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Interview mit Prof. Dr. Herrmann Brandenburg, Universität Freiburg

Copyright: Herrmann Brandenburg

Hermann Brandenburg, geboren 1959 hat Sozialwissenschaften, Gerontologie sowie Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Er war mehrere Jahre als Altenpfleger in verschiedenen Pflegeheimen tätig, bevor er erneut an die Universität wechselte. 1996 erhielt er eine Professur für Grundlagen der Pflege / Pflegewissenschaft an der Katholischen Fachhochschule Freiburg (seit 1999 für Gerontologie und Pflegewissenschaft). Seit 2007 ist er außerdem Lehrstuhlinhaber für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. 

 

 

 

 

Die Lebenserwartung steigt, und viele Menschen sind auch im Alter noch fit. Gleichzeitig wächst die Zahl der Pflegebedürftigen. Worauf müssen wir uns bei dieser Entwicklung vorbereiten?

 

Alle Prognosen laufen darauf hinaus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen mittel- und langfristig weiter steigen wird, trotz aller Bemühungen um Prävention und Gesundheitsförderung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht beispielsweise in seiner eher moderaten Variante davon aus, dass die Zahl der Leistungsempfänger von 1,93 Millionen im Jahr 1999 auf 2,94 Millionen im Jahr 2020 steigen wird – also um 52 Prozent!

 

Unser Gesundheitssystem wird sich darauf einstellen müssen. Wird die Pflegeversicherung in Zukunft die Kosten für die Leistungen abdecken können?

 

Niemals. Aus politischen Gründen ist die Pflegeversicherung gedeckelt, man hat also eine Obergrenze der Beiträge festgelegt. Wenn man die Leistungen ausweitet, wie es beispielsweise im Demenzbereich der Fall ist, wird man um Beitragserhöhungen letztlich nicht herumkommen können. Insgesamt muss das Thema Pflegeversicherung aber ergänzt werden um das Thema zivilgesellschaftliche Herausforderungen.

 

Was heißt das?

 

Auch in der Reform von 2008 sind ja Leistungsausweitungen vorgesehen, die werden aber niemals alle Bedarfe abdecken. Es wird etwa nicht möglich sein, pflegende Angehörige durch staatliche Leistungen in vollem Umfang zu entlasten. Das ist auch nicht die politische Absicht. Hier ist ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag gefragt – also die Zivilgesellschaft, eine demenzfreundliche Kommune.

 

Zivilgesellschaft heißt doch vor allem, dass sich Einzelne freiwillig engagieren. Braucht es als Voraussetzung dafür aber nicht Unterstützung vom Staat – und viel mehr Fachkräfte, die die Pflege übernehmen?

 

Ich glaube, dass wir beides brauchen. Aus meiner Sicht ist es ein Trugschluss, davon auszugehen, dass man mit immer mehr Fachkräften die Fragen der Versorgung und des Pflege- und Gesundheitswesens lösen kann. Die Frage ist eine grundsätzlichere: Wie kann es zu einem intelligenten Mix aus Professionellen, Angehörigen und sogenannten Assistenzkräften in der Pflege der Betroffenen kommen?

 

Was wäre dafür ein Ansatzpunkt?

 

Konkret geht es etwa darum, dass im kommunalen Bereich das Thema auf die Agenda der Bürgermeister kommt und gesehen wird: Was kann eigentlich in der Gemeinde für die wachsende Zahl älterer Menschen und die pflegenden Angehörigen getan werden? Zum Beispiel ist die Öffnung der stationären Altenhilfe eine wichtige Problematik. Betrachten die Kommunen das ausschließlich als Versorgungsproblem, dass sie an Wohlfahrtsverbände delegieren können – oder kann es zu einem Thema der Bürgerschaft werden, so dass Engagierte von außen mit den Einrichtungen kooperieren? Dazu zählt natürlich auch Beratung, dazu zählen etwa die Pflegestützpunkte. Wir brauchen eine Mischung aus staatlichem und bürgerschaftlichen Handeln.

 

Neben dem Engagement innerhalb der Familie. Die Pflege der Angehörigen übernehmen hier vor allem Frauen. Gibt es Ansätze, daran etwas zu ändern und mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen?

 

In Deutschland ist und war die Familie „prädestiniert“ – in Anführungszeichen – für die Pflege alter und kranker Menschen. Und das heißt: die Frauen. In Deutschland sind nach wie vor über 90 Prozent der Pflegenden Frauen.

 

Hat sich daran etwas verändert in den letzten Jahren?

 

Ja, aber die Zahl der Männer bewegt sich immer noch nur zwischen fünf und acht Prozent. Pflege muss jedoch im Kontext der Familienhistorie betrachtet werden. Es kann nicht sein, dass alle Lasten der Pflege auf den Schultern einer Familienangehörigen ruhen, und die anderen sich zurücklehnen. Auch deswegen muss das Thema Mix ins Zentrum der Debatte gerückt werden. Da gehören die Familien mit hinein, die Generationen, aber auch eine Struktur der Bürgerschaft, die dieses System stabilisiert. In Deutschland werden individuell zweckrationale Lösungen gesucht, nach dem Motto: „Was kann ich für meinen kranken, alten Schwiegervater tun?“ Beteiligt ist natürlich nicht nur die Schwiegertochter, sondern das gesamte familiäre Umfeld, auch der Sohn, und die Bürgerschaft, die Gemeinde, letzten Endes die Zivilgesellschaft insgesamt.

 

Können wir an diesem Punkt etwas von anderen Ländern lernen?

 

Grundsätzlich sind die Probleme in Europa ähnlich. Auch Italien beispielsweise hat bei der Pflege einen Schwerpunkt in der Familie. Die skandinavischen Länder haben schon früher auf staatliche Vorsorge gesetzt und Erfahrungen mit ambulanten Strukturen gesammelt. De-Institutionalisierung auf der einen Seite und Unterstützung ambulanter Strukturen auf der anderen Seite müssen im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Verantwortung zusammen angegangen werden, um bei der Pflege soziale Gerechtigkeit herzustellen. Sonst delegiert man immer den Schwarzen Peter.

 

An die Pflege werden hohe Erwartungen gestellt – zu Recht. Wie lässt sich die Qualität von Pflege messen?

 

Darüber ist schon längere Zeit eine Diskussion im Gange. Dabei hat ein Paradigmenwechsel von der Prozess- und Struktur- zu der Ergebnisqualität stattgefunden. Die Frage ist also nicht mehr, wie die Pflege organisiert ist, sondern richtet sich stärker auf das Ergebnis – und hier hat die Diskussion in Deutschland gerade erst begonnen. In der Reform von 2008 gibt es 82 Kriterien zur Überprüfung der Heime. Doch das ist erst der Anfang, dazu kommen drei Dinge: erstens die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Sie enthält grundsätzliche Dinge wie Selbstbestimmung, Partizipation, Autonomie. Das gehört zu guter Pflege, auch wenn man es nicht in jeder Hinsicht messen kann. Zweitens sogenannte Outcome-Indikatoren, positive wie zum Beispiel Mobilitätsförderung und negative wie Sturzprävention. Drittens muss „gute Pflege“ grundsätzlich bedacht werden – und dieser Punkt enthält auch die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Bei der Frage nach der Qualität von Pflege reicht also eine rein fachliche Perspektive nicht aus, sondern ist nur ein Bestandteil. Das, was „gute Pflege“ ist, sollte aus meiner Sicht aus der Perspektive verschiedener Disziplinen definiert werden.

 

Und zwar welcher?

 

Philosophie, Ethik, Theologie, Medizin und Pflegewissenschaft. Momentan werden auf der Grundlage politischer Vorgaben Standards und Kriterien festgelegt. Es wäre aber nötig, dass man das Problemfeld inter- und multidisziplinär überdenkt.

 

Was wäre da eine konkrete Aufgabe?

 

Ein Qualitätskriterium von Pflege ist beispielsweise das Verhindern von Stürzen. Wir wollen in den Einrichtungen aber, dass die Leute sich möglichst frei bewegen können, und sie nicht fixieren – wir müssen also mit einer bestimmten Anzahl von Stürzen leben. Die Auswirkungen bestimmter Kriterien, die auf den ersten Blick positiv erscheinen, sind zum Teil kontraproduktiv.

 

Transparenz ist in so einem sensiblen Bereich wie der Pflege vermutlich ein heikles Thema? Qualitätskontrollen beeinflussen schließlich die Beziehung zwischen Pfleger und Gepflegten.

 

Das, was gute Pflege ist, ist letzten Endes eben auch eine Frage des Dialogs. Das kann nicht allein von außen reguliert werden. In Deutschland ist der Bereich Pflege extrem durch bürokratische Vorgaben fremdreguliert, bis ins Detail. Wir sprechen im ambulanten und stationären Feld bereits von einer sogenannten „Maschinisierung“ der Pflegearbeit. Das ist vielleicht etwas hart formuliert, aber nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Der Freiraum der Praxis vor Ort muss erhalten werden, weil sonst etwa die Pflegedokumentation, die sich natürlich an den Erwartungen orientiert, verfälscht wird.

 

Ist diese „Maschinisierung der Pflege“ ein spezifisch deutsches Problem, Ausdruck einer bestimmten Pflegekultur?

 

Wir neigen in Deutschland vielleicht dazu, Dinge gründlicher zu erledigen als andere Länder, möglicherweise zu gründlich. 1974 wurde aufgrund von Missständen in Pflegeheimen das Heimgesetz eingeführt. Der bürokratische Blick auf die Einrichtungen ist deshalb auch verständlich. Das Gesetz wurde inzwischen aber reformiert und ist zum Teil inzwischen richtig progressiv, da ist von Selbstbestimmung, Mitwirkung, Autonomie die Rede. Da hat also auch in der Gesetzgebung ein Paradigmenwechsel stattgefunden, sie nimmt die Freiheitsrechte der Bewohner zunehmend stärker in den Blick.

 

Das ist auch eine Frage der Ressourcen, beispielsweise der Fachkräfte. Die fehlen hierzulande und in anderen Ländern. Wie lösen wir das Problem?

 

Als schlechtes Vorbild haben wir die USA. Dort läuft 60 Prozent der Langzeitpflege über sogenannte Nurse Assistants, die über eine Ausbildung von nur maximal 75 Stunden verfügen. Angesichts dieser Defizitstruktur können Sie keine Qualitätssicherung betreiben. Fragen der dialogischen Struktur von Pflegequalität erscheinen aus dieser Sicht wie von einem ganz anderen Stern.

 

Und was muss in Deutschland passieren?

 

Bei der letzten Reform der Pflegeversicherung hatten wir die Struktur, dass über Zeitvorgaben Pflege abgerechnet wurde. Das ist Unsinn, weil die Frage, was sinnvoll ist und was nicht, unbeantwortet bleibt. Die Pflegeversicherung belohnt nicht, dass jemand von der Pflegestufe zwei oder drei auf eins kommt – das ist im Grunde Reha-feindlich und damit widersinnig. Denn es ist ja das Ziel von Rehabilitation, selbstständiger zu werden – wenn ich aber weniger Hilfe brauche, bekomme ich weniger Geld, kürzere Anwesenheitszeiten der Pflegekräfte und weniger Anregung und Förderung. Die offiziellen Debatten und das, was real geschieht, klaffen oft auseinander. Hier brauchen wir erstens eine gesamtgesellschaftliche Diskussion an der Basis, über Fragen der Qualitätssicherung. Zweitens muss es weniger darum gehen, den ganzen Prozess en detail zu kontrollieren, als vielmehr das Ergebnis zu sichern.

 

Das Interview führte Margret Karsch.

 

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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