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Interview mit Prof. Dr. Klaus Brake, TU Berlin

Copyright: Klaus Brake

 

Prof. Dr. Klaus Brake (geb. 1940) hat Architektur und Städtebau an der Technischen Universität Berlin studiert und an der Universität Bremen promoviert. Von 1975 bis 2000 hatte er an der Universität Oldenburg eine Professur für Stadt- und Regionalentwicklung inne. Seit 2000 arbeitet Klaus Brake selbstständig als Berater in Berlin. Gegenwärtig ist Klaus Brake zudem Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin. Sein mittelfristiger Forschungsschwerpunkt sind Ursachen und Herausforderungen von Reurbanisierung im Kontext der Wissens- und Kreativökonomie.

 

 

Deutschland dürfte bis 2050 etwa zwölf Millionen Einwohner verlieren. Was bedeutet das für die Entwicklung der Regionen?

 

Unterschiedliches. Metropolregionen werden weniger Bevölkerung verlieren als dünn besiedelte Regionen. In letzteren werden Infrastruktur und Versorgung möglicherweise eingeschränkt werden.

 

Was heißt das konkret für das Leben vor Ort?

 

Denen, die in den vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Regionen zurückbleiben, fehlen dann wichtige Voraussetzungen, um sich qualitativ so zu entwickeln, wie das üblicherweise in Deutschland möglich ist: etwa durch Weiterbildung und Höherqualifizierung interessante und auch pekuniär attraktive Berufe zu ergreifen.

 

Das geht dann alles nicht mehr?

 

Es wird schwieriger. Irgendwann wird Quantität zu Qualität, eine Schule für 30 Prozent weniger Kinder kann ein breites Angebot kaum aufrechterhalten. Die Folge kann sein, dass noch mehr Leute gehen – gerade, wenn sie Kinder haben oder haben wollen.

 

Ist das eine gesellschaftliche Erosion?

 

Ja. Übrig bleiben meist die Älteren, die auch körperlich weniger Beweglichen. Es sind die Aktiveren, die gehen, die auch im Kopf mobiler sind. Das entzieht solchen Regionen weitere produktive Ressourcen.

 

Kann die Politik hier gegensteuern?

 

Ja – aber noch nicht. Als Erstes müsste sie die Diskussion für dieses Thema öffnen. Noch fehlt ein Gespräch darüber, eine Vision, was wir in 20 Jahren für ein Land sein wollen. Die Regierung stellt aber keine Ziele vor. Dazu müsste sie eine klare Ansage machen: Da wollen wir hin, deswegen machen wir dieses und nicht jenes. Zu den Zielen gehört auch die Auseinandersetzung mit schrumpfenden Regionen – wie soll denn die Bevölkerungsstruktur in Zukunft aussehen? Als Zweites müsste man die Rahmenbedingungen diskutieren und dann als Drittes, und nicht vorher, konkrete Maßnahmen ergreifen.

 

Wäre es empfehlenswert, gar nicht erst die Lücken entstehen zu lassen? Könnte es ein Ziel sein, den Bevölkerungsrückgang zu verhindern und die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zu erhalten? Und wenn ja, wie könnte man das erreichen?

 

Das wäre ein wichtiger Diskussionspunkt. Wir brauchen sowohl mehr Kinder als auch mehr Zuwanderer. Wir brauchten eine Atmosphäre, die potenzielle Immigranten ermutigt und auch Eltern das Zutrauen gibt, dass Kinder keine Überlastung wären, sondern zu bewältigen wären, auch ökonomisch.

 

In den zwölf Millionen Bevölkerungsverlust sind ja schon – recht optimistisch – 150.000 bis 200.000 Zuwanderer pro Jahr eingerechnet, mehr als wir in den vergangenen Jahren hatten. Wir bräuchten noch bedeutend mehr Zuwanderer, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten – denken Sie, das ist realistisch?

 

Leider nicht. Das Thema Zuwanderung ist ja erst seit etwa sieben Jahren überhaupt diskussionsfähig. Das müsste „Chefsache“ sein, es braucht eine Ermunterung von oben, damit das Land diese Diskussion offen führt und sie nicht den Stammtischen überlässt.

 

Die Familienpolitik braucht also noch Jahrzehnte, bis sie etwas bewirken kann, und mit einer Zuwanderungsförderung ist vorerst nicht zu rechnen. Was bedeutet das für den Anspruch auf die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen, der im Grundgesetz verankert ist?

 

Sie sind nicht gleichwertig. Es ist nicht nur die Bevölkerungsentwicklung, die hier eine Rolle spielt, sondern auch die Veränderung der Ökonomie durch den Strukturwandel hin zu einer Wissensgesellschaft. Dadurch gewannen große Städte lange Zeit an Attraktion, und das nimmt offenbar noch zu.

 

Was sind die Gründe dafür?

 

Wissensintensive, kreative Tätigkeiten zielen auf immer wider ganz neue Ideen. Dafür sind sie scheinbar besonders stark angewiesen auf die Erfahrungen, Kenntnisse, Haltungen anderer, die man nur im persönlichen Austausch erhält, und auf ungeplante Kontakte.

 

Das wäre ja eine sehr soziale Entwicklung – im Unterschied zu der erwarteten Entwicklung hin zur stärkeren Vereinzelung der Menschen durch die neuen Kommunikationstechnologien.

 

Ja, lange hieß es: „Vergesst die Städte.“ Eine Weile hat man geglaubt, die Städte würden „verschwinden“, indem diese Technologien die direkten, persönlichen Begegnungen überflüssig machen und die Menschen ein privates Heim in der Nähe zur Natur mit besserer Luft und weniger Lärm vorziehen. Eine Entwicklung, die die Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale übrigens noch gefördert haben. Aber jetzt heißt es nicht mehr nur „raus aus der Stadt“, sondern auch „rein in die Stadt“, wie man beispielsweise an Berlin sieht: die Stadt ist attraktiv.

 

Warum entwickelt sich die Hauptstadt dann so schlecht?

 

Sie entwickelt sich langsam. Bei dem Strukturzusammenbruch, den Berlin auf allen Gebieten erlebt hat – ökonomisch, politisch, sozial – ist es kein Wunder, dass das lange dauert. Aber vom Potenzial her ist Berlin ein Wissenschaftsstandort, das ist inzwischen erkannt worden. Die Politik hat die Stärken gesucht und identifiziert – das ist erst einmal gelungen. Damit sind alte Hypotheken weg. In Berlin muss alles darum gehen, wie man aus Wissen Arbeit macht. Ich meine nicht nur die Kreativen, sondern auch die Ingenieure und den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Kreativwirtschaft ist die Hefe für eine neue Ökonomie. Auch wenn viele prekär beschäftigt sind.

 

Was heißt das für die Konkurrenz der Metropolen in Deutschland – Hamburg, Stuttgart, München, Frankfurt?

 

Diese Metropolregionen haben stark davon profitiert, dass Berlin während der Teilung kaputtgemacht worden ist und viele Firmen weggezogen sind, beispielsweise Siemens oder die Banken. Aber diese Städte haben ein Manko: Sie sind sehr arriviert, teuer und nicht sehr kreativ in Hinblick auf Zukunftsthemen. Was machen die, wenn ihre Branchen die Hochblüte überschritten haben? Da sehe ich nichts. Berlin ist dagegen aus der Not heraus unglaublich innovativ.

 

Wie verhält sich das in einer dicht besiedelten Problemregion wie dem Ruhrgebiet?

 

Der Umbau läuft ja auch schon seit 40 Jahren, aber sie haben es dort nicht leicht. Dem Ruhrgebiet mangelt es an Urbanität, trotz der Städte. Berlins Grundattraktivität ist viel größer: Berlin ist Hauptstadt und gilt als Ort, in dem die deutsche Geschichte erlebbar wird. Es ist eine offene Stadt mit vielen Brachen und Zwischennutzungen. Hier stellt sich die Frage, wie man die Offenheit verstetigt – in neuen Formen, also weder die jetzigen Brachen nur erhält, noch alles glatt und schön macht und zubaut.

 

In ländlichen Regionen sind es oft einzelne Bürgermeister und Landräte, die die Motoren für den Erfolg sind. Von diesen Personen hängt die Entwicklung ab – gilt das auch für Städte?

 

Es scheint so, auch wenn mir der Gedanke widerstrebt, dass die Entwicklung an einer Person und deren Führung hängt.

 

Braucht Berlin also Politiker mit einer Vision?

 

Ja. Natürlich nicht im Sinne von Weltfremdheit, sondern von handlungsorientierten Zielen. Das ist ein Manko von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit, aber er hat inzwischen einiges gelernt: Er weiß, dass er Themen, die für Berlin wichtig sind, selbst vertreten muss – beispielsweise die Wissenschafts- und die Integrationspolitik.

 

Gibt es politische Konzepte, in ländlichen Regionen solche Vordenker und Leute, die die Entwicklung vorantreiben, zu unterstützen?

 

Ja, durchaus. Die Bundesregierung tritt auf der Ebene des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung einiges los, indem sie Wettbewerbe auslobt, um die Menschen vor Ort aufzufordern, sich mit Veränderungsvorschlägen zu beteiligen und sich zu engagieren .

 

Ist das wirklich schon ein politisches Konzept, Ideen anderer zuzulassen? Oder ist dieses Programm „integrierter Regionalentwicklung“ aus der Not heraus entstanden? Aus der Erkenntnis, dass es mehr Potenziale gibt, als man bislang geglaubt hat, und dass der Staat viele bürokratische Hürden aufgebaut hat, die eine Entwicklung „von unten nach oben“ geradezu verhindern?

 

Ich würde positiv unterstellen, dass das ein Konzept ist – die Bereitschaft, Verantwortung zu stärken. Und dass dahinter die Erkenntnis steht, dass sich unsere Lebenswelt verändert hat. Wir haben es systematisch mit mehr Flexibilisierung zu tun. Es gibt nicht mehr nur die eine Ausbildung, den einen Beruf, einen Arbeitgeber, einen Partner, einen Wohnort. Diese Ordnung ist vorbei – und das prägt das gesellschaftliche Sein und Handeln. Wir müssen viel mehr selbst regeln und in die Hand nehmen, kreativer sein, und dem muss sich die Politik mit mehr Partizipation anpassen.

 

Zu dieser Flexibilität und Kreativität sind aber nicht alle Menschen gleichermaßen in der Lage. Wie kann die Gesellschaft damit umgehen?

 

Wir müssen noch eine Antwort auf diese Frage finden. Gleichwertige Lebensbedingungen müssten darin bestehen, jeden überall zu sozialer Kompetenz zu qualifizieren. Denn die Wissensgesellschaft wird die Bevölkerung in Zukunft noch stärker spalten, in jene, die ihr folgen können und jene, die nicht dazu in der Lage sind.

 

Das Interview führten Margret Karsch und Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch und Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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