach Köln kam, sah Köln ganz anders aus. Es gab draußen keine Sitzgelegenheiten. Heute hat Köln ein ganz anderes Flair. Die Frage ist: Woher kommt das? Ich denke, dass die Migranten viel dazu beigetragen haben. Das gehört zu Köln, das wird im Alltag sozusagen vereinnahmt. Aber wenn man darüber redet, dann tut man immer so, als ob die Migranten das Hauptproblem in Köln und anderen Städten wären.

 

Ist das Zusammenleben in der Realität fortgeschrittener als die Diskussion darüber?

 

Jeder nutzt im alltäglichen Leben viele Elemente, die nicht lokal sind, auch nicht "kölsch" oder deutsch. Wie dies wahrgenommen wird, dazu gibt es verschiedene interpretationen. Oft werden bestimmte "Probleme" oder "Konflikte" sichtbar gemacht und generalisiert. Bei Einheimischen ist beispielsweise vom beziehungsdrama, bei Migranten vom sogenannten "Ehrenmord" die Rede. Man spricht dann über türkische oder deutsche Mentalität. In solchen Deutungen kommt das differenzierte Alltagsleben kaum vor. Wenn man wissen will, woher diese Deutungsmuster kommen, dann sollte man zunächst in die Schulbücher schauen. Sie thematisieren Migranten fast nur in Konfliktzusammenhängen und stellen sie als homogene Gruppe dar. Damit werden bestimmte Bilder reproduziert. Es besteht also eine Spannung zwischen dem alltäglichen Leben, dem Umgang miteinander, und der Reproduktion von Bildern von Migranten.

 

Wie kann man diese überholten Bilder verändern?

 

Man muss in den Schulen ein anderes Bild von Migration vermitteln, das differenzierte Blicke auf Alltagswirklichkeiten ermöglicht. In den Büchern erscheint Migration immer noch als Ausnahme- oder Notfall.

 

Aber natürlich gibt es auch Ängste vor dem Fremden und Konflikte – wie immer, wenn Menschen zusammenleben. Dienen die Minderheiten als Sündenböcke für gesellschaftliche Schwierigkeiten, etwa die Fehler in der Bildungspolitik?

 

Das ist auch eine machttheoretische Frage. Die Gesellschaft wird vereinfacht betrachtet, reduziert auf eine Spaltung in "wir" und "die anderen". Die Frage ist: Wer gehört zum "wir", wer zu "den anderen"? Es gibt Entwicklungen, die man politisch beeinflussen kann, etwa indem man ein europäisches „Wir“ definiert, dazu gehören dann beispielsweise die Spanier, Griechen oder Portugiesen. Durch die Aufnahme ihrer Heimatländer hat man die Migranten aus diesen Ländern "entproblematisiert" und unsichtbar gemacht. "Die anderen" sind dann eben die Türken, auch wenn sie in der dritten Generation hier leben. Wenn jetzt etwas Problematisches passiert, sagen wir: "Das war ja klar." Aber die Gruppen sind austauschbar, es kann sein, dass es in 20 Jahren andere sind.

 

Wie kommt es, dass diese Gruppen sich oft in bestimmten Stadtvierteln sammeln?

 

Das hat schon mit Diskriminierung zu tun: Angehörige bestimmter Gruppen finden in bestimmten Stadtteilen eher eine Wohnung als anderswo, in Köln beispielsweise wohnen viele Türken oder russische Aussiedler in Chorweiler, einem Stadtteil am Rande der Kölns. Und weil die Wohnungen billig sind, leben dort auch viele Einheimische der Unterschicht. Die Mittelschicht wohnt da nicht, auch keine Studierenden. Ohne jemals in Chorweiler gewesen zu sein, wissen sie, dass man dort nicht wohnt. Man spricht von "Parallelgesellschaft" und Kriminalität, die Deutungen sind festgefahren. Bei dieser Wahrnehmung geht es um ein gefühltes, medial vermitteltes Wissen, nicht um das konkrete Alltagsleben.

 

Aber die Menschen, die da wohnen, prägen das Gesicht des Stadtteils. Sie sind ja nicht nur Getriebene, sondern handeln ja auch, schaffen sich ihren Ort zum Leben, und können diese Deutungen verändern. Wie könnten Stadtplaner das unterstützen?

 

Stadtplanerisch war Chorweiler ein Fehler. Als der Stadtteil entstanden ist, waren die Deutungen anders. Man wollte viele Wohnungen bauen, und die Menschen sollten dort auch arbeiten. Aber Arbeit gab es eben nicht, und die Hochhaussiedlungen haben sich als Problem entpuppt. Dennoch fühlen sich viele der Menschen, die dort wohnen, wohl, und vor allem Jugendliche verstehen nicht, warum ihr Quartier stigmatisiert wird. Ein nachhaltiger Umgang mit solchen Siedlungen beginnt mit der Anerkennung der Kompetenzen und Ressourcen der Bewohner.

 

Würden Sie den Stadtplanern empfehlen, diese Strukturen aufzubrechen? Beispielsweise mit dem Bau von Studentenwohnheimen oder Konzert- oder Theaterbühnen in Chorweiler, also indem Strukturen geschaffen werden, die eine Durchmischung fördern?

 

Das würde dort nicht funktionieren, weil die Infrastruktur in einem desolaten Zustand ist - etwa die Schulen kaum funktionieren. Das wäre in anderen Vierteln mit einem hohen Migrantenanteil anders, beispielsweise in der Keupstraße. Die dortige soziale und kulturelle Zusammensetzung ist anders entstanden und sehr beliebt bei Studierenden. Dort gibt es Geschäfte und Kneipen.

 

Wie hat sich die Keupstraße entwickelt?

 

An den alten Industriestandorten, in den alten Arbeitervierteln, sind mit der Entindustrialisierung alle Einheimischen weggezogen, auch die Griechen und Italiener, übrig geblieben sind die Türken. Viele, die in den achtziger Jahren arbeitslos geworden sind, haben einen kleinen Laden eröffnet, weil sie sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatten. Das war ihr Weg, sich über Wasser zu halten. Jetzt gibt es in jedem Haus einen Laden. Dann wurde die Straße saniert, die Bewohner haben Häuser gekauft, so hat sich der Stadtteil entwickelt. Migranten haben die Straße aufgewertet. Aber das war von niemandem geplant.

 

In den Hochhäusern von Chorweiler bot es sich wahrscheinlich weniger an, kleine Geschäfte zu betreiben?

 

Dort haben Investoren ein Einkaufszentrum gebaut, und natürlich nutzen die Anwohner das. Das kann man ihnen nicht vorwerfen.

 

Dass sich Migranten in bestimmten Stadtvierteln sammeln, liegt also an den Bildern in den Köpfen der Einheimischen und der Zuwanderer selbst. Denn die Migranten wählen ihren Wohnort doch wohl auch danach aus, ob sie bereits jemanden kennen, der da wohnt, oder zumindest Erzählungen gehört haben. Wie wichtig sind diese Netzwerke?

 

Leute, die auf dem formellen Arbeitsmarkt Probleme haben, sind auf solche informellen Netzwerke angewiesen. Sie entwickeln automatisch andere Kompetenzen. Stadtplaner sollten die besonderen Kompetenzen der Migranten mehr nutzen. In Zukunft werden auch die Einheimischern auf informelle Ressourcen angewiesen sein. Migranten sind Experten für informelle Netzwerke – das sollte man nicht skandalisieren, sondern nutzen.

 

Wieso fehlt es an Anerkennung für diese Kompetenzen – und für das Flair von Orten wie der Keupstraße, das dadurch entsteht?

 

Es gibt eine Dokumentation aus dem Jahr 2000 über die Keupstraße, aber darin kommt nicht vor, was die Menschen dort aufgebaut haben. Die Deutung fehlt. Ich habe das mit Anderen in einer Studie herausgearbeitet – und der Bürgermeister hat danach einmal auf einer Veranstaltung über die Keupstraße als Erfolgsmodell gesprochen. Das ist aber noch nicht überall gleichermaßen angekommen.

 

In Oslo erhalten Zuwanderer finanzielle Unterstützung, wenn sie sich selbstständig machen und einen Laden eröffnen wollen. Andere Länder sind offenbar besser darin, Zuwanderer anzuziehen und ihre Kompetenzen zu nutzen. Wieso?

 

Auch Schweden und Finnland haben von Anfang an eine völlig andere Zuwanderungspolitik betrieben. Jeder, der kommt, wird als Bürger des Landes anerkannt. Das ist sehr wichtig und hat die Entwicklung geprägt.

 

Braucht es Gesten wie die Staatsbürgerschaft, Symbole, die den Zuwanderern zeigen: Wir schätzen Euch und Eure Fähigkeiten? Gerade angesichts der gesellschaftlichen Alterung und des Bevölkerungsrückgangs wäre das doch wichtig.

 

Genau. Es ist wichtig, dass Migranten einen uneingeschränkten zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen haben. Und heißt das auch: Man muss dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen eine bessere Ausbildung erhalten.

 

 

Das Interview führte Margret Karsch.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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