Facebook
Twitter

Interview mit Prof. Dr. h. c. mult. Hasso Plattner

 

Hasso Plattner, 1944 in Berlin geboren, ist einer der Gründer des Software-Unternehmens SAP im badischen Walldorf. Er hat sich vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und fungiert heute als Aufsichtsratsvorsitzender von SAP. Plattner gilt als einer der bedeutendsten privaten Wissenschaftsförderer Deutschlands. Er ist Stifter des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik in Potsdam-Babelsberg mit einem Stiftungsvolumen von über 200 Millionen Euro. Unter anderem hat er an der kalifornischen Stanford Universität das Hasso Plattner Institute of Design finanziert und an der Universität Mannheim den Bibliotheksausbau der Universität mit zehn Millionen Euro gefördert. Darüber hinaus engagiert sich der passionierte Hochseesegler in verschiedenen Bildungs- und sozialen Projekten in Südafrika.

 

Sie haben ein großes Unternehmen gegründet, Arbeitsplätze geschaffen und eine Menge Steuern gezahlt. Sehen sie sich darüber hinaus noch der Gesellschaft gegenüber in der Pflicht?

Wenn man Glück gehabt hat und etwas erreicht hat, blickt man zurück und sieht, was Ausbildung bedeutet. Dies ist der Schlüssel zu ganz vielen Karrieren. Dort, wo erstklassig ausgebildet wird, besteht auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Firmen ansiedeln und entstehen. Das ist das Geheimnis des Silicon Valley. Bevor die Stanford Universität dorthin kam, standen in dem Tal nur Obstplantagen. Die Verpflichtung jener, die Erfolg gehabt haben, ist es sicherlich, dafür zu sorgen, daß auch die nächste Generation Erfolg haben kann ...

... das heißt, dass die nächste Generation ähnliche Chancen bekommt?

Ähnliche oder sogar bessere. Personen wie ich können das durch einen freiwilligen Beitrag leisten. Und da geht es nicht nur um Geld. Das ist zwar notwendig, um etwas zu erreichen, aber entscheidend ist die Kombination aus Geld, Erfahrung, Kraft und Visionen. Diese Kombination treibt viele Stifter um. Bill Gates gibt sein Geld nicht etwa einer staatlichen Stelle, sondern steckt es in seine Stiftung, weil er glaubt, auch als Person Einfluss nehmen zu können. Und zwar im positiven Sinne, indem er seine Erfahrung und seine Kontakte einbringt.

Gibt es in den USA einen anderen Typus von Stifter?

Ich glaube, generell gibt es in der amerikanischen Gesellschaft eine viel größere Bereitschaft, Geld zu geben, weil nicht so viel über den Staat läuft. In den USA wird permanent für alles Mögliche gespendet, für die lokale Schule, das Krankenhaus und so weiter. Es wird in ehrenvoller Weise um Beiträge gebeten. Reiche haben große Beiträge zu leisten, weniger Reiche weniger große. Und Arme müssen keine Beiträge leisten.

Sie meinen, das ist eine andere Kultur?

Ganz eindeutig. Wenn die Oper in San Francisco nicht privat finanziert wird, dann spielt sie nicht mehr. Den Bürgern wird in vielerlei Hinsicht viel abverlangt: Die Schule kostet Geld und die Universität noch viel mehr. Man muss zahlen für Dinge, die man haben will. Entsprechend groß ist die Bereitschaft von Leuten, die Glück gehabt haben, davon wieder etwas zurückzugeben - allerdings wollen sie dann auch selbst mitbestimmen, wo es hingeht. Das tun die Leute lieber, als wenn ihnen anonym fünf Prozent mehr Steuern abgenommen werden.

Gilt in den USA das Motto "schnell verdient und schnell gestiftet"?

Viele Leute, die so ihr Geld verdient haben, haben auch enorme Summen gestiftet. Wenn man Glück hat und ein Firmenwert schnellt hoch, steht man vor einem grundsätzlichen Problem: So viel Geld kann man ja selbst gar nicht ausgeben. Je mehr man in seinen Konsum investiert, desto kleiner wird man in seinem eigenen Konsumpalast. Darin kann man sich selbst ganz schnell ver­lieren. Die großen Häuser mit ihren 30 Zimmern, die sich viele reiche Amerikaner in Newport gebaut haben, sind ja eigentlich unbewohnbar. Wenn man da zum Wochenende hinfährt und die Kinder kommen nicht mit, muss man 25 Zimmer abschließen. Das ist doch bedrückend.

Ist diese Traurigkeit, oder besser ausgedrückt, die Suche nach einem Sinn, ein Grund fürs Stiften?

Man kann das Geld natürlich einfach in der Firma lassen und von der Rendite leben. Aus Sicht vieler Unternehmer ist genau das eine traurige Sache, da man ja selbst nicht mehr aktiv bewirkt, dass etwas Früchte trägt. Da bietet sich die Möglichkeit, etwas Gemeinnütziges zu tun. Dies ist für viele Leute sehr befriedigend - sowohl aus persönlichen wie auch aus sozialen Gründen.

Würden Sie sich eher in der alten deutschen Stiftungskultur verorten, oder sind Sie in diesem Punkt eher in den USA sozialisiert?

Meine Idee, hier in Potsdam in das Institut für Softwaresystemtechnik zu investieren, ist sicherlich angeregt durch die großen amerikanischen Universitätsstiftungen, wie etwa Carnegie Mellon, die Vanderbilt oder die Stanford Universität. Das sind offensichtliche Vorbilder. Was mich auch sehr beeindruckt hat, war, welche Summen Leute wie Jim Clark, der Gründer von Netscape, oder andere von ihrem eigenen Vermögen gestiftet haben - vor allem aus der Erkenntnis heraus, dass sie in ihrem Leben nur einen Bruchteil dieses Geldes selbst verbrauchen können ...

... größere Jachten kann man sich nicht mehr bauen ...

... das kann man schon, aber dann gibt es ja gar keinen Hafen mehr, der groß genug wäre, um dort einzulaufen. Deshalb sagen sich viele Reiche in den USA: "Dann machen wir mit dem Geld noch zu unseren Lebzeiten etwas Sinnvolles, bevor es nach uns ohne unseren Einfluss in irgendeiner Form verwendet wird."

Warum gibt es in Deutschland so wenige Leute dieser Denkart? Es ist ja nicht so, dass hierzulande keine vermögenden Menschen leben.

Wir haben in Deutschland eine hochgradig verkrampfte Gesellschaft. Der Sozialneid schlägt einem jeden Tag aus den Zeitungen entgegen. In Amerika ist es etwas Positives, wenn man möglichst weit oben in der Liste der Reichen steht. In Deutschland bekommt man stattdessen negative, anfeindende Kommentare, nach dem Motto: "Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, wenn jemand so reich ist."

Schlägt einem dieser Sozialneid auch als Stifter entgegen?

Ja, man hört häufig: "Das haben Sie doch nur gemacht, um Steuern zu sparen." Diese Sichtweise ist natürlich absurd: In dem Moment, wo ich mein Geld weggebe, kann ich noch so viel Steuern sparen, ich habe dadurch ja trotzdem nicht mehr.

Sie haben in Potsdam für 200 Millionen Euro ein Institut für Softwaresystemtechnik gegründet, obwohl Universitäten in Deutschland traditionell vom Staat betrieben werden. In welchen Bereichen glauben Sie, dass Stiftungen etwas besser machen können als der Staat?

Die Ausbildung in Deutschland hat kein Spitzenniveau mehr. Jeder Euro, der uns heute in der Ausbildung fehlt, wird uns in ein paar Jahren fünf- oder zehnfach fehlen. Jeder weiß das, aber wir schaffen es nicht, dieses Problem zu lösen, weil uns der Mut fehlt, irgendwelche größeren Entscheidungen zu fällen und durchzusetzen. Wir haben uns in unserem sozialen Sicherheitsnetz so verfangen, dass es uns vielleicht gar nicht mehr gelingen wird, uns in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig aufzustellen. Diesbezüglich bin ich sehr pessimistisch. Insbesondere wenn man sieht, was in anderen Teilen der Welt, in den USA, in China oder Indien passiert und vor allem mit welcher Geschwindigkeit.

Und dennoch setzen Sie immer noch auf Deutschland?

Man kann sich natürlich sagen: "Es ist alles schlecht, und am besten hau ich auch ab aus Deutschland." Oder man versucht, einen Beitrag zu leisten, um Veränderungen zu bewirken. Dieses Institut hier in Potsdam ist mein Beitrag, um eine Ausbildung zu bieten für Studenten, die dann vielleicht anschließend etwas bewegen. Wir haben hier aus einer Stiftung heraus einen Campus und ein An-Institut an einer Universität geschaffen - gekoppelt mit einem Risikokapitalfonds für junge Unternehmen. Wir haben 400 bis 500 Studenten und 50 Doktoranden. In den paar Jahren, in denen wir dies hier betreiben, sind einige Jahrgänge abgegangen und es hat sich gezeigt, dass die Leute gut von der Wirtschaft angenommen werden.

Privatuniversitäten in Deutschland haben ja sehr große Schwierigkeiten ...

... wenn, dann muss man sehr viel Geld in die Hand nehmen. So eine Universität ist extrem teuer ...

... aber trotzdem ist Ihr Beitrag lediglich ein Tropfen auf den großen darbenden Universitätsstein. Wenn sie in die USA schauen, wo die großen Universitäten ein enormes Stiftungsvermögen angehäuft haben ...

... Stanford 15 Milliarden US-Dollar, ­Harvard 26 Milliarden.

... die sich nahezu aus den Kapitalerträgen finanzieren können. Diese Stiftungsuniversitäten sind ja mittlerweile so leistungsstark, dass der Staat in Deutschland damit gar nicht mehr konkurrieren kann.

Das ist richtig und genau deshalb müssen tatsächlich mal ein paar andere Deutsche sagen: "Wo wollen wir eigentlich unser Land in 25 Jahren sehen?" Und dann müssen sie sich entweder engagieren oder wie üblich auf den Staat zeigen und Kritik üben, die im Endeffekt nichts bewirken wird.

Glauben Sie, dass Sie da als Vorbild fungieren können?

Das hoffe ich. Aber letztendlich müssen dann auch andere ihren Vermögensverwalter bestellen und entscheiden, ob sie so etwas machen möchten. Wenn das Beispiel funktioniert, habe ich zunächst einmal die Befriedigung, dass es eine erfolgreiche Initiative war.

Es gibt in den USA namhafte Philanthropen wie Jeffrey Skoll, den Gründer von eBay, die nicht nur selbst große Stifter sind, sondern sich aktiv diesem Thema verschrieben haben und andere Reiche zum Stiften animieren …

… ich bin nicht so missionarisch veranlagt …

… in den USA herrscht ein regelrechter Wettbewerb unter reichen Bürgern, sich als große Stifter hervorzutun.

Aber diese Dynamik geht vor allem von den Stiftungen selbst aus. Ein Beispiel: Es existiert seit Jahren ein enges Verhältnis zwischen SAP und der Stanford Universität. Eines Tages kam die Universität, die selbst eine Stiftung ist, mit der Idee einer Design-School auf mich zu: Ich könnte die Computereinrichtung stiften oder ein Gebäude, ich könnte aber auch alles finanzieren und in diesem Falle würde ein Institut nach mir benannt. Nach einer Reihe von Gesprächen habe ich mich dann entschieden, einen großen Betrag an die Stanford Universität zu spenden.

Haben sie den Eindruck, dass im amerikanischen Stiftungswesen ein höherer Grad an Professionalität anzutreffen ist als in Deutschland?

Das ist gar nicht zu vergleichen: Wie dort die Stifter umworben werden, können sich die meisten Leute hier gar nicht vorstellen. Da gibt es eine prominente Frau an der Stanford Universität mit einem ganzen Stab, die professionell Sponsoren anwerben. Die geht persönlich zu jedem Reichen in der San Francisco Bay Area und sagt: "Also pass mal auf, erstens hast du in Stanford studiert und zweitens studieren deine Kinder da und drittens ist deine Firma nur wegen der ganzen Stanford-Absolventen groß geworden. Und jetzt lass uns mal sehen, was wir dir an Stiftungsmöglichkeiten anbieten können." ...

... und diese aggressiven Fundraiser werden von den Reichen nicht abgewiesen?

Im Gegenteil. Die Reichen sagen: "Ja eigentlich hast du Recht". Ich weiß gar nicht, ob die deutschen Universitäten überhaupt ein professionelles Fundraising betreiben. Wir müssen in Deutschland unbedingt auch ein solches Bewusstsein im Stiftungswesen entwickeln. Es muss bei den Hochschulen moderne Marketing­abteilungen für das systematische Einwerben von Spenden geben.

 

 

Das Interview führten Reiner Klingholz und Daniel Müller-Jentsch.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz und Daniel Müller-Jentsch / Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

 

Alle Interviews Zur Auswahl

Demografischer Wandel im Berlin-Institut

Beiträge zum Abschied von Reiner Klingholz

Jahresbericht 2018

Was das Berlin-Institut im letzten Jahr erarbeitet hat, erfahren Sie im Jahresbericht

Teilhabeatlas Deutschland

Ungleichwertige Lebensverhältnisse und wie die Menschen sie wahrnehmen

Urbane Dörfer

Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann

Stiftungsreport 2007
Wenn die Deutschen stiften gehen

Dieter Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH
"Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen."

Prof. Dr. Andreas Kruse
"Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für die anderen tun."

Bundesverband Deutscher Stiftungen:
Stiftungsreport 2008/09