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Interview mit Hanns-Stephan Haas und Birgit Schulz von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu aktuellen Herausforderungen in der Behindertenhilfe

 

Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas ist Direktor und Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, des größten diakonischen Unternehmensverbunds Norddeutschlands. Der 49-Jährige hat Theologie und Management studiert. Er ist außerdem Direktor der Bundesakademie für Kirche und Diakonie und Vorstandsvorsitzender der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin.

 

 

 

 

Birgit Schulz ist Vorstandsmitglied der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, zuvor war sie als Geschäftsführerin der alsterdorf assistenz ost und der alsterdorf assistenz west sowie der Diakonie- und Sozialstation HamburgStadt tätig. Die 55-Jährige hat Sozialpädagogik studiert und arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Stiftung mit Menschen mit Behinderungen.

 

 

 

 

Die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen damit rechnen, dass ihre Bewohner in großer Zahl das Rentenalter erreichen werden. Das zeigt auch die Studie "Alt und behindert" des Berlin-Instituts. Weil es bisher wenig ältere Menschen mit lebenslanger Behinderung gibt, sind viele Einrichtungen nicht darauf vorbereitet. Was verändert sich mit dem Alter für die Menschen mit Behinderung, wie müssen die Einrichtungen darauf reagieren?

Schulz: Diese Menschen fallen aus ihren Beschäftigungsbezügen heraus und brauchen nun tagsüber eine andere Unterstützung.

Leben die von Alsterdorf betreuten Senioren mit geistiger Behinderung in Heimen?

Schulz: Nicht alle. Es gibt Menschen, die im Heim alt werden und solche, die ambulant betreut leben. Im Zuge der Umstellung von den stationären zu ambulanten Wohnmöglichkeiten in Alsterdorf haben wir auch erlebt, dass Rentner aus dem Heim ausziehen wollten. Das ist auch gelungen. Sie freuen sich jetzt sehr, nach vielen Jahren im Heim endlich mal in ihrer eigenen Wohnung zu leben.

Haas: Der älteste von dieser Gruppe war 83 Jahre alt. Ich habe ihn besucht - er ist wirklich aufgeblüht. Zusammen mit zwei Freunden hat er eine Wohngemeinschaft gegründet. Diese WG ist ein Beispiel dafür, dass dort, wo das Maß an Selbstbestimmung im Leben von Menschen mit Behinderung zunimmt, die Probleme in der Regel nicht zu- sondern abnehmen.

Besteht bei einem Umzug aus dem Heim in das ambulant betreute Wohnen nicht die Gefahr zu vereinsamen?

Schulz: Gerade bei älteren Menschen im Heim mache ich die Beobachtung, dass sie gar nicht so viele Gemeinsamkeiten haben. Ein Heim schützt nicht vor Einsamkeit. Ein Gruppengefühl entsteht eher bei den Betreuern als bei den Bewohnern. Oft haben gerade ältere Menschen Vorbehalte dagegen, so eng mit anderen zusammen zu leben. Das soll aber nicht heißen, dass nicht auch im ambulanten Wohnen Vereinsamung droht.

Was kann man dagegen tun?

Schulz: Wir bieten behinderten Rentnern unterschiedliche Möglichkeiten an, ihren Tag zu gestalten, darunter Einzelbetreuung und Seniorenkreise, zum Beispiel in unseren neuen Treffpunkten, die sich auch für andere Bewohner des Stadtteils öffnen. Was in den Treffpunkten stattfindet, hängt von den Ideen und Bedürfnissen der Besucher ab. In einem hat sich ein Tauschring gebildet, in anderen gibt es einen Mittagstisch oder Bildungsangebote. Neben der Seniorenarbeit haben sich auch die Hausgemeinschaften bewährt: Gemeinschaftsräume und -aktivitäten können Einsamkeit verhindern.

Wie werden diese Aktivitäten finanziert?

Schulz: Über Tagespauschalen im Rahmen einer besonderen Vereinbarung mit dem Sozialhilfeträger zur Umwandlung stationärer in ambulante Leistungen.

Brauchen ältere Menschen mit Behinderung mehr Unterstützung im Alltag als jüngere?

Schulz: Nein. Ich habe am Anfang der Umstellung von "stationär" auf "ambulant" erwartet, dass das Thema Pflege dann eine größere Rolle spielt, aber eigentlich kann man das gar nicht so pauschal sagen: je älter, desto mehr Pflegebedarf.

Die Vergütung des Sozialamtes für Dienstleistungen der Behindertenhilfe-Einrichtungen ist umfangreicher als die Leistung der Pflegeversicherung, und sie richtet sich nicht nach festgelegten Pflegestufen, sondern nach dem individuellen Bedarf. Bei Angehörigen von Demenzkranken beispielsweise könnte dadurch Neid aufkommen: Warum soll meine demenzkranke Mutter nicht diese umfassende Förderung und Therapieangebote erhalten, aber der ältere Mensch mit geistiger Behinderung?

Schulz: Man vergleicht hier Äpfel mit Birnen. Grundsätzlich: Wenn jemand einen Pflegebedarf hat, muss dieser bewältigt werden. Und wenn das in Pflegeheimen nicht so geschieht, wie es nötig wäre, ist das ein Missstand, der verändert werden muss. Behinderte Menschen verlieren, wenn sie älter werden, ja nicht ihre Beeinträchtigung, die sie unabhängig vom Alter haben. Sie können ja in jedem Lebensalter fragen: Warum werden Menschen mit Behinderungen anders behandelt als Menschen ohne Behinderungen? Die Assistenz ist dafür da, ihre Beeinträchtigungen zu kompensieren. Das hört im Alter nicht auf.

Haas: Hier wird unangemessener Neid geschürt. Es geht nicht darum, wer besser versorgt wird. Bei allen sollte das an den Bedürfnissen bemessen werden. Dass das Ganze finanzierbar bleiben muss, versteht sich von selbst. Aber es ist keinem damit geholfen, wenn wir drei Pflegestufen anlegen, nach denen jeder pauschal versorgt wird.

Die Studie "Alt und behindert" stellt unter anderem fest, dass die Nutzerschaft von Behindertenhilfe-Angeboten insgesamt vielfältiger wird. Welche neuen Entwicklungen beobachten Sie?

Schulz: Zu uns kommen immer mehr junge Leute, die ganz andere Erwartungen und Bedürfnisse haben als ältere, die schon lange in einer stationären Einrichtung leben. Mit ihnen den Lebensweg zu planen, bringt neue Impulse und erweitert unser Leistungsspektrum.

Außerdem nehmen immer mehr Menschen Hilfe in Anspruch, bei denen eine psychische Erkrankung - neben anderen Beeinträchtigungen - im Vordergrund steht. Besonders problematisch erlebe ich das bei jungen Menschen mit Lernbehinderung, die zusätzlich eine Suchterkrankung haben. Es gibt kaum Therapieangebote für sie.

Warum steigt die Zahl von Menschen, die wegen psychischer Erkrankungen Unterstützung benötigen?

Schulz: Es wird immer schwieriger, sich in der Welt zurechtzufinden. Soziale Belastungen wirken sich negativ auf die seelische Gesundheit aus.

Haas: Unter anderen hat das auch den Grund, dass die Anzahl der Unterbringungstage in der Psychiatrie dramatisch abgenommen hat. Bei uns in den Landeskrankenhäusern von 151 auf 21 Tage in den letzten Jahren. Solange die psychischen Erkrankungen in Kliniken behandelt werden, werden sie unsichtbar gemacht. Je kürzer die Patienten dort bleiben, desto mehr Unterstützung suchen sie woanders.

In welchen Bereichen zeigt sich das?

Schulz: In allen, in den Bildungs- und Arbeitsbereichen aber mehr als im Wohnbereich.

Was muss sich ändern?

Haas: Wir müssen interessante und differenziertere Arbeitsmöglichkeiten anbieten - nicht nur das klassische Eierkarton-Falten. Einige Menschen mit psychischen Behinderungen, die wir begleiten, erfüllen beispielsweise anspruchsvolle Aufgaben auf Außenarbeitsplätzen in einem Rechenzentrum. Für die Arbeitgeber bedeutet es, flexibler sein zu müssen und beispielsweise mit Ausfallzeiten zurechtzukommen.

Sind solche integrativen Beschäftigungsmöglichkeiten nur etwas für Menschen mit psychischen Erkrankungen - und Menschen mit geistiger Behinderung sollen weiterhin Eierkartons falten?

Haas: Nein, prinzipiell mag niemand gern monotone Arbeiten machen. Wir müssen für alle ein menschengerechtes Arbeitsumfeld schaffen, in dem man voneinander lernen kann und in dem ein Kooperationsgefühl entsteht.

Die Werkstätten erwarten auch aus einem anderen Grund eine steigende Nachfrage: Die Quote der Kinder, die in Förder- beziehungsweise Sonderschulen unterrichtet werden, ist in den vergangenen Jahren angestiegen - sowohl insgesamt als auch in Schulen, die sich auf geistige Behinderung spezialisiert haben. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Haas: Unsere Erfahrung zeigt: Dieser Weg ist nicht zwingend. Wir setzen in unseren Schulen auf einen inklusiven Ansatz, denn wir gehen davon aus, dass es keine Bildungsverlierer geben muss. Das ist aber nur möglich in einer Schule, deren Zugangsschwellen möglichst niedrig sind und in der die Binnendifferenzierung möglichst hoch ist. So fordert es die UN-Konvention, und nur so können letztlich alle profitieren.

Spüren Sie diese Entwicklung in den Schulen der Stiftung Alsterdorf?

Haas: Ja. Die Zahl der förderbedürftigen Kinder steigt so stark an, dass wir entgegen unserer Überzeugung derzeit neben den integrativen Schulen noch einen Förderschulbereich betreiben.

Wo sehen Sie die Ursachen für zunehmende Feststellung von Förderbedarf?

Haas: Ich sehe eine gefährliche Tendenz bei Institutionen, eine Verhaltensauffälligkeit oder psychische Erkrankung festzustellen, um sich selbst zu entlasten.

Sprich, die Regelschulen wollen Problemschüler loswerden und reichen sie weiter?

Haas: Ja, aber auch die Familien tendieren zu Trenddiagnosen, zum Beispiel zum Asperger-Syndrom, einer Störung aus dem autistischen Spektrum. Glaubt man den Zahlen der sozialpädiatrischen Zentren, ist es zu einem dramatischen Anstieg betroffener Kinder gekommen. So etwas muss man kritisch hinterfragen.

Sie sagen, Sonderschulen seien überflüssig. Ist es nicht wichtig, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen von Spezialisten gefördert werden?

Haas: Ja, aber das muss nicht getrennt von Schülern ohne einen solchen Förderbedarf stattfinden. Sicher, in Einzelfällen kann ein Kind ganz bestimmte Fertigkeiten vielleicht in einer Spezialeinrichtung besser lernen - für eine begrenzte Zeit. Zum Beispiel, wenn ein Kind mit Sehbehinderung auf einer Blindenschule wichtige Alltagstechniken lernt. Wir sind aber extrem skeptisch, ob ein zergliedertes Schulsystem der richtige Weg ist. Denn wie Studien immer wieder zeigen, ist es sehr schwierig, aus solchen Sonderwelten wieder herauszukommen.

Es geht Ihnen um Inklusion, um die Auflösung von Sonderwelten. Bleibt bei all diesen Bemühungen nicht am Ende eine Gruppe von Personen mit einem sehr hohen Hilfebedarf, die immer eine vollstationäre Rund-um-die-Uhr-Versorgung brauchen wird?

Schulz: Erstens muss ein Hilfebedarf rund um die Uhr nicht zwingend in einer stationären Einrichtung befriedigt werden. Wir können mit einzelnen Projekten zeigen, dass auch Menschen mit einem hohen Hilfebedarf ambulant versorgt werden können. Zweitens: Klaus Dörner hat gesagt, man soll mit denen anfangen, bei denen es am schwierigsten ist. Das ist der richtige Ansatz, finde ich. Es gelingt uns noch zu selten. [Anmerkung: Dörner ist Psychiater und bekannter Heimkritiker, der selbst ein von ihm geleitetes Heim aufgelöst hat].

Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie beim Versuch?

Schulz: Die höchsten Barrieren sind Ängste der Angehörigen und der Spardruck beim Sozialamt. Behördenvertreter setzen sich dafür ein, dass nur Personen mit geringem Hilfebedarf ambulant versorgt werden, da das kostengünstiger scheint.

Bei einem hohen Hilfebedarf ist das ambulant betreute Wohnen also teurer als ein Heimplatz?

Schulz: Das sieht zunächst so aus, denn: Im Heim leben Menschen mit unterschiedlich hohem Hilfebedarf, da vermischen sich die Kostensätze, und es wird für Außenstehende schwer nachvollziehbar, wie viel die Leistungen für eine Person mit hohem Hilfebedarf kosten. Wenn jemand ambulant versorgt wird, werden die Kosten sichtbar. Aber im ambulanten wie im stationären System kommt es darauf an, welche "Leistungssettings" gewählt werden. Überhaupt arbeiten wir in Hamburg daran, dass es in der Eingliederungshilfe diese Unterscheidung zwischen "ambulant" und "stationär" in Zukunft gar nicht mehr geben muss.

Jemand, der rund um die Uhr Hilfe braucht und in den eigenen vier Wänden lebt, erhält ja zwingend eine Eins-zu-Eins-Betreuung.

Schulz: Ja, aber da muss es Kompromisse geben. Ich meine damit nicht, dass es einen Rest geben sollte, der in Heimstrukturen leben muss. Sondern dass man im Einzelfall prüft, welche Lösungen denkbar sind, um den Bedürfnissen des Einzelnen so nahe wie möglich zu kommen. Wenn beispielsweise viele Einzelne ihren eigenen Nachtdienst erhalten, wird es sehr teuer für die Kostenträgerin. Eine gute Lösung haben wir in verschiedenen Hausgemeinschaften erreicht: Mehrere Bewohner haben sich einen Nachtdienst geteilt. Meiner Erfahrung nach sind Kompromisse wie dieser oft einfacher zu finden und liegen näher an den Wünschen der Menschen, als wir es uns zuvor vorstellen konnten.

 

Das Interview führte Ylva Köhncke.

 

Nachdruck unter Ylva Köhncke / Berlin-Institut erlaubt.

 

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