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Interview mit Günter Mitlacher, WWF

Copyright: Günter Mitlacher

Günter Mitlacher (geboren 1953) hat in Tübingen und Bonn Geographie studiert. Seit 2009 ist er beim WWF Deutschland im Bereich internationaler Politik zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beschäftigt. Vorher arbeitete er im Bundesamt für Naturschutz, im Bundesumweltministerium und im Naturschutzbund Deutschland sowie als freiberuflicher Consultant für Bund, Länder, wissenschaftliche Institute und Verbände.

 

 

 


Noch wächst die Bevölkerung der EU, aber nach 2030 dürfte sie wieder schrumpfen. Erhöht diese Entwicklung die Chancen, die Artenvielfalt zu erhalten?

 

In der EU liegen die Ursachen für die Gefährdung von Arten vor allem in der Lebensraumzerstörung, der Zersiedelung der Landschaft, dem zu hohen Flächenverbrauch, der Zerschneidung der Landschaft mit Verkehrswegen, der zu intensiven Landwirtschaft. Wenn die Bevölkerung in der EU schrumpfen würde, könnte es einerseits in abgelegenen Gebieten, beispielsweise in den Mittelgebirgen, wieder mehr Flächen für Natur oder sogar Wildnis geben. Andererseits wird die Verstädterung weiter zunehmen. In den großen Ballungsregionen muss es deshalb Grüngürtel und naturbelassene Korridore geben, um sowohl den häufigeren Arten wie Amsel, Drossel, Fink und Star als auch selteneren Tieren und Pflanzen überhaupt Überlebensmöglichkeiten zu lassen.

 

Im Tiergarten in Berlin leben angeblich neben Kaninchen und Füchsen auch schon Wildschweine. Siedeln dort oder in anderen Stadtparks auch seltenere Arten? Wie könnte man hier Lebensraum für bedrohte Arten schützen oder schaffen?

 

Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich in ausgedehnten Grünanlagen, Parks oder großen Brachflächen Natur auch im innerstädtischen Bereich frei entwickeln kann. Wichtig ist aber, sowohl die natürlichen Landschaftselemente zu erhalten, etwa das Tegeler Fliess, als auch Platz für "wilde Natur" und freie Entwicklung zu belassen wie etwa am Gleisdreieck. Das sind Möglichkeiten, den Lebensraum bedrohter Arten in Großstädten zu erhalten und Raum für Evolution und Anpassung zu lassen. Aufgrund der Strukturvielfalt in Städten ist die biologische Vielfalt oft größer als in den umliegenden ausgeräumten Agrarlandschaften.

 

Mancherorts erobert sich die Natur ja auch bereits Raum zurück. Die Menschen verlassen die peripheren Regionen Europas, die kaum Arbeitsplätze bieten – das ist in Deutschland etwa in Prignitz oder in der Lausitz zu sehen. Gibt es Überlegungen oder gar laufende Programme, an solchen Orten die Natur arbeiten zu lassen oder die Rückkehr von Wildnis zu fördern?

 

Die peripheren strukturschwachen Regionen werden für den Naturschutz in Europa zukünftig eine wichtige Rolle spielen, weil sie sich von Menschen entleeren und dort großflächiger Wildnis wieder gefördert werden kann. Die ehemaligen großen Truppenübungsplätze sind ebenfalls gute Naturentwicklungsgebiete. Bislang wurden solche Bereiche vereinzelt als Nationalparke oder Biosphärenreservate eingerichtet. Auch Naturparke sollten einen größeren Anteil an Wildnisflächen haben, weil somit ein neues Naturerlebnis möglich wird. Damit würde der Naturschutz neue Flächen bekommen, die auch einem ökologischen Tourismus dienen können.

 

Wer treibt die Einrichtung dieser Schutzräume voran? Initiieren das vor allem Naturschutzverbände, die Landes- oder Bundesregierung oder die Kommunen? Welche Rolle spielt hierbei bürgerschaftliches Engagement?

 

Die großen Antreiber für die Einrichtung solcher Naturräume in den Städten sind die Naturschutzverbände, aber auch viele Bürger engagieren sich für ihre Stadtteile und deren ökologische Aufwertung. Großstädte wie Berlin oder Regionen wie Frankfurt integrieren die stadtökologischen Anforderungen in ihre Stadt- und Regionalplanung. In der freien Landschaft betreuen viele Naturschutzgruppen kleinere oder größere Schutzgebiete. Das bürgerschaftliche Engagement spielt eine ganz entscheidende Rolle, sowohl um die Gebiete zu schützen, als auch um sie später zu betreuen, die Naturentwicklung zu beobachten oder sie für die Umweltbildung zu nutzen.

 

Werden die Bürgerinnen und Bürger systematisch darin unterstützt oder dazu angeregt?

 

Das ehrenamtliche Engagement genießt in den letzten Jahren zunehmende Akzeptanz in der Gesellschaft und bei Politikern. Die örtlichen Naturschutzverwaltungen sind oft auf die Bürger und Vereine angewiesen. Von einer systematischen Unterstützung wie etwa im sozial-karitativen Bereich kann aber nicht gesprochen werden, wohl weil die Umweltschützer zu unbequem und kritisch sind.

 

Die Vereinten Nationen hatten es sich zum Ziel gesetzt, den Artenverlust bis 2010 weltweit deutlich zu reduzieren. Sie sind gescheitert – gibt es einen neuen internationalen Plan?

 

Sowohl im globalen Maßstab als auch in Europa konnte das Ziel nicht erreicht werden, den Artenverlust signifikant zu verringern oder sogar zu stoppen, wie die EU es wollte. Dies ist ein deutliches Eingeständnis von Politikversagen. Deshalb müssen die Anstrengungen auf allen Ebenen verstärkt werden. Gefragt ist vor allem die EU, die in den nächsten zehn Jahren eine Trendwende herbeiführen muss. Auch auf UN-Ebene wird momentan ein neuer strategischer Plan für die Jahre 2010 bis 2020 vorbereitet. Zu den wichtigen Zielen in globalem Maßstab gehört es beispielsweise, die Entwaldung zu stoppen und umweltschädliche Subventionen wie etwa in der intensiven Landwirtschaft oder industriellen Fischerei zu beenden. Betrachtet man einzelne Naturräume oder Regionen, gibt es durchaus Gewinner und Verlierer an Artenvielfalt.

 

Berücksichtigen diese Ziele auch die jeweilige Bevölkerungsentwicklung in den verschiedenen Staaten oder Weltregionen?

 

Das ist eine sehr schwierige Thematik: Die Ziele zur Erhaltung der biologischen Vielfalt enthalten keinen Bezug zur Bevölkerungsentwicklung in bestimmten Regionen der Erde, wenngleich allen klar ist, dass die Bevölkerungsentwicklung ein wichtiger Treiber des Ressourcen- und Landschaftsverbrauchs sowie des Biodiversitätsverlustes ist. Schließlich konkurrieren wir Menschen mit den anderen Lebewesen um die gleichen Flächen, z.B. für Urwald oder Sojaanbau. Ob eine intelligente, energieeffiziente und nachhaltige Ressourcennutzung letztendlich eine Lösung bietet, ist nicht abzusehen.

 

Was meinen denn Sie persönlich dazu?

 

Die Diskussion um Bevölkerungsentwicklung wird ja nicht von biologischen Argumenten der Grenzen des Wachstums beeinflusst, sondern sehr entscheidend von religiösen, ethischen und wirtschaftlichen Werten. Die Übertragung des Nachhaltigkeitsprinzips auf alle unsere Lebens- und Wirtschaftsbereiche ist ohne Alternative, weil wir unsere Existenz nicht von den ökologischen Systemen abkoppeln können. Übernutzen oder schädigen wir die ökologischen Systeme zu stark, werden wir für die Konsequenzen büßen müssen. Bestes Beispiel ist der Klimawandel. Das wird uns nicht nur viel Geld kosten, vielleicht ist auch eine andere Bevölkerungspolitik nötig.

 

Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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