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Interview mit Howard Duncan, Metropolis, Ottawa, Canada

Copyright: Howard Duncan

Howard Duncan leitet seit 1997 das Metropolis Project, ein internationales Netzwerk für vergleichende Politikwissenschaft. Metropolis Project arbeitet zu den Themen Migration, Integration und multikulturelle Gesellschaft. Duncan studierte Philosophie und Anglistik an der Carleton University in Ottawa und promovierte anschließend im Bereich Wissenschaftsphilosophie an der University of Western Ontario. Der Schwerpunkt seiner derzeitigen Arbeit liegt in der theoretischen Betrachtung von Integration, Multikulturalismus, Globalisierung und Migration.

 

Die Geburtenrate liegt in Kanada mit durchschnittlich 1,69 Kindern pro Frau zwar deutlich höher als in Deutschland mit 1,38, erreicht aber dennoch nicht das so genannte bestandserhaltende Niveau von 2,1. Führt diese Entwicklung in Kanada zu Problemen?

Sie würde zu Problemen führen, wenn wir nicht so eine starke Zuwanderung hätten. Sie gleicht die geringe Geburtenrate teilweise aus. Solange wir die Zuwanderungszahlen auf dem derzeitigen Niveau halten, wird die Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren weiter wachsen und sich dann langsam auf einem stabilen Niveau einpendeln.

Also konzentriert sich Kanada darauf, die Zuwanderungszahlen zu halten oder vielleicht sogar zu erhöhen - anstatt zu versuchen, die Geburtenrate anzuheben?

Letzteres hat Kanada versucht, aber es hat nicht funktioniert. Vielleicht lässt sich eine Steigerung von 0,1 oder 0,2 erreichen, aber das ist noch immer weit von dem entfernt, was das Land benötigt. Eine hohe Geburtenrate korreliert mit Armut, geringer Bildung von Frauen und gesellschaftlichen Einschränkung von Frauen auf die Hausfrauenrolle. Unsere Gesellschaften haben dies hinter sich gelassen und werden sich auch nicht dorthin zurückentwickeln.

Denken sie, dass die kanadische Öffentlichkeit und die Regierung die Notwendigkeit von Zuwanderung verstehen?

Meiner Ansicht nach ist die Notwendigkeit von Zuwanderung offenkundig. Die kanadische Regierung hat das verstanden und fördert daher Migration. In der zurückliegenden Wirtschaftskrise haben viele Länder die Zahl der Einwanderer beschränkt - Kanada hat das nicht getan. Wir haben die Zuwanderung auf dem exakt gleichen Niveau gehalten - das war die Strategie der Regierung. Ich denke, man kann die kanadische Regierung zu den überzeugten Befürwortern von Zuwanderung zählen.

Kanada ist wie die USA oder Argentinien ein traditionelles Einwanderungsland. Was macht Kanada für Migranten so attraktiv?

Ich nehme an, es sind ähnliche Faktoren, die auch die anderen traditionellen Einwanderungsländer attraktiv machen: Kanadas offene Wirtschaft, die für zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten sorgt; Kanadas moderne, demokratische Gesellschaft, die sich gegenüber Zuwanderern sehr aufgeschlossen verhält. Ich glaube nicht, dass sich Migranten, wenn sie nach Kanada kommen, Sorgen machen, ob sie akzeptiert werden, ob sie gut behandelt werden oder ob sie Opfer von Diskriminierung werden könnten. Daher fühlen sie sich wohl. Und sie wissen, dass es ihnen möglich sein wird, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten - das ist nicht zu unterschätzen. Kanada bemüht sich schon seit langer Zeit erfolgreich um Migranten, so dass es inzwischen viele ausdifferenzierte ethnische Gemeinschaften im Land gibt. Das allein bewegt Menschen aus den gleichen Herkunftsländern, nach Kanada einzuwandern, weshalb wir ein umfassendes Programm für die Familienzusammenführung haben. Wenn sie zum Beispiel junge Zuwanderer aus Indien haben, die ihren Freunden und Familien von Kanada erzählen und sie bei der Einwanderung unterstützen, so führt dies zu einer Kettenreaktion von Migrationsprozessen. Diese Entwicklung wird weiter anhalten. Familienzusammenführung ist ein enormer Antrieb für die Zuwanderung nach Kanada.

Bemerken Sie einen zunehmend härteren Wettbewerb um qualifizierte Arbeiter innerhalb der letzten Jahre?

Ja, absolut. Wir standen schon immer im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten. Sie sind weltweit das Ziel erster Wahl von Migranten. Daher musste Kanada sehr hart arbeiten, um eine attraktive Zuwanderungspolitik sowie einen zuwandererfreundlichen Arbeitsmarkt zu schaffen und generell eine Gesellschaft zu werden, die Migration befürwortet.

Sind neu in den Wettbewerb eingetretene Länder zu spüren? Deutschland und andere alternde Gesellschaften in Europa bemühen sich beispielsweise inzwischen verstärkt um hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Die Fähigkeit der Europäischen Union, Migranten anzuziehen, ist durchaus ernst zunehmen. Dennoch glaube ich nicht, dass irgendein Land der EU einen besorgniserregenden Konkurrenten darstellt, da die Einwandererzahlen von hoch Qualifizierten noch sehr gering sind. In Deutschland sind es zum Beispiel nur einige Hundert. Das sind lange keine 50.000 oder 100.000. Wenn die USA ein Punktesystem einführen und eine halbe Million Menschen ins Land holen würden, dann könnte sich das in Kanada bemerkbar machen.

Konkurrieren sie auch um internationale Studenten?

Im Hinblick auf den Wettbewerb um Studenten ist interessanterweise Australien unser stärkster Konkurrent. Das Land war außergewöhnlich erfolgreich beim Anwerben von internationalen Studenten und hat hier einen deutlichen Vorsprung vor Kanada. Deshalb arbeiten wir mit den kanadischen Universitäten zusammen, um die Attraktivität des Landes als Ziel für internationale Studenten zu verbessern. Dieser Wettkampf ist deutlich spürbar, und Kanada versucht, darauf zu reagieren.

Woher kommt der Großteil der Zuwanderer?

Das ist sehr unterschiedlich. Im Jahr 2008 kam der größte Teil aus China, gefolgt von Indien, den Philippinen und an vierter Stelle den USA. Unter den zehn Haupteinwanderungsländern fanden sich darüber hinaus England, Pakistan und Frankreich. In Kanada gibt es Migranten aus nahezu allen Ländern der Welt, weshalb das Land so eine enorme ethnische und kulturelle Vielfalt besitzt. Das ist ein Vorteil für Einwanderungsländer, da auf diese Weise keine bestimmte Gruppe dominiert. Meiner Meinung nach spielt das auch eine Rolle, wenn Menschen darüber nachdenken wieder auszuwandern.

Was würden sie Deutschland empfehlen, um seine Zuwanderungspolitik zu verbessern, sie erfolgreicher zu gestalten?

Zunächst müsste sich Deutschland auf internationaler Ebene ernsthaft als Einwanderungsland präsentieren. Diese Ansage muss vom Kanzleramt kommen und bis nach unten durch die Ministerien erfolgen. Ich glaube, viele potenzielle Zuwanderer entscheiden sich gegen Deutschland, da sie das Gefühl haben, dort unerwünscht zu sein - auch wenn das wahrscheinlich falsch ist. Obwohl es heute nicht mehr zutrifft, haftet Deutschland der Ruf des Gastarbeiterlandes an, in dem sich Migranten nur auf eine beschränkte Zeit aufhalten dürfen. Deutschland muss daher zuerst einmal eine intensive internationale Öffentlichkeitsarbeit leisten. Nachrichten verbreiten sich schnell.

Was noch?

Darüber hinaus muss die Regierung der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt und die Regierung diese unter Kontrolle hat, denn ohne öffentliche Zustimmung kann Einwanderung niemals nachhaltig erfolgreich sein.

Migranten kommen größtenteils aus Entwicklungsländern und Nationen, die sich im Entstehungsprozess befinden. Viele kehren nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurück. Sorgt sich Kanada wegen dieser Brain Circulation?

Das ist nun einmal die Chance, die man hat. Etwa zwei Millionen Kanadier leben außerhalb des Landes, von daher dient die Einwanderung teilweise dazu, diese Leute zu ersetzen. Das Zuwanderungsprogramm der neuseeländischen Regierung wurde zu einem gewissen Teil eingeführt, um die Neuseeländer zu ersetzen, die nach Australien auswandern. Jedes Land, das solchen Migrationsprozessen unterliegt, muss damit rechnen, dass Menschen kommen und wieder gehen. Auch in Deutschland gibt es viele Deutsche, die Deutschland verlassen. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Zuwanderer, die kommen, auch im Land bleiben. Das ist einfach nicht realistisch. Aber ich denke, dass das auch gar keine so große Rolle spielt. Deutschland braucht Zuwanderer, Kanada braucht Zuwanderer, also müssen sich die Länder um Zuwanderung bemühen. Wenn ein Teil der Migranten im Land bleibt, nun gut, dann ist das das Beste, was man in einer globalisierten Welt erreichen kann. Nehmen wir an, ein Land braucht 200.000 Einwanderer im Jahr. Dann sollte versucht werden, möglichst eine Anzahl von 300.000 zu erreichen - vor dem Hintergrund, dass 100.000 von ihnen wieder abwandern werden. Das sind jetzt grobe Schätzungen, aber sie verstehen was ich meine.

Und wie steht es um die Herkunftsländer der Migranten, zum Beispiel die Philippinen?

Das unterscheidet sich von Staat zu Staat: Auf den Philippinen werden mehr Krankenpfleger ausgebildet als das Land benötigt. Es absolvieren allgemein zu viele Leute Ausbildungen im Bereich Gesundheitswesen. Damit wird absichtlich ein Überschuss an Personal auf dem heimischen Markt hergestellt. Das heißt nicht, dass das keine negativen Folgen hat. Ein Problem für die Philippinen sind Ärzte, die das Land verlassen. Interessanterweise schulen sich Ärzte zu Krankenpflegern um, um in diesem Beruf im Ausland zu arbeiten. Der Bestand von Ärzten ist daher in ländlichen Regionen zurückgegangen. Meiner Meinung nach muss der Westen mit Ländern wie den Philippinen zusammenarbeiten, um die Migrationsströme so zu lenken, dass kein allzu großer Schaden in den Herkunftsländern entsteht.

 Verlangsamt der Brain Drain die Entwicklung dieser Länder?

Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte wird sehr kontrovers diskutiert, und es gibt zu diesem Thema zurzeit keinen Konsens. Die einen argumentieren, dass es die Entwicklung hemmt. Andere sehen darin einen Weg, das Humankapital in den Herkunftsländern zu erhöhen - und zwar folgendermaßen: Diejenigen, die das Land verlassen und im Ausland erfolgreich sind, schaffen als Vorbilder einen Anreiz für die Menschen zuhause, sich um eine bessere Bildung zu bemühen, so dass auch deren Aussichten auf eine Auswanderung steigen. Viele von ihnen werden ihre Heimat jedoch nicht verlassen, was zu einem Nettoanstieg des Humankapitals in der Gesellschaft führt und der Entwicklung des Landes zuträglich ist. Wiederum andere betonen den Wert der Geldüberweisungen ins Herkunftsland durch die Auswanderer. Diese Art des Kapitalrückflusses kommt mit der Zeit jedoch häufig zum Erliegen. Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte stellt einen komplexen Sachverhalt dar, der noch eingehender untersucht werden muss.

Sie haben hervorgehoben, dass ein Grund für die erfolgreiche Integration der Zuwanderer die ethnische Vielfalt der kanadischen Gesellschaft ist. In Deutschland wird sich eine derartige Vielfalt nicht so schnell ergeben. Was muss Deutschland Ihrer Ansicht nach tun?

Es braucht politische Führung. Die Politiker müssen den Menschen in Deutschland verständlich machen, dass Zuwanderung dem Wohle des Landes dient, dass die Migration kontrolliert wird, und dass die Menschen, die ins Land kommen, eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereicherung sind. Und vielleicht können sie ja auch auf andere Staaten verweisen, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind und geben der Öffentlichkeit zu verstehen: Die USA sind nicht an Zuwanderung zugrunde gegangen, Kanada ist nicht an Zuwanderung zugrunde gegangen; die Menschen dort sind glücklich. Die Wichtigkeit von politischer Führung bei diesem Thema kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Sache noch zu Kanada, Australien und Neuseeland: Es gibt dort keine politischen Parteien, die gegen Zuwanderung sind. In den USA sind beide großen Parteien, die Republikaner und auch die Demokraten, absolut von der Notwendigkeit von Zuwanderung überzeugt, in Kanada sind es alle Parteien. Das macht es natürlich einfacher, die Öffentlichkeit zu überzeugen, als wenn sie Parteien haben, die Zuwanderung ablehnen. Die regierenden Parteien in Deutschland stehen daher vor der Aufgabe, die migrationsfeindliche Stimmungsmache aus dem rechten Lager unwirksam zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass politische Führung der wichtigste Punkt ist, aber es bedarf natürlich auch eines strategischen Programms, um den gesamten Prozess anzuleiten, die Aufnahme von Zuwanderern zu organisieren, die Integration zu gestalten und sicherzustellen, dass die ins Land gekommenen Menschen in die Arbeitswelt aufgenommen werden. Das bedeutet, dass sich um die Anerkennung von im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Abschlüssen gekümmert und sich intensiv um die Vermittlung der deutschen Sprache bemüht werden muss.

Hat Deutschland in dieser Hinsicht wesentlich größere Probleme als Länder, in denen Englisch gesprochen wird?

Es werden sicherlich große finanzieller Investitionen in Sprachtraining notwendig sein, aber es ist nicht unmöglich. Nehmen sie zum Beispiel Israel: Jeder, der Jude ist, kann dort hinkommen, auch wenn er kein Hebräisch spricht - genau genommen spricht kaum einer von ihnen Hebräisch. Sobald Sie ins Land gelangen, wird mit der Sprachausbildung angefangen. Israel musste so verfahren, da es den Zuwanderern sonst kaum möglich gewesen wäre, einer Arbeit nachzugehen. Daher hat man sich entschieden, einen enormen Betrag in die Integrationsarbeit zu investieren. Deutschland wird den gleichen Weg gehen müssen, zumindest was die Sprache betrifft. Es kann gelingen.

In Deutschland fürchten Teile der Bevölkerung, dass Immigranten die
Sozialsysteme missbrauchen könnten. Besteht diese Furcht auch in Kanada?


Meinungsumfragen haben Jahr für Jahr gezeigt, dass die kanadische
Öffentlichkeit die Zahl der Zuwanderer für angemessen hält. Die Kanadier
unterstützen die Zuwanderung. Sie sind überzeugt, dass sie gut organisiert
ist und dem Wohl der Gesellschaft und Wirtschaft dient. Das Vertrauen der
kanadischen Öffentlichkeit in die Zuwanderungsprogramme führt zu einer
geringen Sorge darüber, dass die Einwanderer das Wohlfahrtssystem
missbrauchen könnten. Die Zuwanderer in Kanada lassen sich drei großen
Gruppen zuordnen: Wirtschaftsmigranten, sogenannte family class migrants,
Flüchtlinge. Die Kanadier erwarten von Flüchtlingen, dass diese die
Unterstützung des Staates in Anspruch nehmen werden, schließlich suchen sie
Schutz. Die "family class migrants" werden von Familienmitgliedern
finanziert. Und Wirtschaftsmigranten kommen ins Land, um zu arbeiten oder
Geschäfte zu machen - also Jobs zu schaffen. Es existiert sicherlich eine
gewissen Sorge über die gegenwärtige Arbeitslosigkeit unter den
Qualifizierten, die Kanada aufgenommen hat. Aber diese Sorgen werden
typischerweise als Problem der Anerkennung ausländischer Zeugnisse
formuliert und als Zeichen der Notwendigkeit, mehr zu tun, um den
Immigranten bei der Arbeitssuche zu helfen - nicht, um nach einer
Beschränkung der Zuwandererzahlen zu rufen.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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